Verlage Tamedia geht an der Pfnüselküste mit seinem Flaggschiff auf Kollisionskurs zur Zürichsee-Zeitung.Nach den Experimenten mit Lokalzeitungen Ende der 90er-Jahre gerät die Zeitungslandschaft am linken Zürichseeufer erneut in Aufruhr. Vergangene Woche hat die Herausgeberin des Tages-Anzeigers angekündigt, sie werde im Bezirk Horgen – also mitten im Stammgebiet der dominierenden Zürichsee-Zeitung – ab kommendem März eine eigene Lokalredaktion betreiben und einen separaten Regionalteil für das Gebiet von Kilchberg bis Richterswil sowie für das Sihltal produzieren.Umfang und Art des Tagi-Splits sind noch offen. Die Rede ist von täglich sechs Seiten mit journalistischen Beiträgen, regional akquirierten Inseraten und amtlichen Publikationen, die entweder als zusätzlicher Zeitungsbund oder als Tabloid-Beilage erscheinen. «Wir wollen lokal in die Tiefe gehen», sagt Daniela Decurtins, die als stellvertretende Chefredaktorin des Tages-Anzeigers später auch für die Regionalisierung in anderen Gebieten die Verantwortung trägt.
Lokales tut beim Tagi tatsächlich Not, weil das Blatt derzeit nur wachsen kann, indem es sich in den Agglomerationen von «Downtown Switzerland» stärker verankert. Denn nach dem Scheitern der nationalen Wachstumsstrategie mit der nie erreichten Zielauflage von 300000 Exemplaren misslang auch Tamedias Versuch, die vier Zürcher Landzeitungen Unterländer, Oberländer, Zürichsee-Zeitung und Landbote auf die eine oder andere Weise einzubinden.
NZZ-Schulter gestärktDas Vorhaben ist ein Direktangriff auf die Zürichsee-Zeitung und der erklärte Versuch, die geneigte Leserschaft im Bezirk Horgen mittel- bis langfristig auf den Tagi zu trimmen. Tamedia hat dabei gute Karten: «Wir haben im Bezirk Horgen heute bereits mehr als 32000 Leserinnen und Leser», so Decurtins. Reüssieren könnte der Eindringling zunächst bei den so genannten Doppellesern, welche die Zürichsee-Zeitung wegen der lokalen Berichterstattung lesen, den Tages-Anzeiger aber für alles Übrige heranziehen.
Im Stammhaus der Zürichsee-Zeitung in Stäfa nimmt man die Zürcher Offensive ernst. «Bis jetzt waren wir neutral positioniert, doch das ist nun vorbei. Sollte Tamedia wirklich Fuss fassen, werden wir näher zur NZZ rücken und uns sicher nicht an den Tagi anlehnen», erklärt Theodor Gut, Verwaltungsratspräsident der Zürichsee Presse AG, welche die Zürichsee-Zeitung herausgibt. Denn Gut glaubt, dass Tamedia im Gegensatz zur NZZ kein Interesse an starken und eigenständigen Landzeitungen haben kann, die ihr Flaggschiff unmittelbar konkurrenzieren. Den Angriff will Gut mit noch nicht näher definierten Alternativangeboten an Leser und Inserenten kontern und wenn nötig auch die linksufrige Redaktion punktuell verstärken.
Tagi wirbt Journalisten abUnterdessen ist auch das Seilziehen um lokal versierte Journalistinnen und Redaktoren entbrannt. Denn der Neuling in der Region ist auf Schreibende mit einem breiten Beziehungsnetz angewiesen. Abwerbungsversuche bei der Konkurrentin zeigen, dass Tamedia bereit ist, dafür tief in die Tasche zu greifen. So tief, dass die Zürichsee-Zeitung nur auf die Loyalität ihrer Leute hoffen kann. Die neue Redaktion soll ähnlich wie jene der Zürichsee-Zeitung bestückt sein, welche das Bezirksgeschehen mit etwa 900 Stellenprozenten journalistisch bewältigt.
«Uns ist es ernst. Wir haben langfristig und seriös geplant», meint Decurtins dazu. Das Regionalisierungsprojekt soll also nicht wie frühere Expansionsversuche wieder einschlafen. Konkret will man sich zwischen fünf und zehn Jahre geben, um das Publikum des Tagi zu überzeugen und die Zürichsee-Zeitung an die Wand zu spielen.
Der sich abzeichnende Stellungskrieg dürfte damit deutlich länger dauern als jener Ende der 90er-Jahre zwischen Stäfa und dem ehemaligen Baublatt-Verleger Ueli Schück aus Rüschlikon. Nachdem die Zürichsee-Zeitung das linke Seeufer konsolidiert und vier Lokalblätter geschluckt hatte, nutzte Schück geschickt den Unmut des Publikums über den Verlust lokaler Presseidentität. Er lancierte den Aufstand von unten mit vier neuen Lokalzeitungen, die nach anderthalb Jahren jedoch wieder eingestellt wurden. Ein ehemaliger Redaktor meint, mit der Publicitas als Inseratebeschafferin hätte das Experiment möglicherweise bessere Chancen gehabt.
Schwachstelle Thalwil
Doch wo die Zürichsee-Zeitung früher Goliath war, ist sie heute David. Ihr Chefredaktor Benjamin Geiger vertraut dennoch auf die konzeptionellen Vorteile seines Blatts Dieses stelle bewusst in den Mittelpunkt, was der künftige Tages-Anzeiger im Bezirk lediglich als Beilage anbieten könne. Und er zählt auf ein gut vernetztes Redaktionsteam, mit dem er – erste Priorität – weiterarbeiten will.
Auf der strategischen Landkarte der Zürichsee-Zeitung gibt es allerdings einen blinden Fleck. Im Wahlkreis Thalwil hält der gleichnamige Anzeiger etwa 6000 Abonnemente. Jüngst hat die Zürichsee-Zeitung einen Redaktor abgeordnet, der im Hinblick auf eine Übernahme publizistische Vorarbeit leisten soll. Zwar hat Stäfa ein Vorkaufsrecht auf das defizitäre Blatt. Solange sich dessen bejahrter Besitzer aber nicht von seinem Lebenswerk trennen will, kann die Zürichsee-Zeitung die Thalwiler-Abonnemente nicht umwandeln und muss ein Gebiet verteidigen, in dem sie kaum präsent ist. Diese Schwachstelle wird der Tages-Anzeiger gewiss nutzen.
Not als Tugend: Da der Tages-Anzeiger nur noch in der Region wachsen kann, attackiert er die Zürichsee-Zeitung.
Druckausgleich mit der NZZDer NZZ gelang, was der Tages-Anzeiger während langer Zeit
vergeblich versuchte: Durch die verstärkte Kooperation mit der PubliGroupe, die voraussichtlich 22,5 Prozent an der Zürichsee Presse AG (Zürichsee-Zeitung) und 40 Prozent an der Ackeret AG in Bassersdorf (Zürcher Unterländer) in die NZZ-Tochter Neue Presse Holding einbringt und dafür das Inserategeschäft der NZZ übernimmt, rücken die beiden Landzeitungen näher zur NZZ, bleiben dabei unabhängig.
Noch ist der Deal jedoch nicht über die Bühne. Theodor Gut, Verwaltungsratspräsident der Zürichsee Presse AG jedenfalls will von seinem Vorkaufsrecht auf die PubliGroupe-Beteiligung an seinem Unternehmen keinen Gebrauch machen.
Jüngst kursierte das Gerücht, er könnte im letzten Moment dem Druck vom linken Seeufer nachgeben und sie der Tamedia zuspielen.
Sollte der Druck weiter steigen, «werden wir die bestehenden Strukturen stützen», meint Beat Lauber, Leiter Regionalzeitungen bei der NZZ, dazu. (rw)
René Worni