Der Film erzählt die wahre Liebesgeschichte von Ernst Ostertag und Röbi Rapp. Die zwei Männer haben sich vor fast 60 Jahren in Zürich in der legendären Homosexuellenorganisation «Der Kreis» getroffen und dort gelernt, für ihre Rechte zu kämpfen.
WW: Der Schweizer Spielfilm «Der Kreis» feierte im Februar 2014 an den Internationalen Filmfestspielen in Berlin Premiere und gewann dort neben dem Teddy-Award auch den grossen Publikumspreis. In der Schweiz kommt der Film erst jetzt ins Kino. Steckt hinter diesem Zuwarten eine bewusste Strategie?
Ivan Madeo: Bei Filmen, die einen künstlerischen Wert und damit verbunden auch Festivalqualitäten haben, gehört es bei den meisten Produzenten zum Konzept, dass man vor dem Kinostart versucht, Festivalauszeichnungen zu gewinnen. Ein oder mehrere so genannte «Laurels» auf dem Plakat helfen bei der Kino-Promotion. Bei uns war die Strategie insofern speziell, weil wir mit dem fertigen Film ein Dreivierteljahr zuwarten mussten. Das war ein Entscheid unseres Schweizer Verleihers. Ascot-Elite hatte unserem Film eine grosse Festivalchance zugesprochen und spekulierte von Beginn weg auf mehrere Preise. Dieser Mut hat sich gelohnt. «Der Kreis» wurde bis heute weltweit an 72 Festivals eingeladen und hat bei dieser Welttournee mehrere Preise gewonnen. Es hätte aber auch anders kommen können. Doch mit gleich zwei Preisen zum Start, darunter dem Publikumspreis an der Berlinale, hat unser Vorhaben den perfekten Anschub bekommen.
Seid ihr an all diesen Festivals persönlich präsent?
Unser Film wurde seit der Berlinale durchschnittlich jeden Monat an fünf Festivals eingeladen, da kann man unmöglich überall dabei sein. Unser Regisseur Stefan Haupt versucht, die wichtigsten Wettbewerbe zu besuchen. Und wenn zwei wichtige Festivals gleichzeitig stattfinden, springen Urs Frey und ich auch mal ein.
Turin und auch ein paar andere sind «Gay-Festivals ». Wie war die Akzeptanz bei«normalen» Wettbewerben? Der Film berührt ja alle.
Ja, zu unserem grossen Glück. Aber das konnten wir nicht von Beginn weg wissen. Die erste grosse Überraschung war an der Berlinale. Dort haben wir nicht nur den «Gay Oscar» mit dem Teddy-Award gewonnen, sondern auch den grossen Publikumspreis. 31 000 Besucher des Festivals durften jurieren, unser Film hat von allen Werken die besten Noten bekommen. Da wussten wir: Irgendwie hat «Der Kreis» etwas, das in der Breite funktionieren kann. Dann folgten das Seattle International Film Festival, das Festroia Filmfestival Setubal in Portugal und das Montreal World Film Festival, alles bekannte Arthouse Festivals, oder das Chicago Film Festival, wo die grossen internationalen Filme präsentiert werden. Da realisierten wir, dass «Der Kreis» nicht nur im deutschen Sprachraum funktioniert, sondern global. Inzwischen sind wir auf allen Kontinenten präsent und konnten den Film auch erstaunlich gut verkaufen. Bis jetzt haben wir Verträge mit 16 Ländern abschliessen können. Von Asien über Europa, Nord- und Mittelamerika ist alles dabei.
Was muss man sich da im finanziellen Bereich vorstellen: Bedeuten 16 Verkäufe bereits das grosse Geschäft?
Das kann man jetzt noch nicht sagen. Es ist sicher schon mal ein Zeichen dafür, dass es ein Geschäft werden könnte. Es ist doch eher aussergewöhnlich, dass ein Schweizer Film in 16 Länder verkauft wird – und dies in so kurzer Zeit. Für all diese Verkäufe bekommen wir von den Verleihern so genannte Minimum-Garantien. Abgerechnet nach Prozenten am Nettoerlös wird erst nach der Auswertung im jeweiligen Land. Das Geld bekommen wir somit frühestens im Folgejahr. Im 2014 kommt «Der Kreis» erst in der Schweiz, in Deutschland, Polen und in den USA in die Kinos.
Alles in allem: das grosse Happy End für den Produzenten Contrast Film?
Das grosse Happy End wäre, wenn wir in der Schweiz ab dieser Woche volle Kinosäle hätten.
Acht Jahre hat der Kampf für diesen Film gedauert. Was war der tiefste Punkt?
Es gab mehrere Momente, wo wir wirklich am Boden waren und dachten: Jetzt stehen wir nicht mehr auf – trotz allen Rettungsplänen und kreativen Ideen für eine alternative Finanzierung. Ganz schlimm war, als wir zum zweiten Mal eine Absage von der Eidgenössischen Filmförderung zur Kenntnis nehmen mussten. Das BAK hatte uns ja zu Beginn des Projekts bei der Entwicklung des Drehbuchs unterstützt. Auch für die Herstellung des Films, als «Der Kreis» noch als reiner Spielfilm in Koproduktion mit Deutschland konzipiert war, wurde uns eine stattliche Summe von 650 000 Franken zugesprochen. Dann hat aber die Filmförderung in Deutschland nicht mitgespielt, womit auch die Zusagen in der Schweiz hinfällig wurden. Man hat uns also «den Speck durch das Maul gezogen», aber dann zweimal hintereinander gesagt: «Wir glauben nicht an den Film.» Da haben wir die Welt nicht mehr verstanden, denn in den Anfängen hatte es ja völlig anders getönt. Wir haben jeweils versucht, unsere Argumente neu auf den Tisch zu legen, wieso dieser Film die anfangs versprochene Förderung nach wie vor verdiente. Aber es gab jedes Mal noch absurdere Absagegründe. Irgendwann kommt der Punkt, wo man das Nein akzeptieren muss. Wir waren dann aber wirklich ganz am Boden. Trotzdem haben Regisseur Stefan Haupt, mein Geschäftspartner Urs Frey und ich gedacht: Das darf nicht sein. Und so kamen wir auf die Idee eines Fundraising-Marathons.
Die Werbewoche hat darüber berichtet. Die unkonventionelle Idee hat einiges an Geldern generiert?
Zum Glück hat die Aktion einiges gebracht. Natürlich nicht die entgangenen 650 000 Franken, aber immerhin 285 000. Eine gewaltige Summe, nur durch «Klinkenputzen». Das reichte, zusammen mit der Unterstützung von SRF, Zürcher Filmstiftung und anderen Förderern, um die Produktion mit einer Mindestfinanzierung zu starten.
Aber selbst in dieser Phase gab es noch einmal einen Dämpfer. Der Zürcher Gastronom Fred Tschanz wollte ein Benefiz-Dinner für euren Film organisieren?
Der «Gastrokönig von Zürich» hat uns im 2012 überraschend angesprochen. Er erklärte, dass er «überhaupt nicht schwul» sei, aber diesen Film für Zürich als sehr wertvoll erachte. Er wollte für uns «ein paar wichtige Leute» zu einem Fundraising- Dinner zusammentrommeln. Drei Wochen vor dem geplanten Termin ist Fred Tschanz überraschend gestorben. Da wollten wir natürlich nicht pietätlos sein und seine trauernden Freunde in dieser Situation noch um Geld angehen. Das hat nicht gepasst. Wir haben später ein solches Dinner selber auf die Beine gestellt, allerdings mit vorwiegend anderen Kontakten und einem viel kleineren Fundraising-Resultat.
Wie reagieren die Förderstellen inzwischen auf euren Erfolg?
Das wäre schön zu wissen. Aber es hat uns sehr gefreut, dass uns das Bundesamt für Kultur in einem persönlichen Brief gratuliert hat, als unser Film in Berlin ins «Panorama» aufgenommen wurde, einer sehr schwierig zu knackenden Sektion bei diesem Festival.
Mit Succès Cinéma gibt es jetzt aber nachträglich Geld?
Für jeden Schweizer Film, der im Kino läuft, gibt es eine Gutschrift, die nach der Anzahl der Besucher berechnet wird. Dieses Geld muss belegbar in einen nächsten Film investiert werden. Das ist eine Förderung basierend auf dem Erfolg an der Kinokasse. Diese Gutschrift werden wir aber frühestens im 2015 einlösen können.
Aber man kann heute schon sagen: Dank dem «Kreis» ist eure Contrast Film innert kürzester Zeit zu einer etablierten Produktion geworden. Ihr dreht ja bereits wieder einen Spielfilm mit einem Budget von über zwei Millionen.
Ja, aber das hat mit dem Erfolg von «Der Kreis» noch nichts zu tun. Nach dem aktuellen Episoden-Kinofilm «Heimatland», noch ohne Succès-Gelder finanziert, folgen der lang erwartete Kinospielfilm «Stürm – bis ich tot bin oder frei» über das Leben des legendären Ein- und Ausbrecherkönigs der Nation sowie der Kinospielfilm «Waffenläufer», die Verfilmung der dramatischen Geschichte des talentierten Läufers und Serientäters Jonas Fischer. Das sind die Filme, die bei uns am weitesten fortgeschritten sind und die wir ziemlich sicher realisieren können. Interessanterweise alles Filme, die auf wahren Begebenheiten basieren. Weitere Kinodokfilme und Kinospielfilme sind in Entwicklung. Aber um darüber zu berichten, ist es noch zu früh. Unser Schaffen hat jedoch einen Rhythmus bekommen, mit dem wir hoffen können, dass die Produktion Bestand hat. Aber von möglichen Flops ist keine Filmproduktion gefeit. Das Film-Business ist verrückt.
Und das Verrückte geht weiter: «Der Kreis» ist soeben als offizieller Schweizer Beitrag für den Oscar auserkoren worden.
Ja, «Der Kreis» ist der Hoffnungsträger der Schweiz. Mal schauen, was jetzt passiert.
Was könnt ihr zu einem möglichen Erfolg beitragen?
Wir sind bereits daran, mit unserem amerikanischen Verleiher eine Strategie zu entwickeln. Es ist natürlich ein grosser Vorteil, dass wir in den USA bereits im Markt sind. Wir haben im Einzugsgebiet der Academy schon mehrere Festivals hinter uns. In San Francisco wurde «Der Kreis» in einer umjubelten Vorstellung in einem ausverkauften Grosskino vor 1500 Leuten gezeigt, in L.A. haben wir den Grand Jury Award gewonnen. Und Experten sagen, dass wir keine schlechten Karten haben, weil das Thema eine weltweit aktuelle Relevanz hat.
Die Nomination für den Oscar ist gekoppelt mit 60 000 Franken von verschiedenen Fördergremien in der Schweiz. Was lässt sich mit einem solchen Marketing-Budget in Hollywood ausrichten?
Wir haben soeben einen Publicist in Los Angeles engagiert. Seine Arbeit wird sein, Academy- Mitglieder als Opinion Leader und Voter zu gewinnen. Er wird Werbung schalten mit Inseraten, Plakaten und Bannern, aber auch «special screenings» und Events in New York, Chicago und Los Angeles organisieren, damit Regisseur Stefan Haupt und unser Film bekannter werden. Denn das Wichtigste ist, dass man die stimmberechtigten Academy-Mitglieder zuerst einmal erreicht, dann dazu bringt, den Film zu schauen, und schliesslich auch für sich gewinnt.
Wie wird ein solcher Publicist ausgewählt?
Es gibt verschiedene PR-Profis, die in Hollywood auf Oscar-Kampagnen spezialisiert sind. Wir haben geschaut, welche bis jetzt am meisten Oscars gewonnen haben. Aber die Besten sind natürlich auch die Teuersten. Wichtig ist auch, wer in welcher Oscar- Kategorie am besten vernetzt ist. Wer kann auch amerikanische Promis, die an der schwul-lesbischen Thematik interessiert sind, an Bord holen? Im Idealfall gewinnen wir Hollywood-Stars als Ambassadoren.
Sie waren früher selber Werber, zum Beispiel bei der heutigen Havas und bei Publicis Zürich. Was sind Ihre Ideen für den «Kreis» in Hollywood?
Unsere Oscar-Kampagne wird im Grunde wie jede erfolgreiche Werbekampagne strukturiert sein, nach dem uralten AIDA-Modell: Attention, Interest, Desire, Action. Die Liebesbotschaft des Films dient uns als kreativer Wegweiser. Für die 360°-Kampagne werden wir in den diversen Phasen TV-Spots, Trailer, Screenings, Poster, Web-Banner, Mailings, Events und Facebook-Kampagnen einsetzen. Und alles Step by Step auf die diversen Selektionsstufen des Wettbewerbs hin terminiert: Im Moment sind wir für den «Besten fremdsprachigen Film» noch im Rennen gegen 77 Filme aus aller Welt. Bis Anfang Januar werden die Top 15 bestimmt, Ende Januar die Top 5. Das ist für uns aber noch «sehr Fantasy».
Interview: Andreas Panzeri
Bis heute wurde «Der Kreis» an 72 Festivals weltweit eingeladen. Preise gab es u. a. in Berlin, Turin, im portugiesischen Setubal. In Berlin durften Stefan Haupt und Ivan Madeo auch noch den grossen Publikumspreis feiern (v.l.).