Ein neues Medium wird langsam aber garantiert populär: Videobooks. Am 28. August ist der Dokumentarfilm «Carl Lutz – Der vergessene Held» über den Kanal von SRF 1 ausgestrahlt worden. Am gleichen Tag wurde auch das ergänzende Videobook auf der Website von SRF und über die App Stores zum Download angeboten. Dieses Videobook ist «kein Second Screen», sondern ein eigenständiges Format, welches nach dem Dokufilm noch einmal eine ganz neue Dimension des Umgangs mit einem Stoff möglich macht.
Ein Videobook ist die Plattform für transmediales Storytelling. Dieses bedient mehrere Ebenen, ein ganzes Universum, das man rund um eine Geschichte herum bauen kann. «Wir können Elemente bearbeiten mit Inhalten, die im Film gar nicht erzählt werden können. Vielleicht musste eine Szene aus dramaturgischen Gründen gestrichen werden. Diese kann dann im Videobook im passenden Kästchen wieder eingebaut werden. Wir können im Book auch weitere Inhalte anders aufnehmen, integrieren und vertiefen», erklären Patrick Müller und Robin Burgauer das Konzept.
Die beiden wirken als Geschäftsführer bei DOCMINE, einem Spin-off, der 2008 von Thomas Sterchi aus dem Konglomerat von Condor Films herausgelöst wurde und seither zu einem Unternehmen mit zehn Mitarbeitenden herangewachsen ist. Beim neuesten Projekt ist nun der Regisseur Daniel Von Aarburg mit der Geschichte von Carl Lutz zu DOCMINE gepilgert. Bald hat man dort gesehen, dass dieser Stoff über einen bisher wenig bekannten Flüchtlingshelfer viel mehr hergibt als ein genormter Dokumentarfilm. Das Thema sowie die Fülle des Materials entpuppten sich als idealer Inhalt für ein weiteres Videobook.
Dramaturgie neu angerichtet
«Bei einem Film muss man sich fragen: Was erzählen wir in 50 Minuten? Da muss das Drehbuch wahnsinnig viel reduzieren, verdichten und weglassen. In einem Videobook haben wir hingegen die Möglichkeit, der Biografie von Carl Lutz und allen Menschen rund um ihn herum gerecht zu werden. Wir können die Story in einen gesamthistorischen Kontext einbinden », erklärt Robin Burgauer.
Muss bei einem Film im Fernsehen die Dramaturgie das Publikum möglichst vom Zappen abhalten, so darf im Videobook hingegen die Lust des Publikums jederzeit auf Umschalten zu weiterem Vertiefen und «interaktivem Schmökern» geweckt werden – in Bildern, Texten, Filmclips, ergänzenden Interviews, historischen Zeitdokumenten oder sogar Musik.
Ein herkömmlicher Film ist linear. Das Videobook zu Carl Lutz ist ebenfalls linear aufgebaut wie ein Zeitstrahl, denn die gängigste Anordnung der Inhalte ist auch beim Videobook die «Wäscheleine ».
All die dort aufgehängten Elemente können aber auch non linear konsumiert werden. Die einzelnen Filmabschnitte sind im Idealfall zwischen 45 Sekunden und 3 Minuten lang. «Carl Lutz» ist bereits das zweite Videobook, das DOCMINE als Ergänzung zu einer Sendung im Schweizer Fernsehen realisieren konnte. Die Premiere war eine Sammlung mit viel Zusatzmaterial rund um den Themenmonat «Die Schweizer». Aber auch für Museen, kommerzielle Unternehmen oder Organisationen haben die Spezialisten von DOCMINE die neu verpackten Bilder zum Laufen gebracht. «Wir haben die Vision, dass wir das Genre etablieren können», sind Patrick Müller und Robin Burgauer bei DOCMINE überzeugt. Verlage, bei denen viel Content in den Archiven schlummert, könnten das neue Medium nutzen. Ebenso die herkömmliche Filmszene kann für die Zukunft im Videobook eine zeitgemässe Interaktion mit dem Publikum finden.
Unter dem Dach von Tom Talent
Patrick Müller ist über die im Kunstbereich führende Filmhochschule München ins Business gekommen. Vorher studierte er in Fribourg und arbeitete für Radio Argovia. Sein erster Filmjob war bei der Zürcher Condor im Bereich Corporate. 2002 war Müller Mitbegründer der ican films. 2005 kehrte er zur Condor zurück als Leiter der Dokumentarfilmabteilung. Hier stellte er den Dokufilm «Roger Federer – Replay» fertig . Um dieses Prestigeprojekt richtig «auswerten und begleiten» zu können, engagierte Müller projektbezogen Robin Burgauer. Dieser hat ebenfalls in Fribourg Medien- und Kommunikationswissenschaft studiert, mit Journalismus und BWL im Nebenfach. Später ist Robin Burgauer über den praktischen Weg zum Film gekommen. Bereits während der Studienzeit drehte er einen TV-Dokumentarfilm, später hat er beim Privatsender VIVA als Redaktor und einige Jahre in einer anderen Filmproduktion gearbeitet. Nach dem Federer-Projekt trennten sich die Wege von Burgauer und Müller für kurze Zeit, um dann später beim Neustart von DOCMINE wieder zusammenzufinden. Das war in der Phase, nachdem Thomas Sterchi Jobs.ch verkaufte und kurz darauf sein rund dreijähriges Engagement bei Condor beendete. Bei seinem Rückzug aus dem Aktionariat des traditionsreichen Filmhauses löste Sterchi die Condor Documentaries aus dem Unternehmen als Spinoff heraus und nahm eine Umfirmierung zu DOCMINE vor.
Tom Talent heisst seither Thomas Sterchis innovative «Talent Förderung» mit Ausstrahlung über Berlin bis Hollywood. Unter dieses Dach mit inzwischen zahlreichen Firmen sind ihm gleich mit der Neugründung auch Müller und später Burgauer gefolgt. Heute wirken die beiden als Geschäftsführer bei DOCMINE. Patrick Müller an der Seestrasse in Zürich. Robin Burgauer bei einem Ableger in München. Dort verantwortet Burgauer die «Content Factory» mit sechs Mitarbeitenden. In Zürich leitet Müller mit vier Leuten zusammen die Produktion sowie den Kundenaufbau. Dazu wird für jedes Projekt ein «Filmzelt mit Freelancern» individuell errichtet und wieder abgebaut.
DOCMINE entwickelt und produziert nationale und internationale Dokumentarfilme für alle Formate und Formen – vom Kino-Dokumentarfilm über TV-Reihen bis zu dokufiktionalen Projekten. «DOCMINE forscht nach Themen, die relevant, inspirierend, universell und packend sind», definieren die beiden Filmenthusiasten – die ihre Projekte aber schon längst nicht mehr nur für die Kinoleinwand und den TV-Bildschirm konzipieren. «Wir mussten realisieren: Es ist hart, nur mit Dokumentarfilmen eine Firma aufbauen zu können», sinniert Patrick Müller. «Unser Markt musste deshalb grösser werden, denn in der Schweiz allein wird zu wenig Programm produziert.» Im Zuge dieser Einsicht wurde Robin Burgauer nach München geschickt, um dort eine Filiale in Deutschland aufzubauen. «Das war genau zur richtigen Zeit, als das Tablet auf den Markt kam und die ersten E-Books populär wurden», erinnert sich Burgauer. Und mit diesen beiden Errungenschaften fiel es den beiden wie Schuppen von den Augen: «Unser Markt wächst nicht unbedingt geografisch – aber unser Markt wächst im Medium, in der Breite der Inhalte.»
Neue Märkte erschliessen
«Gängige Dokumentarfilme sind limitiert auf 52 oder 90 Minuten. Nun haben wir mit dem Videobook plötzlich ein Medium entdeckt, wo wir den Inhalt vertiefen können. Das Abspielmedium kann dabei auch ein Tablet oder ein Smartphone sein.» Vor zwei Jahren nach der Rückkehr aus den Sommerferien wurde deshalb beschlossen: «Jetzt setzen wir voll auf die Karte Videobook. Seither rennen wir viele offene Türen ein», resümieren Müller und Burgauer. Die Firma ist schnell gewachsen. Namhafte Kunden in der Schweiz und Deutschland wollen das neue Medium bereits mit DOCMINE entdecken. «Es ist, wie wenn wir genau den richtigen Moment getroffen hätten.»
Zu den Referenz-Kunden zählt zum Beispiel ein Schweizer TV-Vermarkter. Für diesen hat DOCMINE eine Verkaufs-App realisiert. Diese ersetzt die gute alte PowerPoint-Präsentation. Das Videobook ist nur einem eng gehaltenen Kreis des Salesteams zugänglich. Möglichst breit gestreut wird hingegen ein Videobook für den Rückversicherer Swiss Re. Diese App ist im Bereich Corporate Publishing angesiedelt, ähnlich wie ein Projekt für das renommierte Goethe-Institut. Für das Swiss Finance Institute wurde ein E-Learning-Book entwickelt. Dankbar ist das neue Medium natürlich für Museen. DOCMINE hat für die Pinakothek der Moderne in München das digitale, interaktive Programm für Tablets konzipiert und betreut die App mittlerweile seit einem Jahr. Eine Adaption für Smartphones ist bereits in Planung. Solche Videobooks können sich die Besucher im Vorfeld downloaden, um sich auf die Ausstellung zu freuen. Vor Ort gibt das interaktive Book weitere Hintergrund-Infos zu den ausgestellten Objekten. Im Nachhinein wird es zum attraktiven Souvenir. Was natürlich bedingt, dass die vielschichtigen Inhalte für die jeweilige Nutzung nicht nur kreativ attraktiv gestaltet, sondern auch entsprechend sinnvoll programmiert und interaktiv verknüpft sind.
Synchron mit solchen Produktionen haben sich bei DOCMINE deshalb auch völlig neue Jobprofile herausgeschält. «Wir mussten als Filmemacher viele neue Wege gehen, um all die Möglichkeiten dieses Mediums voll ausnützen zu können.» Bei DOCMINE sind es die gleichen Spezialisten, die für Auftragsproduktionen wie für eigene Projekte zum Einsatz kommen. «Bei kommerziellen Aufträgen realisieren wir eher Individuallösungen als Videobooks. Man könnte es auch interaktives Corporate Publishing nennen.» Bei allen Produktionen gilt: einen roten Faden für den Content finden. «Alles braucht eine gute Geschichte und einen Aufbau. Mit dem Videobook ist es einfach vielschichtiger geworden.» Das formelle Dach über allem ist Visual Storytelling. «Wir kommen aus dem Inhalt und wir überlegen uns: Wie kann man das sinnvoll zusammenbringen – sei es für eine Kunden-App oder für ein Videobook. Die Geschichte oder Botschaft soll optimal vermittelt werden. Mit allen Medien, die wir zur Verfügung haben.»
Ein Beispiel, wo DOCMINE diese «neue Erzählkunst » optimal einsetzen konnte, war im November letzten Jahres «Die Schweizer». Ergänzend zu den vier historischen Spielfilmen, welche Triluna für SRF produziert hat, konnte DOCMINE ein Videobook mit Hintergründen zum Themenmonat beisteuern. Die Idee für diese Ergänzung haben Patrick Müller und Robin Burgauer gemeinsam mit Reto Hufenus von der Publisuisse entwickelt und den Verantwortlichen bei SRF präsentiert. Mit dem «Weiterspinnen» des Fernsehabends konnten dem Zuschauer nicht nur viele zusätzliche Hintergründe zur Schweizer Geschichte vermittelt werden. Auch die beiden Hauptsponsoren AMAG und Groupe Mutuel finden im Videobook noch einmal eine dankbare und weiter nachhaltige Plattform für ihr kulturelles Engagement. Bis jetzt wurden «mehrere Tausend» Videobooks «Die Schweizer» aus dem Netz geladen. Das Videobook zu «Carl Lutz» ist ab sofort über die Seiten von SRF und über die App Stores zu bestellen. Um das neue Medium bei einem möglichst breiten Publikum populär zu machen, ist der Download für die ersten vierzehn Tage über die Webseiten der SRG noch gratis. Auch auf Werbewoche.ch findet sich ein Link, wie das ansonsten kostenpflichtige Videobook über Carl Lutz auf das Tablet geladen werden kann .
Andreas Panzeri
Der neu entdeckte Held Carl Lutz hat während des 2. Weltkriegs eine der grössten humanitären Rettungsaktion verantwortet. Als Vizekonsul rettete er in einer beispiellosen Rettungsaktion Zehntausende vor dem Holocaust. Das interaktive Videobook zum Dokumentarfilm «Carl Lutz – Der vergessene Held» (SRF) zeichnet den Lebensweg dieser aussergewöhnlichen Biografie nach. Das Videobook beleuchtet das bewegte Leben von Carl Lutz und räumt denjenigen Raum und Zeit ein, die Lutz ihr Leben zu verdanken haben. Überlebende auf der ganzen Welt erinnern sich an die Rettungsaktion von Carl Lutz und die turbulenten Ereignisse. Interaktive Grafiken zeigen Zusammenhänge auf, vertiefende Texte liefern Hintergründe und Bildergalerien würdigen den Hobby-Fotografen Carl Lutz. Das Videobook beinhalte zudem den TV-Dokumentarfilm in ganzer Länge und kann mit dem Webcode rechts über die Website der Werbewoche kostenlos bestellt werden.
Kostenloser Download des Videobook «Carl Lutz – Der vergessene Held» für Leserinnen und Leser der Werbewoche
Bis zum 15. September können Sie über www.werbewoche.ch das Videobook über Carl Lutz kostenlos auf Ihr Tablet laden. Regulär kostet das Videobook CHF 15.00.
Dies ist wie folgt möglich:
1. Über diesen Link kostenlos ein Passwort anfordern.
2. App im App Store herunterladen und mit zugesendetem Passwort einloggen.
3. Das Videobook steht nach erfolgreichem Login zum kostenlosen Download bereit. Aufgrund der vielen multimedialen Inhalten dauert der Download einige Minuten.