Medien und PR Wie steht’s um die Glaubwürdigkeit (in) der Kommunikationsbranche? Journalisten und PR-Fachleute beantworteten diese Gretchenfrage am «2. Communication Summit» unterschiedlich.
«Glaubwürdigkeit ist unser beider Leitwährung.» Karl Lüönd, Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse, fand gleich zu Beginn seines Eröffnungsreferats eine Kurzformel für die gemeinsame Ressource und Zielsetzung von Medienschaffenden und PR-Profis. Damit war der kleinste gemeinsame Nenner der beiden Berufsgruppen zwar identifiziert, aber auch schon ausgeschöpft. Denn mit Hilfe welcher Wahrheit – respektive Wahrheiten – diese Glaubwürdigkeit (wieder) zu erlangen sei, darüber waren sich die Vertreter der beiden Kommunikationswelten am Dienstag vergangener Woche im Ringier-Pressehaus nur stellenweise einig. An der von der Zürcher Public Relations Gesellschaft und dem Zürcher Presseverein (ZPV) organisierten Veranstaltung ging es somit neben dem offiziellen Thema einmal mehr um «die nach wie vor gestörte Beziehung» zwischen Medien- und PR-Leuten, wie sie Lüönd konstatierte.
Argumentatives Pingpong
Zur geforderten Entkrampfung der Zweckgemeinschaft von neutralen und Interessen gesteuerten Kommunikatoren trug auch das von ZPV-Vorstand Reto Lipp moderierte Podium nur bedingt bei. So warf Maja Amrein, Inhaberin von Flow Communications, den Medien vor, nur solche Inhalte als wahr anzusehen, die sich gut verkaufen liessen. Kommunikationsberater und Tamedia-Verwaltungsrat Iwan Rickenbacher hielt dagegen, dass «das Misstrauen gegenüber den Medieninstitutionen zugenommen hat.»
Die Chefredaktoren von Blick und SonntagsZeitung, Werner de Schepper und Andreas Durisch, lokalisierten Glaubwürdigkeitsdefi-zite – als Vertreter des Journalismus wenig überraschend – hauptsächlich im PR-Bereich. De Schepper beklagte die zunehmende Verwässerung kommunikativer Substanz durch die immer zahlreicher in Wirtschaft und Verwaltung «herumtanzenden» PR-Leute. Und Andreas Durisch unterstrich, dass statt offener, authentischer Kommunikation insbesondere in Krisenzeiten oftmals «reine Fassadenwischerei» betrieben werde.
Einige Zugeständnisse
Es wurden aber auch versöhnliche Töne angeschlagen. So stellte Durisch nicht ganz neidlos fest, dass im Bereich der Corporate Communications mit dem dort «schon immer reichlich vorhandenen Geld» un-terdessen qualitativ hoch stehende Erzeugnisse produziert würden. Ri-ckenbacher indes verwies auf die Qualitätsfortschritte bei der Presse: «Früher, das heisst zu Zeiten der Parteipresse, wurde die Wahrheit häufiger und vor allem systematischer unterdrückt als heute.»
Vergleichsweise selbstkritisch äusserten sich hingegen Amrein und de Schepper. Gerade für ein Boulevardblatt gebe es kein «statisches Wahrheitsgebäude», sondern höchstens «Wahrhaftigkeit», gab der Blick-Chef (und Theologe) zu Protokoll. «Wir wollen etwas darstellen, so wie es wirklich sein könnte.» Von dieser Offenherzigkeit liess sich die Kommunikationsfachfrau Amrein anstecken und bekannte, bei ihrer Arbeit zwar noch nie gelogen, manchmal jedoch bewusst «nur einen Aspekt des Ganzen» beleuchtet zu haben. Es wird wohl noch den einen
oder anderen Kommunikationsgipfel brauchen, damit sich die Standpunkte und Sichtweisen der beiden Branchenpartner annähern. Aber schliesslich ist «Wahrheit» im nie endenden öffentlichen Kommunikationsprozess immer nur «die Wahrheit zu einem bestimmten Zeitpunkt», wie es Blick-Chef de Schepper schon fast philosophisch formulierte.
Zwei Perspektiven auf dieselbe Realität: Journalisten und PR-Leute.
«Vorsicht im Umgang mit Wahrheit»Peter Studer, Präsident des Presserats, über die unterschiedliche
Mission von Medien und PR.
WW Herr Studer, die Selbstdiagnose der Kommunikationsbranche an ihrem Zürcher Gipfeltreffen lautete «akuter Glaubwürdigkeitsverlust». Sehen Sie das auch so?
Peter Studer Das ist eine sehr vage Behauptung. Statt an Befindlichkeiten orientiere ich mich lieber an empirischen Belegen. Und hier hat es etwa in Deutschland erst kürzlich eine Umfrage gegeben, die gezeigt hat, dass die Glaubwürdigkeit der Medien nicht wesentlich abgenommen hat.
Die Kommunikationsberaterin Maja Amrein wirft den Medien vor, nur
das als wahr anzusehen, was Quote oder Auflage bringt.
Dieser These lassen sich die Daten einer Studie aus dem Jahr 2001 unter fast 2000 Journalisten in der Schweiz entgegenstellen. 92 Prozent der Befragten bekennen sich zum Rollenselbstbild des neutralen, die Realität abbildenden Berichterstatters. Nur 21 Prozent sehen sich in dieser Umfrage als Vermarkter, die ein nachgefragtes Produkt möglichst Gewinn bringend absetzen wollen.
Kann man den Medien und ihrem Streben nach der Wahrheit also ein gutes Zeugnis ausstellen?
Mit dem Begriff der Wahrheit sollte man vorsichtig umgehen. Ich rede lieber von der Wahrhaftigkeit, also der Suche nach der Wahrheit. Im Vergleich zu früher ist hier tatsächlich eine Qualitätssteigerung festzustellen. Heutige Journalisten bemühen sich intensiver als vor 40 Jahren, den Tatsachen auf den Grund zu gehen. Allerdings verschärft der steigende Wettbewerbsdruck zwischen den einzelnen Medien die Tendenz zum Thesen-Journalismus. Dabei besteht die Gefahr, dass journalistische Grundsätze wie etwa das Fairnessgebot verletzt werden.
Wie beurteilen Sie die Situation im Bereich von Öffentlichkeitsarbeit und PR?
Grundsätzlich muss man sich im Klaren darüber sein, dass Journalisten und PR-Leute eine unterschiedliche Mission haben. PR-Leute sind Söldner im Dienste eines Unternehmens oder einer Behörde, während Journalisten der Öffentlichkeit verpflichtet sind. Gute Kommunikationsfachleute haben aber erkannt, dass auch sie sich der Wahrhaftigkeit verschreiben sollten – jedenfalls in dem Sinne, dass sie auf aktives Lügen verzichten. Denn wenn ihre Glaubwürdigkeit angekratzt ist, schadet das letztlich auch ihrem Auftraggeber.
Interview: Patrick Steinemann
Patrick Steinemann