Anzeigenmarkt Publipresse-Generaldirektor Otto Meier hats derzeit schwer mit seiner Zeitungs-Unit. Doch für das zweite Halbjahr sieht er einen verlangsamten Aderlass bei den Anzeigenerlösen der Printmedien voraus.WW Die Tageszeitungen stecken in einer tiefen Krise. Es sieht so aus, als würden sie einen wesentlichen Teil ihrer Bedeutung verlieren – und dies sowohl im Werbe- als auch im Lesermarkt. Wie schlimm steht es wirklich?Otto Meier Tageszeitungen stehen nicht zum ersten Mal vor einer solchen Situation. Anfang der Neunzigerjahre gab es eine Durststrecke. Und Mitte der Neunzigerjahre verzeichneten wir ebenfalls einen Einbruch, der indes nicht so stark ausfiel. Damals war die Situation auch nicht besonders gemütlich. Im Moment müssen die Zeitungen mit deutlich geringeren Einnahmen auskommen. Deshalb kommt praktisch kein Verlag darum herum, zu sparen und Synergien zu suchen.
Zeitungen sind aber mit einem doppelten Bedeutungsverlust konfrontiert. Einerseits im Werbemarkt – aber noch gravierender erscheinen die Verluste im Lesermarkt, unter denen etwa Tages-Anzeiger und Berner Zeitung besonders stark leiden. Zudem zeigte die kürzlich veröffentlichte Univox-Studie für Tageszeitungen einen anhaltenden Reichweitenverlust auf. Macht das nicht Angst?
Diese Situation würde dann Angst erwecken, wenn man nicht wüsste, weshalb das so ist. Der Auflage- und Leserverlust, den Tages-Anzeiger und Berner Zeitung erleiden, ist zu einem wesentlichen Teil auf die Existenz von 20 Minuten zurückzuführen. Diese Zeitungen sind wohl gezwungen, entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Der Tages-Anzeiger hat mit dem Projekt «Express» bereits einen Schlachtplan aufgestellt.
Der «Express» wird aber die Probleme des Tages-Anzeiger nicht wirklich lösen können.
Das ist richtig. Aber Tamedia kann diesen Markt künftig mit einem eigenen Produkt abdecken. Das heisst, die Konkurrenzierung des Tages-Anzeiger bleibt dann zumindest inhouse.
Und wenn die neue Pendlerzeitung nicht die erwünschten Inserateeinnahmen bringt? Wie man von 20 Minuten weiss, schreibt diese Zeitung – trotz Grosserfolg im Publikumsmarkt – noch keine schwarzen Zahlen.
Ich persönlich bin mir gar nicht so sicher, ob das Businessmodell Pendlerzeitung jemals Erfolg haben wird. Andererseits reagiert der Werbemarkt im Allgemeinen mit einem gewissen Timelag, das ist nichts Neues. Ich kann mir daher auch durchaus vorstellen, dass die Situation für 20 Minuten auf Jahre hinaus anders aussehen könnte – sofern die Pendlerzeitung überhaupt so lange durchhält.
Haben die Zeitungen tatsächlich nur im Bereich der jungen Leserinnen und Leser Probleme?
Nein, das Problem betrifft – in geringerem Ausmass – auch die mittleren Altersgruppen. Auch diese bekommen mit 20 Minuten ein Medium serviert, das gewisse Lesebedürfnisse durchaus abdecken kann. Trotzdem scheinen mir die Jungen der wichtigste und zugleich der schwierigste Bereich für die Tageszeitungen zu sein. Wenn man die Jungen nicht mehr gewinnen kann, dann hat man ein grosses Problem in der Zukunft.
Der Medienwissenschaftler Heinz Bonfadelli und der Zukunftsforscher Josef Trappel vertraten unlängst in der Werbewoche unisono die Meinung, Zeitungen kämen nicht darum herum, für die Zukunft neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Sehen Sie das auch so?
Zeitungen müssen sich den wandelnden Lesebedürfnissen anpassen. Wenn ich aber die Univox-Studie richtig interpretiere, dann haben auch andere
Massenmedien wie etwa das Fernsehen an Stellenwert eingebüsst. Und dies zu Gunsten der Individualkommunikation im Internet. Dieser Trend wird eher noch zunehmen.
Zukunftsforscher Josef Trappel befürchtet sogar, Zeitungen würden bis 2006 keinerlei Rezepte gefunden haben, um ihren Bedeutungsverlust aufzufangen.
Da bin ich anderer Meinung. Wir haben in der Deutschschweiz eine Sonntags Zeitung und einen SonntagsBlick, die hervorragend funktionieren. Diese beiden haben trotz eines dritten Sonntagsblatts, der NZZ am Sonntag, überhaupt nichts von ihrem Stellenwert im Lesermarkt verloren. Ähnliche Erfolge gibt es auch in der Westschweiz. Zum Beispiel mit Le Matin Dimanche, der bereits auf einsamer Höhe segelt und sich gleichwohl weiterhin positiv entwickelt. Oder Le Matin Semaine im Tabloidformat – auch dies ist ein neues Zeitungsmodell, das sehr erfolgreich funktioniert. Nicht vergessen darf man den ganzen Bereich der Lokalzeitungen. Sie leiden wenig bis gar nicht unter der aktuellen Krise sowohl im Leser- als auch im Anzeigenmarkt. Das hat damit zu tun, dass diese Blätter im Lokalbereich Exklusivleistungen erbringen und daher nach wie vor hervorragend im Markt liegen.
Zeitungen leiden am meisten in den städtischen Agglomerationen – ist dies tatsächlich nur auf 20 Minuten zurückzuführen? Steckt nicht ein grundsätzliches Malaise dahinter?
Die Pendlerzeitung trägt viel zum Problem bei. Andererseits ist in den urbanen Gebieten die Medienvielfalt und damit die gegenseitige Konkurrenzierung natürlich viel grösser. Das Wichtigste scheint mir aber,
dass die lokalen Zeitungsmärkte grundsätzlich weniger konjunkturabhängig sind. Sie profitierten in den Boomjahren viel weniger bei den Stellenanzeigen und den Dotcom-Firmen. Entsprechend hat die Lokalpresse auch nicht Strukturen aufgebaut, die schliesslich zu gross wurden. Sie hat immer schlanker operiert, und das hilft ihr natürlich in der jetzigen Situation über die Runden.
Publipresse, deren Generaldirektor Sie seit Oktober sind, leidet ja ganz
besonders unter der Zeitungskrise. 2002 hat sie 13 Prozent ihres Umsatzes eingebüsst, nachdem bereits im Jahr davor 4 Prozent weggefallen waren. Und auch fürs laufende Jahr rechnet die «P» mit einem Rückgang von
5 Prozent. Wann kommt der Abwärtstrend Ihrer Meinung nach zum Stillstand?
Wenn ich das wüsste! Aber zumindest rechne ich ab dem zweiten Halbjahr mit einer Verlangsamung des Abwärtstrends. Man muss sehen, dass jene Anzeigensegmente, die in den vergangenen 18 bis 24 Monaten für das Minus sorgten – Finanzwerbung, Dotcom-Firmen, Versicherungen – jetzt langsam an der Bottom Line angekommen sind. Andererseits werden Anzeigensegmente, die bisher stabil geblieben sind, weiterhin stabil bleiben. Man darf auch nicht übersehen, dass Grossverteiler, Warenhäuser und der ganze Automarkt ihre Werbeinvestitionen nicht zurückgeschraubt haben. Gedämpft optimistisch bin ich allerdings nur unter dem Vorbehalt, dass uns weltpolitisch nicht ein absoluter Streich gespielt wird. Wenn der Krieg gegen den Irak losgeht, ist das noch nicht so dramatisch für unser Anzeigengeschäft. Aber wenn dieser Krieg in Europa möglicherweise eine Terrorwelle auslösen würde, dann hätten wir eine deutliche Verschärfung der Krise.
Ein bisschen frustrierend muss es für Sie ja schon sein, dass Sie den Posten als Generaldirektor der Publipresse just dann antraten, als die lange Party der Printmedien zu Ende war. Steht Publipresse vor einer Neudefinition beziehungsweise Redimensionierung ihrer Businesspläne?
Das Geschäftsmodell ändern wir deswegen nicht. Aber wir müssen unsere Strukturen an das anpassen, was der Markt hergibt. Wir haben am 1. Oktober 2002 ein Fitnessprogramm gestartet, das noch bis Ende dieses Jahres weiterläuft. Damit können wir – zumindest in Teilbereichen – die sinkenden Einnahmen auffangen. Was meine persönliche Situation betrifft: Man sagt oft, es sei gescheiter, einzusteigen, wenn das Geschäft am Boden ist. Dann kann man brillieren, wenn es wieder nach oben geht.
Bereits 2002 hat Publipresse 8 Prozent ihrer Stellen abgebaut, im laufenden Jahr soll die Reduktion der Mitarbeitenden sogar 8 Prozent übersteigen – das tut weh.
Auch wir kommen nicht ganz um Kündigungen herum, aber der Abbau kann grösstenteils über Fluktuationen aufgefangen werden. Publipresse hat eine junge, beruflich mobile Mitarbeiterschaft, weshalb bei uns sogar in Krisenzeiten wie den aktuellen die Fluktuationsrate bei rund zehn bis fünfzehn Prozent liegt. Von unseren insgesamt 1500 bis 1600 Mitarbeitenden sind das also mindestens 150 – etwa so viel, wie wir bis Ende 2003 abbauen.
Die Printwerbung macht gut drei Viertel des Umsatzes der PubliGroupe aus (2002: 76,5 Prozent). Jetzt scheint dieser Anteil nachhaltig zu schrumpfen. Halten Sie es für möglich, dass der Anteil in den nächsten fünf Jahren unter drei Viertel sinken könnte?
Das ist absolut denkbar. Aber nur deshalb, weil neue Geschäftsbereiche der PubliGroupe an Gewicht gewinnen werden, und nicht etwa, weil Publipresse mittel- oder langfristig schrumpfen könnte. Die PubliGroupe ist ständig daran, neue Geschäftsfelder zu suchen. Dies geschieht aber mehr im Ausland als in der Schweiz.
In welcher Rolle sieht sich Publipresse bei der Erneuerung der Zeitungen? Die «P» hält ja an vielen Zeitungen Beteiligungen und trägt damit auch direkte Mitverantwortung. Zum Beispiel könnte sie ein Forum für die Zeitung der Zukunft einrichten.
Teil der Philosophie unserer Beteiligungen ist, dass wir nicht in verlegerische oder gar in redaktionelle Belange drein reden. Ganz egal, wie gross oder wie klein die entsprechende Beteiligung ist. Andererseits verfügt die PubliGroupe dank ihres internationalen Netzwerks über Wissen, wie sich die Zeitungen in anderen Märkten entwickeln. Dieses Know-how ist sicher auch wertvoll für die Schweiz. Man kann und muss das Medium Zeitung weiterentwickeln, neu erfinden muss man es aber meiner Meinung nach nicht. Weiterentwickeln kann zum Beispiel auch bedeuten, dass man Zeitungen eins zu eins ins Internet stellt. So, wie es etwa die neuen
E-Paper machen – und damit neue Lesende generieren.
Ausgerechnet in diesen schwierigen Zeiten ist die PubliGroupe mit zusätzlichem Ungemach konfrontiert: Im November 2002 eröffnete die Wettbewerbskommission (Weko) eine Untersuchung, bei der die Marktmacht der «P» unter die Lupe genommen wird. Wann erwarten Sie einen Entscheid?
Das wird sicher noch Monate dauern. Die Weko hat an die Eigenregieverleger und die Vermittler Fragebogen verschickt. Auch wir haben logischerweise einen solchen erhalten. Unser Ziel ist es, einen positiven Beitrag zu dieser Untersuchung zu leisten. Wir haben auch gar nichts zu verstecken und betrachten diese Untersuchung als Chance, unsere Rolle transparenter zu machen, als sie vielleicht bisher war. Und als Gelegenheit auch, unseren Beitrag und unsere wichtige Funktion für die Schweizer Presse darzustellen.
Otto Meier: Leidensdruck im Printmarkt gibt nach.
Auch die PubliGroupe-Aktie testet immer wieder neue Tiefststände: Am Montag gab sie über 8 Prozent nach und auch am Dienstag tendierte sie negativ.
PubliGroupe-Aktien haben in drei Jahren 90 Prozent ihres Werts verlorenFast 2000 Franken war die PubliGroupe-Aktie im ersten Halbjahr 2000 wert. Die Notierung galt als historischer Höchststand. Als die Kursfantasien in der Medienbranche zusammenbrachen, wurden auch die PubliGroupe-
Aktien mit in den Abwärtssog gerissen. Bis Ende 2000 brachen die Titel um mehr als die Hälfte auf rund 800 Franken ein. Und auch danach ging der Sinkflug weiter. Den bisherigen Tiefststand erreichte die PubliGroupe-Aktie am 10. Februar 2003, als der Titel noch für 180 Franken gehandelt wurde. Danach ging es zwar wieder etwas aufwärts, trotzdem war der Valor am vergangenen Dienstagmorgen mit 200 Franken 10 Prozent weniger wert als zu Jahresbeginn. (dse)
Interview: Daniel Schifferle