Die härteste Währung der (Media-)Welt
Die harzige Einführung einer neuen Fernsehforschung in der Schweiz hat zu einer allgemeinen Verunsicherung über den Wert der neuen TV-Währung geführt. Aus einer medienvergleichenden Perspektive wird allerdings deutlich, dass TV auch unter dem neuen Messregime über die härteste Währung der Schweizer Media-Welt verfügt.
Dr. Mirko Marr ist Head of Research bei Goldbach Media. Der Research-Spezialist mit Schwerpunkt Medienverbreitung, Mediennutzung sowie Medien- und Werbewirkung war in führenden Positionen unter anderem bei Mediapulse, dem IAB Schweiz, der Publicitas und dem Institut für angewandte Kommunikationsforschung in Zürich tätig.
Will man die Härte einer Media-Währung beurteilen, lässt sich ein ganzer Strauss an Kriterien heranziehen. Für die Werbeauftraggeber und deren Agenturen hängt dieses Urteil jedoch vor allem von einer Frage ab: In welchem Verhältnis stehen die von einer Media-Währung gemessenen Kontakte einerseits und die tatsächlich realisierten Kontakte andererseits?
Print-Währung
Die gemeinschaftliche Leserschaftsforschung der WEMF ermittelt im Rahmen ihres Befragungsprogramms die Wahrscheinlichkeit, mit der eine einzelne Ausgabe eines Print-Titels gelesen wird. Dieser Werbeträgerkontakt gilt im Werbemarkt als Proxy für die Wahrscheinlichkeit eines Kontakts mit allen in der Titelausgabe geschalteten Anzeigen. Diese Gleichsetzung beruht auf der impliziten Annahme eines idealen Lesers, der sämtliche Seiten einer Print-Ausgabe liest und so mit sämtlichen Anzeigen in Kontakt kommt. Aus der Abweichung des realen Lesers von diesem Ideal entsteht eine Unschärfe, die als das Fundamentaldefizit der herkömmlichen Print-Forschung bezeichnet werden kann, das auch durch die jüngste Umstellung der MACH-Studien nicht beseitigt wurde. Bezogen auf die oben formulierte Grundsatzfrage, muss deshalb für die Print- Währung erstens angenommen werden, dass die Zahl der realisierten Werbemittel-Kontakte prinzipiell kleiner ist als die Zahl der gemessenen Werbeträger- Kontakte. Der Umfang dieser Differenz ergibt sich zweitens aus dem Grad, mit dem der reale Leser vom idealen Leser abweicht oder anders formuliert: aus dem Ausmass der selektiven Titelnutzung.
Online-Währung
In der Online-Welt reklamiert die Forschungsorganisation NetMetrix für sich den Anspruch, die Währung für den Bereich Internet zu repräsentieren. Eingelöst wird dieser Anspruch durch die kontinuierliche Messung der Reichweiten von Websites. Der Schluss von Webseiten- auf Kampagnenreichweiten ist allerdings im Online-Kanal, in dem die Entkoppelung von Werbeträger und Werbemittel durch dynamische und gesteuerte Werbemittelplatzierung Standard ist, nicht nur voraussetzungsreich, sondern schlicht unhaltbar. Infolgedessen stützen sich Agenturen bei der Planung, Aussteuerung und Evaluation von Kampagnen nur bedingt auf die Daten von NetMetrix, sondern in erster Linie auf die Zählung von AdImpressions via AdServer. Dieses Vorgehen ohne Umweg über eine Währungsforschungsorganisation ist inzwischen breit akzeptiert, steht aber vor zwei zentralen Herausforderungen. Zum einen handelt es sich bei den so ermittelten Kennzahlen um Bruttowerte, deren Umrechnung auf Nettoebene ohne ergänzende Nutzungsforschung sehr voraussetzungsreich ist. Zum anderen erscheint ein nicht unerheblicher Anteil der ausgelieferten Werbemittel nie im sichtbaren Bereich eines Nutzers. Diese Unterscheidbarkeit von sichtbaren und nichtsichtbaren Kontakten wird von den Auftraggebern und Agenturen seit längerem eingeklagt und durch justierte Zählverfahren intern kontrolliert. Ein Branchenkonsens über den Umfang der Abweichungen, über eine Definition von Sichtbarkeit oder über akzeptierte Zertifizierungsverfahren zeichnet sich allerdings erst in Umrissen ab.
TV-Währung
Während sich also die beiden wichtigsten Konkurrenzgattungen von TV im Werbemarkt mit Zahlen verkaufen, die die effektiven Kampagnenkontakte tendenziell überschätzen, zeigt sich bei der TVWährung ein umgekehrtes Bild. Den Status eines Goldstandards hat sich die Fernsehforschung nicht zuletzt mit dem Anspruch verdient, nur solche Kontakte auszuweisen, die sich zuverlässig und nach den Regeln der Wissenschaftlichkeit reliabel und valide erfassen lassen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass sämtliche nichterfassbaren Nutzungsanteile von der Forschung ignoriert und folglich den Werbeauftraggebern gratis bereitgestellt werden.
An dieser Situation hat sich durch das neue Messsystem nichts Grundsätzliches geändert. Zwar werden nun sowohl die zeitversetzte TV-Nutzung innerhalb der ersten sieben Tage ab Erstausstrahlung als auch die TV-Nutzung über private PC und Laptops erfasst. Gleichzeitig werden die folgenden Messlücken, die bereits im alten Forschungsansatz bestanden, auch vom neuen Verfahren nicht geschlossen:
– jegliche TV-Nutzung über TV-Geräte ausserhalb von Privathaushalten im beruflichen Kontext oder in öffentlichen Nutzungssituationen, aber auch in Ferien- oder Zweitwohnungen,
– jegliche TV-Nutzung über mobile Endgeräte (Smartphone, Tablet),
– jegliche TV-Nutzung in Haushalten ohne klassisches TV-Gerät (PC-only),
– jegliche TV-Nutzung über PC oder Laptops, die ausschliesslich oder unter anderem für berufliche/ geschäftliche Zwecke verwendet werden,
– jegliche zeitversetzte TV-Nutzung, die im Abstand von mehr als sieben Tagen zur Erstausstrahlung erfolgt,
– jegliche TV-Nutzung in den Panel-Haushalten, die fälschlicherweise ohne Personenanmeldung stattfindet (uncovered viewing).
Man kann diese unvollständige Erfassung beklagen und die Schliessung der Messlücken mit gutem Recht von der Forschung fordern. Berücksichtigen sollte man dabei allerdings den Zielkonflikt, in dem sich die Fernsehforschung heute befindet. Auf der einen Seite wird sie durch die dynamische Entwicklung der TV-Nutzung vor immer neue Messanforderungen gestellt. Auf der anderen Seite ist sie dem Qualitätsanspruch des Goldstandards, nur das zu messen, was auch valide und reliabel messbar ist, verpflichtet. Das neue Messsystem und die dahinter stehenden Auftraggeber haben ohne Zweifel dem zweiten Anspruch die höhere Priorität eingeräumt. Nutzniesser dieser Priorisierung sind die Auftraggeber. Die Kosten tragen die Sender und Vermarkter. Diese Kosten-Nutzen-Rechnung ist allerdings nur eine kurzfristige. Mittel- und langfristig wird sich die konservative Messstrategie der Gattung TV auszahlen und den Status der härtesten Media-Währung – ungeachtet aller berechtigten Kritik an den Kinderkrankheiten des neuen Messsystems – zementieren.
Mirko Marr





