Fünftausend Jahre Kulturgeschichte schliessen sich: Eines der ältesten Schriftsysteme der Menschheit, die ägyptischen Hieroglyphen, funktionierte anfänglich als reine Bilderschrift. Und wieder sind wir soweit: Am 16. Juni 2014 hat das Unicode Consortium die Version 7.0 des Unicode-Standards angekündigt, mit dem der einheitliche Gebrauch von Schriftzeichen auf allen Computern ermöglicht wird. Darin sind neben über 110 000 Schriftzeichen aus aller Herren Länder und aus allen Zeiten auch einige hundert Piktogramme enthalten, die nun um rund 250 Zeichen erweitert werden –darunter auf Position U+1F595 auch «Reversed Hand With Middle Finger Extended», womit nichts anderes als ein Symbol für den Stinkefinger gemeint ist, das nun künftig auch per Tastatur eingesetzt werden kann.
Diese Symbole werden als Emoji bezeichnet und stammen ursprünglich aus Japan. Dort hatte der führende Mobiltelefonanbieter NTT DoCoMo in den 1990er-Jahren ein Set von 172 Piktogrammen entworfen, das auf seiner iMode-Plattform genutzt werden konnte. Japaner und Japanerinnen fanden das ganz toll, und alsbald zogen die übrigen Mobilfunkanbieter nach und kreierten ihre eigenen Emoji- Symbole. Allerdings waren die verschiedenen Emoji-Sets untereinander nicht vollständig kompatibel, und ausserhalb von Japan funktionierten sie schon gar nicht. Das Problem wurde gelöst, als im Jahr 2010 einige hundert Emoji-Zeichen in den Unicode-Standard 6.0 aufgenommen wurden und somit überall eingesetzt werden konnten, sofern auf dem Computer, Tablet oder Smartphone ein entsprechender Zeichensatz installiert ist.
In deutscher Sprache noch kaum anzutreffen
Und genutzt werden sie immer öfter: nicht nur in Fernost, wo der Umgang mit sinnbildlichen Schriftzeichen kulturell verankert ist, und nicht nur auf Mobiltelefonen. Gerade in Social Media und in Messaging- Diensten wie WhatsApp sind Emojis zunehmend anzutreffen, weil damit schnell und in aller Kürze Botschaften übermittelt werden können, was gerade auf Twitter mit seiner Beschränkung auf 140 Zeichen ein Vorteil sein kann. Wer sich dem Emoji- Phänomen annähern möchte, sei ein Besuch bei Emojitracker.com empfohlen. Hier kann der Einsatz von Emoji auf Twitter in Echtzeit verfolgt werden, wobei die verschiedenen Zeichen nach Häufigkeit gelistet sind. An der Spitze steht nicht das Smiley, sondern – auch nicht erstaunlich – ein rotes Herz. Die Entdeckungsreise geht weiter, wenn einzelne Symbole angeklickt werden, womit in Echtzeit die Tweets angezeigt werden, die das jeweilige Zeichen enthalten. Bald wird klar, dass die Anwendung von Emojis von fehlenden Regeln zur Grammatik und Syntax begleitet ist. In dieser Mehrdeutigkeit liegt denn auch der Charme und Spass beim Emoji-Einsatz. Wer sich länger mit den einzelnen Symbolen befasst, wird gewahr, dass einige, wie etwa der Pfirsich, die Erdbeere oder die Aubergine Zusatzbedeutungen aus dem Bereich der menschlichen Anatomie erfahren haben. Diese zwangsläufige semantische Flexibilität führt in Gruppen oft zu Ad-hoc- Regeln, etwa wenn Arbeitskollegen oder Schülerinnen sich auf ein bestimmtes (Gesichts-)Symbol zur Bezeichnung des Chefs oder einer Lehrerin einigen. Und beim Erkunden von Emojis auf Twitter wird auch klar: Es gibt kaum deutschsprachige Tweets, in denen sie vorkommen.
Vielen Zeitgenossen bereitet es Mühe, emotionale Botschaften schriftlich auszudrücken, und so werden Emojis (nicht nur von Teenagern) verwendet, um Texte damit anzureichern. Doch es kann auch ausschliesslich mit Emojis kommuniziert werden. Obwohl diese Form der Ausdrucksweise (soweit es unsere Neuzeit betrifft) noch in den Kinderschuhen steckt, hat sie mit «Emoji Dick» bereits ein Meisterwerk hervorgebracht. Der Amerikaner Fred Benenson hat den 900 Seiten schweren Roman «Moby Dick» von Herman Melville in ein Emoji-Monumentalwerk übersetzt, das immerhin in den Katalog der Library of Congress aufgenommen wurde. Entstanden ist es zuerst mit einer Ausschreibung auf Kickstarter, der grössten Crowdfunding-Plattform für kreative Projekte. Dank 83 Spendern kamen 3676 Dollar zusammen, die eingesetzt wurden, um eine Armee von 800 Übersetzern (über Amazons Mechanical Turk) zu beschäftigen. Einzelne Abschnitte wurden mehrfach übersetzt und anschliessend die beste Variante ausgewählt. Damit Werbewoche-Leser die eigene Emoji-Kompetenz abschätzen und erweitern können, haben wir die ersten Abschnitte zusammen mit der deutschen Übersetzung aufbereitet:
Von der Werbung bis zum Kundendienst
Bereits gibt es erste Beispiele von Werbekampagnen, die ausschliesslich mit Emojis gestaltet wurden. So hat etwa Unilever mit seiner AXE-Marke, die mit Kosmetikproduktion auf ein jüngeres männliches Publikum ausgerichtet ist, Emojis benutzt, um bei Millenials die Botschaft unterzubringen, dass es tragisch enden kann, wenn am Steuer SMS geschrieben werden.
Und die amerikanische Tierschutzorganisation PeTA, People for the Ethical Treatment of Animals, die verschiedentlich mit kontroversen Kampagnen aufgefallen ist, hat animierte Videospots einzig mit Emojis gestaltet.
Im Kundendienst sollen Mitteilungen an Kunden, die mit Emojis begleitet sind, dazu beitragen, die mitunter emotional aufgeheizte Situation zu entspannen. Hier ein Beispiel, wie derartige Kommunikationen darherkommen könnte:
So erstaunt es denn nicht, dass Soziale Netzwerke aufkommen, in denen nur mit Emojis kommuniziert werden kann. Makemoji hat immerhin eine Million Dollar Start-up-Kapital ergattern können und ist seit kurzem im Apple App Store verfügbar. Damit können neue, eigene Emojis erstellt und mit anderen Benutzern auch auf Facebook, Twitter oder Instagram geteilt werden. Derweil fokussieren die beiden Briten Matt Gray and Tom Scott mit ihrem Projekt Emoji.li auf die offiziellen Unicode-Symbole. Hier eine Beispiel-Konversation, wie sie sich die beiden Initianten vorstellen:
Übersetzung: «Autsch!» «Oh nein! Was ist los?» «Ich bin viel geschwommen und habe jetzt Muskelkater.» «Oh je. Das tut mir leid.» «Danke!»
Es wird klar: Auch wenn gerade ältere Semester das zunehmend infantile Verhalten Erwachsener und den Verlust der präzisen und nuancierten Ausdrucksweise beklagen: Emojis sind gekommen, um zu bleiben. Im digitalen Zeitalter erscheinen sie als neue Form der schriftlichen Kommunikation, frei von Syntax und grammatikalischen Regen, dafür offen in der Ausdeutung. Und möglicherweise gewinnen Worte an Bedeutung, wenn sie mit Emojis ergänzt werden.
Christoph J. Walther