Hart an der Baumgrenze

Ruf Lanz lanciert das Szenebier Calanda Viva mit beschwipsten Tieren

Ruf Lanz lanciert das Szenebier Calanda Viva mit beschwipsten TierenVon Luca Aloisi Hopfen und Malz allein genügen längst nicht mehr. Lifestyle muss her, denn seit Jahren sinkt der Bierkonsum. Wachstumspotenzial machen Marketingstrategen einzig bei einer jungen Zielgruppe aus. Ruf Lanz hat das neue Gebräu tierisch aufgemotzt.
Internationale Brauereikonzerne verhalten sich so konjunkturresistent wie etwa die Gesundheits-, Nahrungsmittel- oder Tabakbranche. Mit dem Absatzvolumen in Europa ist dies allerdings nicht zu begründen, denn hier leidet das Biergeschäft an veränderten Trinkgewohnheiten und verregneten Sommern.
Letztere haben auch Schweizer Brauern einen Strich durch die Rechnung gemacht. Zum ersten Mal ist der Pro-Kopf-Konsum des Gerstensafts im vergangenen Jahr unter 57 Liter gefallen. Berücksichtigt man dazu den gestiegenen Importanteil, ergibt der stark fragmentierte und gesättigte Markt ein trübes Bild.
Calanda Viva bekommt ein trendiges Bündner Image
In der Schweiz hat der in dritter Familiengeneration geführte niederländische Bierkonzern Heineken (Marktanteil: 19 Prozent) mit zwei Massnahmen reagiert: Zum einen hat er die Produktion seiner Marken in Chur konzentriert. So wird in der Bündner Kantonshauptstadt nebst dem Lokalbier Calanda sowie den internationalen Brands Heineken und Amstel auch das Winterthurer Haldengut gebraut. Gleichzeitig versucht die viertgrösste Biergruppe der Welt, mit der Einführung von Spezialitätenbieren in neue Segmente vorzudringen. Denn Volumenpotenzial und hohe Margen sind nur noch bei einer jüngeren, aktiven Zielgruppe zu finden.
Mit dem neuen Draft-Bier
Calanda Viva will sich Heineken Schweiz an junge, trendbewusste Leute richten und den starken Flavoured Alcoholic Beverages (Alcopops) den Markt streitig machen. Brand Manager Sandra Chollet präzisiert die angepeilte Zielgruppe so: «Wir sprechen moderne, aufgeschlossene, junge Leute an, die in der Freizeit Fun haben, mit Freunden ausgehen und am Wochenende sportlich aktiv sind, zum Beispiel beim Snowboarden oder Carven.» Mit dem Hinweis auf Wintersport erklärt sich auch der strikt regionale Vertrieb in der Heimat von Calanda.
Dort wird das neue Gebräu in den angesagten Hotspots angeboten und spielt bewusst auf allen Kommunikationsebenen die Vorteile seiner lokalen Herkunft aus. «Wäre Calanda ein Aargauer Bier, hätten wir kaum die Heimatstrategie gewählt», erklärt CD Markus Ruf von der Agentur Ruf Lanz schmunzelnd. Nicht zufällig trägt das Produkt den Namen Viva, der auf die Bündner Positionierung hinweist.
Mit dem rätoromanischen «Viva» («Prost!») stösst man im Bündnerland zusammen an. Und sollten noch Unklarheiten bestehen, macht die von Future Brand designte Verpackung alles klar: Auf der Flasche ist ein stilisierter Steinbock zu erkennen.
Die Bündner Positionierung hat auch Ruf Lanz bei der Werbekampagne konsequent durchgezogen. Die Idee hinter allen Werbemassnahmen: Das neue Calanda Viva schmeckt so gut, dass man es keinen Augenblick unbeaufsichtigt herumstehen lassen sollte. Das diebische «Fremdtrinken» hat das Kreativduo mit heimischen Tieren dramatisiert.
So sieht man auf Inseraten und Plakaten eine sichtlich angeheiterte Gämsen-Polonaise vor der Bündner Bergwelt. Und in den schrägen Kinospots aus der Küche der Zürcher Peacock-Film benimmt sich die Bündner Fauna so, wie man sie noch nie gesehen hat: Im ersten Spot äugt ein Steinbock treuherzig in die Kamera, ganz im Stile herkömmlicher Dokumentarfilme. Um dann plötzlich aus tiefer Brust einen zufriedenen Rülpser von sich zu geben. Im anderen Spot unterbricht ein Murmeltier seinen Winterschlaf wegen allzu starken Harndrangs.
Ad–Rating

Calanda Viva
Was Mastro Lorenzo aufgetischt hat, bewerteten die meisten Ad-Rater als kalten Kaffee. Na, so arg wars auch nicht. Vielleicht trinken die vielen Werber lieber Bier als Kaffee. Liebhaber des Gerstensafts bitte zum Klick auf www.werbewoche.ch/adrating.
Mastro lorenzo
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Online-Marketing: Denz

Ziel: Einblicke in die neue Bürowelt D3 Office gewähren.

Ziel: Einblicke in die neue Bürowelt D3 Office gewähren.Denz Werbemittel: Internet, Flashpräsentation. Einsatz: Bis auf weiteres.
Auftraggeber: Denz & Co. AG, Nänikon. Werbeagentur: Büro4/MitLinks AG, Zürich; AD/Text/Konzept: Büro4, Yvonne Robert; Grafik: MitLinks AG, Watezz Bleuer; Beratung: MitLinks AG, Oliver Baumgartner; Fotos: Roland Tännler, Zürich; Realisation in Flash: MitLinks AG, Watezz Bleuer; Sound-design: MitLinks AG, Oliver Baumgartner.

Es gibt nur einen Echten

JWT+H+F positioniert Mastro Lorenzo mit drei schönen Spots als wahren caffé italiano

JWT+H+F positioniert Mastro Lorenzo mit drei schönen Spots als wahren caffé italianoAl Capones gibts in Italien einige, Alberto Tombas oder Roberto Baggios auch. Verwechslungen sind da nur natürlich. Beruhigend zu wissen, dass es nur einen echten italienischen Kaffee gibt: Mastro Lorenzo. Mit dieser simplen Formel will Kraft Foods Schweiz mit ihrer Hausagentur JWT+H+F die Kaffeemarke noch deutlicher als Inbegriff italienischen Kaffeegenusses positionieren. Nach dem in Cannes prämierten Citterio-Spot gelingt es CD Rémy Fabrikant, ebenso viel Italianità in den Schweizer Werbeblock zu bringen. In den Spots entführt Regisseur Alessandro Cappelletti den Portionenkaffee in eine Markenwelt zwischen Tornatore und den Gebrüdern Taviani. Seite 6

Lauter Männergeschäfte

Trotz Finanzdebakel lanciert die Waadtländer Kantonalbank eine Produktekampagne

Trotz Finanzdebakel lanciert die Waadtländer Kantonalbank eine ProduktekampagneVon Anita Vaucher Kaum ist die Waadtländer Kantonalbank aus den Schlagzeilen verschwunden, wird auch wieder der Blick frei auf ihre Werbung. Diese Form von ungewohnter Krisenkommunikation aus der Kreativküche von Pulsion, Lausanne, scheint auch dem Aktienkurs gut zu bekommen.
Bis Ende Oktober verging kaum ein Tag, an dem das Finanzdebakel der Banque Cantonale Vaudoise (BCV) nicht die Spalten der Presse füllte. Doch seit der ausserordentlichen Generalversammlung der Banquiers vom Lac Léman am 31. Oktober ist Ruhe eingekehrt – zumindest nach aussen. Auch die BCV-Aktie beginnt sich zu erholen und kletterte vom 15. Oktober bis 15. November vom Jahrestief von 86 Franken auf mittlerweile 91 Franken. Freilich: Die Aktionäre haben dafür schwer bluten müssen. Vor genau einem Jahr befand sie sich auf dem Höchstkurs von 355,32 Franken.
Danach begann die Talfahrt. Ausgelöst wurde sie durch die Feststellung der Eidgenössischen Bankenkommission, wonach Risikokredite ungenügend gedeckt worden waren. Der Staat, mit 67,89 Prozent des Aktienkapitals Mehrheitsaktionär, musste in die Bresche springen und schoss Ende Oktober nochmals 1,25 Milliarden Franken ein, nachdem bereits Rückstellungen in der Höhe von 850 und 400 Millionen Franken getätigt worden waren. An der ausserordentlichen Generalversammlung wurde Tabula rasa beschlossen, der Bankrat in die Wüste geschickt, der Verwaltungsrat (VR) massiv verkleinert – von 21 auf 7 Mitglieder – und mit neuen Fachleuten besetzt.
Nicht für den Mann von der Strasse konzipiert
Während der Verwaltungsrat in diesen Krisenmonaten reichlich Prügel von der Presse einstecken musste, platzierte die BCV Anzeigen in eben diesen Medien, um das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen. Anders lässt sich der Claim fürs Asset Management der BCV wohl kaum lesen: «Kompetenzen bündeln um Dienstleistungen zu optimieren.»
Die Kampagne von Pulsion will Menschlichkeit und Kundennähe vermitteln. Das harmonische Gruppenbild mit Männern soll dem Leser suggerieren, dass bei der BCV ein sorgfältig ausgewähltes Team uneingeschränkt für die Bankkunden da ist.
Im Gegensatz zur kürzlich erschienenen Kampagne fürs Private Banking der BCV, in der realiter existierende Anlageberater mitwirkten, handelt es sich bei den Protagonisten in der neuesten Anzeigenkampagne um Models. Wahrscheinlich hätten sich die echten Berater verständlicherweise geziert, im aktuellen Umfeld in Zeitungsinseraten ihr Konterfei zu zeigen.
Privatbanken seien zu weit weg von ihren Kunden und wenig disponibel, ebenso die Grossbanken, deshalb habe die BCV diesen Markt der Vermögensverwaltung institutioneller Anleger für sich entdeckt, meint Alain Ciocca von Pulsion. Eine Kantonalbank sei von ihrer Struktur her sehr nahe beim Kunden, ergänzt der Berater. In der Teppichetage der BCV hat man allerdings lange darüber nachgedacht, ob die Kampagne nicht verschoben werden solle, da sie möglicherweise zum jetzigen Zeitpunkt kontraproduktiv sein könnte. Schliesslich habe man sich aber doch entschieden, die Sache durchzuziehen, allein schon deshalb, weil der Anzeigenraum bereits reserviert gewesen sei, erklärt Ciocca.
Für ein unaufgeregtes Business as usual entschloss sich auch der Projekt- und Kommunikationsverantwortliche für die institutionelle Vermögensverwaltung, Mauro Salvadori. Der Öffentlichkeit solle signalisiert werden, dass die Bank auch in Krisenmomenten für ihre Kunden da sei. Die Bank wollte in dieser schwierigen Situation nicht in Low Profile machen, begründet Salvadori die Vorwärtsstrategie. Ferner komme hinzu, meint Ciocca, dass es sich bei der Anzeigenkampagne um B2B-Kommunikation handle, die sich an Spezialisten richte. Den Mann von der Strasse werde die Anzeige kaum interessieren, rechtfertigt er sich.
Ad–Rating

Mastro Lorenzo Die Kampagne des Mobilfunkbetreibers Orange hat knapp das Wohlwollen der Ad-Rater gefunden. Gefragt sind jetzt Cinephile unter den Ad-Ratern für ihre Stimme zu den Commedia-all’italiana-Spots für Mastro Lorenzo auf www.werbewoche.ch/adrating
OrangeTop: 53,30%
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Jetzt fährt der Express mit Tempo aufs Gratis-Schlachtfeld

Den «epochalen Lancierungsentscheid» für ein mindestens 32 Seiten starkes Tabloid namens Express verkündete Tamedia-VR-Präsident Hans-Heinrich Coninx symbolisch unterm Dach des Glaspalasts

Den «epochalen Lancierungsentscheid» für ein mindestens 32 Seiten starkes Tabloid namens Express verkündete Tamedia-VR-Präsident Hans-Heinrich Coninx symbolisch unterm Dach des Glaspalastsan der Werdstrasse; die offizielle Grablegung von TV 3 war noch im Keller bekannt gegeben worden.Viel Zeit hat sich Tamedia gelassen, um in den Pendlerzeitungsmarkt einzusteigen: Mehr als drei Jahre sind seit dem Start von 20 Minuten vergangen, und gut ein Jahr ist es her, seit dessen Mitbewerber Metropol technisch k.o. ging. Im Frühjahr 2003 steigt nun der Medienkonzern definitiv in den Pendlerzeitungs-Ring.
Mit diesem späten Angriff liefert Martin Kall sein Gesellenstück als schon nicht mehr ganz so neuer Vorsitzender der Tamedia-Geschäftsleitung. Entsprechend martialisch gab er sich denn auch – und überzeugt, dass der am Dienstag erklärte Krieg nur einen Sieger kennen werde: «uns». Offiziell ist das in einer Startauflage von 300000 Exemplaren verteilte Gratisblatt eine Weiterentwicklung des ZürichExpress. Faktisch handelt es sich um eine Aufspaltung des umsatzstarken Titels (Kall: «ZE generiert heute mehr Erlöse als die Belcom-Gruppe») in ein redaktionsloses Tagblatt der Stadt Zürich und den Express, der 20 neue Stellen schafft. Indes, die Pendlerzeitung wird er inhaltlich nicht neu erfinden.
Die NZZ, die 40 Prozent der Anteile am ZürichExpress hält, beteiligt sich zwar am Amtsblatt als «gemeinsamem Service Public» (Coninx). Die überraschend kooperative Haltung des Minderheitsaktionärs ist dennoch als indirekte Unterstützung des Kampfs gegen den skandinavischen Eindringling zu verstehen. Und könnte auch finanziell durchaus aufgehen: Bis zur Eröffnung des neuen Druckzentrums Bubenberg Mitte 2004 muss Tamedia nämlich die Hälfte der durchgängig vierfarbigen Express-Auflage extern drucken lassen. Bei wem, das will der frisch gebackene Express-Geschäftsführer Marius Hagger erst nächste Woche kundtun. Nicht auszuschliessen, dass die NZZ den Zuschlag erhält. (oc)

Etat-News: Neue Aufträge für WPS-RCM

Das Kommunikationsunternehmen WPS-RCM in Geroldswil ZH hat in den vergangenen Wochen neue Aufträge an Land gezogen.

Das Kommunikationsunternehmen WPS-RCM in Geroldswil ZH hat in den vergangenen Wochen neue Aufträge an Land gezogen.Etat-News Neue Aufträge für WPS-RCM Für die Elektronikkette Media Markt realisiert das «Generalunternehmen für Werbung, Produktion und Internet» eine Hauszeitung. Zudem hat der Filmkonzern Warner Bros. WPS mit der Produktion von DVD-Boxen für seine «Men’s Collection» und «Women’s Collection» beauftragt.
Lucky Lack gewinnt Etat von Natural
Die Basler Werbeagentur Lucky Lack betreut neu das Budget der Speditionsfirma Natural Ltd. Lucky Lack setzte sich in einem Pitch durch. Natural beschäftigt heute 470 Personen, mit Niederlassungen in Deutschland, Frankreich, Italien, China und den USA. Erste Arbeiten von Lucky Lack zur Kampagne 2003 werden Anfang nächsten Jahres zu sehen sein. Als Hauptkommunikationsmittel sind Inserate in Fachzeitschriften geplant.
Schneeberger im Jumbo-Baumarkt
Die Werbe- und Mediaberatung Veronika Schneeberger in Fraubrunnen BE betreut ab kommenden Januar das nationale Printbudget der Jumbo-Baumärkte. Bisher wurde der Etat direkt über die PubliGroupe-Tochterfirma Publimedia in Zürich disponiert. Das Printbudget sei im Vergleich zum Gesamtwerbeetat eher bescheiden, erklärte Massimo Moretti, Jumbo-Kommunikationsleiter.

News: PWA-Index steigt weiter

Der Publimedia Webadvertising Index (PWA-Index) ist im Oktober um einen Punkt auf 102,4 Punkte gestiegen.

Der Publimedia Webadvertising Index (PWA-Index) ist im Oktober um einen Punkt auf 102,4 Punkte gestiegen.News PWA-Index steigt weiter Bereits im September war der Abwärtstrend, der im Februar begonnen hatte, mit einem Plus von 0,9 Punkten gebremst worden. «Die positive Entwicklung der Online-Werbeausgaben bestätigt die Vorhersagen verschiedener Studien aus den vergangenen Monaten», teilt der Werbevermittler PWA mit.
Post bedroht Tessiner PresseFür die Tessiner Tageszeitungen hätte die geplante Schliessung des Briefpostzentrums Bellinzona fatale Folgen, weil der Redaktionsschluss bereits um 20 Uhr erfolgen müsste. Auch wären die Zeitungen bis 23.30 Uhr verpackt am Bahnhof vorzulegen, damit der Leser die Zeitung am nächsten Tag wie gewohnt im Briefkasten vorfände. Bisher können Corriere del Ticino, Regione und Giornale del Popolo ihre Seiten bis um Mitternacht offen halten. Der Tessiner Zeitungsverlegerverband fordert Post-Direktor Ulrich Gygi deshalb auf, die geplante Schliessung zu überdenken.
Radio Fribourg im Web und per SMS Der zweisprachige Sender Radio Fribourg-Freiburg hat seine Website komplett überarbeitet. Ab sofort können beide Programme online gehört werden. Benötigt wird das Programm Windows Media Player. Die Site hält auch Informationen zu Programm, Redaktion und Moderation sowie zum Werbeverkauf bereit. Neu ist auch ein SMS-Angebot, das mit drei Channels zu News, Sport und Wetter startet und ausgebaut werden soll.
Jura-Südfuss-Kombi wird ausgebautDas Werbekombi Jura-Südfuss wird auf den gesamten Wirtschaftsraum 32 ausgedehnt. Bisher bestand die Kombination aus Solothurner Woche und Anzeiger für Gäu und Thal. Ab Anfang 2003 wird der Allgemeine Anzeiger für den Bezirk Zofingen integriert. Zudem dehnt der Anzeiger für Gäu und Thal sein Streugebiet auf die Stadt Olten aus, womit seine Auflage um 12500 auf 33000 Exemplare steigt.

Wer redet denn hier von Boykott?

Der wirtschaftliche Druck auf Medien nimmt immer subtilere, sprich: crossmediale Formen an

Der wirtschaftliche Druck auf Medien nimmt immer subtilere, sprich: crossmediale Formen anVon Christian Mensch * Der Holzhammer zur Disziplinierung kritischer Journalisten wird kaum noch angesetzt. Die werbetreibende Wirtschaft hat mittlerweile ausgeklügeltere Formen herausgebildet, um Zeitungen und Zeitschriften an die Kandare zu nehmen. Das jedenfalls zeigt ein Blick auf die Chronologie der wirtschaftlichen Druckversuche auf die Medien – geschrieben aus Anlass des 25-Jahr-Jubiläums des Schweizer Presserats.
Im Namen des Schweizer Journalismus haben wir zu danken. Und zwar Walter Frey. Der Automobilimporteur, Grossgaragist und Zürcher alt SVP-Nationalrat hat zusammen mit einigen Mitstreitern 1979 den berühmten Anzeigenboykott gegen den Tages-Anzeiger vom Zaun gebrochen.
Im Gegensatz zu seinen Kollegen, die bereits nach Wochen oder spätestens nach Monaten wieder fleissig in der Zürcher Tageszeitung Anzeigen schalten liessen, hat Frey die Massnahme zwanzig Jahre lang aufrechterhalten. Dieser Boykott hat den Schweizer Medien im Allgemeinen und dem Tages-Anzeiger im Besonderen den Ruf eingetragen, Hort eines unbestechlichen, unbeugsamen Journalismus zu sein.
Sein Millioneneinsatz – die Sanktion war nicht gratis zu haben – verhalf dem Tages-Anzeiger zu mehr Ansehen und den Journalisten zu grösserem Selbstbewusstsein, als sie mit vielen Recherchen hätten erreichen können. Der Anzeigenboykott gab dem Blatt schweizweit den Nimbus, eine wirtschaftskritische Zeitung zu sein.
Sind Wirtschaft und Medien heute in der Machtbalance?
Wo aber sind die Boykotteure heute? Gibt es sie nicht mehr, weil die Wirtschaft kapituliert hat vor der publizistischen Macht der Medien, Boykotte deshalb also nicht mehr möglich sind? Oder gibt es sie nicht mehr, weil die Medien vor der Macht der Wirtschaft kapituliert haben, Boykotte darum also gar nicht mehr nötig sind?
Da hilft ein Blick auf die bekannten Boykott-Fälle aus der Schweizer Pressegeschichte. Anlass für den berühmtesten, Autoimporteure versus Tages-Anzeiger, war ein Bericht im Tages-Anzeiger-Magazin vom März 1979: «Die Autolobby Schweiz», recherchiert und geschrieben von Paul Romann und Beat Schweingruber. Der Report brachte, so die damalige Sprachregelung der darin Angeprangerten, «das Fass zum Überlaufen». Soll heissen: Der Tagi, ideologisch damals auf der grünen Überholspur, war mehrmals gewarnt worden.
Im September 1980 sprach der Globus Anzeigensanktionen aus. Auch hier traf es den Tages-Anzeiger. Die Geschäftsleitung des Warenhauses schrieb, dieser sei «durch eine unausgewogene und verzerrte Berichterstattung über die Jugendunruhen seiner Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit ungenügend nachgekommen», weshalb «die Inserateaufträge in beträchtlichem Masse gekürzt» würden.
1994 entzog der inzwischen verstorbene Denner-Chef Karl Schweri allen Ringier-Titeln die Inserate, weil sich der Discounter in Cash ungerechtfertigt kritisiert fühlte. Es war nicht seine erste, nicht seine einzige, aber seine bekannteste und vom Presserat schwer gerügte Sanktionskampagne.
Es gibt noch weitere, weniger berühmt-berüchtigte Boykotte und Boykotteure zu erwähnen:
• 1985 strafte die Genfer Immobilienbranche kollektiv die Tribune de Genève wegen ihrer Berichterstattung über das Treiben der Immobilienhaie.
• 1987 reagierte die Migros mit einem Anzeigenentzug auf eine Glosse in der Ostschweiz. Die inzwischen mit dem St.Galler Tagblatt fusionierte Zeitung wagte es, das Einkaufszentrum Säntis auf die Schippe zu nehmen.
• 1992 schnitt der Bankverein die Tessiner Zeitung La Regione, weil diese die Verbindungen zwischen den Schweizer Banken und den italienischen Schmiergeldaffären nachgezeichnet hatte.
Transparenz? Ach, grau ist alle Theorie…
Und heute? Eine Richtlinie des Presserats fordert zwar explizit die Öffentlichmachung von Boykotten. Dieses Druckmittel sei ungerechtfertigt, «sofern die Veröffentlichung einer Information einem öffentlichen Interesse entspricht». Tatsache ist indessen, dass in jüngerer Zeit keine grösseren Boykottaktionen bekannt geworden sind. Was eigentlich nur zwei Schlüsse zulässt: Entweder gibt es Boykotte als Abstrafung einer missliebigen Information «von öffentlichem Interesse» nicht mehr, oder besagte Richtlinie ist bloss ein zahnloser Papiertiger. Letzteres ist vermutlich zutreffender. Denn es gibt sie sehr wohl noch, die illegitimen Druckversuche in Form von Boykottdrohungen oder veritablen Boykotten.
Gerade die Fahrzeugbranche, die von den Medien wie keine zweite mit kundenfreundlichen Anzeigenumfeldern – genannt Automobiljournalismus – geködert und gehätschelt wird, zeigt weiterhin Neigungen zu Machtdemonstrationen gegenüber der Presse. So wurde die Jean Frey AG vor einigen Jahren Opfer der Erb-Gruppe.
Ursache war ein Artikel im Beobachter, der notabene gar nichts mit dem Autogewerbe zu tun hatte. Bis die Firmengruppe wieder als Anzeigenkunde auftrat, war dennoch langes Antichambrieren nötig und ein Ablass in Form von Freespace im sechsstelligen Bereich. Ringier arbeitet diesbezüglich prophylaktisch: Jährlich investiert der grösste Schweizer Medienkonzern 500000 Franken in den Goodwill des motorisierten Gewerbes. So viel legt Ringier bei ihrer Fernsehsendung «Motorshow» drauf, die von Presse-TV veranstaltet und auf SF 2 ausgestrahlt wird.
«Warnschüsse» vor den Bug der Pressefreiheit
Aber auch Grossbanken sind nicht frei von kleingeistigen Aversionen. So konnte ein kritischer Artikel über UBS-Chef Marcel Ospel zumindest vor zwei Jahren noch dazu führen, dass kurzfristig die eine oder andere Werbeschaltung ausfiel. Und die kritische Berichterstattung über Ex-CS-Boss Lukas Mühlemann brachte – wie Anfang Jahr unschwer zu beobachten war – in einzelnen Publikationen die CS-Werbung zum Stoppen.
«Warnschüsse» nennen die Finanzinstitute solch kurzzeitige Stornierungen. Ein gleiches Verhalten legten zwischenzeitlich auch die staatlichen Konzerne Post und Swisscom an den Tag. Sie haben sich gemäss Recherchen auch schon als Anzeigenkunden geziert, nur weil sie das Gefühl hatten, in einer Zeitung etwas gar häufig an den Pranger gestellt zu werden.
Bloss: Weder die betroffenen Zeitungen noch die Anzeigenkunden machen solche Fälle publik. Und schon haben wir ein Definitionsproblem. Wann ist ein Boykott ein Boykott? Wettbewerbsrechtlich praktisch nie. Nicht einmal jener der Automobilimporteure von 1979 war juristisch einer, wie die damalige Kartellkommission festhielt. In ihrem Bericht von 1981, der sich heute als presserechtliche Realsatire liest, heisst es: «Die Kartellkommission beschränkt sich auf die Feststellung, dass vom rein wirtschaftlichen Standpunkt aus der Inseraterückzug der Automobilimporteure nicht gerechtfertigt erscheint, sich jedoch allenfalls durch den Nachweis rechtfertigen liesse, dass die redaktionelle Haltung des Tages-Anzeiger den Werbeerfolg für Neuwageninserate zunichte macht oder in erheblichem Umfang vermindert.» – Den Nachweis, ob die redaktionelle Haltung die Werbewirkung einer Anzeige beeinflusst, hat die Kommission jedoch weder erbracht noch verneint. Bewusst, sagten damals Insider.
Absurde Argumentation der Autoimporteure
Die Automobilbranche hatte in den Kartell-Hearings ganz unterschiedlich argumentiert. Der Generaldirektor der Amag behauptete etwa, rein kommerzielle Gründe hätten den Ausschlag zum Anzeigenstopp gegeben. Interne Untersuchungen hätten gezeigt, dass der Beachtungsgrad der Inserate im Tages-Anzeiger klein gewesen sei, «weil die Zeitung sehr umfangreich ist» (!). Walter Frey dagegen meinte frank und frei, der Tagi sei wegen seiner politischen Haltung «für Autoinserate nicht mehr geeignet». Von einer konzertierten Branchenaktion, sprich: von einer Kartellabsprache, wollte er allerdings nichts wissen.
Renault gehörte zu jenen Firmen, von denen man lange glaubte, sie hätten den Boykott nicht mitgetragen. Vor der Kartellkommission stellte sich dann jedoch heraus, dass die französischen Autobauer bereits vorher aufgehört hatten, im Tages-Anzeiger zu werben. Dafür sei «das negative Bild des Automobils ausschlaggebend gewesen». Kurzum: Nur gerade Walter Frey
bekannte sich offen zu seinem wirtschaftspolitischen Disziplinierungsversuch. Renault legte sein Handeln nicht offen; Amag führte unpolitische Gründe an. Sie bezogen sich aber alle auf die allgemeine Handels- und Gewerbefreiheit, die auch die Freiheit einschliesst, ohne Begründung zu werben, wo und wann man es für richtig hält.
Politische und andere Seilschaften
Der Verweis auf die Werbefreiheit war ein Verlegenheitsargument, um die politischen Motive nicht öffentlich rechtfertigen zu müssen. Aber nicht nur. Ein Irrtum ist es nämlich zu glauben, Werbeauftraggeber hielten sich bei der Mediaplanung sonst streng an objektive Kriterien wie Auflage, Leserschaft, Affinität des Zielpublikums, Kosten pro Tausend Leser und anderes mehr. Das nicht geringe Mass an Willkür, wo und wann eine Anzeige geschaltet wird, kann zu Ungunsten oder auch zu Gunsten eines Mediums ausgehen. Manchmal geben persönliche Beziehungen den Ausschlag, manchmal politische Opportunitäten.
Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich erzähle, dass Christoph Blocher in jeder Weltwoche-Ausgabe mit einem Kreuzworträtsel präsent ist. Dies tut er nicht, weil er glaubt, damit den Umsatz seiner Ems-Chemie ankurbeln zu können. Er nimmt sich die Werbefreiheit, um fern jeder wirtschaftlichen Logik seinen Obolus für ein unabhängiges Verlagshaus Jean Frey zu entrichten. Ist damit die journalistische Unabhängigkeit gefährdet?
Die Ausgangsfrage lautete aber: Wann ist ein Boykott ein Boykott? Damit wir uns nicht weiter im juristischen Dickicht zwischen Handelsfreiheit und kartellistischer Absprache verheddern, halten wir uns lieber an die einfache Faustregel: Ein Boykott liegt dann vor, wenn ein Inserent explizit rechtmässige und von der Meinungsfreiheit gedeckte publizistische Inhalte als Begründung nennt, weshalb er keine Anzeigen mehr schaltet.
Ringier ist noch glimpflich davongekommen
Wie verhält es sich dann im Fall Borer versus Ringier? Die Ringier-Geschäftsleitung beteuerte mehrfach, nur gerade ein Inserent habe unter konkretem Bezug auf die seines Erachtens unvertretbare Borer-Geschichte seine Aufträge storniert. Obwohl der Fall publik war, gab es keinen Aufschrei des Presserats. Weshalb eigentlich nicht?
Aus Ringier-Verlagskreisen waren im Frühjahr und Sommer dieses Jahres allerdings ganz andere Töne zu hören: Jeder zweite Anzeigenkunde habe sich mit Hinweis auf die Borer-Geschichte mit Insertionsaufträgen zurückgehalten.
Was stimmt nun? Ich behaupte Folgendes: Sicher gab es mehr als einen Anzeigenkunden, der Ringier wegen der Borer-Geschichte von seiner Auftragsliste gestrichen hatte. Nur bekannten sich die nicht zum Boykott. Jene, die sich gegenüber unteren Ringier-Chargen als Boykotteure aufspielten, standen wohl vor einem ganz anderen Problem: Sie hatten schlicht kein Budget zu verwalten. Sie glaubten, es mache sich besser, Ringier in einer Machtpose gegenüberzutreten als einzugestehen, dass sie schlicht keine Inserate zu disponieren hatten.
Was uns zu einem weiteren Punkt führt: Dem grossen Bluff. Es gehört zum Kommunikationsritual zwischen der werbetreibenden Wirtschaft und den Medien, dass Anzeigenkunden ein für sie positives redaktionelles Umfeld einfordern. Die Ankündigung – oder genauer: Drohung –, auf ein Konkurrenzmedium auszuweichen, das ein angeblich besseres Umfeld anbiete, gehört mit zu diesem Spiel.
Richtig ist, dass daraus – vor allem bei kleineren Medien – eine Atmosphäre der Einschüchterung resultiert. Regionalzeitungen, das zeigten entsprechende Gespräche zu Recherchezwecken, haben häufig das Gefühl, die Eröffnung einer Migros- oder Coop-Filiale, einer neuen Garage oder eines Gastrobetriebs publizistisch begleiten zu müssen. So wird berichtet, wenn ein Grossverteiler eine neue Brottheke installiert. Nicht, weil sie berichtenswert wäre, sondern weil die Redaktion überzeugt ist, sonst einen wichtigen Anzeigenkunden zu verärgern und massgebliche Anzeigenvolumina zu gefährden.
Meiner Meinung nach ist die Gefahr, tatsächlich Anzeigen zu verlieren, weit geringer, als Journalisten glauben respektive, als ihnen weisgemacht wird. Manchem Verleger kommt diese diffuse Angst entgegen. Er hat lieber einen journalistisch mageren Text im Blatt, dafür muss er keine Zeit raubenden Diskussionen mit dem Anzeigenkunden führen. Denn dieser kann häufig nicht verstehen, weshalb die neue Metzgervitrine und der neue Gemüsestand einen Artikel wert waren, seine Brottheke aber ignoriert wird.
Gegen Drohungen hilft Öffentlichmachung
In meiner journalistischen Laufbahn war ich vor rund zehn Jahren, damals noch für die Fachpresse tätig, einmal konkret mit einer Boykottdrohung konfrontiert. Der Direktor der Publicitas Lugano drohte mit Anzeigenentzug. Ich fragte ihn, ob es ihm recht sei, dass ich erstens die Direktion in Lausanne darüber informiere und zweitens die Öffentlichkeit darüber aufkläre, dass die Publicitas, die bekanntlich ja von der Inseratevermittlung lebt, mit einem Boykott liebäugle? Die Drohung war mit der Gegendrohung sofort vom Tisch.
Das Gebot des Presserats, Boykotte seien öffentlich zu machen, ist deshalb als Forderung unbedingt aufrecht zu erhalten: Faktisch wird sie zwar sehr selten eingehalten, doch sie ist ein hervorragendes Argument, um einer Boykottdrohung etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen. Denn wichtig ist zu wissen: Die wenigsten Möchtegern-Boykotteure können sich einen Boykott auch leisten. Denn ein echter Boykott kostet, und zwar gleich doppelt: Er hat nämlich einen politischen und einen wirtschaftlichen Preis.
Der Aufruf «Inseriert nicht in diesem Blatt!» ist politisch höchst inkorrekt und kann nur in jenen seltenen Fällen ausgesprochen werden, in denen eine klare moralische Legitimation vorliegt, ein Medium also unzweideutig gegen moralisches Empfinden verstossen hat. Selbst der Fall Borer war nicht eindeutig genug: Das Unternehmen, das Ringier boykottiert hatte, wurde nicht namentlich bekannt. Die Gefahr, dass sich die Konsumenten mit einem boykottierten Medium solidarisieren und den Boykotteur zu boykottieren beginnen, ist zu gross. Die Moralisierung der Wirtschaft, die der Mediensoziologe Kurt Imhof so gern beklagt, ist ein Schutzschild für die Medien.
Konsenswilligkeit auf allen Etagen
Ehrlicherweise muss jedoch gesagt werden, dass sich auch Chefredaktoren in aller Regel gegen eine Publikation von Boykottdrohungen aussprechen. Medard Meier, Chefredaktor der Bilanz, ist beispielsweise überzeugt, dass eine öffentliche Debatte die Fronten nur verhärte und eine Konsenslösung die Blockadesituation viel schneller wieder löse.
Wie solche Lösungen in der Regel aussehen, weiss niemand – und vermutlich kämen einige Skandale zum Vorschein, wenn wir genau wüssten, zu welchen Deals Redaktions- und Verlagsleiter bereit sind. Man achte nur mal darauf, wie häufig auf einen äusserst kritischen Wirtschaftsartikel nach kurzer Karenzzeit ein artiges Interview mit dem Big Boss des ins Fadenkreuz genommenen Unternehmens folgt, oft geführt vom Chefredaktor persönlich.
Der Fall der Autoimporteure steht noch heute exemplarisch für das Zusammenspiel von Medien und Wirtschaft. Zwei Bedingungen waren erfüllt, damit der Boykott jene Bedeutung erlangen konnte, die wir heute würdigen.
Erstens stand das Automobil damals im Zentrum eines ideologischen Richtungskampfes. Dieser war es beiden Seiten wert, dafür auch finanzielle Risiken einzugehen. Die Tatsache, dass sich sowohl Frey und Co. als auch die Tagi-Redaktion, stellvertretend für die erwachende Ökobewegung, politisch im Recht sahen, machte es erst möglich, dass der Boykott zur Kampagne und damit öffentlich wurde. Beim Tages-Anzeiger gab es zuvor heftige interne Diskussionen, erzählt dessen damaliger Chefredaktor und heutiger Presseratspräsident Peter Studer. Zum Schluss aber deckte der zuvor informierte Publizistische Leiter in der Geschäftsleitung, Studers Vorgänger Walter Stutzer, den Artikel und die Öffentlichmachung der davon ausgelösten Lawine.
Die Autobranche: Hebamme und Totengräberin
Zum Zweiten waren die finanziellen Risiken für beide Seiten überschaubar. «Diese paar Millionen Franken verkraften wir leicht», soll das damalige GL-Mitglied Walter Stutzer zum Missvergnügen der Inserateverkäufer gesagt haben. Dass ausgerechnet Walter Frey den Boykott am längsten durchhielt, ist kein Zufall: Er war Hauptaktionär der Gratiszeitung Züri Woche, in der er eine einigermassen passable Werbealternative hatte – und die er ohnehin mit Anzeigen alimentieren musste. Als es die Züri Woche nicht mehr gab, wurde auch Frey des Boykotts schnell überdrüssig. Einen politischen und einen wirtschaftlichen Preis zu zahlen, war selbst ihm zu teuer.
Ähnliches hat sich übrigens auch in Basel abgespielt. Die Gratiszeitung Doppelstab aus dem Hause Basler Zeitung wurde aus welchen Gründen auch immer verdächtigt, ein autofeindliches Blatt zu sein. Die Autobranche fühlte sich daraufhin am Rheinknie heimatlos.
Die neue Gratiszeitung Basler Bebbi des Journalisten Beat Alder sprang in die Bresche und sicherte sich so für einige Jahre das Überleben. Eine neue Doppelstab-Redaktion korrigierte später den Kurs, diente sich der Auspuffbranche an und sorgte damit mittelfristig dafür, dass der Basler Bebbi wieder von der Bildfläche verschwand.
Nehmen wir noch einmal Denner als Beispiel. Dort stand mit Karl Schweri der Firmenbesitzer persönlich am Ruder. Und der beraubte sich mutwillig der besten Werbeplattformen. Jeder angestellte Manager, jeder Mediaplaner wäre wegen Verschleuderung von Firmenvermögen stante pede gefeuert worden, hätte er die unsinnigen Werbestrategien des Patriarchen eingeschlagen.
Schweri boykottierte notorisch, nicht nur Ringier. In einem anderen Fall entzog er dem Tages-Anzeiger einen millionenschweren Druckauftrag – allein wegen einer harmlos ironischen Kolumne zum Politiker Schweri. Und es gab Zeiten, da glaubte er, fast gänzlich auf die Presse als Werbeträger verzichten zu können. Er inserierte damals nurmehr in den linken AZ-Blättern und schaltete Radiospots – mit dem positiven Effekt, damit das Sterben der Linkspresse einige Zeit hinausgezögert zu haben.
Swiss-Chef Dosé geht mit schlechtem Beispiel voran
Es gibt aber durchaus Situationen, in denen Boykottmassnahmen umgesetzt werden können, ohne selbst Schaden zu nehmen. Eine solche Variante hat Swiss-Chef André Dosé im Frühjahr 2002 gegen Facts durchexerziert. Weil ihm dessen kritische Berichterstattung missfiel, ordnete er an, das Nachrichtenmagazin künftig nicht mehr an Bord der Swiss-Flugzeuge zu verteilen. Stattdessen werden nun Focus und teilweise die Weltwoche gereicht. Die NZZ am Sonntag hat den Boykott im April öffentlich gemacht. Swiss-Chef Dosé konnte mit dem Bericht zufrieden sein: Seine unrühmliche Rolle bei der Durchsetzung der wirtschaftlichen Strafmassnahme wurde betont vorsichtig formuliert und sein Verhalten wegen der «wenig differenzierten Negativkampagne gegen Swiss» in gewisser Weise gar legitimiert.
Dabei ist der Auflageverlust von 7 bis 8000 Exemplaren gravierend für ein Medium mit rund 100000 Exemplaren. Der Verlagsleiter von Facts tröstet sich jetzt damit, dass die Lesenutzung in den Flugzeugen erstens ohnehin gering ist und zweitens von der Medienforschung kaum erfasst wird. Das heisst: Bei tieferer Auflage darf Facts eine höhere Nutzung pro Ausgabe erwarten. Dosé ist im Übrigen ein Nachahmungstäter: Das Vorbild aus jüngerer Zeit lieferte die Lufthansa, die letztes Jahr die Süddeutsche Zeitung über Bord warf.
Willfährige Journalisten, ängstliche Geschäftsleitungen
Was aber ist daraus zu lernen? Zunächst: Medienvielfalt bringt Meinungsvielfalt. Sie bringt aber auch eine Vielfalt der Werbemöglichkeiten – und dies ist
eine Hauptvoraussetzung, damit wirtschaftliche Druckmassnahmen überhaupt greifen können. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb die Wirtschaft lauthals nach einer kommerziellen Fernsehlandschaft Schweiz ruft: Alternative Werbekanäle geben ihr mehr Handlungsspielraum im klassischen Printland Schweiz.
In der kommenden Parlamentsdebatte um die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes werden deshalb Wirtschaftsvertreter zu hören sein, die sonst das hohe Lied der freien Marktwirtschaft singen, nun aber plötzlich für ein Gebühren-Splitting für kommerzielle Fernsehstationen eintreten.
Dennoch glaube ich, dass Medien Druckversuchen der Wirtschaft gegenüber heute resistenter sind als früher. Selbst der viel beklagte Mauerfall zwischen Redaktion und Verlag entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Chimäre. Richtig ist zwar, dass sich früher Redaktion und Anzeigenabteilung eher feindlich gesinnt waren. J. Pepe Wyss, heute für die NZZ-Gruppe tätig, beschrieb die Situation beim Tages-Anzeiger in den Achtzigerjahren einmal so: «Die Inserateakquisiteure empfanden die Redaktoren als hochnäsig und
unnahbar; man verkehrte mehrheitlich schriftlich miteinander.» Die Richtlinie des Presserats, wonach «die Trennung zwischen redaktionellem Teil und Werbeteil unter allen Umständen hochgehalten werden muss», schien buchstabengetreu erfüllt zu sein.
Schien: Denn die Redaktion des Tages-Anzeigers selbst legte zu dieser Zeit als problematisch erachtete Texte der Geschäftsleitung vor. Die Journalistin Elisabeth Michel-Alder beschrieb die Situation 1981 wie folgt: «Es gab Einzelanweisungen wie Streichungsvorschriften der Geschäftsleitung bei einem Artikel, der gegen das Rauchen polemisierte, obschon im fraglichen Heft keine einzige Zigarettenreklame angemeldet war.»
Oder: «Mitte September 1980 stellte der Schriftsteller Reto Hänny der Magazin-Redaktion einen Erlebnisbericht über Tage in Zürcher Polizeigewahrsam zur Verfügung. Weil es um das diffizile Thema Jugendunruhen ging, wurde der Text der Chefredaktion zeitig zur Kenntnis gebracht. Mehrheitlich, nicht einstimmig, entschieden sich die Chefredaktoren für die Publikation und legten ihrerseits den Bericht der Geschäftsleitung vor. Diese aber war gegen
den Abdruck, was die Chefredaktion bedauerte, aber vertretbar fand.»
Solche Verhältnisse würden wir auch heute noch als skandalös empfinden. Von Ausnahmen abgesehen, respektieren die Verleger heute die Eigenverantwortung der Redaktion. Dennoch: Die Kommerzialisierung der Medienbranche führte auch dazu, dass immer ausgefeiltere Strategien entwickelt wurden, um die Bedürfnisse nicht nur der Konsumenten, sondern auch der werbetreibenden Wirtschaft besser zu befriedigen. So werden heute alle wichtigen Branchen mit speziellen redaktionellen Leistungen bedacht.
Dies gilt nicht nur für Autohändler oder die Tourismusbranche, die sich mit bezahlten Journalistenreisen das Recht auf unkritische Serviceberichte gekauft hat. In der Publikumspresse werden auch die IT- und Heimelektronik-Branche, die Mode- und Luxusbranche oder auch die Gastroszene regelmässig mit einem günstigen redaktionellen Umfeld hofiert.
Die Richtlinie 8.1 des Presserats verlangt, dass die Unabhängigkeit der Journalisten gegenüber wirtschaftlichen Akteuren gewährleistet sein muss. Zugleich unterscheidet er jedoch zwischen «individuellen und exklusiven Vergünstigungen an Journalisten», die abzulehnen seien, und «Vergünstigungen an ganze Gruppen von Journalistinnen», die akzeptabel seien. Und sanktioniert damit, dass werbeaffine Textumfelder geschaffen werden, die das Prinzip der redaktionellen Unabhängigkeit systematisch unterlaufen.
Wie reflexartig die Wirtschaft auf publizistische Lockvogel-Angebote reagiert, beweist eindrücklich die noble NZZ. Die Banken-, Versicherungs-, Vermögensverwaltungs-Beilagen, die dieses renommierte Blatt jährlich publiziert, sind an Lieblosigkeit kaum zu übertreffen und für den Konsumenten schlicht nicht geniessbar. Sie sind – seien wir ehrlich – eine inhaltliche und ästhetische Zumutung. Doch immer sind sie vollgeklatscht mit Anzeigen – das System funktioniert, die Werbewirtschaft fühlt sich ernst genommen.
Crossmedial werden heute Grenzen aufgelöst
Die grösste Gefährdung der redaktionellen Unabhängigkeit droht indessen durch die zunehmende Verflechtung zwischen der Medienwirtschaft und klassischen Werbeauftraggebern. Nehmen wir das Beispiel Ringier und Coop. Die beiden Grosskonzerne betreiben ein gemeinsames Kommunikationsvehikel, die bestens eingeführte Marke Betty Bossi. Ursprünglich eine Erfindung von Unilever, ist Betty Bossi einerseits ein Kochmagazin, taucht aber auch regelmässig redaktionell in Ringier-Zeitschriften auf.
Andererseits ist Betty Bossi eine Vertriebsorganisation für Kochutensilien und Kochbücher. Und Betty Bossi fungiert als Promotionsvehikel für Coop-Lebensmittel, die bei den Rezepten verwendet werden. Kurzum, Betty Bossi ist ein Zukunftsmodell; Coop ist in der Schweiz der Partner von Ringier; in China wird der Lebensmittelgigant Nestlé Ringiers Partner sein…
Aber zurück in die Schweiz: Ringier und Coop verwerten Betty Bossi multimedial. Im Fernsehen ist Coop mit einem täglichen, als Werbung gekennzeichneten Kochstudio präsent und sponsert die Sendung «Al Dente», die von Ringier im Rahmen von Presse- TV produziert und auf SF 2 ausgestrahlt wird. Coop ist zudem mit der Coop-Zeitung einer der grössten Auftraggeber für den Kundendruck. Ringier konnte sich erst kürzlich eine Tranche davon sichern. Wir werden gespannt verfolgen, wo und wie sich diese Zusammenarbeit weiter verstärkt.
Vom Standpunkt der reinen journalistischen Lehre sind solche Verknüpfungen unhaltbar, ja alarmierend. Zumal weil man statt Ringier eine Menge anderer Medienunternehmen hätte nehmen können, die unter dem Vorwand «Crossmedia» beginnen, die Trennung zwischen publizis-tischer und kommerzieller Kommunikation systematisch und nachhaltig aufzulösen.
Fortseztung folgt…

* Christian Mensch ist Medienredaktor der Weltwoche und war früher in gleicher Funktion für die WerbeWoche tätig. Diesen Vortrag hielt er am Jubiläumskongress des Schweizer Presserats, wo auch über die Situationen im Tessin und der Romandie referiert wurde (www.presserat.ch/15700.htm). In der nächsten WerbeWoche diskutieren drei Anzeigenleiter über ihre Erfahrungen und Einschätzungen dieses brisanten Themas. (ww)

Kopf der Woche: «Zusammenhänge erkennen ist für mich das A und O»

Angela Scura tritt als neue Co-Geschäftsführerin von Sat 1 Schweiz die Nachfolge von Marc Görtz an

Angela Scura tritt als neue Co-Geschäftsführerin von Sat 1 Schweiz die Nachfolge von Marc Görtz anAngela Scrua tritt als neue Co-Geschäftsführerin von Sat 1 Schweiz die Nachfolge von Marc Görtz an «Zusammenhänge erkennen ist für mich das A und O»
Ein Flair für Zahlen hatte Angela Sgura schon immer. Verstaubten Vorurteilen gegenüber Finanzmenschen macht sie trotzdem einen Strich durch die Rechnung. Denn die attraktive Baslerin verkörpert just das Gegenteil eines farblosen und verkorksten Zahlenhirns. Dass Geschäftspartner auf ihre Person oft überrascht reagieren, nimmt sie gelassen. «Ernst genommen werde ich trotzdem», ist die 35-Jährige überzeugt. «Man muss wissen, was man will, und entsprechend handeln.»
So hat die RingierTV-Finanzleiterin und neue Co-Geschäftsführerin von Sat 1 Schweiz bis anhin wenig dem Zufall überlassen: Schon als Studentin der Wirtschaftswissenschaften an der Universität St.Gallen setzte sie sich das Ziel, später einmal eine Führungsposition zu besetzen. Kein Machthunger, sondern die Möglichkeit strategisch zu arbeiten, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen, habe bei dieser Überlegung im Vordergrund gestanden.
Mit dem Abschluss in der Tasche stieg Sgura als Wirtschaftsprüfungsassistentin bei KPMG ein, wo sie zur Revisionsleiterin befördert wurde. Gleichzeitig nahm sie nebenberuflich eine dreijährige Ausbildung zur Wirtschaftsprüferin in Angriff. Eine Doppelbelastung, die ihr an die Substanz ging: «Der Spagat hätte als Extremsportart durchgehen können», erinnert sie sich.
Doch der Aufwand machte sich bezahlt: Um ein Diplom reicher wurde sie mit 29 Jahren stellvertretende Geschäftsführerin bei HMO Gesundheitsplan. «Das war schon ein Sprung ins kalte Wasser», erzählt Sgura rückblickend. So schnell scheint sie jedoch nichts aus der Ruhe zu bringen. «Zusammenhänge erkennen ist für mich das A und O. Dazu muss man sich selbst aber auch etwas Zeit geben.»
Mit demselben Approach ist Sgura vor einem Jahr den Job als Finanzleiterin von RingierTV angegangen. Durch den Wechsel konnte sie ihr Know-how auch mit privatem Interesse verbinden – neben Sport, Theater und Freunden stehen nämlich auch Film und Fernsehen auf Sguras Freizeitprogramm.
Dass sie nun zusammen mit Christian Gartmann auch noch die Geschäftsleitung von Sat 1 Schweiz übernommen hat, sieht Sgura als Weiterentwicklung ihrer bisherigen Tätigkeit: «Die finanzielle Führung und das Team habe ich im Laufe des Jahres gut kennen gelernt.» Ihr Augenmerk werde sich auch künftig auf die Finanzen richten, während Gartmann sich vermehrt ums Marketing kümmere. Das wirklich Neue für Sgura ist die gemeinsame Verantwortung fürs Programm. Und das will das junge Führungsteam auf Vordermann bringen: «Ziel ist, die Marktanteile mit einem interessanten Programm und guten Eigenproduktionen zu halten.»
Carole Koch

Muse & Musse: Pascal Winkler

Muse & Musse Pascal Winkler Welche kulturelle Veranstaltung haben Sie zuletzt besucht?Pascal Winkler: Die Vernissage des Schuh-Café-Stadtführers «Zürich zu Fuss» mit Bildern von Julian Sali

Muse & Musse Pascal Winkler Welche kulturelle Veranstaltung haben Sie zuletzt besucht?
Pascal Winkler: Die Vernissage des Schuh-Café-Stadtführers «Zürich zu Fuss» mit Bildern von Julian Salinas. Weil ich wissen wollte, wie Schuhe die Stadt sehen würden.
Was lesen Sie gerade?
Winkler: Howard Marks Autobiografie «Mr. Nice». Weil ich wissen wollte, wie man tonnenweise Haschisch schmuggelt.
Welche CD hören Sie zurzeit mit Vorliebe?
Winkler: Ronny Jordans
«A Brighter Day».
Welchen Kinofilm würden Sie am liebsten nochmals sehen?
Winkler: «Wild Things». Weil ich immer noch nicht geschnallt habe, wer eigentlich den Plan ausgeheckt hat.
Bei welcher TV-Sendung sind Sie neulich eingeschlafen?
Winkler: «Space Night» auf BR 3.
Welches ist Ihre neueste Entdeckung im Internet?
Winkler: secretshadow.com
Worauf könnten Sie nie verzichten?
Winkler: Liebe.
Was machen Sie in einer freien Minute?
Winkler: Liebe.
Liebe ist…?
Winkler: …in the air.

Kommentar

Ein Ende ohne Schrecken

Ein Ende ohne SchreckenDie von Politikern und Medienfachleuten unisono verbreitete Sorge, das grösste Medienhaus der Schweiz könnte zu einer Filiale des Axel-Springer-Verlages werden, ist vom Tisch – und damit auch Michael Ringiers Vision eines deutsch-schweizerischen Grossverlages: Beide Parteien haben in Freundschaft die Fusionsverhandlungen beendet.Zu viel sprach dagegen. Die einmalige Chance, sich bei Springer beteiligen zu können, kam
zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Denn mit der Borer-Affäre hatte man an der Zürcher Dufourstrasse kurz vorher demonstriert, was passieren kann, wenn Leute an die Spitze kommen, die Eigenarten und Empfindlichkeiten ihres Publikums nicht kennen. Ein Herausgeber muss immer auch ein wenig in der Welt seines Publikums verwurzelt sein.
Und schon gar kein Argument war die schiere Unternehmensgrösse, die mit dem neuen, grenzüberschreitenden Verlagsriesen Wirklichkeit geworden wäre. Weshalb sollte Michael Ringier ohne erkennbare Not die Eigenständigkeit seines Unternehmens aufgeben und sich mit der Rolle eines Minderheitsaktionärs begnügen? Es gibt schlicht keinen plausiblen Grund für diesen Schritt.
Trotz Erleichterung über den geplatzten Springier-Deal und die abgewendete «Fremdherrschaft» über ein Schweizer Medienunternehmen muss man selbstkritisch festhalten, dass auch viel Heuchelei im Spiel war. Auch Schweizer Medienunternehmen engagieren sich jenseits der Schweizer Grenze. Sowohl Ringier als auch die Westschweizer Edipresse sind intensiv in Auslandmärkten aktiv – mit zum Teil dominierenden Marktpositionen. Daran hatten sich auch jene Politiker nie gestört, die lauthals gegen die Fusionsgespräche wetterten, wie der Verleger der HandelsZeitung, Ralph Büchi, in der nebenstehenden Umfrage zu Recht feststellt. Doch auch er dürfte jetzt persönlich erleichtert sein, dass er mit Ringier nicht unter das gleiche Verlagsdach kommt. Denn damit wird auch die – bereits angekündigte – Zusammenarbeit zwischen HandelsZeitung und Cash hinfällig. Daniel Schifferle

«Besser mit Ringier als mit Springier»

Werbe- und Medienfachleute über die geplatzte Fusion

Werbe- und Medienfachleute über die geplatzte FusionUnabhängigkeit, überschaubare Unternehmensgrösse und Verwurzelung im kulturellen Umfeld der Produkte – das sind die Eigenschaften, die von einem Schweizer Medienhaus heute gewünscht werden. Daran lässt die WerbeWoche-Umfrage «Sind Sie erleichtert oder enttäuscht über den geplatzten Deal zwischen Springer und Ringier?» keine Zweifel.Springier oder Ringspringer? – Der Deal ist nicht zu Stande gekommen. Und das ist gut so. Wohin überrissene Expansionsgelüste führen können, ist uns in den vergangenen Monaten mehrfach vorgeführt worden. Die wirklichen Gründe für den Abbruch der Verhandlungen mit Springer wird sowieso nur Michael Ringier kennen, und deshalb ist es müssig zu spekulieren, was geworden wäre, wenn oder wenn nicht. Vielleicht ist das Ganze für ihn auch eine gute Gelegenheit, sein Haus neu zu bestellen, die Verantwortlichkeiten neu zu regeln und mit neuem Elan seinem angestammten Markt neue Impulse zu geben.
Es geht mir nicht um Protektionismus. Aber für einen Verleger ist es wichtiger als für jeden anderen Unternehmer, im kulturellen Umfeld seines Produktes eingebettet zu sein. Ob ich ein italienisches, ein japanisches oder ein französisches Auto fahre, ist egal. Aber ob ich «deutsch» oder «schweizerisch» lese, muss eine Wahl bleiben. Selbstverständlich gibt es in der Presselandschaft auch viele Titel, die nicht auf solche Verwurzelung angewiesen sind. Ich rede von Titeln, die von Nähe und von innerem Verständnis leben. Kultur und Identität solcher Zeitschriften und Zeitungen müssen in der Leserschaft verwurzelt sein, denn es geht ja um deren Werte.
Wenn ein Teil der vierten Gewalt ans Ausland verkauft werden soll, stimmt das nachdenklich. Nachgedacht habe ich über den Spagat zwischen betriebswirtschaftlicher Optimierung und unternehmerischer sowie gesellschaftspolitischer Ethik. Nachgedacht habe ich über die Wichtigkeit von Vielfalt und den Trend zur Einfalt. Mein Bauch sagt mir, die Schweiz fährt besser mit Ringier als mit Springier.
Ein Zusammenschluss von Springer und Ringier zum grössten Pressehaus Europas hätte für alle Beteiligten sicher interessante Perspektiven eröffnet. Aus unternehmerischer Sicht hätte aber nur eine echte Fusion Sinn gemacht. Kreuzbeteiligungen mit gegenseitigen Minderheitspositionen führen meist nicht zu den erhofften Resultaten.
Bei einer Fusion musste der Axel Springer Verlag als klar grösserer Partner natürlich den Führungsanspruch erheben. Dass sich die Verlegerfamilie Ringier die damit verbundene, zumindest teilweise Aufgabe der eigenen Unabhängigkeit sehr gut überlegen und schliesslich ablehnen wollte, dafür kann und muss man Verständnis aufbringen. Beide Verlage haben das Potenzial, auch auf getrennten Wegen erfolgreich in die Zukunft zu schreiten.
Eine Bemerkung aber noch zum Gejammer einiger Schweizer Politiker im Vorfeld der Fusionsgespräche: Es steht der international eng verflochtenen Schweiz schlecht an, einerseits mit Stolz auf die Auslandsengagements der eigenen Verlagshäuser wie Ringier oder Edipresse zu verweisen, andererseits aber von drohenden «Kulturschocks» zu sprechen, wenn die Investitionen einmal in die umgekehrte Richtung fliessen sollten. Der Axel Springer Verlag besitzt seit 1999 die Kapitalmehrheit an der Verlagsgruppe HandelsZeitung. Unsere verlegerische und redaktionelle Autonomie wurde seither in keiner Weise tangiert, und auch personell wurden in der Führung von Verlag und Redaktionen keine Veränderungen vorgenommen.
Dass Ringier zu einem substanziellen Anteil an Springer gekommen wäre, das hätte mir gefallen. Dass Springer per Fusion Ringier absorbiert hätte, das wäre tragisch gewesen. Im Allgemeinen ist es mir eher egal, wer meine Zigaretten oder Schuhe produziert. Meine politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen inklusive lokalen Informationen von einem ausländischen Konzern zu beziehen, würde aber ein fragwürdiges Gefühl hinterlassen. Der Entscheid von Ringier für Unabhängigkeit und Verwurzelung und Glaubwürdigkeit ist so gesehen auf jeden Fall zu begrüssen.
In diesen Zeiten liegt der Fokus jedes Unternehmens nicht mehr zwingend darin, gross, sondern profitabel zu sein. Demzufolge liegt wohl die Kernfrage einer Fusion darin, Synergien primär auf der Kosten- und weniger auf der Ertragsseite zu lokalisieren. Im Grundsatz begrüsse ich starke Medien, die sich auf die Kernkompetenz konzentrieren und nicht dem Ehrgeiz erliegen, Mediengeschichte schreiben zu wollen. In diesem Sinne bin ich eher erleichtert als enttäuscht.
Umfrage: Daniel Schifferle
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