Anzeigentarife Was hat Tamedia dazu bewogen, den direkt buchenden Agenturen eine «Entschädigung» anzubieten und damit die ganze Branche aufzuscheuchen? Jürg Brauchli, Leiter Zeitungen bei Tamedia, nimmt Stellung.
WW Vor einem Monat sass PubliPresse-Generaldirektor Otto Meier in Ihrem Büro und warnte Sie vergeblich vor Ihrem Direktbuchungsrabatt. Warum dennoch dieser Schnellschuss?Jürg Brauchli Es handelt sich nicht um einen Rabatt, sondern um eine Aufwandentschädigung, deren Ein-führung schon länger in der
Pipeline war. Zudem kam Herr Meier auch wegen des von uns
gekündigten Kommissionsabkommens. Wir unterbreiteten ihm einen neuen Vorschlag und warten seither auf eine Antwort.
Trotzdem hat man den Eindruck, Sie hätten unüberlegt eine Branchenkonfusion angezettelt.
Das sagt die P, sie behauptet ja auch, wir würden das gültige Tarifsystem unterlaufen. Tatsächlich aber war es die P, die in den letzten Jahren immer häufiger Leistungen erbrachte, die früher Sache klassischer Mediaagenturen waren. Die Agenturen, die unter einem grossen Kostendruck stehen, nahmen Dienstleistungen wie Buchungs- oder Fakturakontrollen an, um die eigenen Kosten zu senken. Für die Eigenregieverlage hatte dies zur Folge, dass Auftragsvolumina, die früher direkt mit dem Verlag abgewickelt wurden, immer häufiger über die P kamen. Das ist aber nicht im Interesse eines Eigenregieverlages, weil er der P ja eine Kommission bezahlen muss. Deshalb finden wir es im Sinne ähnlich langer Spiesse und eines freieren Wettbewerbs richtig, dass eine Agentur wählen kann, ob sie die Buchungsarbeit gratis von der P ausführen lassen will oder ob sie den Aufwand auf sich nimmt und dann dafür vom Verlag entschädigt wird.
Welcher Anteil am gesamten Inseratevolumen kommt bei Tamedia über die P?In Franken sind es heute etwa 50 Prozent. Geht man nach Einzelaufträgen, bringt die P deutlich weniger als 50 Prozent. Die Agenturumsätze, die über die P gebucht wurden, sind in den letzten fünf Jahren um rund 15 Prozentpunkte gestiegen.
Warum hat Tamedia gerade jetzt in dieses Wespennest gestochen?Weil wir eben diese Verschiebung von den Agenturen hin zur
P immer stärker spürten. Dazu kommt – das gebe ich zu – die neue Situation im Raum Zürich: Dadurch, dass die P nun stark mit der NZZ liiert ist, wird sie für Tamedia nichts mehr aktiv machen. Die Zeit des neutralen Anzeigenverkaufs ist nun auch in Zürich vorbei.
Ein altes Klischee, das durch blosses Wiederholen nicht wahrer wird.
Sie können es mir glauben oder nicht: Es gibt Aussagen der PubliGroupe in dieser Richtung.
Von Otto Meier?Ich sage mal von der PubliGroupe (lacht). Ich will es nicht personifizieren.
Im letzten Jahr hat also jemand von der P gesagt oder geschrieben, dass sie für euch weniger machen werden als bisher.
Nein, nicht so, es war anlässlich von Regieverhandlungen. Es ist klar, dass die P im Rahmen von Regieverträgen den Markt für diese Titel positiv zu beeinflussen versucht. Aber das ist erst der zweite Grund für unseren Vorstoss – der dritte Punkt: Es gibt immer mehr Agenturen, die nicht nur das Buchen, sondern auch die eigentliche Planung an die P outsourcen, was mir persönlich am meisten Sorgen macht. Denn von diesem Moment an wird es für Eigenregietitel gefährlich, weil die P mit ihren Töchtern versuchen wird, Aufträge dort unterzubringen, wo sie die höchste Kommission hat oder die grössten Verpflichtungen eingegangen ist.
Trotzdem nochmals zurück zur Aussage der PubliGroupe: Wer hat wann was genau gesagt? Den Vorwurf, die P vermittle nicht neutral, hört man immer wieder, aber kaum jemand legt die Karten offen auf den Tisch.
Im Moment möchte ich nicht mehr sagen. Ich wollte vorhin bloss klar machen, dass es solche Aussagen der P gibt. Und auch von Agenturen, die ihre Planung an die P abtreten, möchte ich keine Namen nennen. Aber es ist kein Geheimnis, dass die P die Planung aktiv und gratis anbietet. Ich würde dies auch als Werbeauftraggeber im Auge behalten, denn es kann ja nicht in deren Sinn sein, wenn solche Mechanismen zu spielen anfangen.
Was befürchten Sie für Tamedia, wenn die P beginnt, den Markt für die NZZ-Titel «positiv zu beeinflussen»?Wenn sie ein bestimmtes Werbebudget zu Gunsten eines bestimmten Titels verschiebt, geht das nur zu Ungunsten eines anderen Titels. Wie effektiv sie dies tun kann und ob dies bei uns zu einem Umsatzrückgang führen wird, lasse ich offen. Ich mache mir deswegen keine grossen Sorgen, trotzdem darf uns die Sache nicht kalt lassen.
Das Anliegen für eine Direktbuchungsentschädigung hatten die Agenturen schon vor 20 Jahren. Warum machte Tamedia bisher nichts?
Weil Publimedia den Agenturen noch nicht so viele Gratisleistungen anbot. Das nahm in den letzten Jahren stark zu. Zudem war die P auf dem Platz Zürich bis anhin mehr oder weniger neutral.
Tamedia verzichtete also auf die Entschädigung aus Sorge, bei einem Alleingang würde die P den Markt für die NZZ «positiv beeinflussen».
Nein, weniger deshalb, sondern weil die P einen solchen Vorstoss wohl als unfreundlichen Akt aufgefasst hätte. Heute ist dies insofern anders, als wir im Raum Zürich eh der einzige Verlag sind, der nicht in der Pacht der P ist – mit Ausnahme der Ringier-Titel, die aber nicht allein auf den Raum Zürich fokussiert sind.
Welche Grundkommission erhielt die P nach bisherigem Abkommen bei euren Titeln? >> Seite 16>> Wir geben überall 2 Prozent. Das ist auch in unserem neuen Vorschlag so vorgesehen.
Also 0,5 Prozent mehr als den direkt buchenden Agenturen. Wofür?
Für das Delcredere, das die P übernimmt. Zudem leisten wir eine gewisse Entschädigung an das P-Filialnetz.
Otto Meier sagt, für das Delcredere sei dies zu wenig (WW 5/05).
Das Delcredere bei uns macht für die P nicht mehr als 0,3 Prozent aus – weil die Aufträge gut diversifiziert sind. Vielleicht müsste Otto Meier noch einmal in der Buchhaltung nachschauen. Beim Fall Erb zum Beispiel haben wir das ganze Delcredere selbst getragen, da Erb bei Tamedia ein Direktkunde war.
Was ist denn nun neu an eurem Vorschlag, der bei der P liegt?Neben der Grundkommission gewährten wir der P bisher je Titel auch umsatzabhängige Boni. Das wollen wir nicht mehr, denn wenn sie nichts mehr aktiv für uns macht, wollen wir sie auch nicht für Mehrumsätze belohnen, die sie nicht beeinflusst. Wir schlagen deshalb marktanteilsbezogene Boni vor: Man definiert gemeinsam gewisse Marktteilnehmer, und wenn sich dann der Marktanteil zu unseren Gunsten verändert, ist das einen Bonus wert. Im andern Fall nicht. Das blosse Mitschwingen mit der Werbekonjunktur ist noch keine zusätzliche Anstrengung, dafür hat die P die Kommission.
Was wollen Sie mit dem Direktbuchungsrabatt nun konkret bewirken?In erster Linie wollen wir mit der Aufwandentschädigung erreichen, dass nicht noch mehr Aufträge von den Agenturen zur P abwandern und dass diese nicht noch mehr Aufgaben an die P auslagern, sondern dass sie die Leistung wieder selbst erbringen, weil es für sie lohnt. Das ist für uns ganz klar der wichtigste Punkt. Zudem erhoffen wir uns auch wieder etwas mehr direkt gebuchte Aufträge. Allerdings wird es deswegen kaum grosse Verlagerungen oder gar Mehrumsätze geben.
Wollen Sie mit dem Rabatt auch die Kosten senken? Sie bezahlen ja schliesslich den Agenturen weniger als der P.
Wenn man es ganz ehrlich rechnet, ist es für uns zumindest kurzfristig eine Verteuerung. Denn jenen Agenturen, die schon bisher direkt buchten, müssen wir den Aufwand ja jetzt auch entschädigen. Umgekehrt verlangten wir von keiner Agentur das Versprechen, dass sie ihr Buchungsverhalten ändern wird. Deshalb ist es keine Kostensenkungsmassnahme, sondern eine längerfristige Massnahme für die Marktliberalisierung. Es wäre nicht sinnvoll, wenn am Schluss alles über die P liefe.
Warum versucht Tamedia, die Auftragsabwanderung zur P im Alleingang zu stoppen?Die Eigenregieverlage haben schon oft über mögliche Massnahmen diskutiert, auch innerhalb des Verbandes Schweizer Presse (VSP). Letztlich kann ein Unternehmen aber doch immer nur als Einzelmaske agieren.
Konkret: Haben Sie im letzten halben Jahr mit Ringier oder Jean Frey darüber gesprochen?
Natürlich, aber mehr informativ. Denn sonst entstehen bloss Diskussionen über ein Modell, dabei bleibt es dann, und im Markt passiert doch nichts. Genau das ist der Vorteil der P: Sie operiert als Einzelunternehmen und kann alle vor neue Tatsachen stellen. Aber ich weiss immerhin, dass man sich in anderen Verlagshäusern ähnliche Überlegungen macht wie bei uns. Ob die dann dasselbe machen, weiss ich nicht.
Ich habe mich erkundigt (siehe Kasten oben), es scheint sich aber nichts zu bewegen. Auch der VSP ist zurückhaltend.
Die P ist nun einmal ein wichtiger Marktplayer, sogar für den VSP. Sie ist assoziiertes Mitglied und zudem Sponsor von Veranstaltungen. Dass man es sich mit einem guten Sponsor nicht gerne verscherzt, begreife ich.
Haben tatsächlich 13 von 15 angesprochenen Mediaagenturen die Vereinbarung mit Tamedia unterschrieben?
Es sind 12. Wir hätten die Entschädigung auch ohne Formalismus einführen können. Aber im Sinne der Transparenz wollten wir uns verpflichten. Genauso offen gingen wir auf den SWA zu. Dass SWA-Direktor Jürg Siegrist dann sagte, die Entschädigung sei ein Rabatt und gehöre dem Kunden, kann ich ihm nicht verübeln. Er berücksichtigt allerdings nicht, dass die P ihre Kommission auch nicht den Kunden weitergibt.
Einige Agenturen werfen Tamedia vor, sie habe im vorliegenden Fall blauäugig kommuniziert.
Die eine oder andere Agentur hätte es halt lieber gehabt, wenn wir nichts gesagt hätten. Andere Verlage machen es so, ich weiss. Aber das ist nicht im Sinne der notwendigen Markttransparenz.
Womöglich hat auch Tamedia den Agenturen inoffiziell schon lange eine Direktbuchungsentschädigung gewährt. Neu wäre demnach nur, dass Sie es jetzt offiziell anbieten?
Da muss ich klar widersprechen. Das gab es bei uns nicht.
Otto Meier sagt, die Agenturen würden mit der Vereinbarung ihre bisher neutrale, treuhänderische Haltung aufgeben.
(lacht) An seiner Stelle würde ich das auch sagen. Er befürchtet offenbar, dass die Agenturen nun vermehrt direkt buchen. Aber die Agenturen handeln zuerst im Interesse des Kunden und sind professionell genug, um sich nicht von uns beeinflussen zu lassen.
Publimedia droht, diesen Agenturen weniger Dienstleistungen zu erbringen. Zudem erwägt sie, bei Tamedia das Delcredere zu streichen, oder «Massnahmen» bei den Zahlungsfristen oder im Abwicklungsbereich. Wie reagieren Sie?
Die Drohgebärden gegen die Agenturen finde ich nicht souverän. Damit gibt die P ja zu, dass sie diese beeinflussen und von sich abhängig machen will. Und falls sie das Delcredere ablehnen sollte, müssen wir halt über die Höhe der Kommission sprechen. Diese wollten wir eigentlich nicht antasten. Über die andern Punkte müssen wir zu gegebener Zeit mit Otto Meier sprechen. Aber etwas will ich dennoch betonen: Unser Entschädigungsangebot war keine Kriegserklärung an die P. Wir wollen bloss verhindern, dass am Schluss einer alles allein bucht.
FuW und 20 Minuten mit SonderregelungObwohl die Finanz und Wirtschaft (FuW) und 20 Minuten auch Tamedia-Titel sind, gewähren sie keine Direktbuchungsentschädigung. Jürg Brauchli begründet dies wie folgt: Als die Entschädigung Ende 2004 lanciert wurde, war 20 Minuten noch keine 100-Prozent-Tochter von Tamedia, die Verhandlungen für die komplette Übernahme liefen noch.
Anders bei FuW: Diesen Verlag will man bewusst als eigenständigen Bereich führen. Zudem würden die Vermarktungs- und Buchungsmechanismen bei diesem Titel ganz anders ablaufen als anderswo. «Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass einer dieser Titel – oder auch beide – später einmal ebenfalls die Entschädigung gewähren», sagt Brauchli.
Vorsichtiges Interesse und ZurückhaltungZumindest vorerst findet Tamedia bei andern grossen Eigenregieverlagen keine Nachahmer. «Wir beobachten, was Tamedia tut, und finden deren Impuls interessant. Ein Direktbuchungsrabatt ist derzeit bei uns allerdings kein Thema», sagt Myrta Bugini, Kommunikationsleiterin von Ringier. Ganz ähnlich tönt es an der Förrlibuckstrasse: «Für die Jean Frey AG
ergibt sich durch die Massnahme von Tamedia kein Handlungsbedarf», sagt CEO Filippo Leutenegger.
Und was meint der Verband Schweizer Presse zum Tamedia-Vorstoss und den P-Reaktionen? «Gerade bei solchen potenziellen Konflikten zwischen Mitgliedern müssen wir wohl oder übel Zurückhaltung üben. In diesem Sinn ist es zurzeit kein Thema», sagt Geschäftsführer Daniel Kaczynski. (mk)
Im Clinch mit der P: Jürg Brauchli, Leiter Zeitungen bei Tamedia.
Interview: Markus Knöpfli