Öffentlicher Verkehr Publicis fährt die ZVV-Kampagne mit einem erweiterten Konzeptmodul ins fünfte Jahr.Fragen darf man ja: Wie häufig «Meh Dräck»-Schleuder Chris von Rohr tatsächlich einen ZVV-Bus seinem Jeep vorgezogen hat oder sich der streitbare FDP-Parlamentarier und Verlags-CEO Filippo Leutenegger aufs Tram statt auf seine Vespa geschwungen hat, ist offen. Ebenso selten dürfte man dem rasenden Model Christina Surer in einem ZVV-Fahrzeug begegnen. Das stört weder die Kreativen von Publicis noch den Auftraggeber Zürcher Verkehrsverbund (ZVV). «Wir haben keine Fahrausweiskontrolle vor dem Shooting gemacht», entgegnet ZVV-Werbeleiter Hans Wälty schlagfertig. Zu Recht, denn die Sympathieträger – gut ein Dutzend – sind affin zum öffentlichen Verkehr und geniessen wegen ihrer Offenheit Glaubwürdigkeit. Umstritten sei zwar die Entscheidung gewesen, die «Ich bin auch»-Grundidee fortzusetzen, die das Ticket für alle Verkehrsmittel zum Ausdruck bringt. Am Pitch im vergangenen Jahr habe die Konkurrenz versucht, diesen Ansatz für ausgelaugt hinzustellen. Publicis und CD Jean Etienne Aebi verteidigten sie mit Vehemenz und Erfolg. «Was gibts Schöneres für eine Marke, als dass einer ihrer Werbesprüche in den Volksmund eingeht?», fragt Aebi rhetorisch.
Kampagne weiter dekliniertNatürlich bestanden Bedenken, ob sich der Auftritt nicht verselbstständigt habe und somit austauschbar geworden sei. Genau das Gegenteil treffe zu, ist Aebi überzeugt. «Denken Sie nur an ‹Ich bin doch nicht blöd› oder ‹Geiz ist geil›. In den Köpfen bleibt immer der Urheber des Slogans verankert und wird von allen Trittbrettfahrern evoziert.»
Markenstrategisch sollte deshalb eine weiter deklinierte Kampagne noch mehr Emotionalität vermitteln. Das präsentierte holistische Gesamtkonzept, das mit den von Alberto Venzago schwarz-weiss in Szene gesetzten Promis startet, wartet mit weiteren Modulen auf, etwa einer Publikums- oder Radiokampagne. Nicht das Budget, sondern Publikumsnähe und Abwechslung würden den ZVV zu einem beliebten Teil Zürcher Kultur machen, so wie es der Zürichsee, das Grossmünster oder der Üetliberg sind. Wie berechtigt diese Zielsetzung ist, lässt sich unter anderem am starken Abonnementszuwachs ablesen. Selbst in der rezessiven Wirtschaftsphase der letzten Jahre konnte der ZVV einen deutlichen Absatzanstieg verzeichnen – rund 50000 mehr als vor Kampagnenstart im Juni 2000.
JFK ist nicht nur ein BerlinerDie spielerische Assoziation geht jetzt als Unikatskampagne, bei der jedes Sujet nur einmal geschaltet werden soll, in die neue Runde. Mit selbstironischen und doppeldeutigen Sprüchen auf den angezogenen T-Shirts sagen bekannte Personen, was sie darüber hinaus auch noch sind. In Zusammenarbeit mit den Porträtierten sind zwölf sehr verschiedene Antworten herausgekommen.
Vom «Kurvenstar» (Christina Surer) über den «Casinokapitalisten» (Viktor Giacobbo) bis zum «Frauenversteher» (Kurt Aeschbacher) bekennen sich so Zürcher Aushängeschilder in einem weiteren Sinne zu Zürich und seinem öffentlichen Verkehr mit dem Ticket für alles.
Als ganz anderes Promiformat hat dann auch John F. Kennedy in einem Kinospot ein kleines Comeback – mit seinem Satz vor der Berliner Mauer: «Ich bin auch ein Zürcher.» Insofern ist es nicht allzu tragisch, dass man mit dem Griff nach den Stars wie Tina Turner, die offenbar auch für die ZVV-Kampagne angefragt wurde, nur auf dem Mond gelandet ist.
«Ich bin jetzt auch ein ZVV-Promi» (von links oben im Uhrzeigersinn): Patrick Frey, Jeannette Eggenschwiler, Hannes Britschgi sowie Midi Gottet und Helmi Sigg.
Mit T-Shirt-Testimonials von Prominenten wirbt Publicis für den öffentlichen Verkehr im Millionen-Zürich. >> Seite 7
Luca Aloisi