Versicherungen Die Suva will mit dem neuen Schadenmanagement früher bei der Betreuung der Verunfallten ansetzen – und damit Renten sparen. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Unfall ein Invaliditätsfall wird, hat sich in den vergangenen 15 Jahren erhöht. Markant verstärkt hat sich dieser Trend mit der einsetzenden wirtschaftlichen Stagnation nach der Jahrtausendwende. Die teuersten fünf Prozent der Fälle verursachen in der Freizeitunfallversicherung heute fast 75 Prozent aller Kosten. In der Berufsunfallversicherung sind es sogar vier von fünf Fällen. Schwer wiegend sind nicht nur die quantifizierten Kosten. Die Taggeldleistungen durchbrachen 2003 die 1,1 Milliarden-Franken-Grenze, was gegenüber 2000 einer Zunahme von 19 Prozent entspricht – und dies bei ungefähr konstanten Fallzahlen. Weit gravierender seien jedoch die einzelnen Schicksale, erklärt Robert De Laquis, Leiter Marketing bei der Suva. «Wie uns auch die Marktforschung bestätigt, führt selbst ein mittelschwerer Unfall oft in eine Lebensphase bedrückender Isolation. Gerade in unserer Kultur, in der sich die Menschen über ihre Arbeit definieren, ist die Gefahr, ausgegrenzt zu werden und zu entgleisen, besonders gross.»
Schon während eines längeren Spitalaufenthalts, erst recht in der folgenden Rehabilitation verlieren die Patienten oft den Kontakt zu ihren Arbeitskollegen und Vorgesetzten, weil diese sich bald wieder ihrem gewohnten Tagestrott zuwenden, die Personalabteilung für Ersatz sorgt und sich sowieso alles wieder arrangieren wird. «Dabei würden gerade die sozialen Faktoren wie das gute Arbeitsumfeld und das eng geknüpfte, intakte Netzwerk sehr positiv auf eine schnellere Genesung des Patienten wirken», sagt Claude Catsky, der seit über sieben Jahren den Unfallversicherungsbereich der Suva in der kommerziellen Kommunikation betreut. Mit der verschlechterten Konjunktur nahm der Konkurrenzdruck zu, wodurch sich der Spielraum der Arbeitgeber, sich an der Wiedereingliederung des Verunfallten aktiver zu beteiligen, verengt hat. Selbst für leicht Behinderte sind Schonarbeitsplätze längst Mangelware. Zusätzlich verschlechtert hat sich die Lage durch die demografische Strukturveränderung. Die Verunfallten sind im Mittel immer älter geworden und benötigen mehr Zeit für die Genesung.
Verzögerungen mit fatalen Folgen
Angesichts dieser Entwicklung besteht dringender Handlungsbedarf. Bereits vor zwei Jahren hat die Suva unter der Konzeptleitung von Willy Morger mit dem viel versprechenden Fallführungskonzept New Case Management (NCM) reagiert. Dieses will das heutige Schadenmanagement in einem entscheidenden Punkt verbessern: Je früher potenzielle Rentenfälle betreut werden, umso mehr lässt sich bewirken. Verzögerungen haben fatale Folgen, weil Patienten, die lange arbeitsunfähig geschrieben sind, oft definitiv vom Arbeitsplatz ausgeschlossen werden. «Zum anderen machen gerade die monatelangen Abklärungen an sich krank. Dabei sehnen sich die meisten Verunfallten nach ihrem Job», korrigiert Catsky das häufig verzerrte Image solcher Patienten.
Damit leitet er über zu seiner kreativen Umsetzung für den Print-
auftritt, in der auf einem Sujet ein verunfallter Bauarbeiter seine typische Handbewegung auf das Sandwichbauen im Spitalbett überträgt oder ein Automechaniker unter seinem Bett liegt und an der Hydraulik werkelt.
Sarkastischer spitzte Catsky die Lage eines verunfallten Büroangestellten für das emotionale Medium TV zu. Im Spot scheint sein Bürostuhl der einzige zu sein, dem die Lücke im Arbeitsumfeld zu schaffen gibt. Er geht den Kranken deshalb mehrere Hürden überwindend im Spital besuchen.
Dafür, dass der Stuhl nicht zu lange einsam bleibt, sorgen in der Realität die Case Manager der Suva, 65 speziell ausgebildete Fallmanager in 20 Agenturen. Sie betreuen ihre Patienten umfassend, wobei sie besonders auf die psychosozialen Begleitumstände achten. Sie arbeiten im Team mit Kreisarzt und anderen Spezialisten. Um das im Rahmen IV-Revision erfolgreich eingeführte Früherkennungssystem und die ganzheitliche Fallbetreuung den verschiedenen Zielgruppen – unter anderen 100000 Unternehmen mit 1,9 Millionen Versicherten – nachhaltig zu vermitteln, setzt die Suva auf verschiedene Massnahmen. Nebst den Basismedien Inserat und TV-Spot sind Kundenbroschüren, Online-Selbst-Checks für Unternehmen, lokale Reportagen und Porträts, Ausbildungsmodule für Ärzte und Weiteres mehr vorgesehen.
Nur der Stuhl vermisst den verunfallten Mitarbeiter – und entschliesst sich zum Krankenbesuch. Szenenbilder aus dem TV-Spot von Claude Catzky.
Luca Aloisi