Vermarkter Werberische Zurückhaltung ist beim Fernsehen Vergangenheit: Publisuisse-CEO Martin Schneider rechnet 2004 mit fünf Prozent Wachstum.WW Mit dem Umsatzplus der Publisuisse von 8 Prozent im ersten Quartal 2004 fühlt man sich fast in die Boomzeiten zurückversetzt. Erwarten Sie eine Fortsetzung des steilen Aufwärtstrends im weiteren Jahresverlauf?Martin Schneider Ich rechne mit einem guten Jahr. Ob der Aufwärtstrend allerdings das eingeschlagene Tempo beibehalten kann, wage ich zu bezweifeln. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir Ende Jahr ein Wachstum im Bereich von fünf
Prozent haben werden. Das bedingt aber, dass sich Konjunktur und Konsumentenstimmung gut entwickeln. Bis und mit
den Sommermonaten sehen unsere Buchungsstände sehr gut aus, für Herbst und Winter bin ich mir aber noch nicht ganz sicher.
Die Fernsehwerbung befindet sich in der Schweiz auf der Überholspur. Bereits zwischen 2002 und 2003 konnte sie ihren Anteil an den gesamten Werbespendings von 17,1 auf 18,4 Prozent ausbauen. 2004 winken erneut Marktanteilsgewinne. Mit wie viel Zuwachs rechnen Sie?
Das Fernsehen ist bei den Werbeauftraggebern im Trend. Ich bin überzeugt, dass es auch dieses Jahr zusätzliche Anteile am Werbekuchen holen wird. Wie viel das genau sein wird, wage ich aber nicht zu prognostizieren.
Negativ könnte sich ein Trend auswirken, der sich unter dem Stichwort «Flucht aus dem Werbeblock» ankündigt: Die Kundenwünsche bei der TV-Werbung gehen immer mehr in Richtung Sonderwerbeformen und ins Programm eingebettete Werbung. Den öffentlich-rechtlichen Sendern werden wegen der strengeren Werberestriktionen hier aber manche Türen verschlossen bleiben.
Das Massenkommunikationsmittel TV wird auch in der Zukunft vor allem über den Werbeblock leben. Zudem ist die diskutierte so genannte Flucht in Richtung Sonderwerbeformen ein längerfristiges Phänomen, das die TV-Werbung nicht von heute auf morgen umkrempeln wird.
Den Annäherungswünschen in Richtung Programm wird sich aber auch die Publisuisse nicht ganz entziehen können.
Die gesetzlichen Vorgaben verlangen von uns eine strikte Trennung der redaktionellen und der kommerziellen Inhalte. Doch auch wir können innovative Möglichkeiten anbieten, und zwar im Bereich der Werbeblöcke oder mit Crossmedia-Packages bei grossen Events. Zum Beispiel lassen sich ganze Blöcke für einen einzelnen Kunden reservieren. Hier sind wir ja bereits heute sehr innovativ, zum Beispiel mit dem «Mittwochstudio» oder mit «Telescoop».
Im Gegensatz zu privaten Sendern sind Verkaufssendungen in den SRG-Programmen derzeit praktisch nicht vorhanden. Sind solche in Zukunft denkbar?
Sendungen wie etwa der Mediashop werden von den betreffenden Stationen teils als Füller eingesetzt, zu einem tieferen Sekundenpreis. Häufig kommt dabei ein Businessmodell zum Zuge, das auf Beteiligung am Abverkauf basiert. Das wollen wir nicht. Unsere kommerzielle Strategie zielt darauf, die Werbezeiten zum normalen Tarif zu verkaufen, und nicht, sie um jeden Preis zu füllen. Verkaufssendungen sind ein typisches Format für kommerzielle Sender, die ihre Werbeblöcke auffüllen müssen.
Das heisst, dass Verkaufssendungen auf SRG-Sendern auch künftig keine Chance haben werden?Sie haben bei uns im Moment keine Priorität, durchwegs ausschliessen möchte ich sie für die Zukunft aber auch nicht. Denkbar wäre eine Strategie, bei der eine klar definierte Zeitschiene für Verkaufssendungen reserviert würde. Allerdings sind durch Gebühren finanzierte Sender mit einem grundsätzlichen Problem konfrontiert. So sagen sich viele Zuschauer: Ich zahle nicht Gebühren, um mir dann auch noch Verkaufssendungen anschauen zu müssen.
Öffentlich-rechtliche Sender haben auch auf Grund ihrer geringeren Werbemengen ein besseres Image. Dies hat die aktuelle Werbewirkungsstudie der Publisuisse eindrücklich gezeigt. Laut dieser Studie entwickelt das Publikum ja regelrecht Aversionen gegen allzu viel TV-Werbung. Trotzdem werden aber auch Sender mit viel Werbung intensiv geschaut.
Es wäre völlig falsch, aus der Studie eine generelle Aversion gegenüber der TV-Werbung herauszulesen. Unsere Untersuchung zeigt ja gerade auch, dass das Publikum der Fernsehwerbung grundsätzlich entspannter gegenübersteht, als man landläufig glaubt. Mit unserer Studie wollten wir
lediglich herausschälen, wo die Erinnerung an die Werbung besser ist. Und dies ist bei kürzeren Blöcken der Fall.
Interview: Daniel Schifferle