Die Bürgerjournalisten

Über die Kommentarfunktion kommen auf den grossen Schweizer Newsportalen nicht nur die Journalisten, sondern auch die Bürger zu Wort – und erreichen mit ihren Themen und Meinungen ein immenses Publikum. Die Werbewoche hat drei der fleissigsten Online-Kommentierer von Tagesanzeiger.ch getroffen.

Jemanden zu finden, der aus seinem Alltag als Online-Kommentierer berichten möchte, war gar nicht so einfach. Trotz unverkennbarem Mitteilungsbedürfnis verstecken sich die meisten lieber in den anonymen Tiefen des Netzes. Duzende liessen die Interviewanfrage unbeantwortet, doch eine Handvoll hat sich schliesslich bereit erklärt, Rede und Antwort zu stehen. In den Gesprächen mit ihnen zeigt sich die menschliche Vielfalt hinter dem digitalen Schlachtenlärm.

Der Gezeichnete

Wenn man die Kommentare auf Tagesanzeiger.ch überfliegt, könnte man meinen, die Unzufriedenheit in der Schweizer Bevölkerung sei gross. Armin Arnold ist einer von diesen Online-Kommentierern, die reihum gegen alles wettern. Es kann vorkommen, dass er in einem Post die Abzocke der Krankenkassen anprangert und im nächsten dem Lebensstil der Versicherten die Schuld daran gibt, dass die Prämien laufend steigen. Von der erwarteten negativen Haltung ist im Gespräch mit dem gemütlichen Berner aber überraschend wenig spürbar. «Ich kann ja nicht ewig weit ausholen. Ich kritisiere, weil ich mich auf das Wesentliche beschränke», rechtfertigt er sich.

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Arnolds Antwort auf die Frage nach seiner Motivation kommt wie aus der Pistole geschossen. Er will sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen: für die Arbeitslosen, die Kranken, die Alten und alle anderen, die er vom System benachteiligt sieht. Einfühlen könne er sich, weil bei ihm selber «nicht immer alles wie am Schnürchen» gelaufen sei. Von vielen Themen, über die er schreibt, ist er offensichtlich persönlich betroffen. Als Kind erlitt er eine Hirnblutung wegen Sauerstoffmangel. Nach 33 Jahren Berufstätigkeit verlor er seine Stelle und war lange arbeitslos. 2000 erlitt er einen schweren Skiunfall und ist seitdem gehbehindert. Er erzählt von einem jahrelangen Kampf, bis er von der Suva eine Rente bekam. Heute arbeitet Arnold in einem Teilzeitpensum bei der Bundesverwaltung in der Logistik und fühlt sich wenig gefordert in seinem beruflichen Alltag. Er will sich aber vehement nicht auf das persönliche Schicksal reduzieren lassen. Auch in seinen Posts findet sich kein Hinweis auf seine Lebensgeschichte. Er spricht lieber von einem «Helferinstinkt». Mit seinen allgemein- politisch formulierten Kommentaren macht er aus dem persönlichen Schicksal einen Kampf für eine gerechtere Gesellschaft.

Arnold beschreibt sich selber als «hartnäckig, aber herzhaft». Man könnte wahrscheinlich ausgiebig mit ihm diskutieren. Aber wenn man es sein lässt, ist er ein charmanter Gesprächspartner. Sein Einsatz beschränkt sich auch nicht auf das digitale Schimpfen. Nach seinem Skiunfall verkaufte er für die Behinderten-Selbsthilfeorganisation Procap Schoggiherzen und sei «schweizweit der beste Verkäufer » gewesen, erzählt Arnold mehrmals – und man glaubt es ihm. Der Online-Kommentierer ist zudem engagierter Leserbriefschreiber. Seine Briefe füllen mehrere Ordner. Von der Wirkung auf den Meinungsbildungsprozess ist Arnold überzeugt. Sie scheint für ihn aber nicht im Vordergrund zu stehen. Wichtiger ist ihm der persönliche Einsatz, dass er sich äussern und sich auch für andere einsetzen kann. Etwa eine halbe Stunde widmet er dieser Beschäftigung täglich. Über seine Posts und Leserbriefe denkt Arnold nicht lange nach – er schreibt, wenn er bewegt ist.

Der Politiker

Gelegentlich stösst man in den Newsnet-Foren auf die Namen von Politikern, die dort ebenfalls mitdiskutieren. Auf die Interviewanfrage der Werbewoche melden sich gleich mehrere. Ruedi Lais, Zürcher SP-Kantonsrat, ist einer von ihnen. Politiker seien in den Foren sogar häufiger vertreten als man denkt, erzählt er. Einige würden unter einem Pseudonym schreiben. Er erkennt sie zum Beispiel daran, dass sie Informationen aus Kantonsratsdebatten ins Forum einbringen. Richtig um sich gegriffen habe die politische Instrumentalisierung der Kommentarspalten in der Schweiz aber nicht, winkt Lais ab.

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Er kommentiert im Forum «seit es die Möglichkeit dazu gibt». Rund eine Stunde pro Woche investiert der Kantonsrat in diese digitalen Bürgergespräche und ist präsent auf den Newsportalen von Blick, NZZ und Tages-Anzeiger. Eine bestimmte Strategie verfolge er nicht, die Kommentare seien rein reaktiv. Als Politiker versuche er aber bewusst, für die Öffentlichkeit sichtbar zu sein. Sein Hauptanliegen ist es, Fakten einzubringen. Die meisten Posts verfasst er spontan zu Artikeln im Themenbereich seiner politischen Schwerpunkte, über die er bereits über fundiertes Wissen verfügt. Lais spricht von einem «garstigen Umfeld». Äusserst selten entstehe ein Dialog auf der Basis von gesicherten Fakten. «Meine Haltung ist im Forum eine Minderheitenposition. Viele Ansichten sind in meinen Augen rechtsextrem.» Dennoch befürwortet er solche Ventile für aufgebrachte Bürger. «Das ist besser, als wenn sie ein Asylantenheim anzünden», meint Lais pragmatisch. Nicht zuletzt lerne er dadurch die politischen Argumente der Gegenpartei und deren Wirkungsweise kennen.

Ebenso harsch fällt sein Urteil aus, wenn er auf die Qualität der Medien zu sprechen kommt. Eine fundierte politische Tagespresse gäbe es in der Schweiz nicht mehr, den Journalisten fehle die Zeit dafür. Oft stelle er fest, dass Journalisten für ihre schlecht recherchieren Artikel später die Korrekturen von Online-Kommentierern übernähmen. «Was ich im Forum mache, wäre eigentlich die Aufgabe der Journalisten.» Den Tages-Anzeiger abonniert Lais seit längerem nicht mehr. «Wenn ich mich irgendwann aus der Politik zurückziehe, werde ich mich auch vom Forum verabschieden. Meine Lebenszeit ist mir zu schade dafür», stellt Lais klar.

Der Lernende

Der Luzerner Schmuckdesigner Reinhard Gremli interessiert sich nicht für Tagespolitik. Er sucht den fachlichen Austausch fernab der politischen Polemik. Im Sekten-Blog von Hugo Stamm agiert er unter dem Namen Rabbi Jussuf, glaubt aber «eigentlich an nichts». Religion fasziniere ihn dennoch als menschliches und gesellschaftliches Phänomen seit seiner Jugend – ohne dass er je die Gelegenheit hatte, dieser Leidenschaft beruflich oder im Rahmen eines Studiums nachzugehen. Der 55-Jährige arbeitet selbstständig in seinem Schmuckatelier und schreibt oft «auf Kosten der Arbeit». Als spora discher Leser des Hugo-Stamm-Blogs sei er einst über einen so unglaublich dummen Kommentar gestolpert, dass er darauf habe reagieren müssen. Aus dem spontanen Versuch, mit fundierten Argumenten zu korrigieren, wurde ein beständiges Hobby. «Ich investiere relativ viel Zeit in meine Beiträge. Denn beim Schreiben tauchen für mich immer neue Fragen auf, denen ich nachgehe. Das ist das Spannende daran. Ich lerne ausserdem nicht nur inhaltlich Neues, sondern auch zu schreiben und zu argumentieren.»

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Im Forum des Hugo- Stamm-Blogs können auch mal die Fetzen fliegen – oder über die Jahre so etwas wie Beziehungen entstehen. Über andere Teilnehmer spricht der nicht gläubige Rabbi wie über alte Bekannte. «Ich habe auch nur Lust, zu diskutieren, wenn ich mir auf der Basis des Geschriebenen ein Bild von der Person machen kann.» Eine seiner treuesten Gesprächspartnerinnen ist Khadijah Raaber aus Riad. Die gläubige Muslimin mit dem Pseudonym um musad wuchs in einer christlichen Schweizer Familie auf und wanderte vor über 20 Jahren «wegen einer grossen Liebe und einer Portion Neugier» nach Saudi-Arabien aus, wie sie in einer E‑Mail schreibt. Sie ist gelernte Papeteristin, heute jedoch als Hausfrau und Mutter tätig. Auch sie findet im Forum intellektuelle Anregungen. Mit Rabbi Jussuf tausche sie sich sehr gerne aus, weil er «von einem mehr oder weniger neutralen Standpunkt» aus beurteile. Die Suche nach Antworten beschäftigt sie oft den ganzen Tag lang – unterwegs im Auto, bei Hausarbeiten oder oft unter der Dusche kommen ihr dann plötzlich die Ideen. In grösseren zeitlichen Abständen organisiert jemand aus dem Forum ein Treffen. Um musad sei er leider noch nie begegnet – aber zahlreiche Teilnehmer der Community habe er bereits persönlich kennengelernt, erzählt Gremli. Manchmal sei er überrascht gewesen, wie angenehm diese Menschen seien. «Man lernt im Forum vor allem die sogenannten inneren Werte kennen. Weil die nonverbale Kommunikation ausgeschaltet ist, nimmt man Gefühle kaum wahr und reduziert das Gegenüber auf den Inhalt. Dadurch ist man härter und sturer – aber auch gedanklich klarer.»

Simone Isliker
 

Liveticker, richtig getaktet?

Besonders grotesk war es bei den Spielen der Fussball-WM. Die Nachrichtenportale sendeten «Liveticker», also fortlaufende, minutengenaue (vermeintlich «minutiöse») Berichte über den Spielverlauf. Aber wozu eigentlich und für wen?  Von Karl Lüönd

Wer das Spiel nicht am Fernsehen mitverfolgen konnte, etwa als Automobilist, hatte mit einiger Sicherheit einen Radiosender in Hörweite, der einem erzählte, was vorging – nicht so dramatisch und bildhaft wie seinerzeit Jean-Pierre Gerwig auf Radio Beromünster, aber immerhin. Wer also sollte die verhackstückten Online- Spielberichte wirklich nutzen? Die ganz fanatischen Fans vielleicht, um sofort per Twitter und Whats- App ihre Kommentare abzusetzen? Das wird den Werbekunden auf die Dauer nicht reichen.

Für mich bedeutet Live-Stream jede Menge Bäume, aber zu wenig Wald. Das Medium, nicht der Bedarf hat diese Darreichungsform kreiert. Push, nicht Pull! Die Geschwindigkeit und die praktisch kostenlose Veränderbarkeit des Internets im Minutentakt sind technische Möglichkeiten, die ausgenutzt werden, ob sie nun wirklich nützlich sind oder nicht. Es ist wie immer am Anfang von neuen Errungenschaften: Was möglich ist, wird mal gemacht. Später sortiert die meist wirtschaftlich diktierte Wirklichkeit die lockenden Optionen gnadenlos aus. Hier entscheidet wohl die Ökonomie der Aufmerksamkeit, die auf der Tatsache gründet, dass jeder Mensch nur über eine Lebenszeit von 24 × 60 Minuten am Tag verfügt.  Noch immer steht Mediennutzung an der Spitze bei der Verwendung des Zeitdrittels, das der Durchschnittsmensch – neben Schlaf und Arbeit – für Erholung und Unterhaltung aufwendet. Aber die für die Medien reservierten Zeitfenster werden nicht mehr grösser. Alle sind herausgefordert, stärkere Reize zu setzen, genauer auf den Punkt zu kommen und immer mehr Nutzen in der gleichen Zeiteinheit zu stiften.
 
Am anderen Ende der Nachrichten-Wahrnehmung, in der grösstmöglichen Entfernung vom Live- Stream, steht – nicht nur bei älteren Leuten, wie ich nun mal vermute – die Nachfrage nach Zusammenfassung, Vertiefung und Hintergrund. Vorausgesetzt, ich habe nicht den ganzen Tag die Nerven und die Zeit, die Entwicklungen in Gaza und in der Ukraine mitzuverfolgen, möchte ich wenigstens am Abend die Fortschreibung des Tages beziehen. Gefragt ist das Gegenteil des Livetickers: der Digest, die Verdichtung.
 
Für andere, weniger dramatische Ereignisketten und Entwicklungen – etwa das Gezerre um die Autobahn- Maut in Deutschland – genügt selbst einem alten News-Junkie wie mir das wöchentliche Update (das ich, fast seit ich lesen kann, aus dem Spiegel beziehe.) Wenn ich versuche, komplexe Dauerthemen wie etwa das Verhältnis der Schweiz zur EU einzuordnen, schätze ich, müde vom langweiligen Gleichklang in den Tagi-, NZZ- und SRG-Medien, die manchmal klugen und manchmal lästigen Gegenpositionen der Weltwoche. Und wofür gibt es seit Jahr und Tag Titel wie die Bilanz oder den Beobachter, die von der Aktualität her dem «Hinkenden Boten » gleichen und dennoch mit ihren Hintergrundberichten und Analysen ihre Positionen behaupten? Als dritte matchentscheidende Dimension der Mediennutzung neben News und Vertiefung steht die Unterhaltung, die Freude am Unverhofften. Das fällt mir an mir selber jedes Mal auf, wenn ich in Berlin bin und frühmorgens die NZZ und den Tagi am Bildschirm «gelesen» habe, wofür ich zu meiner eigenen Verwunderung keine 20 Minuten pro Stück brauche. Aber wie oft habe ich mir am Kiosk schon den Tagesspiegel geholt (in der Hoffnung auf einen Martenstein) und die Süddeutsche (wegen des Streiflichts und der Seite 3) und die Taz sowieso, weil sie die intelligentesten und hintersinnigsten Titel setzt. Jedes Mal gebe ich Geld aus in der Hoffnung auf etwas Überraschendes.
 
Früher war Medienkonsum ein Menü. Gegessen wurde, was auf den Tisch kam: die NZZ oder die Freiburger Nachrichten oder was auch immer, und man ass sich von vorn nach hinten. Heute bedeutet Medienkonsum ein Buffet für Gäste, die eigentlich online und in den elektronischen Medien schon satt geworden sind.
 
Wer es versteht, sein Buffet mit unwiderstehlichen Häppchen zu bestücken und attraktiv zu dekorieren, oder wer die schönsten Desserts weit und breit anbietet, wird sein Publikum auch in Zukunft nicht suchen müssen. Das Problem ist nur: Die Buffetgäste sind schneller und launiger geworden, «schnäderfrässig», ungeduldig und weniger loyal denn je.
 
Karl Lüönd ist freier Publizist und Buchautor.

Publicom: Medienförderung dringender denn je

Strukturwandel und schwindende Ressourcen bedrohen den Qualitätsjournalismus. Ohne staatliche Medienförderung sind wichtige demokratiepolitische Funktionen in der Schweiz gefährdet. Dies ist das Ergebnis einer Expertenbefragung der Publicom.

Der «staatstragende» Qualitätsjournalismus ist unter Druck – nicht nur durch abnehmende redaktionelle Ressourcen, sondern auch durch eine neue Art von Öffentlichkeit, die sich in Kommentarspalten und Social Media ausbreitet. Eine überwiegende Mehrheit des Delphinarium-Expertenpanels ist der Meinung, dass diese neuen Kommunikationsformen die Demokratiefunktionen des traditionellen Journalismus zumindest teilweise übernehmen. Je mehr das Netz mit Propaganda, Desinformation, ungeprüften Nachrichten und unbedarften Meinungsäusserungen geflutet wird, umso unersetzlicher wird jedoch der Qualitätsjournalismus. Doch um diesen steht es schlecht: Gegen die Hälfte der Experten nimmt in den letzten Jahren eine abnehmende Qualität der Schweizer Medien hinsichtlich ihrer demokratiepolitischen Funktion wahr, und zwei Drittel glauben, dass es ein Qualitätsproblem gibt, das sich in Zukunft noch verschärfen werde.

Ohne Medienförderung sind wichtige Demokratiefunktionen gefährdet

Nur eine kleine Minderheit der Expertinnen und Experten glaubt, dass das schweizerische Mediensystem seine demokratiepolitischen Leistungen auch ohne staatliche Medienförderung erbringen kann. Die überwiegende Mehrheit ist freilich der Ansicht, dass ohne staatliche Medienförderung wichtige demokratiepolitische Funktionen gefährdet würden. Wie diese aussehen könnte, ist aber umstritten. Sowohl die aktuelle Presseförderung als auch die Förderung von Radio- und Fernsehen in der Schweiz werden kontrovers beurteilt.

Grundsätzlich wird die Subventionierung der Presse durch die Verbilligung der Posttarife von den meisten als vernünftig beurteilt. Allerdings müsse das System selektiver gehandhabt werden. Eine starke Minderheit plädiert jedoch für deren Abschaffung, da mit dem Giesskannenprinzip keine gezielte Förderung möglich sei. Im Bereich von Radio- und Fernsehen stösst das Prinzip, dass Gebührengelder mit einem Leistungsauftrag verknüpft sind, auf regen Zuspruch. Eine klare Mehrheit findet es richtig, dass die Begünstigten bestimmte programmliche Aufgaben erfüllen müssen.

Unter dem Begriff Delphinarium publiziert die auf Medienforschung und –beratung spezialisierte Publicom zweimal jährlich Ergebnisse einer Expertenbefragung. Am Panel sind vierzig Fachleute der führenden Medienunternehmen sowie Vertreter aus Werbung, Medienjournalismus, Kommunikationswissenschaft und Corporate Communications beteiligt.

Ausführlicher Report unter Publicom.ch oder Delphinarium.ch.
 

Online-Marketing – Das Ziel weist den Weg

Sind Klicks, Besuche oder Likes die richtige Währung, um den Erfolg von Online-Marketing-Aktivitäten zu messen? Nein, sind sie nicht. Es zählen die Interaktionen und das Besucherverhalten nach dem Klick. Wie definieren Sie die richtigen Ziele und Messwerte vor dem Aufsetzen einer Kampagne?

Weil es die Mitbewerber tun, schalten Unternehmen Display-Werbung, AdWords- oder Facebook-Anzeigen. Allerdings oft ohne klare Ziele und aussagekräftige Testanlage. Der erste Schritt zu einer erfolgreichen Kampagne ist die Definition der Messgrössen zur Beurteilung des Erfolgs. Planen Sie zum Beispiel eine Performance-Kampagne, die Mehrumsatz generieren soll, müssen Sie Überlegungen wie diese anstellen: Wie hoch war der Umsatz einer Vergleichsperiode? Welchen Mehrumsatz muss die Kampagne erreichen, um mindestens die Kampagnenkosten zu decken? Wie hoch soll die CTR (Click-Through-Rate) sein, damit genügend Besucher auf ihr Angebot klicken? Welche Konversionsrate (Besucher vs. Käufer) ist zu erreichen, um das Umsatzziel zu erreichen? Wie hoch ist der durchschnittliche Bestellwert? Was darf eine Bestellung kosten? Ein Plausibilitäts-Check mit gutem Menschenverstand und Bauchgefühl zeigt schnell, ob die Ziele realistisch sind. Fehlen Erfahrungswerte, ist eine Testanlage zwingend, um die Annahmen zu verifizieren. Die Ziele einer Suchmaschinenoptimierung lassen sich aus Google Analytics ableiten. Hierzu ein Beispiel: Gelangt die Mehrzahl der Besucher über den Firmen- oder Markennamen über die Suchmaschinen auf die Website, ist die Sichtbarkeit unter den «non branded long tail keywords» zu erhöhen. Diese haben keine Verbindung zum Markennamen und stehen in Verbindung zur Anwendung. Entsprechende Keywords lassen sich evaluieren und wenige Monate nach der Suchmaschinenoptimierung ist ersichtlich, ob die Kampagne greift und die richtigen Besucher anspricht.

Eine AdWords-Kampagne ist nur effizient, wenn sie auf eindeutigen Conversion-Zielen basiert. Ein Klick auf eine Anzeige ist eine Sache. Was nach dem Klick geschieht, eine andere! Springt zum Beispiel der Besucher unmittelbar nach dem Klick ohne Interaktion ab, bleibt er nur kurz auf der Website, tätigt er keine Interaktion, ist das Geld falsch investiert. Darum ist auch für die AdWords-Kampagne vorab festzulegen, wie viel eine Interaktion (Bestellung, minimale Besuchszeit, Offertanfrage) kosten darf. Nur so können Sie beurteilen, ob Sie Ihr Geld richtig einsetzen.

Die beliebtesten Messgrössen einer Facebook- Kampagne sind Likes, Shares und Fans. Diese lassen mit entsprechenden Approaches und Incentives schnell und einfach gewinnen. Vor dem Kampagnenstart muss Klarheit darüber herrschen, wozu Shares, Likes und Fans gewonnen werden und wie die Qualität zu beurteilen ist. Sollen sie zum Beispiel Ihre Marke oder deren Features verbreiten? Wenn ja, mit welchen Massnahmen und welchem Budget soll dies geschehen? Welche Verbreitungsquote soll erreicht werden?

Die Zieldefinition und eindeutige Messgrössen und -bezeichnungen sind das A und O der Online- Marketing-Massnahmen. Mehr Klicks, Like oder Fans sind Scheinerfolge. Was zählt, ist die unmittelbare und mittelbare Interaktion nach dem Klick.

Imre Sinka
 

Filmreife Kampagne

Seit acht Jahren betreut Numéro 10 in Bern das unabhängige Schweizer Familienunternehmen Aligro. Die Werbung für das Filialnetz im Bereich Cash & Carry orientiert sich dabei ausschliesslich an der Grafik von Filmplakaten.

Ein Auftrag mit einem Happy-end. Seit acht Jahren gestaltet die Agentur Numéro 10 regelmässig neue Image-Kampagnen für das Familienunternehmen Aligro. Das Überraschende bei diesem Job: Auch acht Jahre nach der Premiere funktionieren die Werbesujets weiterhin nach dem gleichen Prinzip. Als Basis für die Gestaltung dient ein möglichst populäres Filmplakat. Von den Affichen für diese Blockbuster wird nicht nur der grafische Stil, sondern sogar der Titel übernommen. Natürlich in einer Schrift, die vom Original fast nicht mehr zu unterscheiden ist. «Buffalo Bill», «Titanic», «Pulp Fiction» als Headlines werben aber hier nicht mehr für einen Film, sondern sollen Assoziationen zu Produkten wecken, die sich bei Aligro im Angebot befinden. Solche Verkaufsschlager wie frisches Gemüse, saftige Steaks, coole Getränke, aber auch WC-Papier oder Reinigungsmittel werden dann vom Illustrator stilgerecht als Blickfang anstelle der sonst üblichen Filmstars in die Kinoplakate integriert. Dazu kommen weitere typische Elemente aus Filmplakaten wie die Wettbewerbs-Palmen, Credits, Zitate aus Kritiken sowie natürlich «Aligro présente».

Der Kunde hat offensichtlich Spass an diesem Konzept. «Wir haben noch nie von einem Wechsel der Idee gesprochen. Alle warten bei jeder Neuauflage wieder gespannt, welche Filme von unserem Kreativteam ausgewählt und bearbeitet werden», freut sich Strategiechef Gilles Aeby bei Numéro 10. Probleme mit einer solchen «Synchronfassung» bekannter Plakate hat es bis jetzt noch nie gegeben. Das augenzwinkernde «Raubkopieren» ist schliesslich auch eine kleine Hommage an ganz grosse Filme.

Das heute in dritter Generation von den Brüdern Dominique und Etienne Demaurex geführte Familienunternehmen unter dem Markenauftritt Aligro gilt als der grösste Nahrungsmittelgrosshändler der französischsprachigen Schweiz. Das Unternehmen beliefert primär Gastronomiebetriebe und Detailhändler mit Lebensmitteln und Getränken. Dazu betreibt Aligro in Chavannes, Genf, Sion und Matran vier Abholgrossmärkte. Ein fünfter Markt wurde Ende 2012 in Schlieren auch in der Deutschschweiz eröffnet. Das Aligro-Sortiment umfasst mehr als 20 000 Artikel und reicht vom frischen Fisch über Backwaren aus der eigenen Bäckerei bis zu Non-Food-Produkten. Entsprechend der Kundschaft aus dem Bereich Gastro findet sich alles im XXL-Format.

Andreas Panzeri

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Stern trennt sich von Wichmann

Das Magazin Stern trennt sich nach nicht einmal eineinhalb Jahren von seinem Chefredaktor Dominik Wichmann. Auf den 42-Jährigen soll Christian Krug folgen, der zurzeit noch Chefredaktor bei der Illustrierten Gala ist.

Das habe der Vorstand von Gruner + Jahr entschieden, teilte der Zeitschriftenverlag am Donnerstag in Hamburg mit. Vorübergehend soll der Magazin-Herausgeber und frühere Stern-Chefredaktor Andreas Petzold die Redaktion führen. Das Unternehmen sei in Trennungsgesprächen mit Wichmann.

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Wichmann, der sich als Blattmacher des Magazins der Süddeutschen Zeitung profiliert hatte, war im Jahr 2011 zum Stern gekommen, zunächst als Stellvertreter des langjährigen Chefredaktoren-Duos Thomas Osterkorn und Andreas Petzold. Nach dem Generationswechsel im Mai 2013 baute Wichmann die Strukturen der Redaktion um mit dem Ziel, Print- und Online-Angebot stärker zu verzahnen.

«Wichmann hat mit grossem Elan und viel Energie das journalistische Profil des Stern gestärkt, sein Gesicht modernisiert und ihm eine neue Frische gegeben», teilte Gruner + Jahr-Vorstandschefin Julia Jäkel mit. Er habe viele wichtige Impulse gesetzt. In Branchenmedien wurde spekuliert, dass Wichmanns Führungsstil Grund für die Ablösung gewesen sei. Dazu wollte sich ein Verlagssprecher nicht äussern.

Der künftige Chefredaktor Krug war bereits früher beim Stern tätig – als politischer Korrespondent und Ressortleiter sowie für die Bereiche Kultur und Unterhaltung.

Dramatischer Leserrückgang

Die 1948 von Henri Nannen (1913-1996) gegründete Illustrierte hat wie andere Printmedien in Deutschland veränderte Lesegewohnheiten und den Vormarsch digitaler Angebote im Internet und mobiler Endgeräte zu spüren bekommen. Hatte das Blatt im Jahr 1999 noch 1,12 Millionen verkaufte Exemplare je Ausgabe, lag diese im 2. Quartal 2014 bei 756'659 Stück.

Dafür wurde die Marke mit Extra-Ausgaben, Editionen und Stern-Ablegern wie Neon, Nido und View gestärkt. Auch das Digitalangebot war unter Wichmann vorangebracht worden. (SDA)

 

Zu guter Letzt: Durch Bravo zur Kinderarmee

Wer hat als Teenager nicht zumindest zwischendurch mal im Jugendmagazin Bravo geschmökert? – und dabei ganz sicher nicht auf die Inserate geachtet. Neuerdings würden wohl viele Eltern ihren Kindern das Bravo wegnehmen – wegen der Inserate.

Oder zumindest wegen eines Inserates: Die Bundeswehr hat erneut im Jugend-Magazin des Bauer-Verlags geworben, obwohl ein solcher Auftritt bereits 2012 massiv auf Kritik stiess – speziell bei der Kinderrechtsorganisation «Das Deutsche Bündnis Kindersoldaten». Denn die Zielgruppe der aktuellen Militär-Werbemassnahme sind, wie Wuv.de schreibt, zwölf bis 17-Jährige. Im Mittelpunkt der Militär-Werbung für Minderjährige stehen sogenannte «Adventure Camps». Diese werden beworben mit Begriffen wie «Adventure», «cool», «Action», «Team-Challenge» und «Sport am Strand».

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(Bild: Bravo.de)

Eine ziemlich fragwürdige Kampagne. Ob die Macher da noch ruhig schlafen können? Und ob die Eltern von Teenagern da noch ruhig schlafen können? Auch wenn sie ihren Kindern das Bravo untersagen. Denn genau betrachtet ist nicht die Kampagne selbst, sondern vielmehr die beworbene Sache ein wenig grenzwertigt.

Als Gegenpol hat Terre des hommes Deutschland ein Video auf Youtube platziert:

//www.youtube.com/watch?v=ecJwUIf6RAE

In diesem Zusammenhang wäre ein radikales Werbeverbot doch sinnvoll. Oder nicht? Sollte Werbung für Jugendliche, welche deren psychische und physische Gesundheit gefährdet, eingeschränkt werden? Zum Schutz der Kinder, zum Schutz von Minderjährigen, die vielleicht noch nicht kritisch genug sind, um sich selbst zu schützen.

Zigaretten-Werbung, Alkohol-Werbung, Kleinkredit-Werbung – was die Zukunft von Jugendlichen gefährdet, ist normalerweise für diese nicht zugänglich. Sollte also nicht stattdessen die Frage im Raum stehen, ob die Rekrutierung von Minderjährigen zulässig ist? Das Problem bei der Wurzel angehen – ist ja klar, dass ein Werbesujet nicht die negativen Seiten der Bundeswehr darstellt.

Und dennoch hinterlässt das Inserat der Bundeswehr einen faden Nachgeschmack. (uma)

 

Der Macher

Wer sich selbst als Macher bezeichnet, muss erklären können, wieso. Bei einem wie Fredy Hämmerli aber ist keine Erläuterung nötig. Wer mit ihm spricht, spürt sofort, dass er nicht nur träumt, sondern anpackt und umsetzt. Mit Leidenschaft.

Fredy Hämmerli ist Journalist, aber auch Buchautor. Er war Chefredaktor und Programmleiter, aber auch Geschäftsführer, Inhaber und Sanierer. Heute ist er Verwaltungsratspräsident der Swisscontent AG, aber auch Publizistischer Leiter des Unternehmens. Und immer noch nimmt er die Tastatur gern selbst unter die Finger. «Journalismus ist meine Heimat, aber ich lenke auch gerne Geschäfte und stelle unternehmerische Weichen. Ich brauche beides», sagt er über sich selbst. Schreiben und Managen gehen bei Hämmerli Hand in Hand. Fredy Hämmerli wurde vor 62 Jahren in Zürich geboren. Nach seinem Studium und dem Besuch der Ringier-Journalistenschule startete er seine Karriere bei Roger Schawinskis «Tat». «Bei jeder Blattkritik hat Schawi klar und deutlich seine Meinung ausgedrückt», erinnert sich Hämmerli. «Er war sehr fordernd. Aber auch Urs P. Gasche, der damalige Ressorleiter Konsum, hat mich ordentlich an die Kandare genommen. Das war eine harte journalistische Schule, die mir sehr viel gebracht hat.» Es folgten Stationen bei der Bilanz, der Berner Zeitung, Cash, dem Bund, Tele Bärn, K-Tipp und Xproductions, zumeist in Führungspositionen. Bereits mit 32 Jahren wird Hämmerli zum Stellvertretenden Chefredaktor der Berner Zeitung berufen. «Das war nicht einfach, ich trug ja sozusagen noch journalistische Windeln und sollte eine der grössten Schweizer Tageszeitungen mit leiten », sagt Hämmerli. «Intuitiv habe ich wohl vieles richtig gemacht, aber manches auch falsch. Ich habe in dieser Zeit unsagbar viel gelernt.»

Pionierzeiten hautnah

1997 baut Hämmerli für Cash die Bundeshausredaktion auf, anschliessend für den Bund die Nachrichtenredaktion. Danach macht der Print-Mann einen Abstecher zum Fernsehen: Er baut den ersten Schweizer Privatsender Tele Bärn mit auf und wird dessen Programmleiter, er übernimmt die Redaktionsleitung von K-Tipp und baut eine Fernsehproduktionsfirma für den Privatsender TV3 mit auf. «Bei Tele Bärn ging es um die Installation des ersten Schweizer Privatsenders, bei TV3 übernahm ich eine Konsumentensendung und einen Daily Talk», erzählt Hämmerli. «Zu dieser Zeit gab es in der Schweiz kein Privatfernsehen, wir schielten nach Deutschland und versuchten, mit den primitivsten Mitteln Fernsehen zu machen, ohne Erfahrung und ohne Budget. Das war eine harte Zeit, aber mit ein bisschen Mut war es vor allem eine tolle Herausforderung. Denn das hatte vorher noch niemand gemacht.» Nie habe er sich für irgendeinen Posten bewerben müssen, sagt Hämmerli. «Ich wurde immer von jemandem, der mich und meine Arbeit kannte, gefragt, ob ich Lust hätte, den Job zu übernehmen. Man hat mir das offenbar zugetraut und allzu schlecht ist es dann ja auch nicht herausgekommen. » Fredy Hämmerli: ein Macher.

Gespür für Stoffe

Journalistisch fällt Hämmerli immer wieder durch investigative Recherchen auf: 1979 findet er heraus, dass in der Schweiz Hunderte von Vermögensmillionären leben, die keine Einkommenssteuern zahlen. Der folgende Medienrummel führt zur Verschärfung kantonaler Steuergesetze. 1981 enthüllt er, dass Nationalrat Christoph Blocher unbemerkt die Aktien der Oswald-Holding aufgekauft hat, die die Mehrheit am Kunststoffkonzern Ems-Chemie beherrscht. Und 2009 legt er offen, dass die UBS ihr Flaggschiff, einen Immobilienfonds mit Geschäftsliegenschaften im Wert von 10 Milliarden Dollar, liquidieren muss. Betroffen sind über 100 000 vermögende UBS-Privatkunden. «Klar gehört auch Glück dazu, so etwas herauszufinden », sagt der Journalist. «Dennoch ist es kein Zufall, dass ich darauf gestossen bin. Ich habe mit Hartnäckigkeit und Biss recherchiert. Und Fragen gestellt, wo andere keine gestellt haben.» Hämmerli ist ein Journalist alter Schule: Saubere Recherche sowie faire und glaubwürdige Berichterstattung sind ihm ein hohes Gut: «Das grösste Kompliment hat mir mal ein Unternehmer gemacht, der meinte, er wäre froh gewesen, wenn der Artikel, den ich über sein Unternehmen verfasst hatte, nie erschienen wäre. Aber wenigstens sei er super recherchiert und fair geschrieben. Diesem Anspruch versuche ich mit meiner Arbeit gerecht zu werden.» Schon als Bub wollte Hämmerli Journalist werden und diese Wahl hat er nie ernsthaft infrage gestellt: «Es ist mein Beruf, meine Berufung. Ich muss nicht ausschliesslich journalistisch tätig sein, aber ich will auch journalistisch tätig sein. Etwas anderes käme für mich nicht infrage – ausser vielleicht im nächsten Leben: Da würde ich gerne Astronom werden.»

Unternehmertum im Blut

Seit 2001 ist Hämmerlis Name eng mit dem Content-Dienstleister Swisscontent verbunden. «Als TV3 eingestellt wurde, fragte mich Bendicht Luginbühl, der damalige Geschäftsführer von Swisscontent, ob ich nicht die Chefredaktion von Swisscontent übernehmen wolle», erzählt Hämmerli. Swisscontent ist zu dieser Zeit die erste Internetagentur der Schweiz und produziert mit 80 Mitarbeitern Texte, Videos und Audios für Online. Eine tolle Idee – die aber zu früh kommt: Wegen der mangelnden technischen Ausrüstung der Nutzer können diese sich allenfalls Ruckelbilder im Stile von Blair Witch Project anschauen. Andere hätten dankend abgelehnt, Hämmerli greift zu. Nach einem Jahr übernimmt er zusätzlich zur Chefredaktion die Geschäftsleitung von Swisscontent, 2003 kauft er das komplette Unternehmen. «Für jemanden, der so unternehmerisch geprägt ist wie ich, hat es überraschend lange gedauert, bis ich endlich meine eigene Firma hatte», staunt Hämmerli selbst. «Doch vorher haben mir wohl der Mut und vor allem die finanziellen Mittel gefehlt, um selber ein Unternehmen zu gründen. » Nun ist die Chance da. «Die Übernahme war sicher sehr risikoreich, denn Swisscontent war tief in den roten Zahlen. Es war klar, dass es ein neues Geschäftsmodell braucht: zurück zu Print, Ausweitung auf Corporate-Publishing, Personalabbau.» Binnen weniger Monate saniert Hämmerli Swisscontent.

Er entlässt die Hälfte der Mitarbeiter und räumt den Themenbauchladen auf: Statt weiter ein Inhalts-Potpourri anzubieten, fokussiert er die Themen auf Wirtschaft, Finanzen, Immobilien und Gesundheit – die Bereiche, in denen er sich selbst auskennt. «Ich denke, das hat uns gerettet. Viele andere Agenturen, die mit dem gleichen Geschäftsmodell wie wir angetreten sind, gibt es längst nicht mehr.» Heute beschäftigt Swisscontent 40 Journalisten, Layouter, Übersetzer, Projektleiter, Berater sowie Multimediaund App-Spezialisten, die Medien wie 20 Minuten, die NZZ am Sonntag, die SonntagsZeitung oder K‑Geld regelmässig mit journalistischen Inhalten versorgen; auch diverse Corporate-Publishing-Produkte von illusteren Kunden wie UBS, Zurich, Galenica/ Amavita, Franke, C-Level Media oder Medela werden mit Swisscontent-Fachartikeln gespeist. Einige Medien wurden sogar komplett von Swisscontent entwickelt. Den Inhalte-Dienstleister übernommen und in die Gewinnzone geführt zu haben, verbucht Hämmerli als seinen grössten beruflichen Erfolg.

Content is King

Seit 2007 beteiligt sich Daniel Kaczynski schrittweise als Partner an Swisscontent und übernimmt immer mehr operative Führungsaufgaben. 2013, nach zehn Jahren als Inhaber, übergibt Hämmerli seine letzten Anteile an Daniel Kaczynski, der inzwischen die Geschäftsführung übernommen hat. Er selbst bleibt Verwaltungsratspräsident und Publizistischer Leiter des Inhalte-Anbieters. «Das ist eine tolle Kombination von Tätigkeiten», betont Hämmerli. «Einerseits kann ich als VR-Präsident strategisch arbeiten, habe Verantwortung für Finanzen und Personal und kann so die mittel- und langfristige Entwicklung von Swisscontent mit lenken. Andererseits kann ich als Publizistischer Leiter weiterhin zu etwa einem Viertel redaktionell arbeiten. Es ist mir wichtig, selber zu schreiben, denn ich erlaube mir, an Texten Kritik zu üben, und ich möchte mich deshalb auch der Kritik anderer aussetzen. Das kann ich nur mit eigenen Artikeln. Auch unsere Kunden sollen sehen: Der kann das. Unseren Mitarbeitern möchte ich meine journalistischen Werte – saubere Recherche, Glaubwürdigkeit, Fairness – weitergeben. Und ich versuche, ihnen zu vermitteln, dass es Mut und eine Portion Selbstsicherheit braucht, um ein guter Journalist zu sein. Man muss seine Sache vertreten.»

Rückzug auf Raten

Mit der Übergabe der Inhaberschaft an Daniel Kaczynski bereitet Hämmerli allmählich seinen Rückzug von Swisscontent vor. Seit Jahresbeginn arbeitet er nur noch 60 Prozent und nutzt die freie Zeit zum Reisen, Wandern, Skifahren, Golfen und Lesen. «Ich geniesse es sehr, mehr Raum für Privates zu haben», gesteht Hämmerli. «Dennoch arbeite ich täglich für Swisscontent.» Einer wie Hämmerli ist eben immer zu 100 Prozent dabei – wenigstens mit dem Herzen. Von Pensionierung will er deshalb auch nichts hören. «Wie lange die 60-Prozent- Regelung gilt, haben wir offen gelassen. Mit 65 einfach den Stift fallen zu lassen, kann ich mir nicht vorstellen. Ich arbeite einfach zu gern», betont Hämmerli. Eher sinnt er über weitere Projekte nach, vielleicht das achte Buch, vielleicht ein Beratungsmandat für ein Unternehmen, das in der Krise steckt. Beraten allein würde ihn allerdings nicht befriedigen, mitarbeiten und das Unternehmen wieder auf Kurs bringen, das wäre seine Sache. Fredy Hämmerli: ein Macher eben.

Anne-Friederike Heinrich

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Fredy Hämmerli ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. In seiner Freizeit hält er sich gern draussen auf, zum Beispiel (wie auf dem Foto) am Zürichsee, oder er geht wandern, Ski fahren oder golfen. Als Hobbyastronom wagt er auch gerne mal einen Blick in die Sterne – allerdings nur durch das Teleskop, nicht durch die Kugel. Hämmerli träumt davon, einmal ein altes Gebäude ganz nach seinen Vorstellungen zu sanieren.
 

Screen-up 2014: Anmeldung ab sofort möglich

Bereits zum 15. Mal veranstalten die TV-Vermarkter Publisuisse SA und Goldbach Media (Switzerland) gemeinsam die Screen-up. Der Schweizer TV-Tag findet am 18. September 2014 im Zürcher Kaufleuten statt.

Die jährlich von der Publisuisse SA und Goldbach Media (Switzerland) durchgeführte Screen-up ist der einzige Schweizer Branchenanlass für audiovisuelle, elektronische Medien und bietet einen Ausblick in die Zukunft des Schweizer Fernsehmarkts. In diesem Jahr präsentieren wiederum die SRG SSR, die Mediengruppe RTL, die SevenOne Media sowie die 3 Plus Group ihre neuen Formate und Senderstrategien.

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Die Screen-up beginnt um 14.00 Uhr mit einer Begrüssung der Veranstalter bevor pünktlich um 14.15 Uhr die spektakulären Sender-Screenings starten und zeigen, welche Formate und Sendegesichter im kommenden Jahr Emotionen auslösen, Begeisterung wecken und für viel Gesprächsstoff sorgen werden. Nach so viel audiovisueller Unterhaltung folgt im Anschluss ein gemeinsamer Apéro mit Steh-Dinner, bevor der TV-Tag um 21.00 Uhr mit der bereits legendären MTV screen-up Party in die heisse Phase übergeht.

Anmeldungen für die Screen-up vom 18. September 2014 im Zürcher Kaufleuten
 

Print: kein Platz für l’art pour l’art

Abverkäufe gehören zum Wirkungsversprechen der Printmedien. Darum setzen Werbetreibende und Agenturen für Werbeziele, die Verkäufe beinhalten, am besten auf die Tages- und Wochenpresse.

Grossverteiler und Inserenten von Schweinebauch- Anzeigen wissen, warum. Als Schweinebauch- Anzeigen bezeichnet die Branche die verkaufsorientierte Printwerbung mit konkreten Preisangaben. Sie stellen das klassische Beispiel von verkaufsorientierter Werbung dar. Kein Platz für l‘art pour l’art. Hier gehts knallhart um Abverkäufe. Solche Anzeigen gewinnen zwar weder ADC-Würfel noch Schönheitspreise, wecken bei den Kunden aber überdurchschnittliche Begehrlichkeiten. So halten laut einer BAV-Studie der Bayrischen Akademie für Werbung und Kommunikation 68 Prozent der Befragten eine Anzeige mit Preisangabe für glaubwürdig, und 45 Prozent bestätigen, dass Werbung mit Preisangaben ihren Kaufentscheid beeinflusst. Im Gegensatz zu den Produkt- und Imagekampagnen machen Schweinebauch-Anzeigen auch keine Sommerpause. Sie erscheinen während 52 Wochen. Natürlich gibt es doppelseitige Panorama-Inserate mit Image-Zielsetzungen. Und mehrseitige Anzeigenstrassen mit dem Ziel, die Bekanntheit von 0 auf 100 zu steigern. Auch das funktioniert. Doch die Kernkompetenz der Werbewirkungs-Hierarchie der Presse liegt ganz wo anders: beim Abverkauf und bei der Aktualisierung. Immer wenn es darum geht, mit verkaufsorientierter Werbung rasch Aktionen auszulösen, zeigen sich die Printmedien von ihrer wirkungsvollsten Seite. Mediaspezialisten sprechen dann oft von der so genannten Recency-Strategie. Diese hat zum Ziel, den Konsumenten genau dann anzusprechen, wenn Einkäufe anstehen. Die Wirkungsweise der gedruckten Presse, die regelmässige Nutzung und die Glaubwürdigkeit des Mediums machen die Printmedien zum bevorzugten Beeinflusser für den Einkaufszettel.

Im Rahmen der Ad-hoc-Studie «Mediagattungs- Entscheid» der WEMF für den Mediaforschungstag 2012 wurden 179 Werbeauftraggeber und Werbeund Media-Agenturen zum Gattungsentscheid befragt. Neben der Erfassung von zahlreichen Ent scheidungsgrundlagen, die den Mediagattungs-Entscheid beeinflussen, gaben die Befragten auch darüber Auskunft, welche Mediagattungen für welche Werbeziele besonders geeignet sind. Dabei zeigte sich, dass die einzelnen Mediagattungen differenzierte Voraussetzungen zur Erreichung von ganz bestimmten Werbezielen bieten (siehe Tabelle). Für Werbeziele, die Abverkäufe beinhalten, setzen 62 Prozent der Befragten in erster Linie auf die Tagesund Wochenpresse, gefolgt von den Online-Medien. Während das Fernsehen eher für Image und Bekanntheit priorisiert wird, liegen die Stärken der Printmedien bei den Werbezielen wie Abverkäufe, Aktualisierung sowie Informations- und Wissensvermittlung. Im Fall der Zeitschriften ebenso bei Image-Zielsetzungen. Die Studie zeigt auch, dass die Befragten die Online-Medien mitten in den klassischen Medien positionieren. Die vollständigen Studienergebnisse «Mediagattungs-Entscheid» wurden in einem vom Verband Schweizer Medien und der WEMF erstellten Dossier zusammengefasst und sind bei den Herausgebern erhältlich.

Otto Meier

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18. Schweizerischer Medienforschungstag Mittwoch, 24. September 2014

Wie ticken die Medianutzer aktuell und wie werden sie sich verändern? Nutzer mit Profil – entwischt oder im Griff? Zu diesem Thema lädt die WEMF AG für Werbemedienforschung im Rahmen des Schweizerischen Medienforschungstages 2014 in den Kursaal nach Bern. Mehr Informationen und die Möglichkeit zur kostenlosen Anmeldung finden Sie unter www.wemf.ch

Aufgespiesst: Zwischen Like und Leistung

Anne-Friederike Heinrich, Redaktorin der Werbewoche, über die Medienstars von heute.

Der traurige Komiker Robin Williams ist tot. Das ist zum Heulen. Und macht den Weg frei für andere Medienstars – solche ohne Ausbildung und ohne Grips, dafür aber mit einem fast unnatürlichen Hang zur Selbstüberschätzung und Selbstinszenierung. Solche, die uns nicht zum Lachen bringen, sondern die sich lächerlich machen, so lächerlich, dass sie fast schon wieder cool sind; bei denen man nicht dahinterkommt, ob sie nicht realisieren, wie dumm und peinlich sie sind, oder ob sie bewusst dumm und peinlich tun, um sich besser vermarkten zu können. Sich gut verkaufen ist alles. Nur wozu bloss? Und wem?

Wir mit wichtigen Nachrichten überfrachteten Menschen von heute machen nichts lieber, als uns über Unwichtiges zu amüsieren. Wir können nicht vor all den harten Informationen weglaufen, mit denen wir von jeder Seite bombardiert werden. Darum schauen wir bewusst woanders hin. Dahin, wo es bunt, schrill und lustig ist, statt staubig, blutig und zerbombt. «Bauer ledig sucht» statt «Tagesthemen ».

Blubbern par excellence

Drei Stars dieser Tage sind deshalb – hello again – unser aller Vujo Gavric, Ex-Bachelor, Sonnenuntergangs- Poet und Frauenliebhaber, der sich, weil es um ihn unerklärlicherweise ein wenig still geworden ist, alle Kleider vom Leib reisst und ein Nacktfoto von sich, einer Dame und seinem besten (?) Stück postet. Und schwupps ist er wieder in den Medien, sogar in der Werbewoche. Als dümmster und zugleich bester Selbstvermarkter vor dem Herrn. Gratulation! Der zweite Medienstar ist eine Bundeshaus- Sekretärin, die ich nicht näher erwähnen will, da sie eh schon alle kennen. Der dritte Star ist klein, dick, rothaarig und mit seinen fünf Jahren bereits ein grandioser Schwätzer. Pumuckl? Nein, er heisst Noah Ritter und ist seit vergangenem Montag die Sensation für das amerikanische TV-Publikum. Und bald auch wohl für uns. Das Bürschchen griff nach dem Mikrofon und übernahm spontan die Regie, als ihn eine Nachrichten-Reporterin von WNEP-TV, einer TV-Station aus Pennsylvania, auf einem Jahrmarkt interviewen wollte (http://bit.ly/1qQIOIH). Er quasselt irgendetwas daher, das noch uninteressanter ist als das Wetter, und begeistert damit die Zuschauer. Das YouTube-Video wurde, Stand Mittwoch, bereits über 12,5 Millionen Mal aufgerufen. Das ist zweieinhalbmal die Schweizer Bevölkerung! Was weniger über das babbelnde Blag aussagt als über die elenden Erwachsenen, die das unterhaltsam finden. Zu allem Überfluss: Noahs Lieblingswort ist «apparently». Er verwendet es in jedem Satz – und trifft damit «anscheinend» den Nerv der Zeit. Denn alles ist heute «anscheinend», nichts gesichert. Ausser Blabla.

Um heute bekannt zu werden, braucht man nicht mehr Talent, Ideen, einen scharfen Geist oder guten Humor. Man benötigt nur ein Handy, knipst ein Selfie und schon füllt man das Sommerloch. Gefahr droht nur, wenn man beim Selfie-Machen auf der Klippe zu weit nach hinten tritt, vor ein Tram rennt oder in einen Gullyschacht stürzt. Aber Hauptsache, Friends und Follower habens gesehen. Freunde? Robin Williams hätte welche gebraucht, Menschen, die hinschauen, über ihn und mit ihm reden. Aber wir haben vorbeigezappt an den wirklichen News, zugunsten von Haut und Dummgeschwätz. Ist ja auch viel lustiger. Doch ob ich das gut finde, weiss ich nicht so genau.
 

Zur Sache: Sommertheater

Nach 14-täglicher (Schweizer) Medienabstinenz entdeckte ich letzten Mittwoch bei meiner morgendlichen Zeitungslektüre – zuhause, aber immer noch in den Ferien – einen ungewohnten Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung.

Auf Seite 10 prangte ein rund viertelseitiger Artikel mit dem für die NZZ doch eher saftigen Titel «Nackt-Selfies aus dem Bundeshaus ». Um dem anrüchigen Titel die Schärfe wieder zu nehmen, verhiess dann der Untertitel aber dann eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema: «Offene Fragen zum Verhaltenskodex von Angestellten.» Ich dachte mir noch, was soll dieses Thema in der NZZ, als bereits schon der erste Tweet auftauchte, den ich leider nur sinngemäss zitieren kann: Heute geht in vielen Medienhäusern viel Recherchezeit verloren. Recht hatte der Zwitscherer.

Was dann geschah, war zu erwarten. Blick und 20 Minuten nahmen das Thema sofort auf. Sicherlich innerlich zutiefst getroffen, dass sie das Thema verpassten – oder die Dame nicht auf dem Radar hatten. Das Problem war, dass es bis jetzt noch gar keine Bilder gab. Oder aber der NZZ-Journi hielt diese wohlweislich unter Verschluss, zutiefst erschrocken über den eigenen Mut, einen solchen Artikel geschrieben und damit ein solches Echo ausgelöst zu haben. Das Gezwitscher – mittlerweile mit dem Hashtag Selfiegate – wurde immer lauter. Zu den bekannten Journi-Twitterern gesellten sich zugewandte Orte und viele Leute, die scheinbar unendlich viel Zeit zu haben scheinen. Die Jagd nach den Bildern war dann auch in kurzer Zeit erfolgreich. Schwarmgeilheit nennt man das. Oder Mathematik, immerhin hatte die freizügige Bundeshaus-Angestellte gemäss investigativen NZZ-Recherchen mehr als 11'000 Nutzer, die ihr folgten, da ist die Wahrscheinlichkeit, dass irgend jemand aus dem eigenen Twittererkreis die Dame kennt, doch ziemlich hoch.

Die einzelnen Artikel wurden laufend aktualisiert, Fotostrecken erstellt und erste Experten und Politiker zur Sache befragt. Viele nahmen es locker und mochten nicht die Moralkeule schwingen, einige machten sogar Witze darüber. Andere wiederum waren empört und sahen die Würde des Bundeshauses in Gefahr. Wiederum andere befassten sich mit den rechtlichen Konsequenzen. In den Online-Kommentarspalten dann sehr viele Kommentare, doch die Empörung hielt sich eher in Grenzen. Und so ging es dann die folgenden Tage weiter. Man berichtete über die Freistellung der Dame, die Empörung wurde so neu alimentiert und die gleichen Bilder wieder angeklickt. Sandro Brotz meinte: «Man würde nur zu gerne lesen, was @sarsarsar zum Sommertheäterchen um #Selfiegate meint. Leider oder zum Glück für ihn war sarsar halt in den Ferien.» Ein Beitrag zur Qualitätsdiskussion.

Pierre C. Meier, Chefredaktor

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