Mediaagenturen Anfang Jahr übernahm die m&m Holding die Gruppe Schreiner & Van Bokkel in Holland (WW 1/05). Die Werbewoche sprach
mit Wolfgang Mecklenburg, Pierre Schreiner und Frans Van Bokkel.
WW: Herr Schreiner, Herr Van Bokkel, warum verkauften Sie Ihre Firma ausgerechnet in die Schweiz – und warum an Herrn Mecklenburg?Pierre Schreiner: Unsere Firma besteht seit 14 Jahren, und wir wurden von Anfang an umworben. Aber wir wollten uns keinem grossen internationalen Netzwerk anschliessen …
Warum nicht?
Schreiner: Wir sind ein Familienbetrieb, bei uns geht es auch familiär zu. Deshalb sagten wir immer: Falls wir verkaufen, dann an eine kleine Gruppe, die der unseren ähnlich ist. Für einen raschen Verkauf gab es keine Notwendigkeit, unsere Gruppe läuft gut.
Wolfgang Mecklenburg: Das ist wichtig: Sowohl in Holland als auch bei uns steht jede Einheit auf einem gesunden Boden. Sie mussten nicht verkaufen.
Schreiner: Sogar unser Name bleibt bestehen, darauf legen wir viel Wert. Denn wir beide sind in der niederländischen Branche von unseren früheren Tätigkeiten her bekannt, was uns auch half, Kunden für unsere Agentur zu finden.
Frans Van Bokkel: Attraktiv war zudem, dass m&m wie wir von Werbeagenturen und Kunden unabhängig ist. Es gibt in Europa nicht viele solche Agenturen. Allerdings haben wir uns auch nicht gross umgeschaut. Wir kamen in Kontakt mit Herrn Mecklenburg – und die Atmosphäre stimmte.
In der Schweiz ist Herr Mecklenburg bekannt als hart verhandelnder
Mediaeinkäufer …
Van Bokkel: Das schätzen wir.
Aber ahnten Sie auch, dass die Verhandlungen mit ihm über ein Jahr dauern könnten?Van Bokkel: Nein, aber das macht nichts. Schwerwiegende Entscheide müssen gut überdacht werden. Wer wie m&m in Europa expandieren will, muss bei möglichen Übernahmekandidaten viele Dinge abklären. Und man muss darüber schlafen. Bei uns war dies nicht anders.
Schreiner: Dazu kommt die Distanz zwischen Holland und der Schweiz und die verschiedenen Sprachen, das braucht alles Zeit. Zudem sind wir zwei auch keine einfachen Verhandlungspartner.
Van Bokkel: Deshalb gefällt es mir, dass Herr Mecklenburg ebenfalls hart verhandelt. Aber wir haben auch viel gelacht.
Mecklenburg: Ich kann sagen, dass ich mich mit ihnen wohl fühle und mich immer freue, sie zu sehen. Das musste aber erst wachsen.
Sie haben also dieselbe Philosophie?Van Bokkel: Ja, aber nicht nur im kommerziellen Bereich. Wie bei m&m sind auch bei Schreiner & Van Bokkel die Entscheidungswege kurz und die einzelnen Mitarbeiter keine Nummern.
Herr Mecklenburg, Sie hatten sich ein früheres Verhandlungsende gewünscht. Haben Sie sich verrechnet?
Mecklenburg: Teilweise schon. Bei den Verträgen musste ja das schweizerische, das niederländische und auch das EU-Recht berücksichtigt werden, das machte alles sehr kompliziert. Dazu kommen die steuerlichen Aspekte. Drittens haben die Gewerkschaften in Holland eine ganz andere Position als bei uns. Wenn man all diese Dinge nicht genau anschaut, kann ein Fehler sehr viel Geld kosten. Dann kommen noch die Verträge mit den Altbesitzern dazu: Wir wollten Herrn Schreiner und Herrn Van Bokkel nicht einfach auszahlen, sondern einbinden. Denn wir übernehmen ja im Wesentlichen ihre Kontakte. Was nützt uns die Übernahme, wenn die Kunden nicht mitgehen? Oder die Mitarbeiter, zu denen die beiden sehr enge persönliche Verhältnisse pflegen. Wenn man all das nicht sorgfältig angeht, besteht die Gefahr, dass sehr gute Mitarbeiter oder Kunden abspringen.
Wird denn ein nahtloser Übergang mit Kunden und Crew gelingen?Van Bokkel: Von den Kunden haben wir bisher nur positive Rückmeldungen erhalten. Sie sind mit der neuen Lösung sehr zufrieden.
Mecklenburg: Auch die holländischen Mitarbeiter sagten mir, sie seien erleichtert. Ich spreche deshalb nicht gerne von einem Kauf. Es ist eher so, dass wir drei zusammen am Ende unseres Berufslebens etwas bereitgestellt haben, das nun eine andere Generation übernehmen kann.
Sie sprechen die Nachfolge an, die Sie im Grunde genommen ja bereits eingefädelt haben.
Mecklenburg: Das ist ein weiterer Glücksfall in dieser Geschichte: Bei Herrn Schreiner und Herrn Van Bokkel ist niemand in der Familie daran interessiert, die Firma weiterzuführen. Die Gruppe hat aber ein hervorragendes Management. Ich hingegen habe eine junge Frau, die sehr gut ausgebildet ist und die Führung übernehmen will. Kommt hinzu, dass die Manager in Holland und meine Frau etwa gleich alt sind, ähnliche Ausbildungen haben und sich gut verstehen.
Bisher ist m&m mit Kunden ins Ausland mitgezogen und dort gewachsen. Anders nun in Holland: Dort sind Sie auf einen Schlag gross im Markt. Ein solcher Strategiebruch birgt doch Gefahren?
Mecklenburg: Ich sehe keinen Bruch, sondern eine Chance. Bei unserer Expansion in den EU-Raum hatten wir nie den Anspruch, in allen Ländern präsent sein zu wollen, deshalb hat uns die Lücke in den Benelux-Staaten auch nicht gestört. Doch dann kam das Zusammentreffen mit Herrn Schreiner und Herrn Van Bokkel – und alles passte ideal zusammen. Bei so einem Glücksfall kann man nicht mehr danach fragen, ob es zur bisherigen Strategie passt oder nicht.
Van Bokkel: Auch wir sehen keinen Bruch, lediglich eine neue Richtung. Wir erleben ja mit unserer Firma etwas Ähnliches: Schon ein Jahr nach der Gründung errichteten wir zwei weitere Agenturen in Holland. Und später noch zwei. Indem wir uns nun bei m&m einbringen, machen wir wieder einen Schritt, diesmal in den internationalen Markt.
Aber es ist bestimmt eine völlig neue Erfahrung, in Holland nicht bei null, sondern gross anzufangen.
Mecklenburg: Ja, wir wechseln quasi von der Regional- in die Bundesliga. Das konfrontiert uns mit völlig neuen Fragestellungen. Wir müssen beispielsweise das internationale Controlling einführen – etwas, das wir in diesem Umfang noch nicht hatten. Die Koordination der Länder wird schwieriger. Die Schweizer Holding bekommt also zusätzliche Aufgaben, die über die Kontrolle des Media-Business hinausgehen.
Eine wichtige Aufgabe wird sein, die beiden unterschiedlichen Firmenkulturen in Holland und der Schweiz zusammenzuführen.
Schreiner: Damit haben wir schon sehr früh angefangen. Das Management aus allen m&m-Ländervertretungen und von Schreiner & Van Bokkel fuhr im Sommer für drei Tage nach Ungarn, mit Partnern und Kindern. Wir waren etwa 30 Personen. Das war sehr vertrauensbildend.
Van Bokkel: Vorher waren wir zwei Familien, nach der Begegnung in Ungarn war es eine Familie.
Mecklenburg: Es waren sämtliche Kinder dabei, vom halbjährigen bis zum Jugendlichen. Das funktionierte ganz natürlich. Und sieht man einander wieder, fragt man nach der Familie, nach den Fortschritten der Kinder in der Schule. Das ist ein anderes Verhältnis als in grossen internationalen Gruppen, wo es anonymer zugeht.
Van Bokkel: Wir waren uns vor der Reise nach Ungarn zwar im Grunde schon handelseinig, dennoch war es wichtig für uns zu sehen, dass die andere Firmenfamilie dieselbe Einstellung hat. Das gab uns die Gewissheit, dass wir zusammen einen guten Match spielen können.
Herr Mecklenburg, Anfang des Jahres 2004 planten Sie noch, mit der belgischen Alcopa-Gruppe nach Belgien zu gehen.
Mecklenburg: Damals konnte ja Alcopa diverse Bereiche von der konkursiten Erb-Gruppe übernehmen – und wir behielten zunächst die Etats. Aus diesem Kontakt erwuchs uns die Möglichkeit, uns in Belgien als Mediaagentur von Alcopa zu bewerben. Doch so weit kam es dann doch nicht. Denn Mitte Jahr erhielt die Emil Frey AG in der Schweiz den Zuschlag für den Suzuki-Import, der vorher bei unserem andern grossen Kunden, Alcopa, war. Weil die beiden Firmen nun unterschiedliche Interessen hatten, standen wir mit einem Mal zwischen den Fronten und mussten uns entscheiden. Wir wählten die Emil Frey AG, denn sie ist ein wichtiger Kunde für uns in Frankreich und Deutschland.
Angenommen, Sie hätten sowohl mit Alcopa nach Belgien gehen als auch Schreiner & Van Bokkel übernehmen können – wären Sie für beides in der Lage gewesen?Mecklenburg: Ja, wir hätten beides parallel an die Hand genommen. Das bleibt auch weiterhin so: Gewinnen wir einen Kunden, der in Belgien tätig ist, würden wir sofort mit unserer «Tochter» in Brüssel einsteigen. So wie wir es jetzt in Osteuropa machen.
Herr Van Bokkel, Herr Schreiner, Sie leiten weiterhin Ihre Agentur in Belgien. Bitte beschreiben Sie diese Firma?
Schreiner: Wir haben vor zehn Jahren in Brüssel eine Einmann-Agentur übernommen mit einem einzigen, sehr grossen Kunden. Weil wir als Schreiner & Van Bokkel nicht so bekannt waren wie in Holland, war es wichtig, ein belgisches Management einzusetzen, um mehr belgische Kunden zu gewinnen. Heute arbeiten wir dort für die Reisegesellschaft Correndon, für die Versicherung Delta LLozd, Fruits of Florida und andere mehr. Die Anbindung an die m&m Holding wird uns zusätzlich helfen. Letztes Jahr erwirtschafteten unsere 14 Mitarbeiter einen Umsatz von 78 Millionen Franken.
Mecklenburg: Man muss wissen, dass der finanzielle Teil der belgischen Agentur noch nicht in die m&m Holding integriert ist, der operative Teil hingegen wird über das Länder-Board eingebunden. Auch den Firmennamen lassen wir bestehen. Aber weil die Agentur noch auf unsicheren Füssen steht, sind wir im Moment vorsichtig.
Bestehen denn Chancen, dass die Firma dereinst integriert werden kann?Alle drei: Ja.
Mecklenburg: Für uns ist es dringlicher, jetzt Ungarn und Tschechien zu gewinnen, als den finanziellen Part von Belgien zu lösen. Belgien gehört faktisch ja heute schon dazu.
Sie gehen bald nach Osteuropa. Welche Strategie wählen Sie dort?
Mecklenburg: Dort gehen wir wieder im bisherigen Stil vor: Es wurden uns von verschiedenen Seiten Etats für osteuropäische Länder angeboten, und wir sagten zu, obwohl wir von diesen Ländern wenig Know-how besitzen. Mitte Februar werden wir entscheiden, mit wem und wie wir den Schritt tun. Ich bin der Meinung, dass man seine Chancen eben flexibel nutzen soll. Aber ich gehe nur so weit, wie ich das Risiko für unsere Gruppe tragen kann. Einen Vorteil haben wir jetzt: Wir sind eine Gruppe, wir können nun Wissen auf verschiedenen Ebenen heranziehen.
Wird denn der Vierer-Verwaltungsrat der m&m Holding die Herren Van Bokkel und Schreiner in solche Entscheide einbeziehen – oder werden sie Zuschauer sein?Mecklenburg: Sie gehören zwar dem VR der m&m Holding nicht an, dennoch würde ich sie als «Teilnehmende» bezeichnen. Denn ich lege Wert darauf, dass sie sich zu unseren Ideen äussern. Ich schätze ihre Erfahrungen und ihr Wissen und setze darauf, dass sie uns unterstützen. Denn auch niederländische Firmen sind an Expansionen nach Ungarn oder Tschechien interessiert.
Es könnte also sein, dass Herr Van Bokkel oder Herr Schreiner mal nach Ungarn reisen, um zum Rechten zu sehen?Mecklenburg: Ja. Die Besitzverhältnisse sind in solchen Fällen zweitrangig. Bis Ende 2004 haben wir verhandelt, jetzt beginnt die Zusammenarbeit. Oder anders gesagt: Jetzt spannen wir alle Pferde zusammen und ziehen los …
Drei Mediaagentur-Alphatiere, die sich am runden Tisch fandenWolfgang Mecklenburg zu Liddow (65) wurde 1970 – nach neunjähriger leitender Tätigkeit sowohl auf Agentur- als auch auf Verlagsseite – zum Leiter Planung und Mediaforschung von Lintas/ Unilever Schweiz berufen. Von 1976 bis 1982 zog er als Mitglied der Unternehmensleitung der Jean Frey AG deren Anzeigenmarketing auf. 1982 gründete er die m&m Marketingservice AG als Dienstleistungsunternehmen für Medienverlage. Mitte der 80er-Jahre baute er dann m&m zu einer der ersten Media-agenturen der Schweiz um.
Frans Van Bokkel, Media Direktor Lintas Holland, Gründer und Direktor Initiative, Direktor The Media Buying Company, Gründung und Aufbau der Media-agentur-Gruppe Schreiner & Van Bokkel.
Pierre Schreiner, Generaldirektor Admedia-VNU (Vereinigte Niederländische Verleger), Gründer und Generaldirektor The Media Buying Company, Gründung und Aufbau der Mediaagentur-Gruppe Schreiner & Van Bokkel.
Pierre Schreiner: «Wir wollten uns keinem grossen internationalen Netzwerk anschliessen.»
Frans Van Bokkel: «Herr Mecklenburg hat hart verhandelt. Aber wir
haben auch viel gelacht.»
Wolfgang Mecklenburg: «Wir wollten Herrn Schreiner und Herrn Van Bokkel nicht auszahlen, sondern einbinden.»
Frans Van Bokkel, Wolfgang Mecklenburg, Pierre Schreiner, Markus Knöpfli (v. l. n. r.).
Interview: Markus Knöpfli