Fernsehen In den USA treiben «Programming» und «Advertainment» skurrile TV-Blüten. Und die effizientesten Spots schaltet man auf Tivo.Es war ein unvergesslicher Fernsehmoment: Eine Woche lang machte die Familie Vardon aus Detroit auf Kosten des TV-Networks ABC Ferien, und als sie nach Hause kamen, war ihr bescheidenes Heim komplett neu renoviert – mit freundlichen Grüssen vom Sponsor der Serie «Extreme Makeover: Home Edition», der Bauwarenkette Sears.Der Deal zwischen Sears und ABC stellt die Bedürfnisse aller Beteiligten zufrieden, nicht nur jene der überrumpelten Vardons. So gab Sears in nur einem Monat über drei Millionen Dollar für zusätzliche Werbeclips auf ABC aus. Eine daraufhin durchgeführte Umfrage ergab, dass die Neigung der Zuschauer, nun auch bei dem Do-it-yourself-Multi einzukaufen, um ein Viertel angestiegen war.
Die Grenze zwischen Unterhaltung und Werbung verschwimmt denn auch nicht nur zusehends, meint Miriam Smith, die an der University of San Francisco Kommunikationswissenschaften lehrt: «Sie ist schlichtweg verschwunden.» Andere TV-Formate, die rund um einen Markenartikler und dessen Produkte gebaut sind, liefen vergangenen Sommer auch auf NBC. Dort also, wo in Donald Trumps Reality-Show «The Apprentice» bereits Spielzeug und Zahnpasta ganz selbstverständlich in den Plot integriert wurden.
TV-Clips als Web-Teaser In der fragmentierten amerikanischen Fernsehwelt, in der die Werber von einem Massenpublikum noch weniger zu träumen wagen als in Europa, sind innovative Werbeformen gefragter denn je. Neben der «Product Integration» erlebt in den USA deshalb auch das «Advertainment» einen veritablen Boom. Neben Big Spendern wie Procter & Gamble, Coca-Cola oder General Motors gilt American Express als einer jener Auftraggeber, der die Verschmelzung von Entertainment und Advertising am aggressivsten und professionellsten betreibt.
Dem Kreditkartenunternehmen gelang es heuer gar, Jerry Seinfeld
für einen seiner «Advertainment»-Clips zu gewinnen. Darin stritt sich der zurzeit wohl populärste amerikanische Komiker mit Superman he-
rum. Am unteren Rand des TV-Bildschirms erschien dazu eine Zeile mit der entsprechenden Internetadresse. Millionen von Zuschauern wurden so auf die Homepage von American Express gelockt, wo mehrere vierminütige «Webisodes», produziert von Hollywood-Regisseur Barry
Levinson, gezeigt wurden.
Um die Filme zu sehen, musste man sich erst anmelden und wurde dabei über neue Angebote informiert. «Die Kampagne war ursprüng-
lich nur fürs Internet gedacht», sagt Marc Goldstein, CEO der federführenden Agentur Mindshare in New York. «Aber die Leute waren so begeistert von Jerry, dass wir anfingen, mit NBC und Turner Broad-
casting zu verhandeln, wo sie dann auch in der Primetime liefen.» American Express sponsert zudem die NBC-Reality-Reihe «The Restaurant», wo die Karte prominent als Zahlungsmittel auftaucht.
Jeder 20. Haushalt mit DVR
Es ist aber nicht nur Kreativitätslust, welche die US-Werbeindustrie nach neuen Wegen zum Publikum suchen lässt. Die Branche steht unter enormem Druck: Digitale Videorekorder (DVR), auch Festplattenrekorder genannt, sind auf dem Vormarsch und ermöglichen den genervten Zuschauern unter anderem, Werbeblöcke per Knopfdruck einfach zu überspringen.
Laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Forrester tun dies 92 Prozent aller DVR-Nutzer. «Wer als Werbetreibender heutzu-
tage noch denkt, es reiche, weiter bloss 30-Sekunden-Spots zu schalten, macht sich was vor», urteilt denn auch Tim Hanlon, DVR-Berater bei der Consultingfirma Starcom in Chicago.
Obschon sich der Festplattenrekorder weniger schnell verbreitet als zunächst angenommen, scheint es dennoch nur eine Frage der Zeit, wann die Antiwerbewunderwaffe zur Normalausrüstung wird. Aktuell verfügen rund sechs der total etwa 100 Millionen US-Fernsehhaushalte über ein solches digitales Aufnahmegerät. Zwei Millionen davon haben einen «Tivo», jenen Markenapparat also, der als Vorreiter gilt. Laut optimistischen Schätzungen von Forrester Research sollen es in fünf Jahren knapp 50 Millionen sein.
Paradoxe GeschäftsideeIn einem Bereich gilt Tivo als besonders innovativ: der Promotion und Produktion von Alternativen zum 30-Sekunden-Spot. Das unterdessen börsenkotierte Unternehmen produziert im Vorfeld grosser Ereignisse wie der Oscar-Verleihung oder dem Golf-Masters-Turnier so genannte Showcases. Darin bietet ausgerechnet die Totengräberin klas-
sischer TV-Werbung Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft in Langform – zwischen zehn und 30 Minuten – auf ihrem Rekorder zu platzieren. Das kann zum Beispiel eine Golf-Lektion mit Bernhard Langer, ein Bericht über Kreuzfahrt auf der «Royal Caribbean» oder ein Interview mit Nicole Kidman sein. Der Tivo-Kunde sieht diese und
andere Showcases im Hauptmenü seines Rekorders und kann sie herunterladen, wenn respektive wann er will. Der Clou: Da das Angebot aktiv angefordert wird, gilt die darin integrierte Werbung als besonders effektiv.
In den USA wird die neue Technologie vor allem deshalb allmählich zum Mainstream, weil auch immer mehr Kabelgesellschaften sie in ihren Service integrieren. «Die Kabelanbieter experimentieren mit Festplattenrekordern und Video on Demand, um zu sehen, wie sie von deren neuen Möglichkeiten am meisten und nachhaltigsten profitieren können», sagt Miriam Smith. Dass der Durchschnittszuschauer eines Tages überhaupt keine Werbung mehr sehen muss, halten die Fachleute hingegen für illusorisch. «Unser Leben ist heutzutage so von Marken durchdrungen», urteilt Alex Halavais, Informatikdirektor an der Universität Buffalo, «dass es unrealistisch bis unvorstellbar erscheint, einmal keine Werbung mehr in unserem alltäglichen TV-Menü mitverdauen zu müssen.»
TV-Spots als Kunstform?Glaubt man den Prognosen der Medienforschung, ist die klassische Unterbrecher- und Scharnierwerbung auch im deutschsprachigen Fernsehen bald museumsreif. Laut Professor Mike Friedrichsen von der Uni Flensburg sind herkömmliche TV-Spots «in absehbarer Zukunft» nur mehr künstlerisch statt wie bisher kommerziell interessant. Wegen deren mangelnder Effizienz würde Schleichwerbung von Werbekunden und Sendern «systematisch gesellschaftsfähig» gemacht.
Thomas de Buhr, Verkaufsleiter Specials Ads bei IP Deutschland, hingegen meint, «Sonderwerbe-formen wie Product Placement oder Advertainment werden den klassischen Spot nie ersetzen». Ihr komplementärer Nutzen bestehe vielmehr darin, «Basiskampagnen durch ein, zwei exklusive Platzierungen punktuell zu verstärken». Tatsache sei aber auch, dass das Angebot der Vermarkter an solchen Sonderformaten noch immer «deutlich kleiner ist» als die Nachfrage. (oc)
Tivo gilt als Vorreiter der werbetechnisch (paradoxen) Digital-Videorekorder (DVR).
Gerti Schön