Simon Heusser will als neuer Chefredaktor der Weltwoche nach einer Ära polarisierender Schreibe «eine gewisse Gelassenheit erlauben».
Er hat noch keine Visitenkarte als Chef. Dafür bereits eine klare Vorstellung, wie es mit der Weltwoche weitergehen soll. «Ideen statt Ideologie», will Simon Heusser publizieren. Aber wie ungefärbt ist das möglich bei einem Titel, der eine in Abschnitte eingeteilte Weltkugel mit all ihren politischen Assoziationen im Logo hat?«Das ist kein antipolitisches Statement», beginnt Simon Heusser sein in der Kommunikationsbranche mit viel Interesse aufgenommenes Konzept zu präzisieren. «Das war eine Forderung für mehr Ideenwettbewerb und weniger Vorurteil.»
Der Markt spielt heute in einer «brutalen Aufmerksamkeits-Ökonomie». Aufzufallen mit markigen Kommentaren machte für Heusser Sinn, weil die Marke Weltwoche von seinem Vorgänger Roger Köppel neu positioniert werden musste. Aber: «Das ist inzwischen überholt. Jetzt ist die Konsolidierung angesagt.» Nach dem erfolgreichen Turnaround will Heusser seiner Zeitung deshalb nun «eine gewisse Gelassenheit erlauben».
Wer mit dem neuen Chefredaktor der Weltwoche spricht, spürt sofort die sprühende Begeisterung für sein Medium. Der 37-jährige Journalist ist sich dabei bewusst, in welcher Linie von zu Figuren gewordenen Chefredaktoren er sich befindet. Das Blatt spielt seit 1933 eine massgebliche Rolle in der deutschsprachigen Publizistik.
Die Stelle als Chefredaktor war kein über Jahre hinweg gehegter Wunschtraum – «aber man wächst hinein und einmal kommt eine Chance». Auch die kommerzielle Seite der Medien interessiert ihn. «Es gibt nichts Interessanteres als Geldflüsse. Dort sieht man die Machtstrukturen.»
Die Wirtschaftsthemen sollen in der Weltwoche verstärkt werden. «Wir leben in einer Welt des entfesselten Standortwettbewerbs.» Zudem glaubt er, dass die beim Relaunch gewonnenen Lesersegmente eher wirtschaftslastig sind.
Wie früher beim Tages-Anzeiger, wo Heusser im Kulturteil über Gesellschaftsthemen geschrieben hat, will er Wirtschaft aber breit betrachten und nicht nur alles rund um die Börsennews abhandeln. Die Weltwoche soll mehr analysieren, was die gesellschaftlichen Folgen einer wirtschaftlichen Entwicklung bedeuten.
Solche Ideen erklären, wieso Heusser Wirtschaftsgeschichte studiert hat. «Das muss man ein bisschen aus dem Zeitgeist heraus verstehen», meint er auch. Als er 1987 an die Uni ging, galten die Ökonomen «als Biederlinge». Heute könnte er nicht ausschliessen, Volkswirtschaft zu studieren.
In seiner Dissertation untersuchte er das Spannungsfeld von politischer Kultur und europäischer Integration nach Maastricht. «Ein Thema, das immer noch sehr aktuell bleibt, gerade auch für die Schweiz.»
Seine Auslanderfahrungen sind ihm «sehr wichtig». Heusser studierte auch in den USA sowie an der London School of Economics und wurde von Köppel als Korrespondent für die Weltwoche nach Deutschland entsandt. An Amerika faszinierte ihn die offene Debattenkultur, etwa beim Irak-Krieg und der Regierung Bush. «Das sieht man häufig nicht von Europa aus.»
Heusser sagt: «Als Schweizer sollte man alle drei Jahre das Land verlassen. Ein solcher Perspektivenwechsel tut gut.» Hier werde immer noch viel zu oft ein «Diskurs in der Enge geführt».
Die Weltwoche soll in diesem Sinn «ein Identitätssignal für Leser» werden. Wer sie unter dem Arm trägt, signalisiert, «dass man zu einer modernen, weitläufigen Schweiz steht, dynamisch und innovativ».
Strategiewechsel: Simon Heusser setzt bei der Weltwoche auf «Ideenwettbewerb und weniger Vorurteil».
Andreas Panzeri