«Werbung ist nicht Kunst»
Rodolphe Deville über seine Kunst und sein Leben nach der Werbung
Rodolphe Deville: Nein. Erstens habe ich schon mit zwölf gemalt, und da wusste ich von Werbung noch nichts. Zweitens musste ich mich mit zwanzig entscheiden, ob ich in die Werbung oder in die Malerei einsteigen will, weil ich damals ein Kunststipendium erhalten hatte. Erst entschied ich mich für die Werbung und ging schnurgerade vom extrovertierten ins introvertierte Metier. Im Geheimen habe ich aber immer gemalt. Bis heute habe ich über meine introvertierte Malerei selten geredet und sie auch niemandem gezeigt.
Wenn Kunst Ihre wahre Berufung ist, weshalb haben Sie sich in Ihrer Jugend gegen den Geist für die Werbung – Geld und Statussymbol – entschieden?
Deville: Werbung hatte damals null Statussymbol. Niemand fand das besonders lustig. Werbung interessierte mich so wie das andere Extrem, die Malerei. Ich habe Werbung aus Sicherheitsgründen gewählt, also wegen des Geldes, trotz Stipendium.
Was halten Sie von Michael Schirners These, wonach Werbung Kunst sei?
Deville: Nichts. Weil Werbung eine völlig kommerzielle Geschichte ist. Man kann sie schon zur Kunst hoch stilisieren – das tun Werber besonders gerne –, aber dann muss sie auf dem Niveau gemacht werden, wie sie Bill Bernbach machte. Und auch dann ist es noch keine Kunst. Kunst unterstellt sich anderen Kriterien als Werbung.
Während Jahrzehnten verliehen Sie den beworbenen Produkten und Marken eine Identität. Wie viel von Rodolphe Deville steckt in den abstrakten, rationalen Bildern?
Deville: Das kann ich nicht sagen. Vermutlich sieht man etwas von mir in den Bildern, aber das wäre unbewusst. Im Gegensatz zur Werbung, die einer Marke bewusst eine Identität gibt. Solche Probleme habe ich nicht und daher nicht das Bedürfnis, mich wie eine Marke zu positionieren.
Wenn wir trotzdem bei den Marken bleiben, könnte man von Warhol sagen, dass er das Coca-Cola der Kunstwelt war. Mit welchem Konsumgut würden Sie Ihre Kunst verbinden?
Deville: Keinem. Ich bin doch kein Produkt. Wenn Warhol sich selbst oder die Medien ihn dazu gemacht haben, dann hat er vielleicht darüber geschmunzelt und gesagt: Mir ist das recht. Wenn mir jemand sagen würde, ich entspreche einer Marke, dann würde ich mich halt kategorisieren lassen – kommentarlos.
Nur wenige wussten, dass Sie schon während Ihrer Zeit als Agenturmitinhaber und CD privat in einem Atelier auf der Forch malten. Weshalb stellen Sie Ihre Werke erst jetzt aus?
Deville: Meine Frau und meine Söhne haben mich dazu motiviert. Hinzu kommt, dass ich keinen Platz mehr für meine Bilder habe. Ich bringe kein Bild mehr in meinen Kellern unter, weder hier noch in Frankreich. Also mache ich jetzt eine Ausstellung, obwohl ich mich lange dagegen gewehrt habe, gerade aus solchen Überlegungen, die Martin Suter im besagten Artikel erwähnt hatte.
Ehemalige Kollegen von Ihnen sagen, dass Sie selten zufrieden waren mit sich selbst. Wie lange arbeiten Sie durchschnittlich an einem Bild, bis Sie es als vollendet betrachten?
Deville: Bis es fertig ist. Ich setze mir keine Termine.
Sie sind nicht nur bekannt als pedantischer Perfektionist, Sie galten auch als einer der wenigen CD, die Storyboards wie Schriften frei zeichneten. Als begehrter Gestalter wiesen Sie schon mal ein Honorar zurück, weil es Ihrem Marktwert nicht entsprach. Hat Ihr Name auch in der Kunst seinen Preis?
Deville: Da fange ich frisch an. Das sage ich Ihnen in zehn Jahren. So lange brauchte ich auch in der Werbung. Interview: Luca Aloisi
