Zu viele Möglichkeiten und Anforderungen üben Druck aus auf unsere jüngste Generation, zudem weniger Lehrstellen, die Finanzkrise in den umliegenden Ländern. Da verstärke sich der Wunsch nach Sicherheit, nach konservativen Werten wie Familie, Geborgenheit und Erfolg, beschreibt Alain Messerli, Leiter Zürich des Marketingforschungs- und Beratungsunternehmens Happy Thinking People, die generelle Situation der «Generation 2.0». Aber auch Nachhaltigkeit sei ein wichtiger Anhaltspunkt – wolle man doch heute, entgegen der Geiz-ist-geil- Mentalität, «vertretbare» Produkte kaufen. Nichts Neues soweit, wie man etwa im Angebot von Migros bereits seit Längerem beobachten kann. So listet der Detailhändler auf der unternehmenseigenen Website die Werte «Swissness», «Regionalität », «Nachhaltigkeit», «Frische » und «Preis-Leistung» auf. Mit dieser Positionierung folgt die Migros oben beschriebenen Werten, und dies bereits mit gutem Erfolg. Nicht umsonst wurde die Migros 2013 vom Brand Asset Valuator der Y&R Group als stärkste Marke der Schweiz wahrgenommen. Doch der Erfolg der Migros lässt sich nicht nur auf die Anpassung obiger Werte festmachen, sondern vor allem auch auf einen weiteren Faktor zurückführen: Der Detailhändler geht dem Wertewandel der Schweizer Konsumenten hin zu individuellen Idealen konsequent nach. Konkret bedeutet dies, Marke und Produkte nicht dem jeweiligen – teilweise schnelllebigen und divergenten – Wertewandel anzupassen, sondern stattdessen die gesamte Produktepalette zu erweitern. Für jeden Wert das Richtige, sozusagen.
Eine Marke für alle
Eine mögliche erfolgversprechende Anpassung an die individualisierte Erwartungshaltung zeigt sich im Falle des Detailhandels also darin, seine Angebotspalette zu erweitern. Auch Werner Schaeppi, Gründer von MRC Marketing Research & Consulting, nennt die Detailhändler Migros und Coop als leuchtende Beispiele für eine Reaktion auf die indi- vidualisierte Wertehaltung. Hier finde der Kunde nicht nur biologisch/ökologische Produktelinien, sondern gleichzeitig auch Sparangebote und Linien für Konsumenten mit einem gehobenen Qualitäts- Anspruch, so Schaeppi. Zudem setzten sich die beiden auch im kulturellen Bereich ein – zum Beispiel mit dem Migros Kulturprozent. Und beide böten ausserdem Fair-Trade-Produkte. Migros und Coop wollen offenbar jede Wertehaltung ansprechen – den Umweltschützer genauso wie den Sparfuchs, den Kulturförderer genauso wie den Gourmet. Jedermann kann bei den beiden grossen Schweizer Detailhändlern einkaufen, ohne seine Ideale zu vernachlässigen. Oder kurz gesagt: Sie haben den Wertewandel zu mehr Individualität aufgegriffen und sehr erfolgreich umgesetzt. Coop offenbart diese Strategie seit einiger Zeit auch in der Baseline «für mich und dich» – also für jedermann. Die Anpassung an den Wertewandel erfolgte laut Schaeppi über eine gezielte Ausdifferenzierung der Markenarchitektur: «Anstatt den Markenkern durch ständige Adaptionen an den jeweiligen Wertewandel anzupassen, haben Migros und Coop einfach den Brand erweitert, beziehungsweise weitere Subbrands und kategorisierte Labels unter der Dachmarke vereint.» So gelingt es Migros und Coop, alle Ansprüche unter einem Dach zu versammeln.
Werner Schaeppi sieht ganz klar einen Wertewandel hin zu einer individualisierten Wahrnehmung und Erwartungshaltung der Konsumenten. Dieser Wandel sei nicht zuletzt auch durch den zunehmenden digitalen Informationsüberfluss zustande gekommen, denn jeder könne sich jederzeit überall informieren. So entstehen verschiedene Meinungen, Werte und Wahrnehmungen. Mit der Individualisierung gehe aber auch ein verstärkter Einfluss auf die Produktionsbedingungen einher, betont Schaeppi: «Suche ich im Internet nach einer Information, beispielsweise nach Bildern zum neuen iPhone, finde ich 50 unterschiedliche Bilder», sagt Schaeppi. Welcher Quelle solle man nun vertrauen? Entsprechend hat die Fülle an Informationen drei Auswirkungen: Einerseits informiert sich der Konsument sehr genau. Man kann ihm also nichts mehr vormachen, er weiss sehr genau, ob seine Werte durch das Produkt tatsächlich vertreten werden. Zweitens kann nun jeder Konsument exakt seinen Wertvorstellungen nachgehen; eine individualisierte Werthaltung entwickeln. Und drittens entsteht eine stärkere Markenbindung, sobald der Konsument einen Brand gefunden hat, dem er glaubt, vertrauen zu können. Es reiche also nicht, die eigene Angebotspalette bloss gemäss Wertehaltungen zu erweitern, um einen breiten Kundenstamm anzusprechen, führt Schaeppi aus, denn der Konsument sei jederzeit in der Lage, sich über Produkte, deren Produktionsbedingungen und Unternehmenshintergründe genauestens zu informieren – und er sei kritischer geworden.
Als Beispiel bezieht sich Schaeppi auf die Technologiebranche: «Die Freude an meinem neuen digitalen Gerät ist getrübt, wenn ich von unfairen Produktionsbedingungen für die Beschäftigten des Herstellers erfahre.» Unternehmen müssten heute sehr schnell auf die Bedürfnisse der Kunden reagieren, und zwar nicht einfach nur durch eine kosmetische Anpassung des Markenbildes. Veränderungen müssten direkt am Produkt passieren. «Denn der Konsument informiert sich», begründet er. Und eine Marke lande sehr schnell im Offside, wenn sie die Wertehaltungen ihrer Kunden nicht berücksichtige. Konkret bedeutet dies mehr Verantwortung nicht nur für den Produzenten, sondern auch für den Konsumenten.
Diese These vertritt auch Peter Michael Bak in seinem neu erschienenen Buch «Wirtschafts- und Unternehmensethik ». Er weist darauf hin, dass der Konsument durch seine Nachfrage heute sehr stark mitredet. «Wir gestalten durch unser Konsumverhalten wirtschaftliche Prozesse zu einem wesentlichen Teil mit», schreibt er. Dementsprechend seien wir auch verantwortlich für die Art und Weise des Wirtschaftens und die damit verbundenen Folgen.
Aus diesem Grund konzentrierten sich immer mehr Kunden auf eine bestimmte Marke, deren Wertehaltung mir ihrer übereinstimmt und der sie vertrauen können, so Schaeppi. Dies sei ebenfalls eine Auswirkung davon, dass sich jedermann jederzeit und überall über alles informieren kann. So würden heute auch immer mehr Unternehmen, die eine kleinere Kundengruppe mit einer konkreten Werthaltung vertreten, ihre Produktepalette in diverse Segmente erweitern. Das heisst, der Kunde eines Bio-Ladens kann beispielsweise im selben Shop unter demselben Brand auch Kleider kaufen, die aufgrund derselben Wertehaltung produziert wurden, sowie vielleicht auch noch Papeterie-Zubehör. Dieser Trend führt in die Richtung Spezialisierung, nur dass sich das Unternehmen nicht auf ein bestimmtes Produkt spezialisiert, sondern auf eine bestimmte Wertehaltung. Dieser Haltung entsprechend bietet die Marke dann Produkte verschiedener Segmente an. Das Gegenteil der Migros-Strategie also.
Individuelles Herdenverhalten
Vertrauen in eine Marke zu haben sowie die Sicherheit darüber, die eigenen Werte mit der Wahl einer Marke auch wirklich zu treffen – dies scheint ein wichtiger Faktor zu sein, gerade für die Generation der unbegrenzten Information. Auch im Fashion-Bereich ist Markenvertrauen offenbar ein Ur- Wert. So sieht auch Cécile Moser, Junior Consultant bei Concept Communication und Master- Studentin Kulturanalyse, zwar einen generellen Wertewandel hin zu mehr Individualisierung. Im Style-Bereich sieht sie aber eher ein Herdenverhalten als eine Individualisierung. Der feste Wert «Sicherheit» sei hier ziemlich stark verankert, sagt Moser, selbst eine Vertreterin der «Generation 2.0» und Fashion-Bloggerin. Fashion- Kunden seien eher zurückhaltend, wagen nicht viel, seien vielmehr auf Sicherheit und Akzeptanz bedacht. Als Beispiel nennt sie die Hipster- Retro-Bewegung in Zürich. Diese mache auf sie den Eindruck, die Werte der ursprünglichen Bewegung zwar zu kennen, sie aber nicht zu leben – eine eher oberflächliche Wertevertretung, welche gerade mal die Kleidermode betreffe, ohne weitere Auswirkungen. Auf dem Blog der Agentur Concept schreibt sie gar: Hipstertum hat rein gar nichts mehr mit Individualität zu tun. Der Hipster befindet sich in einer völlig passiven Follower-Rolle. Als Gegentrend sieht Moser den Prosumer, ein Konsument und Produzent gleichermassen, der seine Produkte also selbst mitgestaltet. Und hier trifft sich Mosers Sicht der aktuellen Wertehaltung auch wieder mit den Erkenntnissen der Forschern: Es geht heute nur noch darum, sich in den richtigen Diskurs einzuschreiben, seinen Style zu definieren und sich zu positionieren. Alles läuft und definiert sich über Konsum, so Moser. Sie bestätigt damit auch den von Schaeppi erwähnten Trend, dass Veränderungen direkt am Produkt passieren müssen. Dies vor allem auf Grund eines stark wachsenden Informationsaustausches und dem Drang der «Generation 2.0», sich durch Konsum klar und individuell zu positionieren – aber gleichzeitig auf der sicheren Seite, unter der schützenden Hand einer vertrauenswürdigen, starken Marke.
Storytelling mit stringenter Wertehaltung
Doch wie kann bei solch individualisierter Wertehaltung noch Vertrauen aufgebaut werden? Und was bedeutet das nun konkret für die Markenpositionierung? Auf der einen Seite könnte man selbstverständlich behaupten, dass die Wertehaltungen heute zu komplex und die Markenwahrnehmungen zu willkürlich sind, um eine Marke überhaupt noch einem Wertewandel anzupassen. Die «Generation Freiheit» der 60er-Jahre oder die «konservative Generation » der 20er-Jahre wären da einfacher einzuschätzen und anzusprechen gewesen, meint Alain Messerli. Und doch lassen sich klare Leader in der Markenwahrnehmung erkennen, wie eben die Migros oder der moderne Leader Google. Deren Markenwahrnehmung lässt sich aber genauso wenig erfolgreich nachahmen, wie eine abrupte Anpassung der Marke an einen Wertewandel Sinn machen würde. Man könne jedoch, so Messerli, die Geschichte, die die Marke erzählt, an die aktuellen Wertehaltungen anpassen, solange das Story Telling stringent bleibt. Das heisst, die Marken-Story kann passend zum jeweiligen Zeitgefühl weitererzählt werden, die Ausstrahlungskraft der Ur-Story kann immer wieder neu aufgeladen werden, solange sie sich nicht wiederspricht. Denn das Story Telling an sich, so Messerli, hat eine viel stärkere Bindungswirkung als beispielsweise eine Anpassung an eine neue Wertehaltung.
Messerli spricht damit die Hirnforschung zum episodischen Gedächtnis an: «Unser Hirn kreiert Sinn, indem es die Reize, auf die das Individuum emotional reagiert, zu Episoden formt, die sich zu einer autobiografischen Story zusammenfügen», erinnert sich Messerli an seinen Artikel aus dem VSMS-Jahrbuch 2010. Das heisst, wir erinnern uns vor allem in Form von Geschichten, und dies oft unbewusst. Denn die oben erwähnten Reize aus unserer Umwelt werden vom adaptiven Unterbewusstsein ohne Zuhilfenahme des Bewusstseins gefiltert, wie schon Timothy Wilson in «Strangers to Ourselves» darlegte.
Demzufolge werden Reize selektioniert sowie interpretiert, und aus den sich ergebenden Mustern werden Aktionen abgeleitet. Das könne dann eben etwa der unbewusst gesteuerte Entscheid sein, an einem Regal zu einem Produkt zu greifen oder nicht, führt Alain Messerli aus. Möglicherweise habe dieser Entscheid dann mehr mit einem Geruch, einer Kindheitserinnerung oder einem Impuls zu tun als mit einem bewussten Kaufentscheid.
Trend zur Trendforschung
Individualisierung, Spezialisierung, Hipster, Prosumer, Blogger – Trendforschung geht für einzelne Marken oder Produkte ziemlich gut auf, wie man sieht. Auch Alain Messerli ist der Ansicht, dass Trendforschung für einzelne Marken relativ einfach umzusetzen sei. Ein wenig komplizierter und auch unüberschaubarer werde es jedoch, sobald man sich konkreter mit einzelnen Werten auseinandersetze. Messerli erklärt: In erster Linie geht es der Trendforschung darum, aktuelle Trends und Verkaufshits auf soziokulturelle und psychologische Hintergründe zurückzuführen. Diese Erkenntnisse lassen daraufhin Rückschlüsse zu auf generelle Wertehaltungen und zeitlich stabile Trendphänomene. So können nicht nur Trends erfasst, sondern allenfalls auch Zukunftsprognosen erstellt werden. Klingt logisch und relativ einfach in der Umsetzung. Nun zum schwer überschaubaren Teil: die Individualisierung etwa. Die «Generation 2.0» will zwar vielleicht Werte wie Nachhaltigkeit, Familie und Karriere, doch für jeden Konsumenten bedeutet «nachhaltig» etwas anderes, erläutert Alain Messerli: Sind es die Produktionsbedingungen oder doch die Umweltbelastung beim Transport, Zucht oder Wildfang? Die Fragen zur Nachhaltigkeit sind so komplex, dass viele sich nicht gerne damit auseinandersetzen möchten. So kommt es, dass allein schon die Wertehaltung «nachhaltig» divergent verstanden wird. Das heisst, wer nachhaltig will, meint nicht unbedingt «nachhaltig produziert». Auch Werner Schaeppi sieht hier ein grundlegendes Problem der Trendforschung: Nicht nur wisse der befragte Kunde oft gar nicht, welches «nachhaltig» denn nun genau gemeint sei; ökologisch, ökonomisch, sozial – oder was auch immer der Kunde sich vorstellt. Zudem seien auch die Bedingungen für die quantitative Marktforschung relativ schlecht. Denn durch den enormen Zeit- und Kostendruck leide nicht nur die Qualität der einzelnen Befragungen, sondern auch die Schulung der Befrager selbst.
Viele solcher Faktoren könnten eine quantitative Studie beeinflussen. MRC setze daher vermehrt auf qualitative Umfragen, betont Schaeppi. Diese operieren zwar dann nur mit kleinen Stichproben, jedoch kann man auch bei quantitativen Befragungen nicht mehr grundsätzlich davon ausgehen, eine repräsentative Gruppe erreicht zu haben. Dies wegen der Vielfalt der relevanten Kommunikationskanäle und marketingkritischen Haltung der Bevölkerung. Als Beispiel nennt Schaeppi etwa eine Studie mit der Hauptfragestellung zu «Werbung im öffentlichen Raum» und fragt rhetorisch: «Denken Sie nicht auch, dass gerade diejenige Gruppe, welche nicht beworben werden möchte, eher nicht im Telefonbuch zu finden ist?». So erreiche man mit dieser Umfrage generell wohl eher denjenigen Teil der Bevölkerung, welcher grundsätzlich nichts gegen Werbung einzuwenden habe oder sich zumindest nicht vehement davor abzugrenzen suche. Einen weiteren Teil müsste man über andere Kanäle zu erreichen versuchen. Daher werden für die Marktforschung in Zukunft wohl vermehrt auch Social-Media-Kanäle und andere neue Kommunikationsplattformen miteinbezogen. Auch wenn dies letztlich keine Garantie dafür ist, einen repräsentativen Teil jeder Bevölkerungsgruppe erreicht zu haben.
Ursina Maurer