Food Seit die Köchin der Nation Fertiggerichte im Coop verkauft, macht Betty Bossi Schlagzeilen. Das bedeutet Rekordumsätze – und Erklärungsbedarf.Sie hat der Schweiz das Kochen beigebracht. Mit einem ungestützten Bekanntheitsgrad von 80 Prozent ist uns das Kochphantom Betty Bossi ähnlich vertraut wie Wilhelm Tell. Kein Wunder, schliesslich weiss sie ja mit Äpfeln auch viel Besseres anzustellen als er. Und jetzt das: Ein junger Man sitzt auf einer Parkbank und denkt Wichtiges: «Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Gibt es die endliche Unendlichkeit?» Dann sehen wir ein simples Sandwich und ein Fläschchen Orangensaft, und eine Stimme aus dem Off dieses TV-Spots für «Idee Betty Bossi» verspricht: «Endlich besser essen. Freuen Sie sich drauf!»Dass uns arrivierte Köche mit Fertigprodukten beglücken, ist nicht neu. Selbst der legendäre Kochkünstler Paul Bocuse hat seinen Namen für Büchsensuppen hergegeben. Wenn nun Betty Bossi seit zwei Jahren «Frischconvenience» im Coop verkauft, sollte uns dies noch viel weniger erstaunen. Schliesslich wurde sie 1956 nicht als Köchin, sondern als Marketinginstrument geboren.
Der Unilever-Konzern suchte zu jener Zeit neue Wege, um für seine Fette zu werben. Eine gewisse Emmi Creola, damals Werbetexterin bei der Agentur Lintas, entwickelte daraufhin die «Betty Bossi Post». Auf den Vornamen «Betty» kam sie vermutlich, weil es in den USA schon einen ähnlichen, überaus erfolgreichen Haushaltsratgeber namens Betty Crocker gab. Und den Nachnamen «Bossi» wählte sie schlicht, weils in allen Landessprachen gut klingt.
Obwohl ein Kunstgeschöpf mit klarem Auftrag, erlangte Betty Bossi in den folgenden Jahrzehnten eine phänomenale Credibility. Man nahm es ihr nicht einmal übel, wenn sie empfahl, die geheiligte Rösti nicht mit Butter, sondern mit Planta-Margarine zu verfeinern. Die hatte ja auch weniger Kalorien und war erst noch billiger.
Billig sind Freshconvenience-Produkte nicht. Seit der Grossverteiler Coop die Marke Betty Bossi für seine neue Linie von Fertigprodukten adaptiert und mit einer beispiellosen Push- und Pull-Strategie in den Markt gedrückt hat, steht Betty Bossi im Visier von Medien und Konsumentenschützern.
Zweifelhafter Mehrwert?Kritisiert werden beispielsweise hohe Preise und mangelnde Transparenz. «Betty Bossis zweifelhafter Mehrwert», titelte etwa der Tages- Anzeiger. Coop bezeichnet die «Idee Betty Bossi» weniger als Eigen-, sondern als Kompetenzmarke. Und um sich vom negativ besetzten Ausdruck Fertigprodukt abzuheben, wird einfach die englisch-deutsche Wortschöpfung «Frischconvenience» verwendet.
Nun fragen Kritiker, welche spezielle Kompetenz es brauche, um Dill-Kräuter in Säckchen mit dem Betty-Bossi-Schriftzug abzufüllen, und was eine Tomaten-Fertigsuppe, die Coop wiederum extern beim Liechtensteiner Unternehmen Hilcona herstellen lasse, mit Frische zu tun habe. Doch nicht die Kritiker entscheiden, sondern der Markt. Mit einer rasanten Ausweitung der Produktepalette hat Coop im Jahr 2003 den Umsatz des Labels «Idee Betty Bossi» um annähernd 100 Millionen Franken auf 360 Millionen Franken gesteigert. Damit avancierte Coop gemäss Untersuchungen des Instituts IHA-GfK in kurzer Zeit zum Marktleader im Frisch-convenience-Segment. Erst die kommenden Jahre werden zeigen, ob das Coop-Label nach der forcierten Einführungphase im ähnlichen Stil weiter zulegen und sich gegenüber der nachhaltiger gewachsenen Migros-Konkurrenzmarke Anna’s Best als Marktleader behaupten kann.
Beim Betty Bossi Verlag ist man vom Erfolg des neuen Partners Coop überzeugt. Neue Produkte würden in enger Zusammenarbeit entwickelt, was ein Optimum an Qualität garantiere. Und mit dem Buch «Die blitzschnelle Küche» wollte man zeigen, auf welch einfache Weise sich Fertiggerichte von «Idee Betty Bossi» verfeinern lassen. Zum Beispiel, indem man beim Aufwärmen des Ratatouille etwas Tomatenmark verwendet und frische Pfefferminzblätter dazugibt. Dieses Engagement zahlt sich für den Betty Bossi Verlag offensichtlich aus. Schliesslich bekommt man Lizenzgebühren, nach Schätzungen von Insidern zwischen einem und zwei Prozent des Umsatzes.
Bis 2001 war Betty Bossi ein klassischer Verlag und gehörte zu 100 Prozent dem Ringier-Konzern. Neben der Betty-Bossi-Zeitung (Auflage 922000), den Kochbüchern und Kochkursen betrieb man auch einen einträglichen Shop mit Kochaccessoires. So erwirtschaftete man einen Gesamtumsatz von rund 65 Millionen Franken.
Im Herbst 2001 beteiligte sich Coop zur Hälfte am Unternehmen. Zur gleichen Zeit wurde im Fernsehen die Koch- und Quizsendung «al dente» lanciert, die sowohl die traditionellen Produkte des Betty Bossi Verlages (Rezeptbücher, Accessoires) als auch die klassischen Foodartikel von Coop wirksam ins Bild zu rücken verstand. Diese Aktivitäten standen durchaus noch in der Tradition von Betty Bossi. Der Quantensprung folgte 2002 mit der Convenience-Offensive in den Regalen von Coop.
Völlig neuartige SynergienDie Betty-Bossi-Story ist ganz und gar einzigartig in der Schweizer Markengeschichte. Schon der Aufstieg der real nicht existierenden Kochratgeberin im Dienste des Unilever-Konzerns zur Köchin der Nation war ein kleines Wunder. Dieses erste Kapitel spielte in den Jahren 1956 bis 1995. Dann betraten Ringier und etwas später Coop die Bühne und teilen sich nun den Besitz der Marke.
Das Brisante dabei: Gerade weil die beiden Konzerne in völlig verschiedenen Bereichen tätig sind (die freilich trotzdem in einem komplexen Beziehungsverhältnis zueinander stehen), eröffnen sich völlig neuartige Synergien.
Kritiker melden sich zu WortKein Wunder, beobachten Konsumentenschützer dieses partielle
Joint Venture zwischen einem Medienkonzern und einem Grossverteiler mit Argusaugen und warnen vor dem Entstehen eines schwer durchschaubaren Ernährungsmonopols «à la big brother is feeding you». Bereits wurde denn auch kritisiert, dass sich die Ringier-Presse, allen voran der Blick, bei der Preisdiskussion rund um das «Idee Betty Bossi»-Label ausgesprochen vornehm zurückgehalten habe.
Bis 2001 betrieb Betty Bossi ein klassisches Verlagsmarketing. Im Vordergrund stand Direktmarketing durch Mailings. Nach dem Schulterschluss mit Coop steht nun die Marke plötzlich im Zentrum von klassischen Kampagnen mit TV-Spots und Anzeigen.
«Betty Bossi betrieb in der Vergangenheit eine zurückhaltende Selbstdarstellung. Jetzt sind wir durch die Aktivitäten von Coop in einem Ausmass präsent, dass wir mit dieser neuen Öffentlichkeit anders umgehen müssen», sagt Ruth Bannwart, die beim Betty Bossi Verlag für die Kommunikation verantwortlich ist. Wichtig sei, führt Bannwart die Strategie aus, dass Betty Bossi künftig als die kompetente Marke für verschiedenste Essbedürfnisse steht. Das sei nach wie vor die gehobene Alltagsküche, die am heimischen Herd zubereitet werde, und es sei neu zusätzlich der Bereich der frischen Fertigprodukte. Der gemeinsame Nenner dieser beiden Stossrichtungen soll sich mit einem einzigen Begriff umschreiben lassen: Genuss. Dass sich Betty Bossi innerhalb der eigenen Marke das Wasser abgräbt, wenn diese gleichermassen für Conveniencefood und traditionelles Kochen steht, glaubt Ruth Bannwart nicht. Die nachvollziehbare Begründung: «Das Essverhalten verändert sich laufend. Untersuchungen zeigen, dass während der Woche die Nachfrage nach Fertiggerichten steigt, während an den Wochenenden wie bisher gerne aufwändig gekocht wird.»
So versorgt uns Betty Bossi also im Lauf der Woche von Montag bis Freitagmittag Zeit sparend mit Fertigprodukten wie Sandwiches oder der Thaisoup, die gleich im Verpackungsbecher in die Mikrowelle geschoben werden kann. Am Freitagabend führen wir uns dann die Betty-Bossi-Zeitung zu Gemüte und verbringen das Weekend kulinarisch hoch stehend mit Kastanien-Fenchel-Salat oder Rehschlegel an Rotweinsauce. So kann sich das Ruth Bannwart durchaus vorstellen. Denn schliesslich soll gerade die Kompetenz von Betty im Kochen und Backen wieder erheblich stärker als bisher kommuniziert werden.
Neue alte BettySpätestens im Jahr 2006, wenn sie ihren 50sten Geburtstag feiert, sollen wir die kochende Betty auf neue Weise kennen lernen. Und weil die Köchin der Nation ja schliesslich im real existierenden Leben nicht aus Fleisch und Blut ist, kann sie sich problemlos immer wieder nach Lust und Laune neu definieren. Unseren Eltern empfahl sie einst Währschaftes wie Kalbshaxe Sofie oder Pastete Babuschka. Und was rät sie den Twens von heute? Vielleicht Rotbarbenfilet in Kräuter-Sprossen-Crêpe.
Jahr für Jahr gekocht1956 gab der Astra/Unilever-Konzern bei der Werbeagentur Lintas die
erste «Betty Bossi Post» in Auftrag. Es war ein einzelnes Zeitungsblatt und wurde von der Werbetexterin Emmi Creola-Maag nach dem Vorbild amerikanischer Haushaltsratgeber verfasst. Das Ziel: Die Hausfrauen animieren, mit Ölen und Margarine der Marken Astra und Sais zu kochen.
1966 erschienen bereits acht Ausgaben jährlich, die auch abonniert werden konnten. 1973 kam in Zusammenarbeit mit Hauswirtschaftslehrerinnen das erste Betty-Bossi-Kochbuch in den Handel. 1977 entstand der Verlag Betty Bossi AG als eigenständiges Unternehmen.
Die Abhängigkeit vom Mutterhaus Unilever und deren Produkten wurde so verringert.
1995 wurde Betty Bossi vom Ringier-Konzern übernommen, im Jahr 2001 übernahm Coop die Hälfte der Firmenanteile. Im gleichen Jahr erhielt Betty Bossi mit «al dente» eine eigene Koch- und Quizsendung am Schweizer Fernsehen.
Mit der Lancierung des Fertigprodukte-Labels «Idee Betty Bossi» im Coop vervielfachte sich der Umsatz von anhin rund 65 Millionen Franken (Betty Bossi Verlag) auf weit über 300 Millionen Franken (Betty Bossi Verlag und Idee Betty Bossi bei Coop). (thv)
Versorgt die halbe Schweiz mit Ideen für den heimischen Herd: die Betty-Bossi-Zeitung mit einer Auflage von 922000 Exemplaren.
«Ich werde sein wie ein Strich, wenn du zurückkommst …»: Ein Italiener träumt im Coop-TV-Spot bei einer Betty-Bossi-Pizza von seinerJulietta im fernen Italien.
Klassiker: Die Back- und Kochbücher von Betty Bossi sammeln bereits drei Generationen von Familienköchen.
Anzeigen für «Idee Betty Bossi»: Lockere, doch kompetente Hobbyköche laden zur Nachahmung ein.
Thomas Vaterlaus