Bisher baute Facebook seine Werbeanzeigen im eigenen Umfeld ein. An seiner Entwicklerkonferenz F8 präsentierte nun das führende soziale Netzwerk Ende April unter den Namen Audience Network ein neues Werbenetzwerk, mit dem Facebook- Werbung auch in mobilen Anwendungen Dritter platziert werden kann. Diese Expansion ist kennzeichnend für eine strategische Neuausrichtung: Anstatt alles unter der eigenen Website zu bündeln, werden persönliche Profildaten möglichst breit gesammelt und Anzeigen wo immer möglich verkauft. Damit überholt Facebook sich selber: Als Mark Zuckerberg vor zehn Jahren mit seinem Projekt nach ersten Erfolgen unter Studenten an den Elite- Universitäten an der Ostküste ins Silicon Valley bei San Francisco zügelte, war ein tragfähiges Geschäftsmodell weit und breit nicht in Sicht. Den Facebook-Gründern und den ersten Investoren genügte damals die Annahme, es werde sich früher oder später lohnen, die Aufmerksamkeit von Hunderten von Millionen Leuten auf eine Site zu lenken. Als im Jahr 2008 die Google-Managerin Sheryl Sandberg als COO an Bord kam, kümmerte sie sich vorab darum, Facebook profitabel zu machen, und fand dazu die passende Lösung: Werbung. Das Rezept war einfach und naheliegend: Möglichst viele Leute auf eine Website (facebook.com) bringen, Nutzerprofildaten sammeln und diese zu nutzen, um Anzeigen zu verkaufen. Alles auf einer Website. Das funktionierte prächtig. Zwar performten die Facebook- Anzeigen unterdurchschnittlich, waren aber auch entsprechend günstig zu buchen. Und so machte Facebook eine Menge Geld, ging 2012 an die Börse und machte noch mehr Geld. Im ersten Quartal des laufenden Jahres stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorjahresquartal um 72 Prozent auf 2,5 Milliarden Dollar, der Nettogewinn verdreifachte sich auf 642 Millionen Dollar.
Doch der Schein trügt. Im Facebookland gibt es bedenkliche Entwicklungen: Zum einen ist es für viele Facebook-Nutzer, vor allem jüngere, nicht länger attraktiv, auf einer einzigen Site mit ihren Freunden, Familien und Arbeitskollegen zu kommunizieren, wo alle alles mitbekommen. Gemäss einer amerikanischen Studie vom Januar verlor Facebook seit 2011 in den USA allein rund 11 Millionen jugendliche Nutzer. Dafür werden zunehmend kleine Anwendungen beliebt, mit denen mit gezielten Gruppen von Freunden kommuniziert werden kann. Das war und ist die Stunde von Snapchat, Instagram, WhatsApp und wie sie alle heissen. Zum anderen lassen immer mehr Nutzer den Desktop hinter sich und bevorzugten mobile Geräte – nur dort war es schwierig, mit Werbung Geld zu verdienen. Einzig Google machte schon damals mit Mobile Werbung gutes Geld. Und zwar indem Profildaten nicht nur auf einer Site, sondern auf möglichst vielen gesammelt wurden. Grundlage für diese Neuausrichtung der Internet-Werbung war eine einheitliche Datenschutzerklärung und Nutzungsbedingungen für alle Google-Dienste, die auf den 1. März 2012 in Kraft gesetzt wurde. So wurde es möglich, aufgrund von Benutzerdaten, etwa aus der Google- Suche auf YouTube gezielte Werbung auszuspielen – und eben auch auf Mobile.
Es geht vor allem darum, Signale von Benutzern zu sammeln
Das brachte Facebook, aber auch Mitbewerber wie Twitter und Konsorten in Zugzwang: Im Herbst 2012 kaufte Mark Zuckerberg für den aufsehenerregenden Betrag von einer Milliarde Dollar die kostenlose Foto-und Video-Sharing-App Instagram. Ein Jahr später versuchte er Snapchat unter den Nagel zu reissen, eine Instant-Messaging-Anwendung für Smartphones und Tablets, mit der Fotos an Freunde versendet werden, die nur einige Sekunden sichtbar sind. Doch Snapchat-CEO Evan Spiegel liess Zuckerberg im letzten November mit seinem 3 Milliarden Angebot (in bar) im Regen stehen. Bereits ein Jahr zuvor hatte Facebook versucht, mit Poke, einem Snapchat-Imitat, ins Rennen zu kommen – ein Flop. Nun will Facebook Snapchat erneut den Wind aus den Segeln nehmen und kündigte Ende April ein Update für die Messenger-App an, mit der Schnappschüsse und Videos einfach geteilt werden können. Der letzte Übernahme-Coup in dieser Reihe ist der Erwerb der Instant-Messaging-App WhatsApp für ganze 19 Milliarden (in bar und in Aktien). Immer wieder hat Facebook bei solchen Zukäufen beteuert, die Anwendung unverändert weiterzubetreiben und nicht in Facebook selbst zu integrieren. Das wird zwar des Öftern angezweifelt, macht aber im Lichte der neuen Strategie Sinn: Mit diesen Apps, komplementiert mit eigenen Produkten wie u.a. Facebook- Messenger und Facebook-Camera, geht es vor allem darum, Signale von Benutzern zu sammeln. Welche Präferenzen sie haben, wo sie verkehren und wen sie kennen. Dazu passen die allerneusten Schritte von Facebook: Der Kauf der Fitness-Tracking-App Moves, mit der die physischen Aktivitäten und die Standorte der Benutzer laufend aufgezeichnet werden.
Und mit FB Newswire wird das Nachrichtenangebot ausgebaut – beides hervorragende Gelegenheiten, um Signale über das Benutzerverhalten zu ernten.
Und so passen die Ankündigungen von Facebook anlässlich der Entwicklerkonferenz genau in diese Strategie. Da gibt es zum einen das neu angekündigte Werbenetzwerk. Und zudem eine Reihe von Neuerungen, mit denen App-Entwicklern die Facebook- Plattform schmackhaft gemacht wurde. Wichtig ist dabei die Entwicklungsumgebung Parse, mit der Apps für alle gängigen Plattformen entwickelt werden können – so ergeben sich für Facebook zahlreiche neue Möglichkeiten, um im Hintergrund Benutzerdaten zu sammeln. Und natürlich steigt damit die Reichweite von Facebooks eigener Werbung, was die eigenen Werbeeinnahmen weiter in die Höhe treibt. Schon heute macht Mobile bei Facebook 59 Prozent (Q1/2014) der Werbeumsätze aus.
YouTube spielt im Mobile-Bereich eine immer einträglichere Rolle
Das steile Wachstum von Facebook im Mobile-Werbemarkt kann Marktführer Google kaum kaltlassen. Und so wundert es nicht, dass ein paar Tage vor der Facebook-Entwicklertagung Vic Gundotra seinen Rücktritt bekannt gab. Er gilt als Vater von Google+, der Initiative nicht nur für ein soziales Netzwerk, sondern auch der Integration vieler Google-Dienste. Bemerkenswert ist, dass gemäss unbestätigten Mitarbeiterberichten der Grossteil der Entwickler-Mannschaft von Google+, immerhin über tausend Mitarbeitende, in andere Unternehmensbereiche, vorab zum Mobile-Betriebssystem Android, verschoben werden. Noch vor drei Jahren hatte Google-CEO Larry Page die Boni aller Angestellten vom Erfolg der eigenen Social-Media-Strategie abhängig gemacht. Nun muss Google akzeptieren, dass Google+ im Social-Bereich nicht mit Facebook gleichziehen kann, und so hat auch hier ein Umdenken stattgefunden: Weg von der Strategie, alles unter ein Dach zu bringen, zurück zur vielfältigen Allgegenwart. Vor allem YouTube spielt im Mobile-Bereich eine immer einträglichere Rolle. Auch bei Twitter – derzeit im Börsentief – gibt es Zeichen für ein gleichartiges strategisches Umdenken. Im Oktober 2012 wurde die Video-Teil-App Vine eingekauft und bisher eigenständig weiterbetrieben. Und mit MoPub wurde ein Werbenetzwerk für Mobile und mit Trendrr und Gnip Spezialisten für Social Media-Daten akquiriert. Angesichts der Dominanz von Google und Facebook sind andere Mitbewerber wie Apple, Yahoo und Microsoft weit abgeschlagen und müssen darum kämpfen, bei Mobile im Rennen zu bleiben.
Es wird klar: In der Digital-Werbung kann nur erfolgreich sein, wer herausragende Profildaten von Nutzern hat und diese auf automatisierten Handelsplattformen einsetzen kann, wo sie per Programmatic Buying eingekauft werden. Auf dieser Spielwiese vergnügen sich international ausgerichtete Technik- Schwergewichte – für einheimische Publisher wird es damit auf dem Mobile-Werbemarkt zunehmend eng. Bereits beim Stichwort RTB (real time buying/ bidding), der Automatisierung der Handelsabläufe, wird in der Schweiz betont zurückhaltend vorgegangen. Nun kommt ein weiteres Kürzel mit Zwiespalt- Potenzial ins Spiel: DMP – Data-Management-Plattform. Damit können Publisher Nutzerdaten verschiedener Sites zusammenführen oder Agenturen Profildaten aus verschiedenen Kampagnen. Und vor allem können damit solche Daten mit Dritten ausgetauscht werden. Das ist genau das Spiel, das die Grossen im eigenen Reich spielen. Solcherlei gibt es hierzulande bisher nicht oder allenfalls in kleinem Rahmen. Denn zuerst ist die Frage zu klären, wem solche Daten (etwa aus einer Kampagne heraus) gehören und wer damit was tun darf. Hier besteht branchenweiter Klärungsbedarf. Doch solange das Motto gilt «Jeder macht das, was er für richtig hält», sind auf dem Schweizer Markt alle mit viel zu schmalen Daten unterwegs, um gegen die internationalen Hightechunternehmen selbst im eigenen Land einen Stich machen zu können.
Christoph J. Walther
Google und Facebook dominieren Mobile
Im letzten Jahr sind die Ausgaben für Mobile-Werbung global um 105 Prozent gestiegen und haben 17,96 Milliarden Dollar erreicht. Gemäss einem Report des Marktforschungsunternehmens eMarketer vom März soll Mobile-Werbung im laufenden Jahr um weitere 75,1 Prozent zulegen und auf 31,45 Milliarden Dollar anwachsen. Das entspricht fast einem Viertel aller Ausgaben für Digital-Werbung weltweit. Zwei Drittel dieser Umsätze gingen an Google und an Facebook, die 2013 drei Viertel des Wachstums im Mobile-Bereich (6,92 Mrd. USD von insgesamt 9,2 Mrd. USD) auf sich vereinten. Besonders Facebook konnte markant Marktanteile zulegen. 2012 entfielen auf das soziale Netzwerk erst 5,4 Prozent des globalen Marktes. 2013 stieg dieser Anteil auf 17,5 Prozent und soll im laufenden Jahr weiter auf 21,7 Prozent wachsen. Der Löwenanteil am Mobile-Werbemarkt gehört Google mit fast 50 Prozent. Doch eMarketer schätzt, wegen des rasanten Vorrückens von Facebook werde dieser Anteil im laufenden Jahr auf 46,8 Prozent sinken. Noch im 2012 machte bei Facebook Mobile-Werbung erst 11 Prozent der eigenen weltweiten Werbeeinnahmen aus. Im letzten Jahr sprang diese Zahl auf 45,1 Prozent und liegt im ersten Quartal 2014 bei 59 Prozent. Bis Ende Jahr soll dieser Anteil gemäss eMarketer bei 63,4 Prozent zu liegen kommen. Bei Google entfielen 23,1 Prozent der weltweiten Werbeumsätze im letzten Jahr auf Mobile und dieser Anteil soll im laufenden Jahr auf 33,8 Prozent steigen. Derweil berichtete Twitter für das erste Quartal 2014 von einem Anteil der Mobile-Werbung am Gesamtumsatz von 80 Prozent. Im vorangegangen Quartal lag dieser Wert noch bei 75 Prozent. Den Grossteil dieser Umsätze machte Twitter auf dem amerikanischen Heimmarkt.
Weg von der Kapuzenpullikultur
So wie es auch schon Google-CEO Larry Page getan hatte, erschien Facebook- Chef Mark Zuckerberg zum Schluss der Keynote-Ansprachen nochmals auf der Bühne und predigte zum Chor respektive zu den eigenen Mitarbeitenden. Bereits in seiner Präsentation zuvor reminiszierte er das zehnjährige Bestehen von Facebook im Februar und sprach vom zehnjährigen Jahrestag des Kennenlernens seiner Frau, Priscilla Chan, und er blickte voraus auf seinen 30. Geburtstag am 14. Mai – womit er im eigenen Unternehmen und im Silicon Valley über dem Altersdurchschnitt liegt. Er kündigte an, das Facebook-Motto «Move Fast and Break Things» (mach schnell, auch wenn’s kracht, oder so ähnlich) werde abgelöst durch das weniger markige «Move Fast with Stable Infra» (schnell und mit stabiler Infrastruktur). Und an der Schwelle zu einem neuen Lebensabschnitt verkündete er eine neue Vision für sein Unternehmen und versuchte, die Unternehmenskultur neu auszurichten: Das Ziel sei, «eine Kultur der Liebe für die Leute aufzubauen, denen wir dienen, die stark wenn nicht stärker sei als Software-Hacking». Diese Worte dürften in Erinnerung bleiben als der Wendepunkt für Zuckerberg und für Facebook als der Tag, an dem er erwachsen wurde.
Was meint die Branche?
Catrin Rubenson, CEO Admazing
«Die Möglichkeiten, welche sich durch den übergreifenden Einsatz von Profildaten ergeben, sind spannend für die Branche und für uns als Online-Media-Dienstleister. So machen wir gute Erfahrungen mit Video-Ads auf YouTube, bei denen wir Video-Kategorien zusammen mit Google-Profildaten als Targeting einsetzen. Wir nutzen diese Entwicklung also bereits gewinnbringend für unsere Kunden. In der Schweiz gibt es diverse Unternehmen und Publisher, die gemeinsam Daten sammeln oder anonymisierte Daten für eine erweiterte Nutzung freigeben. Auch diese Angebote nutzen wir gerne – nach Prüfung von Kosten-, Nutzen- und Datenschutzaspekten. Doch gerade Datenschutz und Datenhoheit sind nicht immer völlig geklärt. Dies ist ein Grund, warum für Schweizer User weniger Daten zur Verfügung stehen als in anderen Ländern. So nutzen auch wir unsere eigenen Daten nicht kundenübergreifend. Grundsätzlich wünschen wir uns aber natürlich mehr korrekte und für Kampagnen nutzbare Profildaten und Angebote.»
Christoph Zimmer, Leiter Unternehmenskommunikation Tamedia
«Wir sehen den Aufbau des Werbenetzwerkes von Facebook in erster Linie als Konkurrenz für Google. Natürlich sind solche Angebote auch eine Konkurrenz für Schweizer Anbieter, die grossen internationalen Unternehmen profitieren aufgrund ihrer Grösse von Skaleneffekten, was Technologie und Masse anbelangt. Die starke Video-Orientierung hat aber auch positive Effekte, der Markt wir dadurch entwickelt und davon profitieren nicht zuletzt unsere reichweitenstarken Schweizer Angebote mit ihrer hochwertigen Positionierung.»
Alexander Horrolt, Managing Director Goldbach Audience (Switzerland) AG
«Um der Dominanz globaler Konzerne entgegenzutreten, brauchen wir Data-Sharing-Allianzen oder gemeinsam geführte Marktplätze für automatisierten Handel von Premium-Inventar. Solche Kooperationsmodelle sind essenziell, um fehlende Datentiefe sowie mangelnde wirtschaftliche und personelle Kapazitäten auszugleichen. Spanien macht es mit ‹Aunia›, einem geschlossenen Ökosystem für Video-Publisher, vor. Ein solches Modell bietet sich gerade in der Schweiz, wo selbst grosse Video-Player mit zunehmender Nachfrage an Grenzen stossen, an. Denn in unserem kleinen, relativ schlecht monetarisierten Digitalmarkt würden einheitliche Prozesse nationale Player entlasten und sie gleichzeitig mit globalen Brands konkurrenzfähig machen. Mit dem Swiss-Audience-Netzwerk gehen wir diesen Weg: Daten werden für gemeinsam über alle Publisher ausgesteuerte Kampagnen aggregiert und im Sinne der Kampagne eingesetzt, verbleiben aber beim Publisher oder neutralen Technologie-Enabler – die optimale Balance zwischen Cooperation und Competition.»
Branko Radosevic Russo, Head of Sales Digital Media Ringier
«Das Thema Big Data und die Vermarktung dieser Daten ist seit längerer Zeit auch im Schweizer Markt ein wichtiges Thema, mit denen sich auch Ringier intensiv auseinandersetzt. Die Quantität der Daten bedeutet nicht, dass diese auch qualitativ den Ansprüchen genügen. Viel wichtiger ist die effiziente Nutzung. So bedeuten viele Userdaten auch nicht automatisch mehr Umsatz. Der US-Markt setzt auf Volumen und eine Low-TKP-Strategie. Ganz nach dem Motto: Der User kostet ja fast nichts, also ist es auch nicht weiter schlimm, wenn meine Botschaft nicht den richtigen User erreicht hat. Der Streuverlust schmerzt weniger, weil die Kosten nicht hoch sind. Ringier verfolgt die weitere Entwicklung des Themas in der Schweiz genau und arbeitet an einer dem Schweizer Markt angepassten Lösung. Von den Umsätzen und Prognosen des US-Marktes lassen wir uns dabei allerdings nicht blenden.»