Die Bürgerjournalisten
Über die Kommentarfunktion kommen auf den grossen Schweizer Newsportalen nicht nur die Journalisten, sondern auch die Bürger zu Wort – und erreichen mit ihren Themen und Meinungen ein immenses Publikum. Die Werbewoche hat drei der fleissigsten Online-Kommentierer von Tagesanzeiger.ch getroffen.
Jemanden zu finden, der aus seinem Alltag als Online-Kommentierer berichten möchte, war gar nicht so einfach. Trotz unverkennbarem Mitteilungsbedürfnis verstecken sich die meisten lieber in den anonymen Tiefen des Netzes. Duzende liessen die Interviewanfrage unbeantwortet, doch eine Handvoll hat sich schliesslich bereit erklärt, Rede und Antwort zu stehen. In den Gesprächen mit ihnen zeigt sich die menschliche Vielfalt hinter dem digitalen Schlachtenlärm.
Der Gezeichnete
Wenn man die Kommentare auf Tagesanzeiger.ch überfliegt, könnte man meinen, die Unzufriedenheit in der Schweizer Bevölkerung sei gross. Armin Arnold ist einer von diesen Online-Kommentierern, die reihum gegen alles wettern. Es kann vorkommen, dass er in einem Post die Abzocke der Krankenkassen anprangert und im nächsten dem Lebensstil der Versicherten die Schuld daran gibt, dass die Prämien laufend steigen. Von der erwarteten negativen Haltung ist im Gespräch mit dem gemütlichen Berner aber überraschend wenig spürbar. «Ich kann ja nicht ewig weit ausholen. Ich kritisiere, weil ich mich auf das Wesentliche beschränke», rechtfertigt er sich.

Arnolds Antwort auf die Frage nach seiner Motivation kommt wie aus der Pistole geschossen. Er will sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen: für die Arbeitslosen, die Kranken, die Alten und alle anderen, die er vom System benachteiligt sieht. Einfühlen könne er sich, weil bei ihm selber «nicht immer alles wie am Schnürchen» gelaufen sei. Von vielen Themen, über die er schreibt, ist er offensichtlich persönlich betroffen. Als Kind erlitt er eine Hirnblutung wegen Sauerstoffmangel. Nach 33 Jahren Berufstätigkeit verlor er seine Stelle und war lange arbeitslos. 2000 erlitt er einen schweren Skiunfall und ist seitdem gehbehindert. Er erzählt von einem jahrelangen Kampf, bis er von der Suva eine Rente bekam. Heute arbeitet Arnold in einem Teilzeitpensum bei der Bundesverwaltung in der Logistik und fühlt sich wenig gefordert in seinem beruflichen Alltag. Er will sich aber vehement nicht auf das persönliche Schicksal reduzieren lassen. Auch in seinen Posts findet sich kein Hinweis auf seine Lebensgeschichte. Er spricht lieber von einem «Helferinstinkt». Mit seinen allgemein- politisch formulierten Kommentaren macht er aus dem persönlichen Schicksal einen Kampf für eine gerechtere Gesellschaft.
Arnold beschreibt sich selber als «hartnäckig, aber herzhaft». Man könnte wahrscheinlich ausgiebig mit ihm diskutieren. Aber wenn man es sein lässt, ist er ein charmanter Gesprächspartner. Sein Einsatz beschränkt sich auch nicht auf das digitale Schimpfen. Nach seinem Skiunfall verkaufte er für die Behinderten-Selbsthilfeorganisation Procap Schoggiherzen und sei «schweizweit der beste Verkäufer » gewesen, erzählt Arnold mehrmals – und man glaubt es ihm. Der Online-Kommentierer ist zudem engagierter Leserbriefschreiber. Seine Briefe füllen mehrere Ordner. Von der Wirkung auf den Meinungsbildungsprozess ist Arnold überzeugt. Sie scheint für ihn aber nicht im Vordergrund zu stehen. Wichtiger ist ihm der persönliche Einsatz, dass er sich äussern und sich auch für andere einsetzen kann. Etwa eine halbe Stunde widmet er dieser Beschäftigung täglich. Über seine Posts und Leserbriefe denkt Arnold nicht lange nach – er schreibt, wenn er bewegt ist.
Der Politiker
Gelegentlich stösst man in den Newsnet-Foren auf die Namen von Politikern, die dort ebenfalls mitdiskutieren. Auf die Interviewanfrage der Werbewoche melden sich gleich mehrere. Ruedi Lais, Zürcher SP-Kantonsrat, ist einer von ihnen. Politiker seien in den Foren sogar häufiger vertreten als man denkt, erzählt er. Einige würden unter einem Pseudonym schreiben. Er erkennt sie zum Beispiel daran, dass sie Informationen aus Kantonsratsdebatten ins Forum einbringen. Richtig um sich gegriffen habe die politische Instrumentalisierung der Kommentarspalten in der Schweiz aber nicht, winkt Lais ab.

Er kommentiert im Forum «seit es die Möglichkeit dazu gibt». Rund eine Stunde pro Woche investiert der Kantonsrat in diese digitalen Bürgergespräche und ist präsent auf den Newsportalen von Blick, NZZ und Tages-Anzeiger. Eine bestimmte Strategie verfolge er nicht, die Kommentare seien rein reaktiv. Als Politiker versuche er aber bewusst, für die Öffentlichkeit sichtbar zu sein. Sein Hauptanliegen ist es, Fakten einzubringen. Die meisten Posts verfasst er spontan zu Artikeln im Themenbereich seiner politischen Schwerpunkte, über die er bereits über fundiertes Wissen verfügt. Lais spricht von einem «garstigen Umfeld». Äusserst selten entstehe ein Dialog auf der Basis von gesicherten Fakten. «Meine Haltung ist im Forum eine Minderheitenposition. Viele Ansichten sind in meinen Augen rechtsextrem.» Dennoch befürwortet er solche Ventile für aufgebrachte Bürger. «Das ist besser, als wenn sie ein Asylantenheim anzünden», meint Lais pragmatisch. Nicht zuletzt lerne er dadurch die politischen Argumente der Gegenpartei und deren Wirkungsweise kennen.
Ebenso harsch fällt sein Urteil aus, wenn er auf die Qualität der Medien zu sprechen kommt. Eine fundierte politische Tagespresse gäbe es in der Schweiz nicht mehr, den Journalisten fehle die Zeit dafür. Oft stelle er fest, dass Journalisten für ihre schlecht recherchieren Artikel später die Korrekturen von Online-Kommentierern übernähmen. «Was ich im Forum mache, wäre eigentlich die Aufgabe der Journalisten.» Den Tages-Anzeiger abonniert Lais seit längerem nicht mehr. «Wenn ich mich irgendwann aus der Politik zurückziehe, werde ich mich auch vom Forum verabschieden. Meine Lebenszeit ist mir zu schade dafür», stellt Lais klar.
Der Lernende
Der Luzerner Schmuckdesigner Reinhard Gremli interessiert sich nicht für Tagespolitik. Er sucht den fachlichen Austausch fernab der politischen Polemik. Im Sekten-Blog von Hugo Stamm agiert er unter dem Namen Rabbi Jussuf, glaubt aber «eigentlich an nichts». Religion fasziniere ihn dennoch als menschliches und gesellschaftliches Phänomen seit seiner Jugend – ohne dass er je die Gelegenheit hatte, dieser Leidenschaft beruflich oder im Rahmen eines Studiums nachzugehen. Der 55-Jährige arbeitet selbstständig in seinem Schmuckatelier und schreibt oft «auf Kosten der Arbeit». Als spora discher Leser des Hugo-Stamm-Blogs sei er einst über einen so unglaublich dummen Kommentar gestolpert, dass er darauf habe reagieren müssen. Aus dem spontanen Versuch, mit fundierten Argumenten zu korrigieren, wurde ein beständiges Hobby. «Ich investiere relativ viel Zeit in meine Beiträge. Denn beim Schreiben tauchen für mich immer neue Fragen auf, denen ich nachgehe. Das ist das Spannende daran. Ich lerne ausserdem nicht nur inhaltlich Neues, sondern auch zu schreiben und zu argumentieren.»

Im Forum des Hugo- Stamm-Blogs können auch mal die Fetzen fliegen – oder über die Jahre so etwas wie Beziehungen entstehen. Über andere Teilnehmer spricht der nicht gläubige Rabbi wie über alte Bekannte. «Ich habe auch nur Lust, zu diskutieren, wenn ich mir auf der Basis des Geschriebenen ein Bild von der Person machen kann.» Eine seiner treuesten Gesprächspartnerinnen ist Khadijah Raaber aus Riad. Die gläubige Muslimin mit dem Pseudonym um musad wuchs in einer christlichen Schweizer Familie auf und wanderte vor über 20 Jahren «wegen einer grossen Liebe und einer Portion Neugier» nach Saudi-Arabien aus, wie sie in einer E‑Mail schreibt. Sie ist gelernte Papeteristin, heute jedoch als Hausfrau und Mutter tätig. Auch sie findet im Forum intellektuelle Anregungen. Mit Rabbi Jussuf tausche sie sich sehr gerne aus, weil er «von einem mehr oder weniger neutralen Standpunkt» aus beurteile. Die Suche nach Antworten beschäftigt sie oft den ganzen Tag lang – unterwegs im Auto, bei Hausarbeiten oder oft unter der Dusche kommen ihr dann plötzlich die Ideen. In grösseren zeitlichen Abständen organisiert jemand aus dem Forum ein Treffen. Um musad sei er leider noch nie begegnet – aber zahlreiche Teilnehmer der Community habe er bereits persönlich kennengelernt, erzählt Gremli. Manchmal sei er überrascht gewesen, wie angenehm diese Menschen seien. «Man lernt im Forum vor allem die sogenannten inneren Werte kennen. Weil die nonverbale Kommunikation ausgeschaltet ist, nimmt man Gefühle kaum wahr und reduziert das Gegenüber auf den Inhalt. Dadurch ist man härter und sturer – aber auch gedanklich klarer.»
Simone Isliker







