Dass die Verhältnisse bei der Old Gray Lady, wie die New York Times etwa auch genannt wird, nicht mit jedem Verlag hierzulande vergleichbar sind, wird schon in der Einleitung klar: Ein Team von sechs gestandenen Journalisten zusammen mit zwei internen Beratern aus verschiedenen Bereichen, darunter mit Arthur Gregg Sulzberger der Sohn des Verlegers, hatte sechs Monate Zeit, auf Grund Hunderter von Interviews mit internen und externen Experten über die Zukunft der Redaktionsarbeit und des Verlages nachzudenken. Das Resultat, ein fast hundertseitiger interner Bericht, kommt als journalistisches Produkt, in der Sprache, der Bebilderung, den Grafiken, daher und hätte so durchaus etwa im New York Times Magazine veröffentlicht werden können – doch es war dann ausgerechnet der im Report oft erwähnte neue Konkurrent Buzzfeed, der das Dokument publik machte. Darin werden sechs Kernvorschläge formuliert und mit zahlreichen Beispielen untermauert. Nicht als Vorgabe oder Forderung, sondern als Diskussionspapier, doch die Sprache und der Duktus lassen erkennen, dass in den Augen der Autoren für das Traditionsblatt Matthäi am Letzten ist, so nicht rasch und konsequent gehandelt wird. – Wir geben die Zusammenfassungen der sechs Vorschläge im übersetzten Wortlaut wieder und gleich auch noch unseren Senf dazu:
1. Entdecken
«Dank immer besserer Technik gibt es zusehends mehr Möglichkeiten, um die eigene Arbeit den richtigen Lesern am richtigen Ort zur richtigen Zeit zukommen zu lassen. Doch wir verlangen von den Lesern immer noch zu viel. Sie müssen mit einer Website oder einer App umgehen, die immer noch nach unserer Printstruktur gestaltet ist. Wir müssen mehr darüber nachdenken, wie immergrüne Inhalte einfach wieder zugänglich gemacht, wie unsere Inhalte besser organisiert und verpackt und wie den Lesern für sie wichtige Inhalte besser offeriert werden können. Um diese Bestrebungen vorwärts zu bringen, sollten wir mehr in die unspektakuläre, aber essenzielle Arbeit des Verschlagwortens und Strukturierens unserer Inhalte investieren.»
Die Werbewoche meint: Ob New York Times oder Hinterfultiger Tagblatt – das betrifft jedes Traditionsmedium gleichermassen: Es genügt nicht, eine Redaktion einfach konvergent aufzustellen, ohne auch neue Online- spezifische Abläufe, wie etwa das Verschlagworten, einzuführen. Als das Radio aufkam, wurden Nachrichten aus den Zeitungen vorgelesen. Und in den Anfangsjahren des Fernsehens wurden Nachrichtensprecher gesendet. Es ist höchste Zeit, dass Traditionsmedien erkennen, dass mit ihren gewohnten Strukturen und Abläufen in der digitalen Welt kein Blumentopf zu holen ist.
2. Werbung
«Wir müssen bessere Fürsprecher der eigenen Arbeit sein. Dazu müssen Redaktionsstrukturen geschaffen werden, die sicherstellen, dass unsere wichtigste Arbeit eine maximale Leserschaft und Wirkung erreicht. Es bedeutet, bewährte Vorgehensweisen zu erkennen und mit der Redaktionsbasis zu teilen und Reporter und Redaktoren zu fördern, damit sie ihre Artikel bewerben können. Ausserdem müssen wir den Optimierungsprozess im Bereich der Suchmaschinen und der Sozialen Medien ernster nehmen und sicherstellen, dass wir unsere Werkzeuge und Abläufe entsprechend unseren sich verändernden Bedürfnissen modernisieren.»
Die Werbewoche meint: Viele Medienmarken kommen in den Social Media vergleichsweise ärmlich daher: kaum Freunde oder Followers oder auf jeden Fall deutlich weniger als einige der bekannten Konsummarken oder Promis. Da geht es nicht nur darum, dass Journalisten auf Facebook aktiv sind und Redaktoren twittern, sondern es müssen auch neue Abläufe (wie Real Time Bidding, RTB etc.) beherrscht werden, um so erzielte Gelegenheitsbesucher auf der Website monetarisieren zu können. Diese Fly-bys sind die neuen Abonnenten.
3. Verbindung
«Unsere Leser sind vielleicht unsere grösste ungenutzte Ressource. In einer Welt, da Inhalte oft ihre grösste Verbreitung durch die Weiterleitung durch andere Nutzer erfahren, ist es kritisch, unsere Verbindung mit ihnen sowohl online- wie offline zu vertiefen. Und viele Leser erwarten inzwischen von uns eine Zwei-Weg-Beziehung, um sich mit unserem Journalismus und unseren Journalisten einlassen zu können. Dies bedeutet, dass die Redaktion als Ganzes die Zügel in die Hand nehmen muss, wenn es um User-generierte Inhalte, Veranstaltungen und andere Formen der Beziehungen mit uns geht, die unseren Normen und Werten entsprechen.»
Die Werbewoche meint: Das chancenreichste Potenzial, das vielen Verlagen zur Verfügung steht, sind ihre Marken. Doch werden diese Marken kaum geführt und gepflegt. Nur die täglichen News – oder ein Lifestyle?
4. Zusammenarbeit mit Verlagsabteilungen im Lesermarkt
«Praktisch über Nacht erhielt die Redaktion so viele der notwendigen Fähigkeiten und Erkenntnisse, um unsere digitale Berichterstattung auf die nächste Stufe zu heben. Es gibt eine Reihe von Abteilungen und Einheiten, die meisten auf Verlagsseite, die sich explizit mit der Lesererfahrung beschäftigen, so etwa Design, Technik, Marktforschung, Entwicklung und Produktverantwortliche. Hier gibt es eine klare Chance für eine bessere Zusammenarbeit. Jüngste Initiativen, wie etwa NYT Now, haben die Vorteile einer solchen Zusammenarbeit gezeigt. Wir schlagen keine umfassende Reorganisation vor, glauben aber, dass eine einfache neue Richtlinie – die Zusammenarbeit mit Verlagsabteilungen wird gefördert und erwartet – ein starkes Signal aussenden und riesige Speicher an kreativer Energie und Einsichten freilegen kann.»
Die Werbewoche meint: Wer gemeint hat, das mit der Konvergenz sei nun überstanden, irrt: Auch produktrelevante Funktionen, die bisher ausserhalb der Redaktion wahrgenommen werden, sind zu integrieren. Die journalistische Unabhängigkeit ist künftig durch eine hohe Transparenz der eigenen Arbeit zu dokumentieren und zu garantieren.
5. Schaffen eines Strategie-Teams in der Redaktion
«Viele Redaktionsleiter sind mit der täglichen Arbeit derart ausgelastet, dass sie wenig Zeit haben, einen Schritt zurück zu treten und über langfristige Fragen nachzudenken. Wären wir einfach eine Zeitung, würde eine solche einseitige Ausrichtung Sinn machen. Aber wir müssen jetzt Print, Web, Apps, Newsletters, News Alerts, Social Media, Video, eine internationale Ausgabe und eine Reihe eigenständiger Produkte jonglieren. Wir schlagen vor, ein kleines Strategie-Team zu schaffen, mit der zentralen Aufgabe, die Chefredaktion zu beraten. Diese Gruppe soll die Redaktionsleiter über Konkurrenzstrategien, Technologiewandel und Verschiebung im Leserverhalten auf dem Laufenden halten. Sie würde auch helfen, Projekte im ganzen Unternehmen zu verfolgen, die unsere digitale Berichterstattung betreffen, und die Redaktionsleitung beim Setzen und Verfolgen von Prioritäten unterstützen sowie gelegentlich bestimmte Themen vertieft abklären. Zudem würde sie Experimente in den Redaktionsabteilungen unterstützen und die Ergebnisse an die gesamte Redaktion weiterleiten, um zu gewährleisten, dass wir neue Chancen erkunden und Erkenntnisse aus unseren Anstrengungen ziehen können.»
Die Werbewoche meint: Wenn Chefs Kernaspekte ihres Geschäfts nicht beherrschen und dazu Berater brauchen, sind sie fehl am Platz und müssen ersetzt werden. Gilt auch hierzulande. Erst wenn an der Unternehmensspitze Chefs agieren, die den digitalen Lifestyle im Blut haben, werden Verlage für talentierte Macher als Arbeitgeber attraktiv sein. Der Innovation Report dokumentiert und beklagt das Gegenteil: Fähiges Personal verlässt die Old Gray Lady in Richtung der erfolgreichen digitalen Neuankömmlinge.
6. Eine Strategie formulieren, um die Redaktion zu einer Digital-First-Organisation zu machen
«Artikel werden in der Regel gegen Ende des Tages fertig. Unsere Mobile-Apps werden gemäss den Rubriken der gedruckten Ausgabe gegliedert. Die Redaktionen gestalten sorgfältigst ihre Zeitungsbünde, verbringen aber nur wenig Zeit damit, über soziale Strategien nachzudenken. Traditionelle journalistische Fähigkeiten sind die oberste Priorität bei der Einstellung und Beförderung. Die in über eineinhalb Jahrhunderten aufgebauten Gewohnheiten und Traditionen zum täglichen Erscheinen einer Zeitung sind eine mächtige und bewahrende Kraft zu einer Zeit, da wir den Übergang zum Digital-Geschäft anstreben – genau so wie die grosse Anziehungskraft der Frontseite. Einige unserer traditionellen Wettbewerber haben sich energisch auf einen Digital-First anstatt auf einen Print-First-Ablauf eingerichtet. Angesichts unserer gesunden und profitablen Druckausgabe müssen wir noch nicht auf diesen Weg einschwenken. Aber es ist wichtig, damit zu beginnen, unsere auf die Druckausgabe ausgerichteten Traditionen zu hinterfragen, unsere Ansprüche im digitalen Bereich umfassend zu erfassen und sich dabei die Redaktion der Zukunft vorzustellen. Das bedeutet, alles zu überdenken, von unserem Personal bis zu unserer Organisationsstruktur und zur Frage, was wir tun und wie wir es tun.»
Die Werbewoche meint: Ist alles ganz einfach: Die Printausgabe kann fast ganz vergessen werden – es braucht nur noch ein kleines Gestaltungsteam, das die vorhandenen Artikel schön auf den Seiten anrichtet. Die Leser werden einen Unterschied ebensowenig bemerken, wie sie den Ressourcen-Abbau in den Redaktionen in den letzten Jahren nicht zum Anlass für eine Abonnementskündigung genommen haben. Wer‘s nicht glaubt, reise in die Berge: In Interlaken produziert die Gossweiler Media AG ihre Jungfrau- Zeitung bereits seit Jahren nach diesem Prinzip.
Christoph J. Walther