ADC 7-mal Gold, 38-mal Silber, 174-mal Bronze, drei Abräumer und viele Misstöne: Die Jurierung 2003 des Art Directors Club (ADC) liess wenige Werber jubeln und etliche ratlos.Selbst ADC-Chairman Andreas Prokesch musste ob der Disharmonie schmunzeln, mit der die Juroren den Gold-Jurytag einstimmten, als sie Geburtstagskind und «Werber des Jahres» Ruedi Wyler um 9.15 Uhr im World Trade Center ein Ständchen sangen. Statt Harmonie herrschte in Zürich-Oerlikon das nackte Gesangschaos.Ohne Misstöne hingegen und fast einstimmig vergaben die elf Juroren dann die begehrten ADC-Goldwürfel: Aus über 219 vorab ausgezeichneten Arbeiten wurden 7 goldene ausgewählt, die das Prädikat wegweisend verdienten. 2 davon – in den Bereichen Gesamtkampagne und Aussenwerbung – sowie 3 Silberwürfel holte sich Migros und damit «einer der wenigen Grosskunden». Mehr noch: «Migros war der eigentliche Lichtblick der diesjährigen ADC Awards», waren sich die Juroren einig. Urs Schrepfer, Jurypräsident der Kategorie Anzeigen: «Ein Grosskunde, der auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten etwas wagt, ist gleich doppelt Gold wert.»
Mit Würfeln und vielen Komplimenten überschüttet wurden auch die beiden Gold-Anzeigen – das Inserat «Uno» für ein Ja zur Uno von Publicis und das Inserat «Wiederbelebung» für Panasonic-Kopfhörer mit Extra-Bass-System von Jung von Matt/Limmat. Sie setzten sich gegen 293 Einsendungen durch. Von den Juroren wurden beide Goldabräumer für ihren klaren Auftritt und ihre prägnante Aussage gelobt.
Für Kopfschütteln und grosse Verwunderung sorgte andererseits die Anzeigenjury selbst. «Ich kann nicht verstehen, wie die SonntagsZeitung für die Leserkampagne Bronze gewinnen, die Weltwoche- und Tages-Anzeiger-Anzeigen aber leer ausgehen konnten», sagte André Benker, seit vergangenem Freitag Kreativdirektor von Advico Young & Rubicam (AY&R) und Mitinhaber von Guye Benker.
Voll des Lobes waren die Juroren aber in der Kategorie Film. «Die Kategorie Film ist in den vergangenen Jahren klar besser geworden», ergänzte Benker. Den besten Beleg für Benkers Aussage liefert gleich der Goldgewinner: Lowe bewies mit dem Orange-Spot, dass Werbung made in Switzerland witzig, schnell und international sein kann.
Seminararbeit überzeugteÜber auffallend hoch stehende Arbeiten staunten die Juroren in der Kategorie Electronic Publishing. «Es war eine richtige Freude, dieses Jahr in dieser Kategorie jurieren zu dürfen», sagte Jurypräsident Patrick «Patman» Spahr. Bei 64 Einsendungen gabs 10-mal Bronze, 2 Silber- und 1 Goldwürfel. Dass es sich bei der Goldarbeit von www.freitag. ch/f-cut um eine Seminararbeit handelt, an der 18 Monate gearbeitet wurde und die «unter normalen Bedingungen» nicht zu zahlen gewesen wäre, störte die Jury wenig. «Diese Arbeit ist Spitzenklasse», waren sich die Juroren einig. «Wir hätten aber am liebsten alle Silberarbeiten
zur Goldauszeichnung empfohlen», hiess es in dieser Gruppe. Die Regeln aber verbieten dies.
Mehr Ärger als helle Freude bereitete den Juroren die Kategorie Radio. «Wir hatten bei zahlreichen Spots ein Déjà-entendu-Erlebnis. Zudem waren viele Spot-Einsendungen voll postpubertärer Peinlichkeiten», betonte Jurypräsident Martin Fueter. Statt für Gold reichte es für 31 der insgesamt 36 eingereichten Spots nur zu einem müden Gähnen der Juroren. Der Allianz-Suisse-Spot von Wirz Werbung erhielt immerhin Silber, 4-mal gabs Bronze.
Klarer Gewinner: PublicisGewinner des 27. ADC-Award-Ranking waren die Kreativen von Publicis mit Direktor Markus Gut an der Spitze (er war an 2 Goldarbeiten beteiligt). Mit 3-mal Gold, 9-mal Silber sowie 36 Bronzewürfeln liess sie ihren einstigen Widersacher AY&R klar hinter sich. Nach einem turbulenten Jahr und einem Massenabgang verschiedener Topleute belegte AY&R erstmals in den letzten vier Jahren keinen Platz unter den Top 2 und wurde mit 4 Silber- und 13 Bronzewürfeln nur Dritter. Den zweiten Platz mit 24 Würfeln belegte die 7-köpfige Agentur Ruf Lanz.
Auffallend am diesjährigen Jahrgang war auch die eher hohe Zahl der Einsendungen: Mit 1050 eingereichten Arbeiten wurde nach den zwei Jubiläumsjahren 1996 (1178) und 2001 (1220) die drittbeste Einsendungsrate verzeichnet. «Das ist mehr, als ich mir zu erhoffen wagte», sagte Prokesch. Erstaunlich war die Fülle vor allem deshalb, weil 2003 zwei Kategorien weggefallen sind und 2002 eines der schlechtesten Auftragsjahre war.
Heuer war aber auch das Jahr der Änderungen. Nebst den Kategorien Fachpresse und Eigenbedarf, die abgeschafft wurden, gabs ein neues Wahlverfahren. Die elf Jurypräsidenten wurden neu von allen Juroren statt wie bisher nur von den jeweiligen Kategorienmitgliedern gewählt. «Diese Änderungen haben viel gebracht», urteilte Prokesch.
Wenig Freude machten einigen Goldjuroren die Nachlässigkeiten einiger ADC-Kollegen. Sie ärgerten sich, weil bei einigen Einsendungen die Belege dafür, dass die Arbeiten auch wirklich in den geforderten Formaten veröffentlicht worden waren, erst spät nachgereicht wurden. «Das müssen wir ändern», sagte Prokesch. 2004 sollen nur noch Arbeiten bewertet werden, die diesen Beleg vor Beginn der Jurierung liefern.
Der TV-Spot von Publicis für «M ist an der Expo» gehört mit ins Paket Gesamtkampagne, für den die Werbeagentur mit einem Goldwürfel geehrt wurde.
Publicis liess sich nicht nur den Expo.02-Auftritt der (M)Igros, sondern auch die Uno-Anzeige des Komitees für einen Uno-Beitritt vergolden.
CD im Glück: Markus Gut von Publicis räumte beim ADC die meisten Würfel ab.
Witzig und gut gemacht: Lowe gewann mit dem Orange-Spot den ersehnten Goldwürfel.
Bei den Anzeigen setzte sich auch Jung von Matt/Limmat mit der Panasonic-Wiederbelebungskampagne gegen 293 Anzeigen im Wettbewerb durch und wurde für die wegweisende Arbeit mit Gold belohnt.
Gewann Gold fürs Design: Das Lifestyle-Magazin soDA.
Publicis: 48 Würfel schwer…
Mit 48 Auszeichnungen – 3-mal Gold, 9-mal Silber und 36 Bronzewürfel – bot Publicis an der 27. ADC-Awards-Verleihung ein eindrückliches Solo. Hinter dem Erfolg der Zürcher Werbeagentur stehen Persönlichkeiten wie Fredy Collioud, Jean Etienne Aebi, Pascal Schaub, Markus Gut – und die Strategie: kreativ, strategisch und medial ganzheitlicher denken.
Publicis beschäftigt rund 120 Mitarbeitende, erwirtschaftet Bruttobetriebseinnahmen von 31,7 Millionen Franken und belegt im BSW-Ranking den ersten Rang.
Zum Erfolg von Publicis an den ADC Awards 2003 meint Markus Gut, Geschäftsführer Kreation und Creative Director Publicis, Goldjury- und ADC-Vorstandsmitglied: «Dass Publicis mit solch grossem Vorsprung das ADC Ranking anführt, freut mich natürlich sehr. Dass die Preise vorwiegend für grosse Etats gewonnen wurden, aber noch mehr. Was beweist, dass grosse Kunden auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten an herausragender Kreation interessiert sind!» Gut weiss aber: «2002 war auch für Publicis ein schwieriges Jahr. Dank eines perfekt eingespielten Teams und des Zuzugs von Cornelia Harder dürfen wir aber auf ein sehr erfolgreiches New-Business-Jahr zurückblicken. Und für viele unserer Neukunden haben wir auch gleich einen ADC-Würfel gewonnen.»
Stimmen zur ADC-Jurierung 2003«Leider hat es nur wenige herausragende Kampagnen von relevanten Kunden. Zudem sind einige der interessantesten Arbeiten nicht über Bronze hinausgekommen – warum nicht ein ADC-Jahrbuch als Ringordner, in dem jeder nachjurieren kann?» Markus Ruf, Jurypräsident Aussenwerbung Serie
«Wenn in einer Jury viele junge Mitglieder sind, wird überhart juriert. Einige Arbeiten flogen zu Unrecht unter den Tisch.» Reini Weber, Jurypräsident
Anzeigen Serie
«Es gab Jahrgänge mit wegweisenderen Kampagnen. Doch man darf nicht vergessen, dass die Situation, in der wir uns 2002 befanden und noch befinden, schwierig war und ist.» Hanspeter Schweizer, Jurypräsident Verkaufsförderung, Direktwerbung
«Es wurde hart, aber fair juriert.» Markus Gut, Jurypräsident Gesamtkampagne
ADC 2003: Die Goldgewinner• Gesamtkampagnen: Publicis für Migros, mit «M ist an der Expo».
• Anzeigen: Publicis für das Initiativkomitee für den Uno-Beitritt, mit «für ein Ja zur Uno». Und Jung von Matt/Limmat für Panasonic-Kopfhörer, Extra-Bass-System, mit dem Inserat «Wiederbelebung».
• Aussenwerbung: Publicis für Migros, mit der Plakatserie «M ist an der Expo».
• Film: Lowe für Orange, mit der TV-Spot-Serie «Barbershop».
• Design: Magazin soDA.
• Electronic Publishing: Betabong-Klaus-Kreation für Freitag Custom Bags mit www.freitag.ch/f-cut
Pressepreis 2003• Die Zeitschriftenanzeigen wurden von einer Pressejury geprüft, die unabhängig von der ADC-Jury urteilt. Sie vergab folgende drei Preise:
• Gold für VBZ-Aktualitätsanhänger von Ruf Lanz
• Silber für NZZ-Folio-Leser-Kampagne Ruf Lanz
• Bronze für Tribis-Ferientierheim Matter & Partner
ADC 2003: Werbeagentur-RankingRang Einsender Auszeichnungen Gold Silber Bronze Punkte Rang 02 Rang 01
1 Publicis 48 3 9 36 69 (1) (2)
2 Ruf Lanz 24 0 3 21 27 (4) seit 2001
3 AY&R 17 0 4 13 21 (2) (1)
4 Jung von Matt/Limmat 14 1 2 11 20 (10) (–)
5 Wirz Werbung 14 0 4 10 18 (3) (6)
6 Euro RSCG 12 0 1 11 13 (8) (–)
Quelle: ADC
Annelies Friedli