Less is more
Aufgefallen Für die Leserschaft zeitigt die aktuelle Anzeigen- und Artikeldiät durchaus positive Folgen. Denn dünnere Zeitungen sind bessere Zeitungen.
Kolumne Für die Leserschaft zeitigt die aktuelle Anzeigen- und Artikeldiät durchaus positive Folgen. Denn dünnere Zeitungen sind bessere Zeitungen.Alle reden über die Krise der Zeitungen: Weil die Werbeeinnahmen eingebrochen sind wie lange nicht mehr, herrschen in den Verlagen die Sparkommissare. Die Branche jammert, und ein Milieu tut sich Leid. Das Thema hat schon so viele Chronisten gefunden, dass hier darüber geschwiegen werden darf. Fragen wir stattdessen, wie der Leser die Krise seines Tages- oder Wochenblatts erlebt. Wer zum Beispiel eine der überregionalen deutschen Qualitätszeitungen liest, wird bemerkt haben, dass er heute rascher mit der Lektüre fertig ist. Das Blatt ist deutlich dünner geworden. Weil die Anzeigen fehlen, schrumpft auch der redaktionelle Teil.Offenbar nehmen das aber selbst die Leser im neuen Deutschland der Geizhälse und Schnäppchenjäger recht gelassen hin, obwohl sie jetzt doch fürs selbe Geld weniger Ware erhalten. Ein Chefredaktor berichtet gar von Briefen und Anrufen, in denen Abonnenten aufatmend mitteilen, sie läsen die Zeitung jetzt lieber. Weggefallen sei das schlechte Gewissen, das ihnen zuvor die manchmal eichentürdicken Druckwerke eingeflösst hätten. Wer konnte schon Politikteile von zwölf bis sechzehn Seiten wirklich nutzen oder gar ein Feuilleton, das sich über acht Seiten täglich spreizte? Das schlanker gewordene Produkt erleichtert die Auswahl, setzt deutlicher Inseln der Bedeutsamkeit ins Informationsmeer. Und es reduziert die Lesezeit wieder auf ein vernünftiges Mass.
Für diese Wirkung wollen wir die Krise loben: Sie zwingt Zeitungsverlage und Redaktionen
dazu, über ihr «Kerngeschäft» nachzudenken. In den Boomzeiten waren viele
Umfangserweiterungen nicht primär publizistischen Absichten zu verdanken, sondern nur dem Interesse, die riesige Anzeigenplantage mit einer journalistischen Sichtblende zu umgeben. Böse Zungen haben die FAZ als «grösste Stellenbörse der Republik» bezeichnet, die die Redaktion «möglichst angenehm zu ummanteln» habe. Und diese Mäntel bekamen immer mehr Taschen: Aufgedonnerte «Hauptstadt»-Seiten, Spielwiesen für intellektuelle Tändeleien und mit
schicken Nichtigkeiten voll gestopfte Lifestylebeilagen absorbierten Teile der knappen Ressource Aufmerksamkeit. In Feuilletons wurden selbst provinzielle Nebensächlichkeiten zu Gegenständen des nationalen Interesses erklärt. Unüberbietbarer Höhepunkt dieser sinnlosen Vergeudung von Zeitungsseiten war der berüchtigte Abdruck von Genomformeln über viele Seiten hinweg im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Mit diesem Unfug ist jetzt Schluss. Wer nur noch fünf Seiten für Politik hat, muss sich schon genau überlegen, über welches Ereignis die Zeitung den multimedial unterrichteten Leser so ins Bild setzen kann, dass er hier wirklich etwas Neues und Wichtiges erfährt. Auch in den Kulturteilen ist es ruhiger geworden. Wenn der verfügbare Platz schon mit verlässlicher Information und begründetem Urteil über ein kluges Buch, einen bewegenden Film oder ein aufregendes Theaterstück gefüllt ist, kann man nicht mehr eine jener unerträglichen «Debatten» anzetteln, mit denen viele Feuilletons in den letzten Jahren vorzugsweise beschäftigt waren. Es sieht so aus, als wüssten die Leser durchaus zu schätzen, dass die schlanker gewordenen Zeitungen zwar viel Ballast verloren, dafür aber an Übersichtlichkeit und Orientierungshilfe gewonnen haben. In Zeiten eines Overkills an medial vermittelten Informationen sind das zentrale Leistungen von Qualitätszeitungen. In diesem Sinne ist die dünnere Zeitung die bessere. Hoffentlich wird das nicht vergessen, wenn die jetzige Krise überwunden ist.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und lebt als freier Journalist in Norddeutschland.
Für diese Wirkung wollen wir die Krise loben: Sie zwingt Zeitungsverlage und Redaktionen
dazu, über ihr «Kerngeschäft» nachzudenken. In den Boomzeiten waren viele
Umfangserweiterungen nicht primär publizistischen Absichten zu verdanken, sondern nur dem Interesse, die riesige Anzeigenplantage mit einer journalistischen Sichtblende zu umgeben. Böse Zungen haben die FAZ als «grösste Stellenbörse der Republik» bezeichnet, die die Redaktion «möglichst angenehm zu ummanteln» habe. Und diese Mäntel bekamen immer mehr Taschen: Aufgedonnerte «Hauptstadt»-Seiten, Spielwiesen für intellektuelle Tändeleien und mit
schicken Nichtigkeiten voll gestopfte Lifestylebeilagen absorbierten Teile der knappen Ressource Aufmerksamkeit. In Feuilletons wurden selbst provinzielle Nebensächlichkeiten zu Gegenständen des nationalen Interesses erklärt. Unüberbietbarer Höhepunkt dieser sinnlosen Vergeudung von Zeitungsseiten war der berüchtigte Abdruck von Genomformeln über viele Seiten hinweg im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Mit diesem Unfug ist jetzt Schluss. Wer nur noch fünf Seiten für Politik hat, muss sich schon genau überlegen, über welches Ereignis die Zeitung den multimedial unterrichteten Leser so ins Bild setzen kann, dass er hier wirklich etwas Neues und Wichtiges erfährt. Auch in den Kulturteilen ist es ruhiger geworden. Wenn der verfügbare Platz schon mit verlässlicher Information und begründetem Urteil über ein kluges Buch, einen bewegenden Film oder ein aufregendes Theaterstück gefüllt ist, kann man nicht mehr eine jener unerträglichen «Debatten» anzetteln, mit denen viele Feuilletons in den letzten Jahren vorzugsweise beschäftigt waren. Es sieht so aus, als wüssten die Leser durchaus zu schätzen, dass die schlanker gewordenen Zeitungen zwar viel Ballast verloren, dafür aber an Übersichtlichkeit und Orientierungshilfe gewonnen haben. In Zeiten eines Overkills an medial vermittelten Informationen sind das zentrale Leistungen von Qualitätszeitungen. In diesem Sinne ist die dünnere Zeitung die bessere. Hoffentlich wird das nicht vergessen, wenn die jetzige Krise überwunden ist.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung und lebt als freier Journalist in Norddeutschland.
