Roland Oetterli will als neuer Verlagsleiter den Beobachter wie einen Markenartikel mit Nutzwert verkaufen.
Kunststoff oder Werbung? Das war die Frage, als Roland Oetterli sich für einen kaufmännischen Lehrmeister entscheiden musste. Zur Auswahl in Luzern standen die Viscosuisse und die Publicitas. «Das tönte irgendwie nach Securitas», erinnert sich der neue Verlagsleiter des Beobachters. Als er aber merkte, dass es bei der P um Zeitungen geht, fand der Heranwachsende das «extrem spannend». Immerhin gab es in Luzern damals Tagblatt, Vaterland und Luzerner Neuste Nachrichten.In diesem Umfeld hat Oetterli die Werbung gepackt, und er hat sich nach der Lehre innerhalb der Filiale bis in die Medialeitung für Werbeagenturen und Grosskunden entwickelt. Parallel folgte die Werbeassistentenausbildung, und mit 24 Jahren unterrichtete er bereits am Sawi. «Damals waren meine Schüler älter als ich, heute bin ich älter», schmunzelt er über seine nach wie vor liebste Nebenbeschäftigung: «Als Lehrer ist man gefordert, immer am vordersten Punkt der Entwicklungen zu sein.»
Seine eigene Entwicklung hat den Mediamann später zum Milchverarbeiter Emmi geführt. Vier Jahre hat er dort auf Kundenseite als Werbeleiter Erfahrungen gesammelt und gleichzeitig die Ausbildung zum Werbeleiter abgeschlossen.
Zurückberufen in die Medienwelt wurde er 1990 als Anzeigenleiter der LNN. «Ich war der Nachfolger von Otto Meier, dem heutigen Direktor der P», verrät der jetzige Verlagsleiter leicht stolz. Als nach vier Jahren die Fusion zwischen Vaterland und LNN über die Bühne ging, hat Oetterli «als Verfechter der Eigenregie» als Anzeigenchef zur Berner Zeitung gewechselt. «Da ich eher eine unternehmerische Denke und Haltung habe und ein stolzer ‹Eigenregieler› bin, überzeugt mich dieses Modell, weil damit ein Unternehmen seine wichtigste Einnahmequelle zu einem grossen Teil selber bestimmen und kontrollieren kann.»
Auch beim Beobachter ist es Oetterli nun wichtig, dass er den Markt in diesem Sinn bearbeiten kann. Der Verlagsleiter findet es etwas vom Dankbarsten an seiner neuen Aufgabe, dass er den Anzeigenmarkt und den Lesermarkt gleichzeitig bearbeiten darf. «Ich akzeptiere aber, dass die Publicitas ganz viele gute Sachen macht für den Bereich der Presse und andere Medien.»
Beim Rückblick auf seine Karriere sinniert Roland Oetterli, dass es «ganz sicher auch etwas Interessantes» ergeben hätte, wenn er seinen weiteren Weg in einer Werbeagentur gesucht hätte. «Ich bin ein Fan von Markenartikeln. Das habe ich bei Emmi gelernt. Emmi Jogurt
sind heute noch meine liebsten.» Die Positionierung eines Produkts interessiert ihn sehr: «Das habe ich umfassend gelernt, und das biete ich heute als Verlagsmann an.»
Keine Lust auf StabsarbeitVor seinem Einstieg beim Beobachter war Oetterli kurzzeitig Leiter eines Instituts für Kaderschulung in Bern sowie zuletzt Mediachef, Verlagsleiter und Verantwortlicher für das Gruppenmarketing bei der AZ Medien Gruppe in Baden. Nach sechs Monaten in dieser Funktion musste Oetterli aber feststellen, dass er kein Stabsmitarbeiter ist. «Ich bin kein Stäbler, weil ich eine eigene Verantwortung in der Linie haben will.» Nur planerische Aufgaben erfüllen und dann wieder warten, gefällt ihm nicht. «Sobald ich etwas fertig habe, will ich es umsetzen.» Wenn er die Aufgabe wieder zurück an die Linie delegieren muss, befriedigt ihn das nicht. «Ich bin nicht gern eine Denkfabrik, ohne die Verantwortung übernehmen zu können, dass meine Ideen umgesetzt werden.» Oetterli sieht sich als ein Machertyp. Deshalb hat er sein Arbeitsverhältnis bei der AZ aufgelöst.
Beim Beobachter hat er eine Zeitschrift gefunden, die einzigartig ist – «einen super Markenartikel». Als Knabe habe er mit dem Beobachter gelernt zu lesen. Seine Grosseltern meinten: «Den
Beobachter kannst du nicht anschauen, den musst du lesen.» Inzwischen weiss er, wieso der Beobachter als Medium mehr sein kann als nur Vermittler von Information und Unterhaltung.
«Der Beobachter hat strategisch ein Feld besetzt, wo ihm niemand den Platz streitig machen kann». Der Servicegedanke ist extrem ausgelebt und der Beobachter hat die multimediale Entwicklung auf allen Ebenen mitgemacht. Diesen Nutzen, den der Beobachter zur Verfügung stellt, will Oetterli nun verständlicher und noch effizienter kommunizieren. «Viele Leute wissen noch zu wenig, was alles um den Beobachter herum auch noch genutzt werden kann», weiss er. Zum Titel als Printartikel kommt neben dem Sachbuchverlag mit gegen hundert Titeln auch die Beratung mit 80000 Auskünften pro Jahr über
Telefon und Internet.
Oetterli ist überzeugt, dass er eine sinnvolle Arbeit vollbringt. Sein Medium hat eine hohe Glaubwürdigkeit. Die Mitarbeiter identifizieren sich voll mit dem Produkt und wollen Qualität. Die Leser schätzen den Titel. «Ich bin deshalb stolz, dass ich jetzt all das als verantwortlicher Verlagschef führen darf.»
Seine wichtigsten Herausforderungen beim Beobachter: Den Abonnententeil im Verlauf des Generationswechsels halten und junge Lesersegmente neu ansprechen. Im Anzeigenmarkt will er die Attraktivität des Titels, von der er selber überzeugt ist, auch bei den Kunden überzeugend anbringen. Viele hätten noch das Vorurteil, das Umfeld im Beobachter sei zwar glaubwürdig, aber nicht sexy. «Ich halte da die Kontaktqualität dagegen. Die Zeitschrift wird sehr intensiv genutzt.
Da sollten wir jede Imagekampagne der Schweiz auch in unserem Blatt haben», ist der neue Verlagsleiter überzeugt.
Auch im Auto dauernd auf DrahtRoland Oetterli hat sich in seiner Zeit bei der Berner Zeitung ein Haus in Moosseedorf gekauft und will auch weiter mit seiner Frau und den Kindern aus zwei Ehen dort wohnen. Ihm selber macht das Pendeln nichts aus. Die Zeit im Auto nutzt er für intensives Telefonieren.
Seine Frau hat einen ähnlich orientierten Job als Leiterin des Marketing Service bei der Berner Zeitung und ist diplomierte Mentaltrainerin. In seiner Freizeit schätzt Oetterli deshalb vor allem den anregenden Gedankenaustausch mit seiner Partnerin. Dabei kann auch schon mal über den Traum vom eigenen Bauernhof mit Grossfamilie und vielen Tieren diskutiert werden. «Das ist als Kind mein Wunsch gewesen.»
Dass es nicht so gekommen ist, kann er vor dem Hintergrund der Entwicklung in der Landwirtschaft verkraften. Jetzt erfreut er sich dafür beim Joggen an wilden Hasen und Rehen und findet auch Naturersatz beim abenteuerlichen Bräteln mit seinen Buben im Wald.
Roland Oetterli will das Vorurteil abbauen, der Beobachter sei zwar «glaubwürdig, aber nicht sexy».
Andreas Panzeri