Film Euro RSCG schafft mit der Werbung für Alberto Venzagos Film «Mounted by the Gods» die grösste Fotogalerie der Schweiz und lässt die ungewöhnliche «Teaser»-Kampagne im Magazin Facts auflösen.An dieser Geschichte ist alles aussergewöhnlich – die Idee zur Kampagne, deren Umsetzung und die Kooperation mit dem Nachrichtenmagazin Facts. Und noch viel ungewöhnlicher ist die Entstehungsgeschichte des Produkts selbst, das beworben wird. Mit 50 mystischen Fotografien, die ohne Text und Logo an ganz ge-nau bestimmten Plakatstellen der Allgemeinen Plakatgesellschaft (APG) hängen, will Euro RSCG Neugier für Alberto Venzagos Erstlingsfilm «Mounted by the Gods» wecken. Die Kampagne ist konzipiert als Fotoausstellung – auf den APG-Werbeflächen. Keine Adresse, keine Absicht und schon gar kein erklärender Text ist auf den Bildern zu finden. Und es wird an den Stellen auch keine Auflösung nachgeschoben, wie dies bei einer normalen Teaser-Kampagne üblich ist – des Rätsels Lösung wird es nur im Magazin Facts geben.
«Ich bin total happy über das Ganze», verrät Venzago. Für die Idee habe er sich von der Kampagne mit Angie Becker inspirieren lassen. Über verschiedene Leute ist dann Christian Kauter von der APG kontaktiert worden, gleichzeitig hat sich Frank Bodin der Sache angenommen. Dieser hat den Vorschlag dem Nachrichtenmagazin Facts unterbreitet, und Chefredaktor Hannes Britschgi hat die Idee gefallen. Nun macht Facts einen «Kunstführer» zur Ausstellung. Die «Ausstellung» selber findet gleichzeitig in Bern, Basel und Zürich statt und gilt damit flächenmässig als die «grösste Ausstellung der Schweiz».
Mahounons ErzählungenIm Jahr 1988 reiste der Fotojournalist und inzwischen bekannte Werbefilmer Alberto Venzago auf einer Vespa quer durch das westafrikanische Land Benin. Als sein Gefährt in der Stadt Quidah vor einem Voodoo-Kloster stehen bleibt, bietet ihm ein Mann namens Mahounon Hilfe an. Der Schwarze ist einer der mächtigsten Voodoo-Priester Afrikas. Er offenbart Venzago ein Orakel und erzählt ihm Dinge aus seiner Vergangenheit, die der Priester absolut nicht wissen kann. Venzago ist fasziniert. Mahounon wird sein Freund.
Fast zehn Jahre lang führt dieser den Fotografen an die geheimnisvollsten Orte der afrikanischen Voodoo-Riten. Venzago darf geheime Voodoo-Zeremonien und Opferrituale filmen. Der Schweizer bekommt Zugang zu heiligen Orten. Dabei wird der Fotograf auch Zeuge einer aussergewöhnlichen Geschichte: Mahounons Suche nach seinem Nachfolger, dessen Ausbildung und Weihe zum Voodoo-Priester.
Aus diesen Bildern ist nach mehr als zwölf Jahren Arbeit Venzagos erster abendfüllender Film «Mounted by the Gods» entstanden. Präsentiert wird die bereits international auf grosses Interesse gestossene Produktion von der Traumwerk Filmproduktion in München. Wim Wenders zeichnet verantwortlich als Exe-
cutive Producer. Die erzählerische Struktur hat Venzago zusammen mit der Drehbuchautorin Kit Hopkins entwickelt, die für ihren Filmerfolg «Irren ist männlich» mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet worden ist.
In allen Phasen der Entstehung hat Venzago das Bildmaterial mit Mahounon in Afrika visioniert und besprochen. «Filmen heisst ja nicht exotische Bilder stehlen, sondern uns gegenseitig Bilder schenken.»
Von farbig zu schwarzweissDie weit über 100 Stunden Material hat Jean-Claude Piroué in fast einjähriger Arbeit zu einem jetzt 89 Minuten langen Kinofilm montiert. Das Videomaterial wurde im Laborunternehmen Das Werk digital bearbeitet und dann hochauflösend auf 35mm-Film ausbelichtet. «Mounted by the Gods» wurde in einer interessanten Mischform zum grossen Teil von farbig auf schwarz-weiss «entsättigt». Bei dieser «oft mutigen Montage hat mir die Erfahrung aus der Werbung sehr viel geholfen», meint der frisch gebackene Filmemacher. Sein Cutter Piroué kommt von der Kinoseite her und hat auch schon für Michael Verhoeven, Percy Adlon und Rosa von Praunheim gearbeitet.
Für die Musik wurden Chöre, Percussionisten und weitere insgesamt 40 Musiker in Benin aufgenommen. Diese Tonaufnahmen wurden als Samples neuen Kompositionen zu Grunde gelegt. Jochen Schmidt-Hambrock, der für seinen Soundtrack im Film «Jenseits der Stille» für einen Oscar nominiert wurde, hat seine Musik schliesslich mit dem Filmorchester Babelsberg in Berlin eingespielt. Auch Kruder und Dorfmeister haben an den Tönen mitgemixt. Peter Scherer in New York und Boris Blank von Yello steuerten weitere Musikbeiträge für den Soundtrack hinzu. Die Filmmusik ist in diesen Tagen auch als CD bei Universal erschienen. Neben dem Film wird auch ein grosses und «schweres» Fotobuch im Münchner Prestel Verlag auf den Markt kommen.
Keine öffentlichen GelderDer Film ist ohne Filmförderung entstanden. «Jeder Trip wurde aus meiner Tasche bezahlt, mit Geld, das ich mit Werbefilmen verdient hatte», erklärt Venzago. Die Produktionsfirma Traumwerk von Wim Wenders und Jürgen Biefang ist erst ab der Schnittphase eingestiegen – ebenfalls ohne Förderung oder Vorverkäufe. «Eine aussergewöhnliche Situation in Europa, einen solchen Film selbst zu finanzieren», meint Venzago. «Aber alle glaubten an dieses Projekt.»
«Wenn einer über zwölf Jahre an einer Sache arbeitet, dann strahlt in unserer kurzlebigen Zeit allein schon dieser Wille eine besondere Kraft aus», begründet auch Frank Bodin sein Engagement für diesen Film. Der Chief Executive Officer von Euro RSCG hat die Idee schliesslich durchgezogen, die Fotografien «aus dem heissen Afrika in den derzeit kalten Schweizer Städten Zürich, Bern und Basel auszustellen». Nicht in einem geheizten Raum, sondern unter freiem Himmel in aller Öffentlichkeit. Auch nicht klein, sondern in grossen Formaten auf Plakatstellen.
«Es ist eigentlich ein kleiner Film, aber wir machen eine Kampagne, wie für einen grossen Film», freut sich Venzago.
Das regulär gerechnete Budget für diese Werbung wäre «höher als das Gesamtbudget des Films», verrät Venzago. Möglich wurde die Aktion nur dank viel Goodwill von APG. Die zur Verfügung gestellten präzisen Standorte sowie die perfekte Organisation ermöglichten die Umsetzung der Idee, die grossformatigen Fotografien zu zeigen. Die Fosag, Beschriftungen, Siebdrucke und Aufziehservice, war in Fronarbeit verantwortlich für den aufwändigen Einzeldruck der 50 Plakatsujets.
Facts-Guide zu APG-Stellen
Das Nachrichtenmagazin Facts will schliesslich die Aktion mit einem «Voodoo-Ausstellungsführer» begleiten. Dem Heft vom 13. Februar ist das kleine Büchlein als Spezialdruck beigelegt, so wie bei Facts bis jetzt auch schon ein Katalog für die besten Restaurants, ein Bar-Guide oder ein Krimi-Führer erschienen ist. «Wir sind uns bewusst, dass eine solche Aktion nicht für das grosse Publikum bestimmt ist. Trotzdem hat uns die Möglichkeit interessiert, weil die Fotos in den drei Städten sicher zu vielen Fragen führen werden», meint Ralph Pöhner, Kulturchef in der Facts-Redaktion. Der Facts-Guide wird mit Plänen den Weg zu den genauen Standorten der Voodoo-Plakate weisen und erzählt auch Hintergründe zu Venzagos Arbeit.
«Normalerweise werden solche Dokumentarfilme für schmale Zielgruppen gedreht. Aber dieser Film erscheint mir speziell. Venzagos Voodoo-Film ist sehr spannend und verdient die Aufmerksamkeit einer grösseren Öffentlichkeit», ist auch Frank Bodin überzeugt.
Der Werber hat früher als Texter bei Aebi den ersten Spot mit
dem damaligen Werbefilm-Neuling Alberto Venzago gemacht. Seither sind die beiden freundschaftlich verbunden, und Bodin hat «das Schaffen und Leiden an diesem Film» immer wieder aus nächster Nähe mitbekommen.
Die Agentur Euro RSCG will ihren gesponserten Beitrag für die-ses Werbekonzept aber auch als «Kulturprozent» verstanden wissen. Frank Bodin meint zudem, dass die Kreation einer solchen Kampagne für den internen Geist in einer Agentur sehr beflügelnd sein kann. «Das bringt uns auf neue Ideen.»
Standbilder aus Alberto Venzagos Erstlingsfilm «Mounted by the Gods»: Euro RSCG lässt sie durch die Allgemeine Plakatgesellschaft an ausgewählten Stellen hängen.
Mystische Bilder: Motive aus Venzagos Voodoo-Film.
>> Die grösste Fotogalerie der SchweizMystische Bilder: Motive aus Venzagos Voodoo-Film.
Andreas Panzeri