Virtuelle Kriegsführung

Oliver Classen über das gespenstische Gezerre um die Zürichsee-Zeitung.

Oliver Classen über das gespenstische Gezerre um die Zürichsee-Zeitung.Der Königsmacher im sich abzeichnenden Zürcher Landzeitungskrieg zwischen Tamedia und NZZ (siehe Seite 17) sitzt nicht in Stäfa, sondern in Lausanne, heisst Hanspeter Rohner und hat Medienjournalisten «derzeit nichts Neues zu sagen». Kein Wunder, schliesslich verkündete der Regent der PubliGroupe sein Verdikt bereits im Juli und versprach damals der NZZ den P-Anteil an der Zürichsee-Zeitung (ZSZ).Die seitdem von einigen Kollegen genährten Spekulationen um ein Liebäugeln des ZSZ-Verlegers Thedi Gut mit den sicherlich verlockenden Tamedia-Offerten entbehren deshalb jeder Grundlage. Drohgebärden hin, Vorkaufsrecht her: Nach seinem Exklusivabkommen mit der Falkenstrasse wird, nein: darf Rohner den Expansionsplänen der Werdsträssler nicht Hand bieten. Damit würde er nämlich seine eigene Strategie durch-kreuzen.
Zudem muss die P ihr Aktienpaket keineswegs zurückverkaufen. Tatsächlich hat Rohner bislang ja noch nicht mal jene 30-tägige Frist eingeläutet, in der Gut überhaupt von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch machen könnte. Auch Tamedias letztverbliebene Zugangsmöglichkeit zur ZSZ ist rein theoretischer Natur: Dass die auf Unabhängigkeit bedachte Verlegerfamilie zwecks Vermeidung der Papierschlacht ums
linke Seeufer eigene Aktien an Kall & Co. überschreibt, liegt jenseits
aller Wahrscheinlichkeit.
Entsprechend sollte sich das professionelle Augenmerk aufs lokale Wettrüsten richten. Zum Beispiel auf die Gerüchte, der Tagi schlage sein Basislager in Wädenswil statt in Horgen auf. Dieser Standort wäre durchaus plausibel, denn so liesse sich nicht nur ein direkter Showdown mit der im Bezirkshauptort domizilierten ZSZ vermeiden, sondern auch ein Gebiet erschliessen, in dem der Tagi weniger stark ist als in Horgen. Zudem ist in der Parlamentsgemeinde Wädenswil politisch wie kulturell einfach mehr los. Und das hat noch keiner Lokalredaktion geschadet – schon gar nicht einer sich erst formierenden.
> Oliver Classen, Redaktor

JobChange

ist neuer Creative Director (CD) und stellvertretender Geschäftsführer der Zürcher Werbeagentur Scotti. Schaub war bis 2001 während zehn Jahren für cR Seiler DDB in Basel tätig, ab 1999 als CD.

ist neuer Creative Director (CD) und stellvertretender Geschäftsführer der Zürcher Werbeagentur Scotti. Schaub war bis 2001 während zehn Jahren für cR Seiler DDB in Basel tätig, ab 1999 als CD.Thomas Schaub Zuletzt betätigte er sich als Freelancer.
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Matthias Felder stösst neu zum Team der Luzerner Werbeagentur Kobalt. Der diplomierte Kommunikationsleiter fungiert ab sofort als Berater und Leiter Strategie/Konzept. Felder war zuvor als Geschäftsführer der Werbeagentur Suxess tätig. Neu bei Kobalt tätig ist auch Nicole Koller. Die angehende Planerin Marketingkommunikation verstärkt und entlastet das Beratungsteam und die Geschäftsleitung bereits seit September.
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Anfang Januar 2005 übernimmt Martin Denecke (Bild) die Verantwortung als Agenturleiter und Creative Director (CD) bei Scholz & Friends Zürich. Zugleich nimmt er Einsitz im Verwaltungsrat der Agentur und löst Diana Strebel ab, die sich beruflich neu orientieren will. Denecke war bis Ende 2000 CEO von Lowe GGK. Danach betätigte er sich als Creative Consultant. Schon Anfang November ist Nicolas Edelmann zu Scholz & Friends gestossen. Der Kundenberater war zuvor ebenfalls bei Lowe tätig.
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Ende Dezember verlässt Thorsten Stecher nach über fünf Jahren die Weltwoche. Er wechselt in die Kulturredaktion des Schweizer Fernsehens, wo er ab 10. Januar für die Sendung «Kulturplatz» zuständig sein wird.
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Der Online-Vermarkter Publicitas Webservices verstärkt Verkauf und Product Management. Marc Lottenbach (Bild) stösst von SevenOne Media zum Team. Er wird sich der Kundenakquisition und -betreuung sowie sämtlichen Bereichen des Online-marketings widmen. Antonio Baglivo übernimmt den Bereich Product Management von Philipp Scheidegger, der seinerseits in die Funktion eines Product & Business Development Manager wechselt.

«Mach was Schönes»

Formgebung Was leistet Design in Zeiten der Reiz-überflutung? Was ist ein Logo noch wert? Andreas Panzeri sprach mit Design-Experte Michael Erlhoff.

Formgebung Was leistet Design in Zeiten der Reiz-überflutung? Was ist ein Logo noch wert? Andreas Panzeri sprach mit Design-Experte Michael Erlhoff.WW Michelangelo war ein grosser Künstler. Er hat aber auch Waffen designt. Vom Designkünstler Philippe Starck haben wir kürzlich eine Bierdose für Kronenbourg vorgestellt. Ist das jetzt, wie wenn ein Literat sich zu einem Werbeclaim hergeben würde?Michael Erlhoff Das Thema ist Design im Alltag. Auf der einen Seite brauchen wir Objektwelten, die auch etwas bewegen und die uns ein bisschen provozieren. Die Intelligenz im Design muss aber auch noch andere Wege gehen. Es gilt zu überlegen: Wie kann ich Prozesse gestalten? Wie kann ich Produktreduktionen entwickeln? Das ist ein innerer Widerspruch innerhalb des Designs. Traditionell hat man vom Designer immer gefordert, er solle mal was Schönes machen. Wir sind aber eigentlich längst im Stadium einer Überproduktion. Wir müssten längst wissen: Wenn da tausend Dinge stehen, dann wende ich mich ab, denn es ist so mühsam, aus den tausend noch einmal etwas auszusuchen.
Das Wort Design ist überall präsent. Bald wird sich wohl auch noch der Buchhalter Finanz-Designer betiteln wollen. Ist der Ausdruck Design nicht langsam überstrapaziert?
Wir müssen davon ausgehen, dass im angelsächsischen Sprachraum immer alles Entwerfen und Konzipieren Design genannt wurde. Forschungsdesign zum Beispiel in der Naturwissenschaft. Das ist ein ganz normaler Ausdruck. Wir sind ein bisschen geschlagen damit, dass wir das, was einmal Formgestaltung war, sehr ungenau formulieren. Ich bin gar nicht so deprimiert darüber. Als Symptom dafür, dass – wie auch immer missverstanden – die Design-Diskussion existiert. Vor zwanzig Jahren war das nicht da, da kannte keiner das Wort Design. Seien wir mal froh, dass es inzwischen bekannt geworden ist. Jetzt müssen wir es als Plattform nehmen und ein vernünftiges Verständnis dafür aufbringen.
Raymond Loewy hat so konkrete Symbole wie die Shell-Muschel oder den doppelten roten Punkt für Lucky Strike designt. Heute scheint alles diffuser. Sind die grossen Formen oder Symbole verbraucht oder gar nicht mehr gefragt?
Das ist richtig. Es sind schon lange nicht mehr so markante Zeichen auf den Markt gekommen. Die Marke zeichnet sich heute eben nicht mehr nur durch ein Symbol aus. Inzwischen ist es möglich, dass aus Marken plötzlich zwei Marken werden, zum Beispiel bei einem Modelabel. Das geht immer weiter. Wir haben ein sehr viel gesicherteres Verhältnis zur Marke, das nicht mehr in einem Symbol darstellbar ist. Es ist alles viel komplexer geworden.
Auf grafisches Design hat das Web in letzter Zeit sehr viel Einfluss gehabt. Wo sehen Sie kommende Tendenzen, zum Beispiel Bilder und Formen aus Japan?
Mit dem Expo-Logo bei der Weltausstellung in Hannover ist deutlich geworden: Wie kriege ich auch flexible Strukturen in eine Form? Solche bewegliche Strukturen haben wir vom Web gelernt. Ich bin nicht mehr so stark darauf fixiert, dass wir ein einziges klares Logo haben. Man arbeitet viel mehr mit Ableitungen, bei denen man dennoch das Gefühl hat, dass es sich um die gleiche Sache handelt. Was kommende Einflüsse aus Japan betreffen, kann man da wenig voraussagen. Ich bin erschüttert über das Niveau des grafischen Designs zum Beispiel japanischer Zeitschriften. Ich würde höchstens sagen, dass von der Welt dieser Manga und anderen merkwürdigen figurativen Auflösungen vielleicht etwas hängen bleibt. Diese Prozesse des Austauschs laufen aber sehr langsam ab.
Starcks lästerhafter AuftrittDesigner Philippe Starck ist in Berlin mit dem Lucky Strike Designer Award 2004 ausgezeichnet worden.
Die Raymond Loewy Foundation International verleiht seit 1991 alljährlich den Lucky Strike Designer Award, mit dem internationale Designer für ihr Lebenswerk geehrt werden. Donna
Karan, Karl Lagerfeld, der Kameramann Michael Ballhaus, der Grafik-Designer Kurt Weidemann oder die Agentur Phoenix Product Design gehören zu den bisherigen Gewinnern.
Am letzten Donnerstag ist in Berlin nun Philippe Starck in die illustre Runde aufgenommen worden. Der Franzose gilt als «Designer der Mitbringsel» mit Alltagsgegenständen wie Zitrus-presse, Wasserkessel, Messer, Fernseher und Stühlen.
In Berlin zeigte sich Starck erwartungsgemäss als Enfant terrible. Vereinbarte Interviews liess er kurzfristig platzen. Dazu lästerte er in seiner Dankesrede mit launigen Worten gegen Design und Schein. Der grösste Designer sei für ihn der Schöpfer der Kalaschnikow. Er schimpfte die Preisstifter heuchlerisch, wenn sie mit Zigaretten eine Krankheit verbreiten und sich dann mit einer Stiftung wieder reinwaschen wollen. Das Preisgeld von 50000 Euro hat Starck aber trotzdem angenommen. «Sorry, it’s not against your father», entschuldigte er sich dann beim vorzeitigen Weghuschen noch bei der Tochter von Raymond Loewy.
Loewy als Namensgeber der Stiftung hatte Design als entscheidenden Marketingfaktor erkannt und neben dem doppelseitigen roten Punkt für Lucky Strike (1941) auch die Shell-Muschel, das Logo von BP oder Autos wie Studebaker entworfen.
Neben den grossen Stars zeichnet die Loewy Foundation in über zehn Ländern auch den gestalterischen Nachwuchs aus. In der Schweiz wird der mit 30000 Franken dotierte Preis am 24. November an der Hochschule für Gestaltung in Zürich vergeben. 95 Absolventen von Design-Schulen haben sich darum beworben.
Design-Ikone für die Küche: Starcks Zitruspresse.
Preisträger und Provokateur: Philippe Starck.
> Michael Erlhoff ist Präsident der Raymond Loewy Foundation, Jury-Mitglied beim Lucky Strike Design Award und Professor für Design-Theorie in Köln.

«Stevie Wonder» gewinnt

Awards Ruf Lanz hat mit «Stevie Wonder» die Jury der London International Advertising Awards überzeugt.

Awards Ruf Lanz hat mit «Stevie Wonder» die Jury der London International Advertising Awards überzeugt.Der TV-Spot fürs Blindenwohnheim Mühlehalde gewann in der Kategorie Behörden/Sozialwesen. «Schön, dass uns Stevie Wonder diese leidenschaftliche Coverversion erlaubt hat», scherzt Creative Director Markus Ruf. «Ich denke, es ist an der Zeit, dass ihm die Bewohnerinnen der Mühlehalde Socken dafür stricken.» Die weiteren Schweizer Finalisten gingen leer aus.

Deal or no deal in Stäfa

Verlage Zwar spricht nun wieder jeder mit jedem. Dennoch: Es sieht nach einem Showdown zwischen Tages-Anzeiger und Zürichsee-Zeitung aus.

Verlage Zwar spricht nun wieder jeder mit jedem. Dennoch: Es sieht nach einem Showdown zwischen Tages-Anzeiger und Zürichsee-Zeitung aus.Der Zürcher Pressedeal schien so gut wie unter Dach und Fach. Doch seit Theodor Gut, VR-Präsident der Zürichsee Medien AG in Stäfa, via HandelsZeitung verlauten liess, er sei nach wie vor mit verschiedenen Interessenten im Gespräch, bekommen Spekulationen über mögliche Alternativszenarien zum angekündigten Verkauf an die NZZ wieder Auftrieb.Aus Guts Perspektive ist Tamedias Expansion ins Stammgebiet der Zürichsee-Zeitung (ZSZ) ein «Flurschaden», ausgelöst durch den Pakt zwischen PubliGroupe und NZZ. Zu vermuten steht, dass dieser Druckaufbau plus die in Stäfa offenbar als ungenügend eingestuften Absichtserklärungen der NZZ, man wolle die Unabhängigkeit der Regionalzeitungen stützen und darin auf nationaler Ebene eine Führungsposition einnehmen, einen Umschwung ausgelöst haben. Gut, der Ende September noch sagte, man wolle näher zur NZZ zu rücken und sich keinesfalls an den Tages-Anzeiger anlehnen, relativiert diese Aussage heute: «Wir haben Kontakte zu Tamedia nie dementiert. Theoretisch ist immer noch alles möglich.» Was diese neue Offenheit der Braut für die beiden drängenden potenziellen Bräutigame bedeutet, wollten weder NZZ noch Tamedia kommentieren.
Kafkaeske WinkelzügeEntscheidend für die je länger, je kafkaesker anmutenden Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande ist Guts Vorkaufsrecht auf die PubliGroupe-Beteiligung von 45 Prozent an der Zürichsee Presse AG. Damit hatten die Lausanner der ZSZ Ende der Neunzigerjahre aus einer Finanzkrise und zu flüssigen Mitteln verholfen. Heute hat das Aktienpaket, wovon der Werbekonzern die Hälfte in die NZZ-Tochter FPH einbringen will, vor allem strategische Bedeutung. Zwar rief Gut die Tagi-Geister nicht selber. Doch er könnte sie besänftigen, indem er sein Vorkaufsrecht ausübt und die Beteiligung an die Werdstrasse weiterverkauft. Bedingung: Tamedia müsste im Gegenzug von der Horgener Offensive absehen und diese stattdessen im Zürcher Stadtgebiet, in Winterthur oder im Limmattal starten.
Ein Zurück scheint aber wenig wahrscheinlich, zumal eine redaktionelle Kooperation zwischen dem Tages-Anzeiger und der auf Eigenständigkeit bedachten ZSZ kaum vorstellbar ist. Zudem will Tamedia im Anzeigengeschäft mit Südostschweiz-Verleger Hanspeter Lebrument zusammenarbeiten. Dieses Signal ist in Stäfa wohl verstanden worden (siehe WW 39/04). Und schliesslich ist fraglich, ob PubliGroupe unter solchen Vorzeichen ihre Anteile an der Zürichsee Presse AG überhaupt an Gut zurückgeben würde.
Sprengstoff fürs NordostkombiWürde die ZSZ mit dem Tages-Anzeiger kooperieren, bräche wohl auch die lockere Allianz zwischen den vier Landzeitungen und den weiteren Nordostkombi-Mitgliedern Schaffhauser Nachrichten und Thurgauer Zeitung auseinander. Irritiert wäre auch die NZZ, die starke und unabhängige Landzeitungen als Bollwerk gegen die expansive Tamedia will. «Was einer von uns macht, hat für alle Konsequenzen», ist sich Theodor Gut der Lage bewusst.
Und diese ist instabiler denn je. Denn einerseits steht ein Aktienpaket von 36 Prozent am Oberländer unverändert zum Verkauf, und andererseits verhandelt der Landbote auf der Suche nach neuen Druckmöglichkeiten neben Stäfa auch mit NZZ und Tamedia. Oberländer, Unterländer und ZSZ drucken gemeinsam im Druckzentrum Oetwil, ein Gemeinschaftswerk, dessen technologische Aufrüstung sich die Beteiligten 30 Millionen Franken kosten liessen. Gerne sähe man dort auch die vierte Landzeitung, den Landboten, als Partner. «Schliesslich ist es die grösste Investition seit 12 Jahren und bewirkt eine weitere Stärkung der Landzeitungen», erklärt ZSZ- Geschäftsleiter Erland Herkenrath. Und unterstreicht zugleich, dass alle Beteiligten langfristig an die Verträge gebunden sind und diese auch erfüllen wollen.
Ohne Einigung zwischen ZSZ und Tages-Anzeiger käme es am linken Seeufer zu einem nervenaufreibenden Showdown zweier Redaktionsteams, die in einem zu kleinen Einzugsgebiet um Primeurs kämpfen. Tamedia wäre dafür finanziell zweifellos besser gerüstet. Kenner der Lage vor Ort beurteilen die Chancen des Tagi als gut, würde doch bereits der Verlust von drei-, viertausend Abonnenten am linken Seeufer die ZSZ empfindlich treffen.
Im Zuge der Verwerfungen in der Zürcher Presselandschaft spricht jeder mit jedem. Zum Kreis der Interessenten gehört auch Hanspeter Lebrument. An Beteiligungen ist der Südostschweiz-Verleger jedoch nicht interessiert: «Wir würden die 22,5 Prozent an der Zürichsee Presse AG nie kaufen, ebenso wenig wie das Aktienpaket des Oberländers», betont er. Kooperationen hingegen schliesst er nicht aus. Erst recht nicht, wenn sich dadurch die Konkurrenzsituation am Obersee mit der ZSZ-eigenen March-Höfe-Zeitung, dem Fridolin und dem Einsiedler Anzeiger entschärfen liesse. Akuten Handlungsbedarf sieht Lebrument keinen. «Ich warte in aller Ruhe ab und ergreife meine Chance, wenn sie sich bietet.»
Chronik eines angekündigten TransfersPubliGroupe und NZZ gaben diesen Sommer Kooperationsabsichten bekannt. Demnach wird die PubliGroupe-Tochter Publicitas ab Januar exklusiv die Inserateseiten der NZZ bewirtschaften und im Gegenzug Beteiligungen je zur Hälfte an der Ackeret AG (Zürcher Unterländer) und an der Zürichsee Presse AG (Zürichsee-Zeitung) in die NZZ-Tochter Freie Presse Holding (FPH) einbringen.
Tamedia schritt Ende September mit der Ankündigung ihrer regionalen Wachstumsstrategie für den Tages-Anzeiger zur Gegenoffensive, nachdem in der Vergangenheit verschiedene Versuche missglückt waren, die Zürcher Landzeitungen (Zürichsee-Zeitung, Unterländer, Oberländer, Landbote) näher an den Tagi zu binden. Eine erste Regionalredaktion für den Bezirk Horgen am linken Seeufer soll ab März täglich eine Beilage im Tabloidformat produzieren. Der redaktionelle Standortentscheid zwischen Wädenswil und Horgen ist dem Vernehmen nach noch nicht gefallen. Weitere Regionen, darunter auch die Stadt Zürich, sollen folgen. (rw)
Wer regiert am Zürichsee? Im Kampf um Marktmacht spielt auch die Südostschweiz mit.
René Worni

Harmonie treibt die Preise

Radio Die Privatradios wollen einen möglichst einheitlichen TKP. Die Folge sind vorerst höhere Tarife.

Radio Die Privatradios wollen einen möglichst einheitlichen TKP. Die Folge sind vorerst höhere Tarife.
Erstmals ist es den Privatradios gelungen, die Tarife der Pools und deren Module gemeinsam und vor allem noch wesentlich vor Ende Kalenderjahr herauszugeben. Diverse einzelne Radios sind hingegen noch nicht so weit.Die relativ frühe und noch dazu gemeinsame Publikation der Pooltarife ist eine Innovation, die nicht zuletzt im Rahmen der im September vorgestellten Vereinigung Radiopower.ch (siehe WW 30/04) angepeilt und nun möglich geworden ist.
Doch damit nicht genug: Im selben Zug bemühten sich die Radios, den Tausendkontaktpreis (TKP) der Pools zu harmonisieren. Als Grund-TKP sollten 50 Rappen (Zielgruppe 15+) angepeilt werden, so die Vorgabe. Eingehalten wurde dies (noch) nicht überall, weshalb der Branchenwunsch primär preistreibende Folgen hat, so etwa beim One Pool, der mit 45 Rappen bisher vergleichsweise günstig war.
Auch bei der Hauptzielgruppe 15/49 wird dadurch der TKP signifikant erhöht, und er klafft – je nach Altersstruktur der Pools – weiterhin deutlich auseinander (siehe Tabelle). Dennoch ist die Harmonisierung zumindest auf der Ebene der ganzen Pools auch in dieser Zielgruppe zu spüren. So beträgt die preisliche Kluft zwischen dem höchsten Sekunden-TKP (Radio Romandie) und dem günstigsten (Pool 2000) neu 10 Rappen, 2004 betrug die grösste Preisdifferenz noch 13 Rappen. Auf der Ebene der Module dagegen kommt es vor allem dort zu beträchtlichen Ausreissern, wo ländliche Radios involviert sind: so etwa bei den Modulen Zentral- oder Südostschweiz des One Pool.
Die Preisveränderungen, die die Pools vornehmen, bewegen sich im Bereich –16,9 und +20,3 Prozent. Grob gesagt spiegeln sie die Reichweitenverluste oder -gewinne wider, wobei genau genommen wegen der Aufstockung des Radiocontrol-Panels Anfang 2004 diesmal keine direk-
ten Reichweiten- oder TKP-Vergleiche vorgenommen werden dürften.
Preissenkungen – sowohl absolut als auch beim TKP – nahm einzig der Pool 2000 vor. Ein Grund: Im neuen Jahr wird Canal 3 nicht mehr mit von der Partie sein (siehe Kasten Seite 15), weshalb die Poolreichweite sinkt. Doch es spielen wohl auch strategische Erwägungen eine Rolle: Der Pool 2000 – kombiniert mit dem neuen Modul Zürich des One Pool – lässt sich jetzt noch besser als Alternative zum City Pool anbieten.
Der Pool Radio Romandie Plus bleibt als einziger Pool auf seinem diesjährigen TKP. Punkto Reichweiten konnte er aber trotz Austritt von Canal 3 leicht zulegen.
Ebenfalls Reichweite zulegen kann der Swiss Radio Pool, dies dank dem Neumitglied Canal 3. Sein Preisaufschlag von 20,3 Prozent ist dennoch nicht ganz nachvollziehbar, beträgt doch der Reichweitengewinn nur etwa 11 Prozent. Kommt dazu, dass sein bisheriger TKP (64 Rappen) zu den tiefsten gehörte, jetzt aber mit 77 Rappen der zweithöchste wird.
Abschliessend noch ein Ausblick auf eine weitere preisliche Innovation dank Radiopower.ch: Vom 4. Juli bis 14. August 2005 werden alle Radios und Pools erstmals einen einheitlichen Sommerrabatt von 20 Prozent gewähren. Bisher fiel dieser unterschiedlich aus.
Die Radiopools verändern sichWeil die Espace Media Groupe hofft, die Konzession von Canal 3 übernehmen zu können, verlässt der Bieler Sender per Ende 2004 den Pool 2000. Der Grund: Im Pool 2000 ist auch BE1, der direkte Gegenspieler des Espace-Media-Senders ExtraBern. Da aber bei Radiopool-Sitzungen oft Internas ausgetauscht werden, käme ExtraBern künftig via Canal 3 zu sensiblen Informationen über BE1. Das will man vermeiden. Ab 2005 findet Canal 3 nun Anschluss beim Swiss Radio Pool, es fliegt demzufolge aber auch beim Radio Romandie Plus raus (der bisher Top Romandie Plus hiess).
Der One Pool mausert sich ebenfalls: Er erhält per 2005 ein neues, kleineres Modul Zürich (nur Top und Energy Zürich), und das bisherige Modul Zürch (Top, Energy, Sunshine, Argovia) wird neu zur Zürich-Plus-Variante. Dies, um den unterschiedlichen Kundenbedürfnissen besser Rechnung tragen zu können. Im Gegensatz dazu wird das bisherige Ostschweiz-Modul (Top, Ri) gestrichen. (mk)
Spezialfall GrischaNoch immer sind die von Radiocontrol (RC) ausgewiesenen Reichweitendaten von Radio Grischa gesperrt. Somit stellt sich die Frage, wie sich beim One Pool ein TKP berechnen lässt. «Für die Preisberechnungen haben wir bei Grischa die durchschnittlichen Reichweiten des ganzen Jahres 2003 als Basis genommen, und zwar Montag bis Freitag, Zielgruppe 15+. Die Werte der anderen One-Pool-Mitglieder entsprechen hingegen den RC-Daten des ersten Semesters 2004», sagt Roland Baumgartner, Geschäftsführer des One Pool.
Beim RC Planungstool hingegen bilden überall die effektiv gemessenen Daten des ersten Halbjahres 2004 die Basis. Technisch ist dies nicht anders möglich. «Wir geben die Daten unter dem Motto ‹besser unstimmige Daten als keine Daten› mit Vorbehalt frei; die Auswertungen können sich nach wie vor ändern, und die heutige Basis der Erhebung ist nicht als definitiv zu betrachten», schreibt dazu Grischa-Geschäftsführerin Claudia Glauser.
Die Sperrung der Grischa-Daten ist seit Frühjahr 2004 in Kraft. Damals war das RC-Panel um zusätzliche Uhren aufgestockt worden. In diesem Zusammenhang kam es bei Grischa zu einem Reichweitenverlust von bis zu 30 Prozent, der bis heute noch nicht abschliessend geklärt werden konnte. (mk)
Radios zeigen Flagge: Mit einheitlichen Tausendkontaktpreisen soll das Gattungsmarketing gestärkt werden.
Markus Knöpfli

Transformer wirbt für Leder Locher

Accessoires Im Rahmen einer Konkurrenzpräsentation hat Transformer das Kommunikationsbudget von Leder Locher gewonnen. Die Zürcher Werbeagentur setzte sich gegen zwei Mitbewerber durch.

Accessoires Im Rahmen einer Konkurrenzpräsentation hat Transformer das Kommunikationsbudget von Leder Locher gewonnen. Die Zürcher Werbeagentur setzte sich gegen zwei Mitbewerber durch.Der neue Auftritt der Lederwaren-Handelskette wird ab Mitte November zu sehen sein. Geplant sind Anzeigen in Modezeitschriften und Illustrierten sowie Massnahmen am Point of Sale.

Kommission will flexibleres Gebührensplitting

Medienpolitik Die ständerätliche Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) schlägt eine Änderung beim Gebührensplitting im neuen Radio- und TV-Gesetz vor.

Medienpolitik Die ständerätliche Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen (KVF) schlägt eine Änderung beim Gebührensplitting im neuen Radio- und TV-Gesetz vor.Die Fassung des Nationalrats sieht vor, je «maximal 4 Prozent» der Empfangsgebühren an private Radios und TV-Sender auszuschütten. Die KVF will dagegen eine Bandbreite von je 2 bis 5 Prozent. Das gebe mehr Flexibilität bei der Zuteilung, heisst es gemäss Communiqué. Ein weiteres Gebührenprozent (rund 10 Millionen Franken pro Jahr) sollen konzessionierte Veranstalter als Beitrag an Investitionskosten in digitale Sendernetze und andere neue Verbreitungstechnologien erhalten.

TA-Regionalbund kommt im Tabloid

Zeitungen Tamedia setzt beim geplanten Split des Tages-Anzeigers (TA) für das linke Zürichseeufer auf Tabloid:

Zeitungen Tamedia setzt beim geplanten Split des Tages-Anzeigers (TA) für das linke Zürichseeufer auf Tabloid:Der Regionalteil wird im Kleinformat erscheinen, wie Konzernsprecherin Franziska Hügli der Aargauer Zeitung bestätigte. Die Leitung des Redaktionsteams übernimmt Daniel Bach, liest man in der TA-internen «Kleinen Hauspost».

Zum Geburtstag ein Gertsch

Agenturen LangGysi Knoll beschenkt seine Kunden mit Kunst.

Agenturen LangGysi Knoll beschenkt seine Kunden mit Kunst.Zum 10-Jahr-Firmenjubiläum liessen sich die Köpfe der Berner Werbeagentur LangGysiKnoll ein Dankeschön mit Wertsteigerungspotenzial einfallen. Auch heuer haben sie alle Mitarbeiter, Kunden, Media- und Produktionsleute sowie Presse und Freunde zum Agenturfest eingeladen, das wie gewohnt ganz im Zeichen der Kunst stand. Dieses Jahr blieb man aber nicht in Bern, sondern rief die grosse Gästeschar ins benachbarte Burgdorf – genauer ins Museum Franz Gertsch. Dort erwartete sie eine interessante Führung durch die aktuelle Ausstellung «Ostwind» – zeitgenössische Künstler aus Fernost – sowie die permanente Sammlung des berühmten Schweizer Fotorealisten.Darauf folgten ein exquisiter Apéro und die launige Rede von Mitinhaber Silvano Spezia. Darin spannte er den Bogen von der Agenturgründung bis zur Gegenwart und sinnierte genüsslich über den resistenten Firmennamen, an dem auch der Abgang zweier Gründungsväter nichts änderte. Man erspare den Kunden die unsäglichen Initialen-bandwürmer, die typisch für die Werbeszene sind, witzelte Spezia und verwies auf die andere Tradition: die LGK-Kunstreihe. Als Dankeschön verschenkt die Agentur jedes Jahr ein Werk eines Schweizer Künstlers. Gekrönt wurde dieser Brauch heuer mit einer Gertsch-Serigrafie, die dank dem Künstler und Stefan Wimmer, Geschäftsführer der Galerie im Park, aufgelegt werden konnte. Nach der Bildenthüllung zog sich die Gesellschaft in den romantischen Kulturraum Alpina zurück, wo sie sich bis in die frühen Morgenstunden der gastronomischen Kunst widmen durfte.
Auge in Auge: LGK-Gäste in der Franz-Gertsch-Ausstellung.
(la)

Rieplsche Spekulanten

Aufgefallen Die Aktienkampagne gegen den Zürcher Oberländer ist keine Provinzposse, sondern ein Zeitzeichen: Das Zeitungsgeschäft wird härter, fintenreicher oder einfach kapitalistischer.

Kolumne Die Aktienkampagne gegen den Zürcher Oberländer ist keine Provinzposse, sondern ein Zeitzeichen: Das Zeitungsgeschäft wird härter, fintenreicher oder einfach kapitalistischer.Anno 1913 schrieb ein gewisser Wolfgang Riepl, später lange Chefredaktor der grössten Nürnberger Zeitung, eine Doktorarbeit über die Geschichte des Nachrichtenwesens vom Altertum bis zu seiner Zeit. Nun sind Dissertationen in aller Regel nach 91 Jahren längst vergessen. Nicht so Riepls. Heute noch zitieren wir das «rieplsche Gesetz», welches im Kern besagt, dass neue Medien alte niemals substituieren.In letzter Zeit kam an dessen Gültigkeit allerdings Zweifel auf: Das Geschäftsmodell, ja die Gattung der Tageszeitung schien vom Internet genauso wie von den Gratiszeitungen bedroht. Eine Entwarnung kann man immer noch nicht geben. Die schwedische Mutter aller Pendlerzeitungen hat sich inzwischen ausgebreitet wie ein Ölfleck: Aktuell druckt Metro etwa 5 Millionen Zeitungen täglich in 38 Ausgaben, 100 Städten und 16 Ländern von New York bis Hongkong, von Prag bis Mailand. Das Unternehmen bezeichnet sich als viertgrössten Zeitungskonzern der Welt, eine Angabe, über die man streiten kann. Unzweifelhaft ist jedoch, dass die Schweden auf dem Weg sind, der McDonald’s der Printmedien zu
werden.
Aus der Schweiz wissen wir zwar, dass diese Entwicklung die etablierten Kaufzeitungen nicht notwendig bedrohen muss. Die Verteilzeitung 20 Minuten hat gemäss Wemf-Studie zwar 782000 Leser. Aber auch der Blick weist – mit 736000 Lesern – trotz dieser Konkurrenz und trotz Preiserhöhung etwas mehr Leser aus. Das Gratisblatt hat also offenbar viele Tausend junge, bisher zeitungsabstinente Leute zum Lesen gebracht. Auch wenn dies letztlich eine Siegesmeldung ist, allzu laut darf man sie nicht ins Land blasen: Denn die Leute wollen den Blick und andere Kaufzeitungen zwar offenbar lesen, aber viele von ihnen wollen nicht mehr dafür bezahlen.
Auch von der Internetfront kommen Nachrichten, die sich optimistisch deuten lassen. Der Verlust von Print- zu Gunsten von Onlineanzeigen ist 2004 deutlich gebremst worden. Die Inserateverluste der Zeitungen pendeln sich derzeit etwa bei minus 65 Prozent im Stellenmarkt und bei minus 45 Prozent im Immobilien- und Kraftfahrzeugmarkt ein. Zugleich hellt sich die Konjunktur auf. Bruce Chizen, Vorstandschef der Software-Schmiede Adobe, sprach kürzlich sogar vom «Ende der Rezession in der Werbebranche». Mag sein, dass Chizen die US-Entwicklung etwas gar schnell auf den Rest der Welt überträgt. In der Tendenz aber hat er Recht. Ist auf den alten Riepl also doch Verlass?
Meine Antwort darauf ist ein dezidiertes Jein. Wie hart und unkalkulierbar das Geschäft heute läuft, kann man am Zürcher Oberländer sehen, einer der verbliebenen Regionalzeitungen. Die nicht gelistete AG, bei der nur vinkulierte Namenaktien Stimmrecht haben, sieht sich einer Kampagne ausgesetzt, in der eine Agentur ihre Aktionäre auskauft. Diese Agentur besitzt unterdessen bereits 35 Prozent der Aktien. Zumal ältere Teilhaber haben dem ein Vielfaches des Kurses bietenden Spekulanten nachgegeben. Und hinter diesem steht weder die NZZ-Gruppe noch Tamedia. Da ist jemand auf eigene Rechnung tätig. Jemand, der viel investiert, weil er offenbar überzeugt ist, dass eine Übernahme des (durchaus solide wirtschaftenden) Oberländers bevorsteht und sich bei dieser Gelegenheit ein saftiger Gewinn machen lässt. Krassester Medienkapitalismus in der Schweizer Provinz: Das zeigt, wie sich die Lage verändert hat.
Fazit: Gute Zeitungshäuser werden sich halten können, jedoch nur durch ständigen Kampf um neue Ideen und neue Geschäftsmodelle. Über Jahrzehnte konnte man sich als Verleger in vielen europäischen Ländern aufs Golfspielen spezialisieren; das Geld floss trotzdem. Diese Zeiten sind unwiderruflich vorbei.
> Peter Glotz ist Professor für Kommunikations- und Medienmanagement an der Universität St. Gallen.

Betty übt Spagat im Kochtopf

Food Seit die Köchin der Nation Fertiggerichte im Coop verkauft, macht Betty Bossi Schlagzeilen. Das bedeutet Rekordumsätze – und Erklärungsbedarf.

Food Seit die Köchin der Nation Fertiggerichte im Coop verkauft, macht Betty Bossi Schlagzeilen. Das bedeutet Rekordumsätze – und Erklärungsbedarf.Sie hat der Schweiz das Kochen beigebracht. Mit einem ungestützten Bekanntheitsgrad von 80 Prozent ist uns das Kochphantom Betty Bossi ähnlich vertraut wie Wilhelm Tell. Kein Wunder, schliesslich weiss sie ja mit Äpfeln auch viel Besseres anzustellen als er. Und jetzt das: Ein junger Man sitzt auf einer Parkbank und denkt Wichtiges: «Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Gibt es die endliche Unendlichkeit?» Dann sehen wir ein simples Sandwich und ein Fläschchen Orangensaft, und eine Stimme aus dem Off dieses TV-Spots für «Idee Betty Bossi» verspricht: «Endlich besser essen. Freuen Sie sich drauf!»Dass uns arrivierte Köche mit Fertigprodukten beglücken, ist nicht neu. Selbst der legendäre Kochkünstler Paul Bocuse hat seinen Namen für Büchsensuppen hergegeben. Wenn nun Betty Bossi seit zwei Jahren «Frischconvenience» im Coop verkauft, sollte uns dies noch viel weniger erstaunen. Schliesslich wurde sie 1956 nicht als Köchin, sondern als Marketinginstrument geboren.
Der Unilever-Konzern suchte zu jener Zeit neue Wege, um für seine Fette zu werben. Eine gewisse Emmi Creola, damals Werbetexterin bei der Agentur Lintas, entwickelte daraufhin die «Betty Bossi Post». Auf den Vornamen «Betty» kam sie vermutlich, weil es in den USA schon einen ähnlichen, überaus erfolgreichen Haushaltsratgeber namens Betty Crocker gab. Und den Nachnamen «Bossi» wählte sie schlicht, weils in allen Landessprachen gut klingt.
Obwohl ein Kunstgeschöpf mit klarem Auftrag, erlangte Betty Bossi in den folgenden Jahrzehnten eine phänomenale Credibility. Man nahm es ihr nicht einmal übel, wenn sie empfahl, die geheiligte Rösti nicht mit Butter, sondern mit Planta-Margarine zu verfeinern. Die hatte ja auch weniger Kalorien und war erst noch billiger.
Billig sind Freshconvenience-Produkte nicht. Seit der Grossverteiler Coop die Marke Betty Bossi für seine neue Linie von Fertigprodukten adaptiert und mit einer beispiellosen Push- und Pull-Strategie in den Markt gedrückt hat, steht Betty Bossi im Visier von Medien und Konsumentenschützern.
Zweifelhafter Mehrwert?Kritisiert werden beispielsweise hohe Preise und mangelnde Transparenz. «Betty Bossis zweifelhafter Mehrwert», titelte etwa der Tages- Anzeiger. Coop bezeichnet die «Idee Betty Bossi» weniger als Eigen-, sondern als Kompetenzmarke. Und um sich vom negativ besetzten Ausdruck Fertigprodukt abzuheben, wird einfach die englisch-deutsche Wortschöpfung «Frischconvenience» verwendet.
Nun fragen Kritiker, welche spezielle Kompetenz es brauche, um Dill-Kräuter in Säckchen mit dem Betty-Bossi-Schriftzug abzufüllen, und was eine Tomaten-Fertigsuppe, die Coop wiederum extern beim Liechtensteiner Unternehmen Hilcona herstellen lasse, mit Frische zu tun habe. Doch nicht die Kritiker entscheiden, sondern der Markt. Mit einer rasanten Ausweitung der Produktepalette hat Coop im Jahr 2003 den Umsatz des Labels «Idee Betty Bossi» um annähernd 100 Millionen Franken auf 360 Millionen Franken gesteigert. Damit avancierte Coop gemäss Untersuchungen des Instituts IHA-GfK in kurzer Zeit zum Marktleader im Frisch-convenience-Segment. Erst die kommenden Jahre werden zeigen, ob das Coop-Label nach der forcierten Einführungphase im ähnlichen Stil weiter zulegen und sich gegenüber der nachhaltiger gewachsenen Migros-Konkurrenzmarke Anna’s Best als Marktleader behaupten kann.
Beim Betty Bossi Verlag ist man vom Erfolg des neuen Partners Coop überzeugt. Neue Produkte würden in enger Zusammenarbeit entwickelt, was ein Optimum an Qualität garantiere. Und mit dem Buch «Die blitzschnelle Küche» wollte man zeigen, auf welch einfache Weise sich Fertiggerichte von «Idee Betty Bossi» verfeinern lassen. Zum Beispiel, indem man beim Aufwärmen des Ratatouille etwas Tomatenmark verwendet und frische Pfefferminzblätter dazugibt. Dieses Engagement zahlt sich für den Betty Bossi Verlag offensichtlich aus. Schliesslich bekommt man Lizenzgebühren, nach Schätzungen von Insidern zwischen einem und zwei Prozent des Umsatzes.
Bis 2001 war Betty Bossi ein klassischer Verlag und gehörte zu 100 Prozent dem Ringier-Konzern. Neben der Betty-Bossi-Zeitung (Auflage 922000), den Kochbüchern und Kochkursen betrieb man auch einen einträglichen Shop mit Kochaccessoires. So erwirtschaftete man einen Gesamtumsatz von rund 65 Millionen Franken.
Im Herbst 2001 beteiligte sich Coop zur Hälfte am Unternehmen. Zur gleichen Zeit wurde im Fernsehen die Koch- und Quizsendung «al dente» lanciert, die sowohl die traditionellen Produkte des Betty Bossi Verlages (Rezeptbücher, Accessoires) als auch die klassischen Foodartikel von Coop wirksam ins Bild zu rücken verstand. Diese Aktivitäten standen durchaus noch in der Tradition von Betty Bossi. Der Quantensprung folgte 2002 mit der Convenience-Offensive in den Regalen von Coop.
Völlig neuartige SynergienDie Betty-Bossi-Story ist ganz und gar einzigartig in der Schweizer Markengeschichte. Schon der Aufstieg der real nicht existierenden Kochratgeberin im Dienste des Unilever-Konzerns zur Köchin der Nation war ein kleines Wunder. Dieses erste Kapitel spielte in den Jahren 1956 bis 1995. Dann betraten Ringier und etwas später Coop die Bühne und teilen sich nun den Besitz der Marke.
Das Brisante dabei: Gerade weil die beiden Konzerne in völlig verschiedenen Bereichen tätig sind (die freilich trotzdem in einem komplexen Beziehungsverhältnis zueinander stehen), eröffnen sich völlig neuartige Synergien.
Kritiker melden sich zu WortKein Wunder, beobachten Konsumentenschützer dieses partielle
Joint Venture zwischen einem Medienkonzern und einem Grossverteiler mit Argusaugen und warnen vor dem Entstehen eines schwer durchschaubaren Ernährungsmonopols «à la big brother is feeding you». Bereits wurde denn auch kritisiert, dass sich die Ringier-Presse, allen voran der Blick, bei der Preisdiskussion rund um das «Idee Betty Bossi»-Label ausgesprochen vornehm zurückgehalten habe.
Bis 2001 betrieb Betty Bossi ein klassisches Verlagsmarketing. Im Vordergrund stand Direktmarketing durch Mailings. Nach dem Schulterschluss mit Coop steht nun die Marke plötzlich im Zentrum von klassischen Kampagnen mit TV-Spots und Anzeigen.
«Betty Bossi betrieb in der Vergangenheit eine zurückhaltende Selbstdarstellung. Jetzt sind wir durch die Aktivitäten von Coop in einem Ausmass präsent, dass wir mit dieser neuen Öffentlichkeit anders umgehen müssen», sagt Ruth Bannwart, die beim Betty Bossi Verlag für die Kommunikation verantwortlich ist. Wichtig sei, führt Bannwart die Strategie aus, dass Betty Bossi künftig als die kompetente Marke für verschiedenste Essbedürfnisse steht. Das sei nach wie vor die gehobene Alltagsküche, die am heimischen Herd zubereitet werde, und es sei neu zusätzlich der Bereich der frischen Fertigprodukte. Der gemeinsame Nenner dieser beiden Stossrichtungen soll sich mit einem einzigen Begriff umschreiben lassen: Genuss. Dass sich Betty Bossi innerhalb der eigenen Marke das Wasser abgräbt, wenn diese gleichermassen für Conveniencefood und traditionelles Kochen steht, glaubt Ruth Bannwart nicht. Die nachvollziehbare Begründung: «Das Essverhalten verändert sich laufend. Untersuchungen zeigen, dass während der Woche die Nachfrage nach Fertiggerichten steigt, während an den Wochenenden wie bisher gerne aufwändig gekocht wird.»
So versorgt uns Betty Bossi also im Lauf der Woche von Montag bis Freitagmittag Zeit sparend mit Fertigprodukten wie Sandwiches oder der Thaisoup, die gleich im Verpackungsbecher in die Mikrowelle geschoben werden kann. Am Freitagabend führen wir uns dann die Betty-Bossi-Zeitung zu Gemüte und verbringen das Weekend kulinarisch hoch stehend mit Kastanien-Fenchel-Salat oder Rehschlegel an Rotweinsauce. So kann sich das Ruth Bannwart durchaus vorstellen. Denn schliesslich soll gerade die Kompetenz von Betty im Kochen und Backen wieder erheblich stärker als bisher kommuniziert werden.
Neue alte BettySpätestens im Jahr 2006, wenn sie ihren 50sten Geburtstag feiert, sollen wir die kochende Betty auf neue Weise kennen lernen. Und weil die Köchin der Nation ja schliesslich im real existierenden Leben nicht aus Fleisch und Blut ist, kann sie sich problemlos immer wieder nach Lust und Laune neu definieren. Unseren Eltern empfahl sie einst Währschaftes wie Kalbshaxe Sofie oder Pastete Babuschka. Und was rät sie den Twens von heute? Vielleicht Rotbarbenfilet in Kräuter-Sprossen-Crêpe.
Jahr für Jahr gekocht1956 gab der Astra/Unilever-Konzern bei der Werbeagentur Lintas die
erste «Betty Bossi Post» in Auftrag. Es war ein einzelnes Zeitungsblatt und wurde von der Werbetexterin Emmi Creola-Maag nach dem Vorbild amerikanischer Haushaltsratgeber verfasst. Das Ziel: Die Hausfrauen animieren, mit Ölen und Margarine der Marken Astra und Sais zu kochen.
1966 erschienen bereits acht Ausgaben jährlich, die auch abonniert werden konnten. 1973 kam in Zusammenarbeit mit Hauswirtschaftslehrerinnen das erste Betty-Bossi-Kochbuch in den Handel. 1977 entstand der Verlag Betty Bossi AG als eigenständiges Unternehmen.
Die Abhängigkeit vom Mutterhaus Unilever und deren Produkten wurde so verringert.
1995 wurde Betty Bossi vom Ringier-Konzern übernommen, im Jahr 2001 übernahm Coop die Hälfte der Firmenanteile. Im gleichen Jahr erhielt Betty Bossi mit «al dente» eine eigene Koch- und Quizsendung am Schweizer Fernsehen.
Mit der Lancierung des Fertigprodukte-Labels «Idee Betty Bossi» im Coop vervielfachte sich der Umsatz von anhin rund 65 Millionen Franken (Betty Bossi Verlag) auf weit über 300 Millionen Franken (Betty Bossi Verlag und Idee Betty Bossi bei Coop). (thv)
Versorgt die halbe Schweiz mit Ideen für den heimischen Herd: die Betty-Bossi-Zeitung mit einer Auflage von 922000 Exemplaren.
«Ich werde sein wie ein Strich, wenn du zurückkommst …»: Ein Italiener träumt im Coop-TV-Spot bei einer Betty-Bossi-Pizza von seinerJulietta im fernen Italien.
Klassiker: Die Back- und Kochbücher von Betty Bossi sammeln bereits drei Generationen von Familienköchen.
Anzeigen für «Idee Betty Bossi»: Lockere, doch kompetente Hobbyköche laden zur Nachahmung ein.
Thomas Vaterlaus
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