Kommunikation als Abenteuer
Museumsmarketing Erstmals verlieh der Schweizerische Marketing Club (SMC) in der Kategorie Non-Profit-Organisationen eine Trophäe. Die Auszeichnung ging an das Museum für Kommunikation für seine Neupositionierung.
Museumsmarketing Erstmals verlieh der Schweizerische Marketing Club (SMC) in der Kategorie Non-Profit-Organisationen eine Trophäe. Die Auszeichnung ging an das Museum für Kommunikation für seine Neupositionierung.Trotz rigoroser Sparkur hat das Museum für Kommunikation (MfK) in Bern Grosses vor. Immerhin gilt es, den letztjährigen Besucherrückgang von rund 13 Prozent – mit einer Umbauphase und dem Jahrhundertsommer begründet – wettzumachen. Die Ehrung durch den SMC stellt nach dem schwierigen Jahr eine wichtige Bestätigung für die 1997 eingeleitete Neupositionierung des MfK dar, steht doch im laufenden Jahr ein weiterer Schritt zur Marktorientierung an: Mit der Beteiligung am Projekt «Swiss Attractions», einem Zusammenschluss Schweizer Erlebnismuseen und -parks unter dem Patronat von Schweiz Tourismus will das MfK seine Ausstrahlung bis ins Ausland verbreiten und sich als wichtiger touristischer Standortfaktor positionieren.Vom Dornröschenschlaf …
Eindrücklicher als das Verbund-Marketingprojekt erscheint rückblickend die Entwicklungsgeschichte des ehemaligen PTT-Museums. Dieses war bis 1997 als Teil der PTT-Administration stark an die Vorgaben und Interessen des Staatsunternehmens gebunden und so mit der typischen Anbietermarkt-Einstellung behaftet. «Dazu gehörte unter anderem, dass sich das Museum auf die Stammthemen Post, Telekommunikation und Philatelie zu konzentrieren hatte. Entsprechend der traditionellen Museumsauffassung mussten die Ausstellungen einen gebührenden historischen Abstand einhalten», erklärt Alberto Meyer, seit 1997 Leiter Marketing und Kommunikation des MfK. Die Vermarktung beschränkte sich auf etwas Werbung und PR und der visuelle Auftritt entsprach der traditionellen Auffassung in der Museumskommunikation, «die übrigens heute noch viel Geltung hat», sagt Meyer. In der damaligen Preispolitik widerspiegelten sich nicht Image und Wertigkeit, sondern die Auffassung des günstigen Service public: Der Eintritt für Erwachsene – zwei Franken. Dafür erschöpfte sich die Service– und Produktpalette in den Ausstellungen. Letztere kannten keine institutionalisierte Vermittlung gegenüber dem Publikum. Eine Vitrine im Empfangsdesk erfüllte die Funktion des Shops und die Cafeteria in einer Ecke war mit Tischchen und einem Getränkeautomat bestückt.
Eines war der neuen Organisation klar: Im Museum für Kommunikation sollten künftig die Bedürfnisse der Besucher im Mittelpunkt stehen. Doch wer sind diese Kunden?
… über die Metamorphose …
Die neu eingerichtete, zuvor inexistente Marketingabteilung bestimmte die Segmente des MfK: Rund die Hälfte der Besucher und Besucherinnen waren und sind Familien mit Kindern. Daher die Positionierung als populäres Museum mit dem Slogan «Ein Museum, das allen etwas sagt». Für das zweitwichtigste Segment – Schulklassen (rund 25 % aller Eintritte) – spielt das Angebot «Bildung & Vermittlung» mit seinen Spezialprogrammen (Workshops, Unterrichtsmaterial etc.) eine immer wichtigere Rolle. Seit vier Jahren steigt der Zustrom von Schülern an. Das restliche Viertel teilen sich die Segmente «Touristen», «Firmenanlässe» und «Gruppenreisen» sowie «Special Interest». Letzteres ist sehr heterogen und lässt sich durch die Themenvielfalt der Sonderausstellungen anziehen. «Dieser Umstand ist eine strategische Chance, um punktuell in neue Märkte vorzudringen», sagt Meyer.Um dem Museum und damit dem Publikum neue Impulse zu geben, schlägt das neue Konzept eine Brücke zwischen dem traditionell europäischen, bewusst zurückhaltenden Museumsverständnis und dem US-amerikanischen mit seinem Fokus auf Inszenierung, Erlebnis, Multimedialität und Interaktivität.
Das Master-Design und die Grundkonzepte der Ausstellungen wurden mit GSM Design erarbeitet, einer international renommierten Firma für Ausstellungsgestaltung aus Montréal, die mit den Projektleitern auch die Ausführungsarbeiten evaluiert hat. Mit der neuen Dauerausstellung, in der mehr elektronische Kommunikationsmittel eingesetzt und die neusten Entwicklungen der einzelnen Bereiche integriert wurden, schaffte das MfK erstmals den Anschluss an die Gegenwart.
… bis zum interaktiven Museum
Die neue Dauerausstellung bietet eine spielerische Entdeckungsreise durch das Reich der Kommunikation. «Formal setzen wir den Schwerpunkt auf sinnliche Gestaltung, sprich auf die Inszenierung der Ausstellungsinhalte, beipielsweise durch eine besondere Farbgebung und Lichtführung», so Meyer. Zum Gesamterlebnis gehören aber auch Multimedialität und Interaktivität. Um das zu erreichen, wurde eine breite Palette modernster Technologien eingesetzt und teilweise auch mit Künstlern aus dem multimedialen Bereich im In- und Ausland zusammengearbeitet wie zum Beispiel mit Luc Courchesne. An seiner Installation können fünf Personen in einen virtuellen Dialog treten. Der Witz dabei: Man kann das Gespräch in eine harmonische Richtung steuern oder im Konflikt münden lassen. «Abenteuer Kommunikation» soll nicht die Technik an sich zeigen, sondern die Besucher in die Lage versetzen, sich selbst im Umgang mit den Kommunikationsmitteln zu verorten.
Anschluss an die Gegenwart
Mit der geplanten Eröffnung eines Ausstellungsteiles im Jahr 2005, welcher ganz dem Computer gewidmet sein wird, soll der Anschluss des MfK an die Gegenwart vervollständigt werden. Regelmässige kleine und grosse Sonderausstellungen, die die Grenzen des Themas Kommunikation fortlaufend neu ausloten, bauen die Angebotspalette des Museums aus. So kündigt das MfK für den kommenden Herbst mit «Weiss auf Rot – United Colours of Switzerland» eine spannende, komplexe Ausstellung zum Branding der Schweiz an.
Immer wichtiger werden Additional Values wie das Bildungs- und Vermittlungsangebot, neu auch Sprachkurse mit dem Museum als Schauplatz und Ausgangspunkt für Konversationen. Längst gehören ein vollwertiger Museumsshop und eine Cafeteria zum Standard, und das Museum als Event-Plattform für Dritte ist ebenfalls bereits gut etabliert.
Dieser Wandlung stehen die Leistungen im Bereich Marketing-Kommunikation (siehe Kasten) in nichts nach. In der Debatte rund um das New Public Management scheint das MfK weit fortgeschritten zu sein und marktorientiert zu denken und zu handeln. «Wir brauchen heute den Vergleich mit dem Marketing kommerzieller Unternehmen nicht zu scheuen», sagt Meyer. Der Einsatz klassischer Instrumente wie Marktforschung, Formulierung einer umfassenden Marketing-Strategie, Definition eines Service-Designs bis hin zur professionellen Kommunikationskampagne ist beim MfK seit sechs Jahren Standard. Im Gegensatz zu den meisten Museen vergleichbarer Grösse arbeitet das MfK seit 1997 nicht mehr mit Grafikateliers, sondern mit Werbeagenturen. «Wir richten unser Augenmerk weniger auf den künstlerisch-ästhetischen Ausdruck, als vielmehr auf die optimal vermittelte Werbebotschaft», begründet Meyer den Entscheid. Die Arbeiten von CD Ruedi Wyler scheinen einem der Hauptpostulate des MfK bestens zu entsprechen: nicht nur ein Ort der Ausstellungen zu sein, sondern auch Diskussionen in Gang zu setzen. Wyler versucht in seinen MfK-Auftritten immer wieder Kanten und Ecken einzubauen, um das Zielpublikum zur Auseinandersetzung mit den Ausstellungsthemen anzuregen.
History & FactsDie Schweizerische Postverwaltung begann 1893, Gegenstände und
Dokumente des Post- und Verkehrswesens sowie der Philatelie zu sammeln. 1907 wurde das erste Postmuseum – 1947 in Schweizerisches
PTT-Museum umgetauft – im Gebäude der Berner Bollwerk-Post gegründet. 1990 zog das Museum an die Helvetiastrasse 16. Sechs Jahre später wurde das PTT-Museum in eine Stiftung von Swisscom und der Schweizerischen Post umgewandelt und 1997 in Museum für Kommunikation (MfK) umgetauft. Mit dem neuen Namen öffnete sich auch die Museumspolitik und eine Neupositionierung stand an.
Seit Dezember 2003 leitet Jakob Messerli das MfK, welches 27 Leute beschäftigt. Auf Grund des Umbaus und des Jahrhundertsommers 2003 erfuhr der bis dahin deutlich steigende Trend der Besucherzahlen einen markanten Knick (– 13%) gegenüber dem Vorjahr. Damals hatten rund 50000 Menschen das MfK besucht.
Für das laufende Jahr rechnet das Museum wieder mit einem Anstieg. Das jährlich garantierte Budget beträgt rund sechs Millionen Franken, wovon zehn Prozent für das gesamte Marketing reserviert sind. (la)
Plakativ und modern: Auch die Werbung für das MfK widerspiegelt die ungewöhnlichen Zugänge zum Thema Kommunikation.
Face to Face: Entdeckungsreisen durch Erlebniswelten.
Das MfK öffnet seine Tore nicht nur den Ausstellungsbesuchern, sondern ist auch Ort für Events und Begegnungen.
Gelungene Neupositionierung: Marketingleiter Alberto Meyer.
Luca Aloisi
Eindrücklicher als das Verbund-Marketingprojekt erscheint rückblickend die Entwicklungsgeschichte des ehemaligen PTT-Museums. Dieses war bis 1997 als Teil der PTT-Administration stark an die Vorgaben und Interessen des Staatsunternehmens gebunden und so mit der typischen Anbietermarkt-Einstellung behaftet. «Dazu gehörte unter anderem, dass sich das Museum auf die Stammthemen Post, Telekommunikation und Philatelie zu konzentrieren hatte. Entsprechend der traditionellen Museumsauffassung mussten die Ausstellungen einen gebührenden historischen Abstand einhalten», erklärt Alberto Meyer, seit 1997 Leiter Marketing und Kommunikation des MfK. Die Vermarktung beschränkte sich auf etwas Werbung und PR und der visuelle Auftritt entsprach der traditionellen Auffassung in der Museumskommunikation, «die übrigens heute noch viel Geltung hat», sagt Meyer. In der damaligen Preispolitik widerspiegelten sich nicht Image und Wertigkeit, sondern die Auffassung des günstigen Service public: Der Eintritt für Erwachsene – zwei Franken. Dafür erschöpfte sich die Service– und Produktpalette in den Ausstellungen. Letztere kannten keine institutionalisierte Vermittlung gegenüber dem Publikum. Eine Vitrine im Empfangsdesk erfüllte die Funktion des Shops und die Cafeteria in einer Ecke war mit Tischchen und einem Getränkeautomat bestückt.
Eines war der neuen Organisation klar: Im Museum für Kommunikation sollten künftig die Bedürfnisse der Besucher im Mittelpunkt stehen. Doch wer sind diese Kunden?
… über die Metamorphose …
Die neu eingerichtete, zuvor inexistente Marketingabteilung bestimmte die Segmente des MfK: Rund die Hälfte der Besucher und Besucherinnen waren und sind Familien mit Kindern. Daher die Positionierung als populäres Museum mit dem Slogan «Ein Museum, das allen etwas sagt». Für das zweitwichtigste Segment – Schulklassen (rund 25 % aller Eintritte) – spielt das Angebot «Bildung & Vermittlung» mit seinen Spezialprogrammen (Workshops, Unterrichtsmaterial etc.) eine immer wichtigere Rolle. Seit vier Jahren steigt der Zustrom von Schülern an. Das restliche Viertel teilen sich die Segmente «Touristen», «Firmenanlässe» und «Gruppenreisen» sowie «Special Interest». Letzteres ist sehr heterogen und lässt sich durch die Themenvielfalt der Sonderausstellungen anziehen. «Dieser Umstand ist eine strategische Chance, um punktuell in neue Märkte vorzudringen», sagt Meyer.Um dem Museum und damit dem Publikum neue Impulse zu geben, schlägt das neue Konzept eine Brücke zwischen dem traditionell europäischen, bewusst zurückhaltenden Museumsverständnis und dem US-amerikanischen mit seinem Fokus auf Inszenierung, Erlebnis, Multimedialität und Interaktivität.
Das Master-Design und die Grundkonzepte der Ausstellungen wurden mit GSM Design erarbeitet, einer international renommierten Firma für Ausstellungsgestaltung aus Montréal, die mit den Projektleitern auch die Ausführungsarbeiten evaluiert hat. Mit der neuen Dauerausstellung, in der mehr elektronische Kommunikationsmittel eingesetzt und die neusten Entwicklungen der einzelnen Bereiche integriert wurden, schaffte das MfK erstmals den Anschluss an die Gegenwart.
… bis zum interaktiven Museum
Die neue Dauerausstellung bietet eine spielerische Entdeckungsreise durch das Reich der Kommunikation. «Formal setzen wir den Schwerpunkt auf sinnliche Gestaltung, sprich auf die Inszenierung der Ausstellungsinhalte, beipielsweise durch eine besondere Farbgebung und Lichtführung», so Meyer. Zum Gesamterlebnis gehören aber auch Multimedialität und Interaktivität. Um das zu erreichen, wurde eine breite Palette modernster Technologien eingesetzt und teilweise auch mit Künstlern aus dem multimedialen Bereich im In- und Ausland zusammengearbeitet wie zum Beispiel mit Luc Courchesne. An seiner Installation können fünf Personen in einen virtuellen Dialog treten. Der Witz dabei: Man kann das Gespräch in eine harmonische Richtung steuern oder im Konflikt münden lassen. «Abenteuer Kommunikation» soll nicht die Technik an sich zeigen, sondern die Besucher in die Lage versetzen, sich selbst im Umgang mit den Kommunikationsmitteln zu verorten.
Anschluss an die Gegenwart
Mit der geplanten Eröffnung eines Ausstellungsteiles im Jahr 2005, welcher ganz dem Computer gewidmet sein wird, soll der Anschluss des MfK an die Gegenwart vervollständigt werden. Regelmässige kleine und grosse Sonderausstellungen, die die Grenzen des Themas Kommunikation fortlaufend neu ausloten, bauen die Angebotspalette des Museums aus. So kündigt das MfK für den kommenden Herbst mit «Weiss auf Rot – United Colours of Switzerland» eine spannende, komplexe Ausstellung zum Branding der Schweiz an.
Immer wichtiger werden Additional Values wie das Bildungs- und Vermittlungsangebot, neu auch Sprachkurse mit dem Museum als Schauplatz und Ausgangspunkt für Konversationen. Längst gehören ein vollwertiger Museumsshop und eine Cafeteria zum Standard, und das Museum als Event-Plattform für Dritte ist ebenfalls bereits gut etabliert.
Dieser Wandlung stehen die Leistungen im Bereich Marketing-Kommunikation (siehe Kasten) in nichts nach. In der Debatte rund um das New Public Management scheint das MfK weit fortgeschritten zu sein und marktorientiert zu denken und zu handeln. «Wir brauchen heute den Vergleich mit dem Marketing kommerzieller Unternehmen nicht zu scheuen», sagt Meyer. Der Einsatz klassischer Instrumente wie Marktforschung, Formulierung einer umfassenden Marketing-Strategie, Definition eines Service-Designs bis hin zur professionellen Kommunikationskampagne ist beim MfK seit sechs Jahren Standard. Im Gegensatz zu den meisten Museen vergleichbarer Grösse arbeitet das MfK seit 1997 nicht mehr mit Grafikateliers, sondern mit Werbeagenturen. «Wir richten unser Augenmerk weniger auf den künstlerisch-ästhetischen Ausdruck, als vielmehr auf die optimal vermittelte Werbebotschaft», begründet Meyer den Entscheid. Die Arbeiten von CD Ruedi Wyler scheinen einem der Hauptpostulate des MfK bestens zu entsprechen: nicht nur ein Ort der Ausstellungen zu sein, sondern auch Diskussionen in Gang zu setzen. Wyler versucht in seinen MfK-Auftritten immer wieder Kanten und Ecken einzubauen, um das Zielpublikum zur Auseinandersetzung mit den Ausstellungsthemen anzuregen.
History & FactsDie Schweizerische Postverwaltung begann 1893, Gegenstände und
Dokumente des Post- und Verkehrswesens sowie der Philatelie zu sammeln. 1907 wurde das erste Postmuseum – 1947 in Schweizerisches
PTT-Museum umgetauft – im Gebäude der Berner Bollwerk-Post gegründet. 1990 zog das Museum an die Helvetiastrasse 16. Sechs Jahre später wurde das PTT-Museum in eine Stiftung von Swisscom und der Schweizerischen Post umgewandelt und 1997 in Museum für Kommunikation (MfK) umgetauft. Mit dem neuen Namen öffnete sich auch die Museumspolitik und eine Neupositionierung stand an.
Seit Dezember 2003 leitet Jakob Messerli das MfK, welches 27 Leute beschäftigt. Auf Grund des Umbaus und des Jahrhundertsommers 2003 erfuhr der bis dahin deutlich steigende Trend der Besucherzahlen einen markanten Knick (– 13%) gegenüber dem Vorjahr. Damals hatten rund 50000 Menschen das MfK besucht.
Für das laufende Jahr rechnet das Museum wieder mit einem Anstieg. Das jährlich garantierte Budget beträgt rund sechs Millionen Franken, wovon zehn Prozent für das gesamte Marketing reserviert sind. (la)
Plakativ und modern: Auch die Werbung für das MfK widerspiegelt die ungewöhnlichen Zugänge zum Thema Kommunikation.
Face to Face: Entdeckungsreisen durch Erlebniswelten.
Das MfK öffnet seine Tore nicht nur den Ausstellungsbesuchern, sondern ist auch Ort für Events und Begegnungen.
Gelungene Neupositionierung: Marketingleiter Alberto Meyer.
Luca Aloisi
