Betroffen fühlt sich Yve Delaquis vor allem von einem: Genauigkeit und Qualität werden immer seltener verlangt, die meisten denken: «Die Aufgabe, die kann ich doch auch selber erledigen und, tant pis, wenn dabei nicht alles stimmt. Es wird ja eh niemand reklamieren.» Bei professionellen Linguisten oder Journalisten geschehe dies auch immer häufiger. «Jeder kann doch schreiben, editieren, Korrektur lesen, übersetzen, oder?», meint sie leicht ironisch. Aber: «Sie haben jetzt gerade, nicht wahr, Madame, gesehen, wie jemand auf Deutsch schreiben kann», verweist Yve Delaquis auf textliche Beiträge, die über ihre Website oder ihr LinkedIn-Profil mit teilweise vielen Fehlern bei ihr eintrudeln. «Wieso wird so etwas nicht durchgelesen?», fragt sie und rät, sich zwischendurch laut vorzulesen, was man geschrieben hat. Wenn man dann diesen Satz höre, merke man eher, dass dies oder jenes hinke, etwas fehle, ob ein Gegensatz bestehe oder die Aussage nicht deutlich sei. Man schreibe meistens für sich selber und merke dabei nicht, dass andere den Gedankengang nicht nachvollziehen können, wenn dieser nicht nachvollziehbar erklärt wird. «Wir Profi- Dienstleister leben heute alle mit bedeutend weniger Umsatz als noch vor fünf Jahren», wechselt sie das Thema, ohne Überleitung oder Umschweife. Dabei sei das Internet vor allem schuld. Aber es gehe auch ums Sparen. Was irgendwie ein unverständlicher Widerspruch sei. Vor allem wenn man etwa nach der Umbenennung von Swissair zu Swiss erfahre, dass die «London based agency» vier Millio- nen kassiert hat – «behafte mich nicht auf den genauen Betrag» –, um nur drei Buchstaben zu entfernen. Wenn man bei ihr für einen Slogan anklopfe und sie sich dann drei Tage Zeit erbete dafür – mit der Berechnung von 500 bis 600 Franken pro Slogan –, sei die Reaktion oft in diese Richtung: «Jaaaa, das isch aber tüür.»
Ein weiterer Effekt seit dem Aufkommen des Internets sei auch, dass der Bezug zum Kunden verlorengehe, da man sich nie mehr zusammensetze. Als Beispiel erwähnt Delaquis die Migros. Vor ein paar Jahren wurde deren Produktelinie umbenannt. Schlussendlich hat man sich für den «I am»-Slogan entschieden. Delaquis wurde als Linguistin vom dafür beauftragten Think-Tank ebenfalls eingeladen. Nach einigem Zögern erklärt Delaquis dann noch konkreter, was ihr am Migros-Slogan nicht gefällt. «I am» sei zwar kurz, sage aber wenig aus und bewirke keine Referenz oder keinen Bezug zum Produkt. Man sollte für Slogans immer eine kleine Umfrage machen, um zu sehen, ob sie vom «man on the street» verstanden werden. Zum Vergleich nennt Delaquis etwa den McDonald’s-Slogan «I’m loving it». Dieser ist zwar grammatikalisch völlig falsch, aber jeder kann sich daran erinnern. Sie stört sich generell an diesem Englisch-Trend: «Ich arbeite immer noch sehr oft mit Griechisch und Latein – und nicht Englisch », betont sie. So empfindet sie das Duzen, auch in der Radio- und Fernsehwerbung, als keine gute Lösung. Denn, «es ist nicht jeder mein Busenfreund, will ich auch nicht». Auch wenn dies teilweise nicht nur schlecht sei, so etwa im Coop-Slogan «Für mich und dich». Dieser Slogan stelle im Vergleich zum emotionslosen «I am» wenigstens eine Beziehung her.
Die Krux mit der Viersprachigkeit
Nicht Englisch geprägte Kampagnen hingegen bringen nach Delaquis öfters ein noch grösseres Problem mit sich, vor allem in Bezug auf die Viersprachigkeit der Schweiz. Die meisten nationalen Werbekampagnen werden immer noch in der deutschen Schweiz kreiert, mit einem sehr regionalen Bezug. So erwähnt Delaquis etwa die Werbung für Appenzeller Käse, in der die zwei grimmigen Männer zwar für lokales Ambiente sorgen, der deutsche Schauspieler aber in anderen Teilen der Schweiz überhaupt nichts «Bekanntes» wecke. Natürlich wäre es teuer, den gleichen Clip mit jemandem aus dem Tessin und der Suisse romande nochmals zu drehen, lenkt sie ein. Aber für solche gesamtschweizerischen Produkte könne man auch eine unbekannte Person einsetzen, weil sonst die Referenz nicht wirke. Hier wird ganz klar deutlich: «Die Referenz ist nicht für alle gültig.» Das Lokale regional und national anzuwenden, hält Delaquis für eine sehr schlechte Wahl. Eine Kampagne sollte doch den Betrachter dazu bringen, mit dem Dargestellten etwas anfangen zu können – «die Referenz muss für das Zielpublikum stimmen ». Bei Redewendungen etwa sei es auch wichtig, «die Farbe» zu vermitteln. Einen Satz könne man schliesslich auch nicht Wort für Wort in eine andere Sprache übersetzen. Auch Referenzen zu Personen, Sprichwörtern oder Bildern können nicht wortwörtlich übernommen werden. In einem weiteren Schritt gehe es darum, zu entscheiden, was wichtiger sei: das Produkt oder der Witz beziehungsweise das Wortspiel. Wobei immer zu beachten sei, dass, wenn man etwas in eine lateinische Sprache adaptiere, diese Version meist 10 bis 15 Prozent länger sei. So beispielsweise bei Synchronisierungen von TVSpots: «Wenn man Werbekampagnen dreht und nachsynchronisiert, lippensynchron oder voiceover, muss man oft die Sätze umdrehen, um sie den Mundbewegungen anzupassen.» Oder die Wahl fällt auf einen guten Satz, der dann vielleicht nicht hundertprozentig mit den Lippenbewegungen übereinstimmt. «Tja, wer reagiert noch auf Fehler? – Nobody! », ärgert sich Delaquis. Fehler würden kaum noch bemerkt, seien es nun Übersetzungsfehler oder schlicht Grammatikoder Tippfehler. Niemand reagiere darauf. «Und diese Kurzlebigkeit!»: Weil eine Werbung nur für kurze Zeit aufgeschaltet sei, achte man noch weniger darauf oder reklamie re gar nicht mehr. Yve Delaquis schreibt deswegen regelmässig Beschwerden an die zuständigen Stellen.
Doch selten erhalte sie eine Reaktion. Denn, «nach kurzer Zeit ist die Kampagne sowieso wieder weg».
Dolmetschen hinter dem Vorhang
Das Telefon klingelt, Yve Delaquis erklärt der Kundin nicht lange, was unter «Verhandlungsdolmetschen » zu verstehen ist, sie rät ihr stattdessen, auf ihre Website Caralingua.com zu gehen. «Rufen Sie mich dann morgen nochmals an», antwortet sie, genau wissend, dass die meisten Kunden sich nicht mehr melden. Wichtiger ist ihr, dass ihre Kunden den praktischen Ablauf kennen und wissen, welche Dienstleistung sie eigentlich in Anspruch nehmen wollen und welche Arbeitsbedingungen ein guter Service mit sich bringt. Beim Erzählen ist Yve Delaquis eine andere, sie gestikuliert, regt sich auf, betont. Ihre Gelassenheit schwindet, während sie mit derselben Eleganz weitergestikuliert. «Die Haltung unseren beiden Sprachberufen gegenüber hat sich massiv verändert », holt sie aus. Früher wurden Dolmetscher noch begrüsst. «Auch trugen wir einen Badge mit unserem Namen und unserer Funktion drauf, wir wurden als nützliche Dienstleister wahrgenommen, und man bedankte sich wenigstens bei uns.» Es gehe dabei nicht ums Prestige, das vor allem der Dolmetscherberuf mit sich brachte, betont Yve Delaquis. Vielmehr habe sich die Branche so stark verändert, dass es heute nur noch ums Geld gehe. «Auftrag, Auftrag, Auftrag – wenn überhaupt einer kommt – und schnell, schnell, schnell». Dolmetscher würden heute eher als «notwendiges Übel» oder als «Übersetzungstechnik für diese Konferenz» vorgestellt. Nur noch schnell etwas übersetzen, nur noch schnell einen Text überfliegen, darum gehe es vielen Auftraggebern heute. Und dabei sei der Respekt für den Beruf verloren gegangen. An gewissen Konferenzen wurden die Dolmetscherkabinen gar hinter einem Vorhang versteckt, auch wenn auf diese Weise viele für die Dolmetscher wichtige Informationen nicht mehr ersichtlich sind.
Gewiss, Yve Delaquis ist eine Wortpickerin, eine genaue Ausdrucksweise ist ihr sehr wichtig. Dies wird sehr gut ersichtlich, wenn man sie reden hört. Jeder Satz ist überlegt. Worte wie «cool, geil, mega, krass» kommen in ihrem Wortschatz selbstverständlich nicht vor – «ausser privat», wirft sie ein. Sie sagt etwas aus, mit jedem Satz. Fast jede ihrer Äusserungen ist geprägt von sprachlichen Einflüssen, vom Drang nach Wissen und Erfahrung, nach dem Verstehen fremder und der eigenen Kultur. Ein Wissensschatz, der einen guten Dolmetscher nach Delaquis ausmacht.
Yve Delaquis hat in ihrem Kopf eine vielseitige Sammlung von Anekdoten, Zitaten, Redewendungen und Aussergewöhnlichkeiten. Dolmetscher seien ähnlich ausgerichtet wie Journalisten, meint sie: Ein breites Wissen sei meist wesentlicher als ein einziges Fachgebiet, in dem dafür jedes kleinste Detail bekannt ist.
Nachgefragt
WW: Welches waren die grössten Probleme bei internationalen Marken, an die Sie sich erinnern?
Yve Delaquis: Die Doppeldeutigkeit. Es gab ein Restaurant, das den Namen «White Elephant» trug, was wunderbar klingt. Nur, auf Englisch ist ein «white elephant» ein Geschenk, das man lieber nicht annehmen will. Dasselbe mit Jubiläum. Wer weiss schon, dass das Wort Jubiläum eigentlich aus der Kirchensprache stammt und 50 Jahre Ordensangehörigkeit bedeutet? Who cares! Eben, man kontrolliert nichts und informiert sich nicht mehr… es wird ja eh niemand etwas sagen.
Ist das wirklich so tragisch?
Es ist ein Verlust an Bedeutung einer Sprache, ein Verlust an Reichtum und an Vielfältigkeit jeder Sprache. Kunden empfinden es rasch als Vorwurf, wenn man sie auf Fehler in ihren Texten oder Reden aufmerksam macht. Eben, viele beherrschen die eigene Sprache immer weniger: sich nicht mehr dafür zu interessieren, nicht mehr zu trauen nachzufragen, ist die Norm geworden. Wenn ich einen Text bekomme und ihn nicht verstehe, dann rufe ich den Autor an: «Da sagen Sie schwarz – da sagen Sie weiss.» Die Antwort ist dann häufig: «Ah, hab ich nicht gesehen.» Nicht durchgelesen…! Es ist ja nur für Internet, oder «es wird ja nur zwei Wochen zu sehen sein», heisst es dann oft auf Kundenseite. Oder: «Das Publikum wird es plus minus verstehen, das genügt ja.» Mehr ist nicht mehr wichtig. Das ist auch eine fehlende Wertschätzung dem Leser gegenüber. Wenn dieser selber seine Sprache nicht mehr beherrscht, weil alles «geil und cool» ist, dann ist es unwichtig zu wissen, was wir mal vor «geil und cool» gesagt haben.
Dann gibt es aber Kampagnen, welche genau diese Jugendsprache adaptieren…
Ja. Und viele Kampagnen drücken sich auch schon ohne das geschriebene Wort aus. Man wählt etwa ein Sujet oder eine Figur, die eine Sprechblase erhält, in der bloss noch ein Wort oder ein Piktogramm steht, das alle verstehen. Aus Kostengründen natürlich. Dennoch, ab und zu geschieht etwas: Zusammen mit dem Schweizer Übersetzerverband haben wir, professionelle Übersetzer, Swisscom so weit gebracht, dass auf ihren damaligen Telefonbüchern an erster Stelle die Begriffe «Telefonbuch, Annuaire de téléphone, Elenco telefonico» stehen anstatt der englische Begriff «Directories»: Es ist ja ein Produkt für die Schweiz, in der Englisch immer noch keine Landessprache ist. Ich wurde einmal zur Swisscom nach Bern eingeladen, und der damalige Kommunikationschef – ein Franzose – sagte mir, dass er sich nicht für Übersetzer interessiere: «Ausserdem wird es Sie in rund zehn Jahren gar nicht mehr geben, da wird dann der ganze Planet nur noch auf Globish (Global, English) kommunizieren », sagte mir der Chef einer Telekommunikationsfirma.
Wenn doch aber alles so schnelllebig ist, was bringt Sie zu der Überzeugung, dass Sie dennoch auf Qualität setzen wollen? Was wäre Ihr Argument?
Wenn mir eine Agentur sagen würde, dass die Kampagne nur einen Monat läuft, würde ich sagen: «Dann brauchen Sie eigentlich gar keinen Text, sorgen Sie für ein gutes Visual, das stark genug ist, um die Botschaft herüber zu bringen. Aber wenn es etwas Längerfristiges ist, das zum Beispiel quartalsmässig immer wieder neu aufgelegt wird, mit einem Slogan, der immer wieder als Referenz verwendet wird – dann setzen wir uns zusammen. Ein guter Linguist will ja auch immer die Sujets sehen, umso mehr, wenn es pro Sprache eine Version geben wird.
Was würden Sie anders machen?
Es wird in der Werbung ja immer erwartet, dass «le grand public» die Botschaft rasch versteht. Ohne dass man den Intellekt, oder wenigstens ein bisschen Grübeln, beim Zuschauer voraussetzen dürfte – wie etwa mit einem Wortspiel, das nicht automatisch ins Auge fällt oder auf Anhieb verstanden wird. Man sagt doch, die Botschaft einer Werbung sollte innerhalb von drei bis vier Sekunden rüberkommen – das ist jedoch bei einem Plakattext schwierig.
Ursina Maurer