Für Menschen, die ihrer Arbeit in piekfeines Tuch gekleidet nachgehen müssen, besteht das Erholsame des Sonntags auch darin, vom Krawattenzwang entbunden zu sein. Diese Überlegung liegt jedenfalls einem ersten von drei geplanten Direct Mailings zu Grunde, das FCB Leutenegger Krüll, Wallisellen, unter dem Motto «mehr Lebenshilfe» für den SonntagsBlick konzipiert hat. Mit dem Mailing lässt das Sonntagsblatt 350 Inserenten und Mediaplanern eine im Blick-Rot gefärbte Krawatte zukommen, deren Oberfläche eine Anleitung zum Lösen des Krawattenknopfes ziert. Die Idee soll nach Angaben der Agentur die Positionierung «mehr Sonntag» vertiefen sowie einen Hinweis auf die leicht verständliche Art der Berichterstattung geben, die bei den Leserinnen und Lesern allenfalls vorhandene Knöpfe im Verständnis von Zusammenhängen auflöst.Neue Vitrine. Wenn das so weitergeht, muss sich Niklaus Troxler bald eine grössere Glasvitrine für seine Preise anschaffen. An der internationalen Plakat-Triennale von Hongkong gewann er mit dem Plakat für das letztjährige Jazz Festival Willisau in der Kategorie Kulturplakate den ersten Preis. Nach dem ADC-Europe-Gold Award für die Jahresserie der Jazzplakate für Willisau folgte Anfang Juni je ein Silber- und Bronze-Preis beim renommierten Art Directors Club of New York. Guten Gewissens darf also auf die Ausstellung «Plakate Schwarz-Weiss» hingewiesen werden, die vom 23. Juni bis 1. Juli im Rathaus Willisau stattfindet. Alle Infos dazu auf www.troxlerart.ch
Möbliertes Musikfestival. Vom 15. bis 24. Juni zieht die Fête fédéral de musique – sie findet nur alle fünf Jahre statt – in Freiburg an die 100000 Musikfreunde an. Als Sponsor dieses Events und des Schweizerischen Blasmusikverbandes (SBV) nutzt Möbel Pfister die Gelegenheit, um vor beschwingtem Ort witzig Nähe zur Musik zu demonstrieren. Die Brücke zur Musikwelt schlägt ein von Lowe Lintas GGK, Zürich, gestalteter, zum Schiebetürschrank umfunktionierter B12-Plakatsteller. Dessen Türe lassen sich gerade so weit öffnen, dass sie den Schriftzug nicht verdecken.
Ganz schön frech. Mit seinem neuesten Inserat brachte Cablecom Tele 24 um den Verdienst des Hauptsponsors, seinem Team zum Schweizer Meister zu gratulieren. Cablecom lancierte nämlich anlässlich von GCs Titelerfolg eine Inseratekampagne mit dem Slogan «Cablecom gratuliert dem Grasshopper-Club Zürich zum Schweizer Fussballmeister» und zwei
Sujets mit Kabelanschlüssen als Fussballschuhstollen und Fussballventile. Konzipiert wurden die Anzeigen von der Agentur Jung von Matt/Limmat. Ob Tele 24 – auf Grund seiner wirtschaftlichen Probleme – allerdings sonderlich unglücklich ist, dass Cablecom ihr dieses Privileg stahl, ist fraglich und Cablecom wohl ziemlich egal. Cablecom kam – dank (ungewollter oder gewollter?) Zurückhaltung von Tele 24 – als zukünftiger Hauptsponsor zu einer Chance, die man einfach nutzen muss. Ob das Unternehmen in den kommenden drei Jahren nämlich noch die Möglichkeit haben wird, ein solches Inserat zu schalten, liegt einzig und allein in den Fussballerbeinen von GCs Meistertruppe.
Wenn zwei sich streiten…darf sich Wirz Werbung, Zürich, ganz und gar freuen. Denn: Obwohl ihre Kampagne für die fusionierte Telecomfirma Sunrise bisher konzeptionell wie visuell alles andere als originell war und im Look&Feel der ZKB-Kampagne derselben Agentur stark gleicht, gelingt es ihr immerhin, in der Werbebranche hohe Wellen zu schlagen. Hat sie hier doch einen Familienzwist zwischen den beiden Interpublic-Marken Lowe Lintas GGK (ehemals Sunrise-Etathalterin) und McCann-Erickson, Zürich (Ex-Diax-Agentur) provoziert. In einem als pointierte Eigenwerbung verpackten Abschiedsinserat bedankte sich Erstere bei Sunrise in Wirz’ neuem Auftrittstil für die «äusserst erfolgreiche Zusammenarbeit in den letzten drei Jahren», in denen sie für Sunrise zwei Millionen Kunden gewonnen habe. Ganz schön peinlich, wie sich Lowe um 1,1 Millionen Kunden verrechnet, meint nun McCann. Schliesslich habe McCann diesen beachtlichen Kundenanteil mit ihrer Kommunikationsleistung für Diax erbracht.
Strich für Impuls. Die Küsnachter Werbeagentur Impuls@TBWA passt sich dem Auftritt des internationalen Netzwerks an. Der Name Impuls verschwindet. Stattdessen übernimmt die Agentur den «fallenden» Schrägstrich (Backslash) aus dem Logo der Mutteragentur TBWA. Laut TBWA symbolisiert der Strich die Fähigkeit der Agentur, die Möglichkeiten von morgen zu definieren und die Zukunft ihrer Kunden durch die Kraft einer Idee zu verändern.
Editorial
Ökonomie der Wahrnehmung
Während im aktuellen Kunstschaffen – im besten Falle – der Geist einer Zeit gerinnt, so verströmt die Werbung vor allem Zeitgeist. Sie will – und muss, falls sie ihren Zweck nicht verfehlen will – bei der anvisierten Zielgruppe auffallen, im besten Fall gefallen und einen entsprechenden Kaufreiz auslösen.
Je reicher und offener eine Gesellschaft ist, umso offener und aufwändiger wird
der Kampf um die Aufmerksamkeit ausgetragen. Der Ökonomie der Aufmerksamkeit können sich die Werbetreibenden am allerwenigsten entziehen. Nüchtern betrachtet ist die ganze Werbe-Inszenierung ein einziger Tanz um die Aufmerksamkeit. Der Königsweg zum Markterfolg führt nun einmal über den Bekanntheitsgrad eines Produkts.
In einer Zeit hoch industrieller Medientechnologie mit ihren Overloads an Aufmerksamkeitszumutungen ist die Ressource Aufmerksamkeit ein knappes Gut. So wie der Homo sapiens nun einmal beschaffen ist, kann er die Intensität seiner Wahrnehmung nicht in dem Masse steigern, in dem die Aufmerksamkeit heischenden Ereignisse zunehmen.
Das Überangebot zwingt zu subjektiver Selektion. Dieser Tatsache muss sich auch der Werbetreibende bewusst sein. Ob ein potenzieller Konsument wegzappt oder innerlich abschaltet, ist vor diesem Hintergrund letztlich gleichgültig. Als Adressat einer Botschaft ist er verloren. Mehr über dieses Thema und was der Vater der Konsumentenforschung, Professor Werner Kroeber-Riel, dazu meint, lesen Sie ab Seite 10. Samuel Helbling