Medienjournalismus wird unterschätzt, kaum geliebt und zumeist unterdotiert: Gute Gegenrezepte lieferte der European Journalism Observatory (EJO) an seinem Symposium in Lugano.«Bei schrumpfenden Finanzen werden die Medienressorts zuerst wegrationalisiert», beschreibt Hugo Bütler zum Auftakt des zweitägigen Workshops des EJO*an der Universität Lugano das Vorgehen vieler anderer Verlage. Der Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung hingegen hält an seiner wöchentlichen Medienbeilage fest, setzt bei der Vermittlung von Medienthemen aber auch auf die anderen Ressorts. Auch wenn die Leserschaft klein sein möge, sei Medienjournalismus zwingend nötig, um Medien, die die Gesellschaft beobachteten, ihrerseits im Auge zu behalten. Ausserdem, so Bütler, trage die kontinuierliche Medienberichterstattung seines Blattes entscheidend zu dessen Glaubwürdigkeit bei.«Pressefreiheit ist nicht nur eine politische, sondern zunehmend auch eine ökonomische Frage», meint derweil die ehemalige Ombudsfrau der Washington Post, Geneva Overholser. Die heute an der University of Missouri Journalismus lehrende Professorin empfiehlt, auch in Europa Ombudsleute einzuführen, «die weit mehr sind als blosse Leserbriefbeantworter».
Keine romanische Domäne In den USA veröffentlichen sie selbstständig und regelmässig auch Kritik am eigenen Medium – selbst ohne Aufforderung von aussen. Zudem seien ihre redaktionellen «Memos» ein wichtiges Instrument der internen Qualitätskontrolle. Wie das Beispiel der New York Times nach dem Fälschungsskandal um Jayson Blair zeige, würden Ombudsstellen aber auch jenseits des Atlantiks oft erst dann eingerichtet und ernst genommen, wenn etwas gründlich schief gelaufen ist.
Dennoch herrscht im US-Medienjournalismus eine offenere Kritikkultur. Konstruktive Klagen gegenüber dem eigenen Haus – etwa durch Branchenikonen wie Howard Kurtz von der Washington Post oder David Shaw von der Los Angeles Times – sind dort wenigstens gelegentlich möglich. Schliesslich sei Journalismus eine menschliche Aktivität und jeder mache mal Fehler, so Brent Cunningham, Managing Editor des Columbia Journalism Review.
In den meisten europäischen Ländern stösst der Medienjournalismus auf strukturelle Schwierigkeiten und Vorbehalte: «Dogs don’t eat dog meat», charakterisiert Medienprofessorin Bettina Kohlhaas aus Santiago de Compostela die Hemmungen spanischer Journalisten, Konkurrenten oder gar Kollegen des eigenen Verlagshauses zu kritisieren. Auf der Iberischen Halbinsel sei seriöser Medienjournalismus kaum existent. Die so genannten «Medien»-Seiten enthielten nur einen Mix aus Programm-PR und People-Themen – eine Praxis, die hier zu Lande auch der Blick praktiziert.
Wenig ermutigend auch die Situation in Italien: Luca Veronese, beim Wirtschaftsblatt Il Sole 24 Ore für die Medienseite verantwortlich, stellt fest, dass bei anderen italienischen Zeitungen Medienjournalismus allenfalls im Politikressort stattfindet. Kritischer Journalismus sei in einem Land, dessen Staatschef gleichzeitig Eigentümer des grössten Medienunternehmens sei, ohnehin eine «heikle bis unmögliche Sache».
Ob Medienjournalisten tatsächlich Sanktionen des eigenen Medienhauses befürchten müssen oder sich aus Angst um den Arbeitsplatz vorschnell der Selbstzensur unterwerfen, ist indessen umstritten. «I got away with it», berichtet jedenfalls der Medienkolumnist Bill Hagerty nach einer unzimperlichen Glosse über seinen Arbeitgeber, den britischen Independent.
Verlagerung in Fachmagazine?Auch in Deutschland werden die Refugien der journalistischen Selbstthematisierung eingespart oder sind zumindest unterbesetzt. Michael Hanfeld etwa ist der einzige dafür fest angestellte Redaktor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und für deren tägliche Medienseite verantwortlich. Als problematisch bezeichnet er unter anderem die steigende Einflussnahme der PR-Abteilungen grosser Verlags- und TV-Häuser auf konzerneigene Medienjournalisten.
Positiv kann der deutsche Medienjournalismus eine Zunahme entsprechender (und ansprechender!) Fachzeitschriften verbuchen, darunter Cover, Berliner Journalisten und V.i.S.d.P. Auch in Frankreich gibt es eine spannende Entwicklung: Dort hat Pierre Hessler mit Médias vor kurzem die erste solche Fachzeitschrift überhaupt auf den Markt gebracht.
Profundität und RentabilitätDass die Differenzierung des Angebots ökonomisch Sinn machen kann, beweist Johann Oberauer, Herausgeber der Special-Interest-Blätter Medium Magazin, Wirtschaftsjournalist und Der Österreichische Journalist. Mit Beilagen wie Sportjournalist verdient er auch mit kleinen Zielgruppen gutes Geld. Selbst seine Webpage newsroom.de ist rentabel.
Entscheidend für fundierten, nachhaltigen und geldwerten Medienjournalismus sind nicht zuletzt solide Quellen als Faktenbasis. Solche Daten liefert der Medien Tenor, wie dessen Leiter Roland Schatz zeigte. Das Institut wertet täglich die Inhalte der meinungsführenden Medien in mehreren Ländern aus.
Martin Hitz, der Kopf hinter dem Medienspiegel**, berichtete vom Weblog Boom in diesem Bereich. Viele dieser privaten Internetplattformen, die Medien kritisch beobachten, seien subjektiv gefärbt und kaum investigativ, urteilt Rem Rieder, Senior President des American Journalism Review. Einige könnten hingegen durchaus als innovative Form des Medienjournalismus gelten. Der Blog des Amerikaners Jim Romanesko*** etwa sei so professionell aufgezogen, dass Rieder nach eigenem Bekunden «längst süchtig danach» ist.
* www.ejo.ch
** www.medienspiegel.ch
Selbstspiegelungen sind in Verlagshäusern meist nicht gern gesehen.
*** www.poynter.org/column
Andrea Höhne