Privat-TV U1 will das von Mediaagenturen beklagte Kommunikationsdefizit beheben und sucht mit einer Sportoffensive eine Nische im Schweizer Markt.Die TV-City im Schlieremer Wagi-Areal fährt auf Sparflamme, soweit es U1 betrifft. Gut fünf Monate nach dem Start sucht man in den ehemaligen Räumen von TV 3 vergeblich nach der Hektik, die man bei einer Fernsehstation erwartet.Zahlreiche Abgänge in den vergangenen Wochen und Monaten haben die Crew nicht nur deutlich schrumpfen lassen. Unter den Abtrünnigen befindet sich die eigentliche bisherige TV-Kompetenz des Senders: Marketing- und Verkaufsleiterin Sandra Tuttlies sowie Chefredaktor Beni Leoni. Als «Auflösungstendenzen» will Geschäftsleiter Thomas Sadecky diese Entwicklungen aber keinesfalls verstanden wissen. «Im Gegenteil, wir bereiten im Moment eine Programmoffensive vor für den Herbst.» Die beiden vakanten Kaderstellen würden bald neu besetzt.
Eines der Hauptprobleme, mit denen U1 kämpft, ist der Überhang deutscher Inhalte. Denn ein grosser Teil des U1-Programms wird mit Sendungen der beiden Partner TV.München und TV.Berlin bestritten. «Wir müssen ganz klar schweizerischer werden», sagt denn auch Sadecky. Eine Offensive in diese Richtung soll im Herbst folgen. Und zwar mit Sportarten, die von den etablierten Sendern nicht oder nur ungenügend abgedeckt sind. Einen Anfang hat U1 diesen Sommer bereits mit der «Beachvolleyball-Tour» und der Übertragung von Spielen des FC Luzern gemacht. Nun soll das Angebot um Motorsport und Eishockey erweitert werden. Einen Knüller erwartet Sadecky auch vom für den Spätherbst geplanten neuen Realityformat, zu dem er aber noch nichts verraten will.
Mediaagenturen ohne Infos
Bei den Mediaagenturen beklagt man sich indessen über eine völlig fehlende Kommunikation von U1. «Wir bekommen keinerlei Informationen und schon gar keine Zuschauerzahlen», so Beat Krebs, TV-Planer bei OMD Schweiz. Dabei hatte U1 beim Start angekündigt, ab Juli einen Fullservice mit Publikumsdaten inklusive Integration in den Mediaoptimizer der Publisuisse anzubieten. Dies soll «ab September» Realität werden. «Wir haben steigende Werte, sind aber noch nicht dort, wo wir sein wollen», so Sadecky. Die Nettoreichweite bewege sich im Moment in der Grössenordnung von 200000 Zuschauern pro Tag. In den ersten beiden Märzwochen lagen sie noch bei knapp 124000.
Auftakt mit einer Nullnummer
Eine erste Informationsoffensive, die diesen Namen auch verdient, plant U1 für die Screen-up vom 7. September. Dort soll immerhin eine Nullnummer der lange angekündigten Gratisprogrammzeitschrift verteilt werden, für die U1 seinerzeit die Metropol-Boxen gekauft hatte. «Wir produzieren ein 32 Seiten umfassendes Heft im Tabloidformat, das in einer Grossauflage an unsere Kunden gelangt», so Sadecky. Ob daraus allerdings jemals die geplante Gratisprogrammzeitung wird, steht in den Sternen. «Ein Entscheid ist dazu noch nicht gefallen», sagt der Senderchef.
Was die Kommunikation mit dem Publikum betrifft, setzt U1 auch weiterhin auf Mundpropaganda und Präsenz an Events, wo jeweils mit Flugblättern für den Sender geworben wird. «Statt in ein grosses Marketingbudget investieren wir lieber ins Programm, so wie wir es jetzt mit den aufwändigen Sportproduktionen tun», meint Sadecky.
Immerhin: Dass bei U1 vieles etwas langsamer geht als angekündigt, hat auch sein Gutes: So gelten für die Spotwerbung weiterhin die Einführungspreise und die Aktion «2 für 1», obschon diese Sonderangebote ursprünglich nur bis Ende Juli terminiert waren.
Drei Köpfe, die U1 erhalten geblieben sind: Businesstalker Medard Meier, Reporterin Rachel Spirig und Newsmann Oliver Al Liebl.
Interaktive FormateU1 zeichnet sich aus durch ein leicht einprägsames Programmraster mit zahlreichen Wiederholungen. Das Grundrezept sind kurze Sendungen von 15 bis 30 Minuten Dauer, die jeweils zur vollen oder halben Stunde beginnen. Neben News-, Talk- und künftig vermehrten Sportsendungen bilden diverse interaktive Formate, bei denen sich die Zuschauer via kostenpflichtige Telefonnummern einklinken können, einen wichtigen Schwerpunkt. Von den im Vorfeld angekündigten entsprechenden Formaten («Astrologos», der «Heisse Draht», «A+O-Dating») ist die «Game Disc Quizshow» bereits an der über den Detailhandel geplanten Distribution des notwendigen Basis-Tools gescheitert.
Zu viel DeutschesDer Deutschschweizer Sender U1 ist Teil eines Senderkonglomerats, zu dem auch die Agglo-Sender TV.München und TV.Berlin gehören. Mit diesen tauscht der Sender nicht nur Personal aus, sondern auch Programme, was bisher zu einem Überhang an deutschen Inhalten bei U1 geführt hat.
In der Schweiz hat sich der Sender Intro-TV ins Boot geholt, dessen Team nun vorab für die Sportproduktionen zum Einsatz kommt. Der Solothurner Lokalsender übernimmt seit Juni das Programm von U1 im Rahmen einer provisorischen Konzession. Der definitive Entscheid des Bakom zu der von U1 angestrebten Übernahme der Aktienmehrheit an Intro-TV wird für September erwartet. (dse)
Daniel Schifferle