Aufgefallen Es gibt Dinge, die kennt man, darüber aber spricht oder schreibt man öffentlich nicht. Auch wenn sie alltäglich sind. Etwa über Haushaltungen, die nach einem Todesfall aufgelöst oder redimensioniert werden müssen – und wenn man allein den Tages-Anzeiger durchblättert, sind das täglich sicher über ein Dutzend. Dank einer geschickten Inserateplatzierung – ebenfalls im Tages-Anzeiger – wird einem dieses tabuisierte Thema jedoch emotionslos und halt realistisch vor Augen geführt. Neben sechs Todesanzeigen entdeckt man sehr schnell, dank prominenten Schriftzugs, eine Einladung zur öffentlichen Versteigerung im Gantlokal. Eine Fundgrube für Schnäppchenjäger. Schon gut, aber vielleicht wäre dieses Inserat besser auf der Marktseite als auf der Seite mit den Todesanzeigen geschaltet worden. Einerseits ist es ja erfreulich, dass Gegenstände auch nach dem Tod ihrer Besitzer weiterleben können, aber bei einem Toten wartet man schliesslich auch einige Tage, bis man ihn in sein letztes Zuhause führt. Und beim Lesen dieser Anzeige ist es sehr schwierig, nicht das Gefühl zu bekommen, man erwerbe das Hab und Gut von Hans Mathys, Ruedi Adler oder Thilde Henggeler-Vogel. Ihnen die ewige Ruhe, der Anzeige einen anderen Platz. Chandra Kurt
Kolumne
Ein Mörgeli ist nie allein
Von Thomas Lüber
Warum bewerben sich Studenten eigentlich nicht mehr als Texter? Als zum Beispiel die alten Achtziger nach etwa drei Wochen genug hatten von dem ganzen altphilologischen Kram, den üblen Zukunftsaussichten als Gymilehrer und dem Mensafrass, schauten sie sich wie alle vernünftigen Intellektuellen nach einer Tätigkeit um, bei der man gut Kohle macht, wunderschöne Assistentinnen um sich hat und doch nicht viel mehr tun muss als an der Uni. Oder lieber weniger.
Sie kamen folgerichtig auf und dann in die Werbung, wo vorerst alles nach Plan lief. Bis zum Tag, an dem die Rezession ausbrach. Inserate schrumpften auf das handliche Reklameformat, dafür wurden die Coupons grösser und die Arbeitszeiten länger, woran sich bis heute nichts Entscheidendes geändert hat. Dumm, wenn man schon in der Branche hockt, nichts anderes kann und von Fixkosten geplagt ist. Gut, wenn man noch jung ist, im Lichthof der Uni sitzt und am Bleistift nagt.
Wohl wissend, dass Werbung nicht mehr die Fortsetzung des Rumhängens mit anderen Geldmitteln ist, scheuen die hoffnungslosen Studis den Weg in die Agenturen wie der AD den Kundenkontakt. Dass sie trotzdem nicht in den Karteikästen der Sozialämter landen, sondern auf der Karriereleiter, dafür sorgt die SVP. Seit diese rechtsaussen die Schweizer Politik überholt und bald mehr Posten zu vergeben hat als Blocher Millionen besitzt, kann jeder Student (Studentinnen ausnahmsweise nicht mitgemeint) bequem zu einer grossen Laufbahn ansetzen, auch wenn er noch so wenig dazu taugt. Herr Mörgeli beweist die Richtigkeit meiner These mit schöner Regelmässigkeit im Nationalrat und in meiner Lieblingszeitung Metropol.
Was wiederum zeigt, dass sich wenigstens etwas bis heute nicht geändert hat: Am Schluss landen die asozialen Elemente alle beim Kolumnenschreiben.
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Thomas Lüber ist Geschäftsführer Kreation von Lesch+Frei, Zürich.
Sprachbeobachter
Die Firma schlägt zurück
«Religiöse Symbole in der Werbung häufen sich», lese ich in einem Buch*. «Eine Anzeige für die Tabakmarke Samson sieht mittlerweile aus wie Christi Auferstehung am Isenheimer Al-
tar von Matthias Grünewald.» Tatsächlich leuchtet in der Aureole beim Samson-Tabak statt das Licht der Ewigkeit allerdings der Logolöwe über der Skyline und dem Meer. Darüber prangt ein Zitat – nicht aus der Bibel, sondern von Deep Purple: «Smoke on the Water.»
Die Mähne des Löwen erinnert an die Haarpracht des Purple-Sängers Ian Gillan. Und die Kluft zwischen Hardrock und Bibel schliesst sich harmonisch, wenn man bedenkt, dass Gillan in «Jesus Christ Superstar» den Part Jesu spielte.
Pfarrer Jérôme Cottin hat ursprünglich als Kunsthistoriker promoviert. Er untersucht in seinem Buch «Dieu et la Pub» (Gott und die Werbung) die Häufung religiöser Symbole in der Öffentlichkeit. Dabei begegnet er der Werbung mit viel Respekt – als einem Spiegel der Wünsche und Hoffnungen, der Ängste und (Sehn-)Süchte der Menschen. Sein Fazit lautet: Wir sind wieder auf Sinnsuche. Doch wir suchen die biblische Botschaft nicht mehr in der Kirche, sondern an der Plakatwand. «Dieu et la Pub» hat in der breiten Bevölkerung denn auch mehr Interesse geweckt als in kirchlichen Kreisen.
Jérôme Cottin ruft die Kirche dazu auf, sich ihre Symbole nicht einfach so wegnehmen zu lassen – und brachte mich auf eine Idee. Ich rief dort an, erklärte mich, die Sache kam ins Rollen, die Präsentationen folgten sich wie ein Tag dem andern, ich lernte die Oberen der Firma kennen, und wahrlich, ihre Budgets unterlagen der Gnade der wundersamen Vermehrung…
In der Marketingphase I (bis 2004) möchten wir die Werbeagenturen sensibilisieren, die noch Berührungsängste zeigen und zum Teil gar nicht wahrhaben wollen, dass ihre Kampagnen biblische Symbole und Botschaften enthalten. Am Beispiel von Benetton (Kinder aller Rassen in Cremefarben, grossformatige Bilder als Dramatisierung zentraler Lebensstationen des Menschen) werden wir zeigen, dass es Kampagnen gibt, die in ihrer Universalität ebensogut für Gott werben könnten wie für Pullover.
Die Phase II (ab 2004) zielt dann auf die breite Öffentlichkeit. Dabei verzichten wir ausdrücklich auf das Brandmarken oder gar die rechtliche Verfolgung von Zeichenpiraten wie Samson. Im Gegenteil: Wir vertrauen auf die Macht und die Kraft und die Herrlichkeit der christlichen Symbole und besetzen sie wieder mit ihren ursprünglichen Inhalten, so dass jede Anzeige für Samson usw. ab diesem Zeitpunkt auch wieder Werbung für die Kirche ist.
Sehet: Die Kirche hat ihre konzeptionellen Hausaufgaben gemacht. In den nächsten Monaten werden wir die Leadagentur bestimmen. Bewerbungen bitte an
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* Jérôme Cottin: «Dieu et la Pub», Editions du Cerf, Paris