Die Mittelland Zeitung ist für die AZ-Medien-Gruppe der erhoffte KonjunkturpufferVon Luca Aloisi Im Aargau ist die Medienwelt noch in Ordnung: Weil sich die AZ-Medien-Gruppe regelmässig Entschlackungskuren verordnet, zeigt sie sich im Konjunkturtief sturmerprobt. Mit der Kooperation im Medienraum Mittelland hat sie vor knapp einem Jahr zudem die drittgrösste Schweizer Zeitung hervorgebracht. Kein Verlust der Identität, sondern ein Gewinn für alle vier Verlagshäuser – aber vor allem für die Aargauer Zeitung und ihren Konzern.
Ein nass-kühler Herbststurm tobt im Säuliamt. Der erste Etappenort auf der Tour durch die AZ-Medien-Gruppe (AZMG) ist zwar ungewöhnlich, aber nicht minder reizvoll. Während die Kirchenglocke von Affoltern am Albis noch einige Minuten wartet, bis sie sieben Uhr schlägt, und man in der Badener Zentrale zu dieser Stunde nur den Anrufbeantworter erreicht, herrscht im mit Holz ausgekleideten Büro von Ernst Oertle schon rege Betriebsamkeit.
Einmal im Monat, bei Kaffee und Gipfeli, wälzt der Geschäftsführer des Anzeigers aus dem Bezirk Affoltern mit Ueli Eckstein, stellvertretender AZMG-Konzernchef, die Geschäftszahlen und bespricht die Zielvorgaben. «Wir sind beide Frühaufsteher», entschuldigt Oertle den Frühappell. Nebst Frühstart, Arbeitgeber und beruflichem Ursprung – beide starteten ihre Karrieren beim Zürcher Oberländer – teilen die beiden Herren auch den Sinn fürs Geschäft. Und das muss solide sein.
Ecksteins Geschäftscredo – das Glück gehört dem Tüchtigen – kommt besonders in der gegenwärtigen Krise zum Tragen: «Kosteneinsparungen wurden bei uns ausgelöst, als andere erst darüber sprachen.» Die monatlichen Sitzungen in der Zürcher Exklave des Mittellands sind knapp und produktiv. «Ein Standbein zur Gebietsarrondierung», beschreibt Eckstein den in Aarau gedruckten und zweimal wö-
chentlich erscheinenden Bezirks-Anzeiger, der mit dem Limmattaler Tagblatt ausserkantonale Gebiete der AZMG in der Kampfzone des Tages-Anzeigers verteidigt.
Während Letzterer den Siegeszug der Pendlerzeitung zu spüren bekommt, sagen die beiden Medienfüchse dem stark verankerten Blatt im südlichen Kanton Zürich dank künftiger Autobahnerschliessung des Säuliamts indes eine positive Entwicklung voraus.
Keine taktischen Vorbeugemassnahmen gegen Zürcher Verlage haben die AZMG in diese Nische geführt. Es war die Witwe des ehemaligen Besitzers, die der Verlegerdynastie Wanner aus Baden den Zuschlag gab. Effizienzsteigerung und – wie bei den anderen AZMG-Zeitungen – Volksnähe garantieren den Erfolg, ist sich Oertle sicher. Immerhin: Seit kurzem werden auch für die Aargauer Zeitung Kollektivseiten in Affoltern a. A. produziert. «Es braucht ein Gespür für das Genre Lokalzeitung», erklärt Eckstein das Erfolgsrezept der AZMG, das im grösseren Rahmen auch für das Retortenblatt Mittelland Zeitung gilt.
Zurück in seinem schlichten Büro mit Blick auf den Badener Stadtturm, gesteht der ehemalige Zentralist Eckstein gerne ein, dass die Pflege dezentraler Einheiten auf Redaktions- und Verlagsebene mit zentralisiertem Überbau einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren der AZ-Medien-Gruppe sei. «Wir glauben an die lokalen Räume», sagt er und spielt auf Lokalredaktionen und -verkauf an, die Nähe zum Leser- wie Anzeigenmarkt gewährleisten sollen.
Die positive Resonanz auf die überregionale Klammer mit Lokalteil ist nicht ausgeblieben. Allerdings führt die Quadratur des Kreises dazu, dass der Mantelteil der Mittelland Zeitung, der nationale wie internationale Inhalte abdeckt, einen gänzlich anderen Charakter aufweist als die Lokalbünde. Dort gelangen auch Nachrichten über Kleintierzuchtvereine und die neuen Büros der Spitex in die Spalten.
Mit diesem branchenüblichen Spagat lebt die «Lokalzeitung mit nationaler Ausstrahlung» anscheinend sehr gut. Das zumindest dokumentieren die hoch gebliebene Haushaltabdeckung und die bessere Berücksichtigung bei den grossen Mediakampagnen.
Selbst den Rückgang bei den Monoausgaben – wo die kommerziellen Anzeigen aus den Lokalsplits abwandern – scheinen die Verlage ganz gut zu verkraften. «Die Verschiebungen bewegen sich in einem Rahmen, mit dem wir gerechnet haben», meint Eckstein denn auch ohne Zähneknirschen. Auf die Frage, ob jetzt bei der Tarifberechnung für die Lokalsplits der Tausenderkontaktpreis (TKP) nach unten korrigiert wird, meint er gelassen: «In diesem Markt ist der TKP nicht der entscheidende Faktor, hier ist der absolute Preis wichtig.» Alle Zeitungen hätten die Flaute der regionalen Märkte empfindlich gespürt. Umso glücklicher sei man, dass das Zusammenrücken unters Dach der Mittelland Zeitung im besten Augenblick gekommen sei. Mehr noch: Es habe den Werbeeinbruch mehr als kompensiert.
Balancekünstler
in Produktion und Redaktion
Trotzdem: Vor Sparmassnahmen kann sich auch die AZMG nicht drücken. Im Gegenteil. «Wir planen eine weitere Runde für das ganze Unternehmen; dies ist ein permanenter Prozess. Dabei klammern wir die Zeitung nicht aus», so der zweite Mann hinter Verleger Peter Wanner. Ziel sei es, gesamthaft fünf Prozent der Kosten einzusparen. So wurden neulich im angeschlagenen Kundendruck 25 Stellen abgebaut.
Verständlich, dass Eckstein den Blick lieber auf Geschäftsbereiche lenkt, in denen Papier und Zahlen glänzen, auf die AZMG-Zeitschriften: Mit Ausnahme des SportMagazins, das im Businessplan liege, befänden sich alle Fachzeitschriften klar in der Gewinnzone. Am vornehmsten zeigt Eckstein seine Freude über den Blitzerfolg der jüngsten Neulancierung, Annemarie Wildeisens Kochen. Ein durchzogenes Bild geben indessen die elektronischen Medien ab: Trotz Rating-Rekorden, Programm- und Produktionsstraffung schreiben Tele M1 und Tele Tell immer noch Verluste.
Und der «kalkulierte Verlust in marginaler Grösse» beim Internetportal azonline.ch – das gerade mal vier Redaktoren beschäftigt – lasse sich durchaus in Kauf nehmen. Dafür stelle Radio Argovia einen sehr profitablen Zweig dar, gibt sich Eckstein zufrieden.
Während die Partnerverlage der Mittelland Zeitung zur Kostenoptimierung im Redaktions-, Druck- oder Verkaufsbereich Abstriche hinnehmen mussten, wurde die Anzeigenproduktion bei deren Leiter Michael Koller konzentriert. Von seinem Team im Parterre des AZ-Hochhauses in Baden und in der benachbarten zentralen Blattplanung werden nebst den Inseraten auch täglich 17 Zeitungen produziert.
In einem behelfsmässig eingerichteten Raum, der auch als Durchgang dient – nicht gerade der ideale Ort für kopflastige Produktionsarbeit –, sorgen die drei Blattmacher mit peinlicher Disziplin und Perfektion für die komplexe Koordination der Blätter. Dafür erwarten sie vom Redaktorenpool, der sich auf sieben Standorte verteilt, Flexibilität im Umgang mit dem Seitenkontingent. Ruedi Mäder, Wirtschaftsredaktor und Mitglied der Redaktionsleitung, hat mit dem ständigen Ausbalancieren keine Mühe. Allerdings hätte auch er schon den einen oder anderen Artikel lieber zusätzlich im Blatt gesehen, was aber aus Inserat-Platzierungsgründen nicht möglich war.
Auf dem Weg zur Redaktionssitzung von 11 Uhr in der 6. Etage umschreibt er den Wandel der AZ seit dem MZ-Start: «Wir wollen unseren Partnerblättern einen starken Mantelteil verkaufen, damit sie sich auf ihren Lokalteil konzentrieren können.» Der Abschied von der Aargauer Optik wurde durch die thematische Öffnung der MZ zudem beschleunigt. Dass das neue Kooperationsmuster ein völlig anderes Contentdenken von den Mitarbeitern erfordert, ist erkannt – doch mit dessen Umsetzung haperts noch.
Ein weiser Entschluss zur
Zusammenarbeit
An der Mantel-Sitzung, eine Stunde nach der Telefonkonferenz für den Kantonsteil angesetzt, ist den Ressortverantwortlichen die Verunsicherung wegen des kolportierten Chefredaktorenwechsels nicht anzumerken. Die Stimmung auf der Redaktion sei nach der Aussprache mit ihrem Chef Hans Fahrländer und CEO Peter Wanner kämpferisch und dezidiert, hört man zwischen den Zeilen. Nicht nur die «Informationspolitik», auch das Projekt zur Kapazitätsoptimierung belastet das Journalistenteam. «Wir laufen jetzt schon auf dem Zahnfleisch», bringt Medienredaktor Kurt-Emil Merki die Stimmung auf den Punkt. Trotzdem wird geprüft, ob produktübergreifend weitere Synergien genutzt werden könnten, ohne die redaktionelle Autonomie des einzelnen Mediums zu tangieren.
Das möge ja gut tönen, unkt Merki, aber in die Praxis liesse sich dies kaum umsetzen. Er gehört zu jenen Zürcher Importen, die vor über einem Jahr bei der AZ anheuerten und dem ehemaligen Lokalblatt zusätzlichen Schub Richtung Forumszeitung mit nationaler Beachtung gegeben haben. Dass der Lokalsplit im Vergleich zu den ersten vier Bünden formal abfällt, ist auch Merki bewusst, doch mache gerade diese unterschiedliche Aufmachung den diskreten Charme der liberalen MZ aus. Quasi als Ausgleich dazu sei die MZ die einzige Zeitung in der Schweiz, die heute täglich eine Medienseite produziert (siehe dazu Seite 18).
Dass die Kultur auf der Backpage, manchmal zusätzlich oder aber ausschliesslich auf der zweitletzten Seite des ersten Bundes verhältnismässig zu kurz gerät und auf den geplanten sechsten Bund wartet, verschweigt Wirtschaftsredaktor Mäder nicht. «Das ist keine Frage der Konjunktur, sondern eine der technischen Möglichkeiten.» Da werde bereits investiert. Also ists nur eine Frage der Interpretation, ob damit Druckkapazitäten oder das Kulturressort gemeint sind.
Mehr Know-how und Hoffnung als flüssige Mittel investiert der frisch gebackene Programmleiter Ernst Meier seit Anfang November in den Lokalsender Tele Tell. Kurz vor dem Gesprächstermin, auf dem Weg zur Sitzung des MZ-Leitungsausschusses, ist er noch Leiter des AZ-Onlineportals. Selbiges hatte er vor zwei Jahren mit drei weiteren Redaktoren ins Netz gestellt. Ob nach seinem internen Wechsel die vierte Onlinestelle beibehalten werde, sei noch offen, erklärt er.
Auf seiner Wunschliste finden sich jetzt eh handfestere Schlüsselinvestitionen für den TV-Sender. Und der ist noch weit von einem sicheren Hafen entfernt, auch wenn es dem Leiter E-Medien, Florenz Schaffner, mit drei Sparrunden gelungen ist, den Cashdrain zu stoppen und die Ratings zu steigern. Ein Bus für Live-Aussenübertragungen sei die dringendste Investition für Tele Tell und Tele M1, sagt Schaffner mit Blick aufs sehnsüchtig erwartete Gebührensplitting. Bis Gebührengelder aus Bern fliessen, müssen sich die AZMG-Sender Publikumserfolg und Reputation mit einem konstant knappen Budget erkämpfen. Die Signale, die Tele M1 in seinem spröden Aarauer Industriebau von der Badener Konzernspitze empfängt, lassen immerhin darauf schliessen, dass die AZMG auch langfristig im Bereich TV Präsenz markieren will.
So klar die Führungsstruktur bei den Lokalsendern ist, präsentiert sie sich beim MZ-Konstrukt eher wie eine Bildstörung. Arthur Tabeling, Direktor und Verleger des Oltner Tagblatts, Bruno Imfeld, GL-Mitglied des Zofinger Tagblatts, sowie auch Urs Lüthi, Verlagsleiter der Solothurner Zeitung, überbieten sich mit Lobeshymnen aufs gute Einvernehmen mit Peter Wanner. Obwohl die Partnerblätter der AZ im Pachtvertrag mit Publicitas arbeiten, haben sie sich dem Kooperationsmodus zwischen der AZ und der Vermarkterin angepasst. Freilich, die gemeinsame Stärke wird nicht gegen die «P» ausgespielt. Das erkennt man mitunter daran, dass an der Sitzung des MZ-Leitungsausschusses auch Roland Steffen, Direktor der Publicitas Aarau, teilnimmt. «Der Entscheid für die MZ war für die Wirtschaftlichkeit der Produkte auf lange Sicht hoch weise», betont Tabeling. Und Imfeld doppelt nach: «Auch wenn wir nur noch den fünften Bund produzieren, ist klar: Uns würde es weniger gut gehen, wenn wir mit der alten Konstellation (Neue Mittelland Zeitung) weitergemacht hätten.»
Medienserie 4. Teil
Nach den Verlagshaus-Reportagen von Tamedia (WW 32/02), Ringier (WW 35/02) und Edipresse (WW 37/02) setzen wir die Reihe in dieser Nummer mit einem Stimmungsbericht aus der AZ-Medien-Gruppe fort. Bis im Frühjahr werden in lockerer Folge weitere Innenansichten mehr oder minder konjunkturgeplagter Medienunternehmen folgen. Der nächste Besuch führt an den Rhein zur Basler Mediengruppe. (ww)