Detailhandel In Zeiten grosser Verunsicherung erinnern sich Unternehmen gerne ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Mit einer Imagekampagne kehrt Publicis zu den Wurzeln der Migros zurück und kommuniziert ihr soziales Engagement auf völlig unkonventionelle Weise.«In der modernen Welt wird der Erfolg jenen gehören, die es verstehen, um ihr Unternehmen eine Ideenwelt aufzubauen. Eine Ideenwelt, welche die Energie ihrer Mitarbeiter anfeuert, aber auch die – in Taten umgesetzte – Achtung und Sympathie ihrer Abnehmer gewinnt.» Was sich so brandaktuell liest und von einem Marketingguru stammen könnte, sagte vor rund 50 Jahren Kaufmann Gottlieb Duttweiler, Pionier des Schweizer Detailhandels.M – ausgelaugtes Phänomen?
Nur sechs Artikel boten seine legendären Migros-Lastwagen im Gründungsjahr 1925 feil. Alles fast moving products – Zucker, Kaffee, Teigwaren, Reis, Kokosnussfett und Seife –, alles Eigenmarken. Dass seinem Konzept – senke die Kosten und halbiere deinen Gewinn – eine gewisse Genialität innewohnte, erkannte man bald. Was der populäre Visionär einführte, sollte sich in vielerlei Hinsicht als erfolgreiches Geschäftsmodell bewähren.
Längst bietet die Migros in ihren nahezu 600 Filialen weit mehr als die Produkte des täglichen Bedarfs an. Im Laufe der Zeit fasste die Migros auch in weiteren Branchen Fuss, sodass das grosse «M» mittlerweile fast alle Wirtschaftszweige und Gesellschaftsbereiche abdeckt. Kaum ein anderes Unternehmen hat die Schweiz wirtschaftlich, sozial und kulturell so nachhaltig beeinflusst wie die Migros, die täglich mehr als eine Million Kundenbesuche zählt.
Trotz der Beliebtheit des Einzelhandelsriesen lahmt seine Innovationskraft. Mit Folgen für den Umsatz, der 2001 auf hohem Niveau «nur» um 1,6 statt wie budgetiert 2 bis 3 Prozent gewachsen ist. Die Frage drängt sich auf: Wie kann die Migros noch wachsen und dabei den Warenkorb um 10 bis 15 Prozent günstiger füllen, als die Konkurrenz, wie es dem neuen Marketingchef und Mitglied der Migros-Generaldirektion, Urs Riedener, vorschwebt?
In einem kürzlich erschienenen Cash-Interview gab Riedener zu verstehen, dass nun die Mehrwerte der Migros besser vermarktet werden müssen. In einer Imagekampagne will er zeigen, «was wir anders machen als unsere Konkurrenten». Beat Mühlemann, Leiter Marketingkommunikation, doppelt nach: «Es geht darum, die Marke kontinuierlich zu stärken. Der bisherige Auftritt – ‹Kauft man am besten in der Migros› – verharrte aber auf der Produktebene, obwohl wir so viel mehr für das Wohl unserer Kundschaft tun.» Weil die sozialen Werte der Migros geradezu als selbstverständlich gelten, wurden sie bisher nie in der Werbung thematisiert.
Ganz im Unterschied zu Unternehmen, die ihre mitunter magerere Corporate Citizenship offensiv kommunizieren, um der gegenwärtigen Vertrauenskrise zu begegnen.
Abgedrehtes Vorschlagswesen
Das will jetzt Pitchgewinnerin Publicis mit einer Imagekampagne, die gleich mit vier 50-sekündigen TV- und Kinospots startet, konsequent korrigieren. Denn «es gibt vieles, was die Migros längst wieder einmal sagen möchte», erklärt CD Jean Etienne Aebi. Beispielsweise die Tatsache, dass Migros ihre Preise immer noch auf der Produktver-
packung anschreibt, dass sie über ihr Kulturprozent einer breiteren Öffentlichkeit kulturelle Aktivitäten zugänglich macht oder dass sich der Retailer auf breiter Front für Ethik, Umwelt und nachhaltige Entwicklung einsetzt.
«Wir suchten nach einem Konzept, das zum einen die breite UAP-Palette umklammern und zum anderen die Botschaft nicht in eine peinliche Lobhudelei ausarten lassen würde», sagt Aebi. Der Spagat gelang. Der Publicis-CCO liess die Mehrwerte von Migros-Kundinnen und -Kunden selbst auf humorvolle Art und Weise vortragen.
Da wäre zum Beispiel Sportstudentin Silvia Huber. Sie wirbt für Migros’ Fitness-Engagement und unterbreitet auch gleich noch den Vorschlag, der Detaillist solle dies mit dem täglichen Einkauf verbinden. Ihren Tagtraum setzte Regisseur Kasper Wedendahl in einem aberwitzigen Spot um: Darin füllen nette Verkäuferinnen Einkaufswagen mit Hanteln, die von den Kunden mühselig, aber fitness-bewusst durch den Laden geschoben werden, bis – der Vorschlag ist nicht ganz ausgereift – jemand die Kontrolle über seinen Wagen verliert und dieser prompt in ein Früchtegestell donnert. In einem anderen Spot nimmt ein Mathematiker Migros’ Preisanschrift zum Anlass für eine Volksinitiative «Für besseres Kopfrechnen». «Ist doch so oder so ein Vorteil, wenn man seine Preise nicht verstecken muss», moniert er die Praxis anderer Detailhändler.
Auch der übermütige Einfall eines verschrobenen Öko-Gemeinderats, der die Energiesparpolitik der Migros mit einem Stromspartag erlebbar machen will, oder die Galeristin, die das Kulturprozent durch das Verkaufspersonal im Laden bewerben lässt, zeigen, wie frisch und selbstironisch Eigenlob sein kann.
Storyboards von den Kunden?
Wedendahl hat die abstrusen Geschichten in einem Gesamtkunstwerk komponiert, das nächstes Jahr fortgesetzt werden dürfte. Tatsächlich hat die einzigartige, identifikationsstiftende Werbeidee nicht nur Potenzial zum internationalen Award-Abräumer. Sie könnte sich auch zum Selbstläufer mausern, wenn die Migros-Kunden ihre ausgefallenen Vorschläge für Migros-Werbung gleich selbst schreiben.
Helle Freude am verblüffenden Konzept hätte wohl auch der Migros-Gründervater gehabt. Jean Rudolf von Salis schätzte den charismatischen «Dutti» nicht nur wegen seiner rastlosen und streitbaren Natur, sondern auch wegen seiner nicht immer ins letzte Detail durchdachten Ideen.
Award-verdächtig: Witz und Esprit zeichnen die TV- und Kinospots von Publicis für Migros aus.
Migros Riesenstreichhölzer im Migros-Markt, um Strom zu sparen? So grün denkt sich ein Gemeinderat in einem von vier Publicis-Spots das Image des Einzelhandelsriesen. >> Seite 7
Kasper WedendahlBeste Voraussetzungen für gute Migros-Spots bringt Kaspar Wedendahl aufs Set mit: Schon nach sieben Jahren Tätigkeit als Werbespot-Regisseur weist der 36-jährige Däne bereits eine internationale Kundenliste vor, die von Coca-Cola über Opel und VW bis hin zur Washington State Lottery reicht. Nicht minder eindrücklich präsentiert sich Wedendahls Palmarès. Er weist so ziemlich alles auf, was unter den Auszeichnungen Rang und Namen hat: Effie, Eurobest, Epica, US Creative Best Spot, London- und Cresta-Award. In Cannes holte er 2000 für seinen VW-Spot
«A few drops» (DDB Paris) einen Goldlöwen und doppelte 2001 mit Interflora «The Power of Flowers» für die Agentur Robert/Boisen&
Likeminded, Kopenhagen, nach. (la)
Luca Aloisi