Aussenwerbung Jean-François Decaux, Co-CEO von JCDecaux, über seine Strategie, die Partnerschaften mit Wall und Affichage und das deutsche Business.
WW In Deutschland ist JCDecaux der drittgrösste Aussenwerber und zu 35 Prozent an Wall, der Nummer fünf, beteiligt. Wie ergänzen sich die beiden Firmen?Jean-François Decaux Optimal. JCDecaux ist in rund der Hälfte der 15 deutschen Grossstädte mit über 500000 Einwohnern präsent, mit Wall sind wir in fast allen vertreten. Es fehlen noch Frankfurt, Duisburg, Hannover und Essen. In Frankfurt steht aber ein Entscheid bevor: Wall hat für werbefinanzierte Toiletten mitgeboten. Erhält er den Zuschlag, bricht er in den Exklusivvertrag von Ströer/DSM ein (siehe Kasten rechts).
Wie funktioniert die Kooperation mit Wall?
Ich bin im Aufsichtsrat von Wall. Anders als bei Affichage, wo wir ja zu 30 Prozent beteiligt sind, gibt es bei Wall keine Vinkulierungsklausel, unser Stimmrecht entspricht dort also dem Beteiligungsanteil.
Wie war es für Sie möglich, vor einem Jahr dermassen stark bei Wall einzusteigen?
Wir haben schon vor drei Jahren 11 Prozent von Wall gekauft. Danach ging Wall eine strategische Partnerschaft mit Clear Channel (CC) ein, weltweit unser Hauptkonkurrent, doch das ging schief. Danach hat sich Familie Wall für eine strategische Partnerschaft mit uns entschieden. Wir konnten den 20-Prozent-Anteil von CC übernehmen, ebenso 50 Prozent von Wall USA. Konkret geht es dort um die Stadtverträge mit Boston und St. Louis. Seit einem Jahr sind wir nun in Boston für die Vermarktung zuständig und konnten dort den Umsatz um über 75 Prozent steigern. Der Grund: Wir können Boston kombiniert mit anderen US-Städten anbieten, etwa mit Chicago oder San Francisco, was bei den Werbetreibenden gut ankommt.
Besteht die Aussicht auf weitere Anteile von Wall?
Wir haben zwar ein Vorkaufsrecht, aber die Familie Wall möchte die jetzige Aktionärsstruktur beibehalten. Es gibt derzeit also keinen Ansatzpunkt für eine Aufstockung.
Wall erwägt einen IPO. Wie stehen Sie dazu?
Es ist noch völlig offen, ob das Unternehmen das für einen Börsengang nötige Wachstum und die erforderliche Grösse erreichen kann.
Wall glaubt aber, dass er bis 2010 deutscher Marktführer sein wird.
Er will also auch JCDecaux‘ Position angreifen.
Wall wird die Marktführerschaft in Deutschland ohne JCDecaux nie erreichen können. Wir sind jedoch bei Wall mit dem Ziel eingestiegen, mit ihm als einheimischen Partner die Marktführerschaft in Deutschland gemeinsam zu erreichen. Wenn Wall wächst, haben wir kein Problem, wir sind ja mit 35 Prozent dabei. So hat Wall Ende 2004 in Freiburg im Breisgau den ersten grossen Wettbewerb gegen Ströer/DSM gewonnen. Je mehr Städte Wall gewinnt, desto besser ist das auch für uns.
Warum haben Sie sich denn vor
eineinhalb Jahren beim Verkauf der DSM vorzeitig zurückgezogen? Damals bestand die Chance, Marktführerschaft und bundesweit 200000 Aussenwerbestellen auf einen Schlag zu erhalten.
Stimmt, aber wir hatten den Eindruck, dass der DSM-Verkauf zu einem Doppelverkauf der Städte führen könnte: einmal beim Verkauf der damaligen kommunalen Werberechte im DSM-Gesamtpaket. Und dann wieder, wenn die einzelnen Werbeverträge auslaufen und neu ausgeschrieben werden. Letzteres ist schon bald der Fall, denn die Laufzeit der DSM-Konzessionsverträge betrug bloss sechs bis sieben Jahre. Deshalb zogen wir uns zurück, um mit Wall diese Städte organisch zu erobern. Das Geld, das wir damals nicht ausgaben, investieren wir nun in Städte wie Freiburg, die wir nach und nach im Wettbewerb gegen Ströer/DSM gewinnen. Diese Strategie funktioniert.
Sie haben also den Konkurrenten Wall zum Partner gemacht.
Ja, auch in Osteuropa. In der slowenischen Hauptstadt Ljubliana hat Europlakat International (EPI), unser Joint Venture mit Affichage, vor drei Jahren für den Stadtvertrag offeriert – in Konkurrenz zu Wall. EPI gewann, Wall rekurrierte. Es gelang mir dann aber, Wall zum Rückzug des Rekurses zu bewegen. Nun sind wir eine grosse europäische Familie: Wall, Affichage und JCDecaux. Letztes Jahr haben wir dann in Ungarns Hauptstadt Budapest zu dritt für je 250 Citylightvitrinen und Citylight-boards mit Wechsler offeriert – und gemeinsam gewonnen.
War also Walls Einbezug in Budapest eine Gegenleistung für seinen Rekursverzicht in Ljubliana?
Nein, eine solche Absprache gab es nicht. Wir bezogen Wall in Budapest mit ein, weil die Synergieeffekte sehr stark waren.
Möchten Sie Wall früher oder später bei EPI teilhaben lassen?
Budapest war eine einzigartige Situation. Ob sich ein solcher Fall wiederholen wird, weiss ich nicht. Generell aber ist in den EPI-Ländern Affichage unser Partner – und das wird so bleiben.
Auf Wunsch von Affichage zog sich EPI vor zwei Jahren aus Tschechien zurück. Werden Sie Wall dort einbinden?
In Tschechien ist JCDecaux weiterhin mit einer 100-Prozent-Tochter präsent, es gibt keinen Grund, die Gesellschafterstruktur zu ändern.
Oder planen Sie, mit Wall in Länder vorzustossen, die bisher nicht von EPI bearbeitet wurden?
Nein, wir würden in erster Linie mit Affichage reden, denn ich fühle mich im Geist der EPI-Kooperation an Affichage gebunden. Wir diskutieren derzeit zum Beispiel eine EPI-Erweiterung nach Rumänien.
Zurück nach Deutschland: Derzeit steht dort der Verkauf der Deutschen Eisenbahn Reklame GmbH (DERG) bevor. JCDecaux will sich bewerben. Sehen Sie kein wettbewerbsrechtliches Problem angesichts Ihrer Grösse und der Beteiligung bei Wall?
Warum? Zusammen mit Wall kommen wir auf höchstens 18 Prozent Marktanteil. Auch Ströer/ DSM will ja mitbieten, und der kommt auf einen Marktanteil von 50 Prozent. Wenn er kein Problem hat, sehe ich für uns erst recht keines.
Wie stimmten Sie in den Aufsichtsräten von Wall und Affichage, als es um die Frage ging, ob sich die beiden Firmen je um die DERG bewerben sollen?
Solche Entscheide wurden noch nicht gefällt, denn noch liegen die Bewerbungsunterlagen nicht vor. Aber bei Affichage existiert der Grundsatzentscheid, dass der Umsatz im Ausland verdoppelt werden soll. Das impliziert, dass man auch ein DERG-Dossier prüfen wird. Diesen Entscheid habe ich als Hauptaktionär von Affichage mitgetragen. Denn es ist besser, zwei Eisen im Feuer zu haben als nur eines.
Sie haben sogar drei Eisen im DERG-Feuer. Aber sind echte Konkurrenzofferten möglich, wenn Sie bei allen drei Firmen im VR sitzen?
Warum nicht?
Weil Sie überall Einblick haben.
Wir sind bei allen drei Firmen Grossaktionär, überall wird ein Teil unserer Gelder angeboten. Darum bin ich pragmatisch: Ich setze mich für das Angebot ein, das die grössten Zuschlagschancen hat und am meisten Synergieeffekte ergibt.
Sie würden also bei Wall und Affichage nicht in den Ausstand treten, wenn es um die DERG-Offerte geht?
Sie sehen offenbar einen gewissen Konflikt. Ich nicht. Denn ich werde der Firma Wall bestimmt nicht sagen, wie Affichage offeriert – und auch nicht umgekehrt. Nehmen Sie das Beispiel Budapest – dort war es am Anfang genauso wie bei der DERG: Wir überlegten uns, wie wir am besten vorgehen sollten und entschieden dann, zu dritt gemeinsam anzubieten. Es ist deshalb möglich, weil wir bei der DERG ebenfalls mit einem Partner offerieren werden.
Nun will Affichage aber auf jeden Fall allein offerieren und allenfalls erst nach erfolgtem Zuschlag einen Partner suchen.
Offen gestanden glaube ich nicht, dass Affichage die DERG allein kaufen kann. Nicht etwa, weil ich die Fähigkeit der Affichage in Frage stelle, sondern weil JCDecaux in Deutschland meist nur dann einen Vertrag gewinnen konnte, wenn wir mit einem deutschen Partner zusammenspannten. Ausgehend von dieser Erfahrung glaube ich, dass auch Affichage einen einheimischen Partner brauchen wird.
Noch ein Blick über den Atlantik: Man hört, Viacom wolle seinen OutdoorBereich abstossen. Steht JCDecaux Gewehr bei Fuss?
Viacom hat letzte Woche entschieden, sich in zwei Unternehmen zu splitten. Aus meiner Sicht ist dies eine Vorbereitung für den Verkauf von Assets wie die Aussenwerbung, die nicht zum Kerngeschäft passen. Was Sie gehört haben, ist deshalb sehr plausibel. Auch hat Viacom vor ein paar Wochen einen Verlust von sieben Milliarden Dollar im Bereich Aussenwerbung angekündigt. Die haben wohl einen Riesenfehler mit überhöhten Zukäufen gemacht. Zum zweiten Teil Ihrer Frage: Ja, wir sind interessiert an Viacom Aussenwerbung, denn sie und JCDecaux ergänzen sich bestens: Wir sind die Nummer 1 in Europa, Viacom ist die Nummer 1 in den USA. Wir sind die Nummer 2 weltweit, sie sind die Nummer 3. Unsere Familie hat darum schon bekannt gegeben, dass wir bereit wären, unseren Anteil an JCDecaux von derzeit 73 Prozent herunterzufahren, um eine grosse Transaktion zu ermöglichen. Die einzige grosse Transaktion im Bereich Aussenwerbung, die denkbar wäre, ist diese mit Viacom.
Welchen zeitlichen Horizont sehen Sie?
Das dauert wahrscheinlich noch zwei bis drei Jahre.
Winner Decaux: «Wenn Wall wächst, haben wir kein Problem, wir sind ja mit 35 Prozent dabei.»
Konsolidierung in DeutschlandDer Aussenwerbemarkt in Deutschland ist auf eine Vielzahl von Anbietern aufgeteilt, der Anteil der Aussenwerbung am gesamten Werbekuchen beträgt rund 3 Prozent (in der Schweiz 15 Prozent). Vor rund einem Jahr hat nun aber eine Konsolidierung eingesetzt, als der Branchenprimus Deutsche Städte-Medien (DSM), eine gemeinsame Plakatfirma der Gemeinden, zum Verkauf stand.
Den Zuschlag erhielt der damalige Branchenzweite Ströer, dem der Zukauf – vollständig fremdfinanzierte – 270 Millionen Euro wert war. Dafür avancierte Ströer/DSM nun zum grössten Aussenwerber Deutschlands, der letztes Jahr einen Bruttoumsatz von 548 Millionen Euro erwirtschaftete (inklusive Engagements in Frankreich, Grossbritannien und der Türkei).
An zweiter Stelle folgt AWK-Freund mit 210 Millionen Euro (Stand 2003), dann JCDecaux mit 155 Millionen Euro (allein in Deutschland), ferner die Deutsche Eisenbahn Reklame GmbH (DERG) mit 125 Millionen Euro und schliesslich Wall mit 111 Millionen Euro. Seit letztem Dezember ist bekannt, dass es dieses Jahr wohl zu einem weiteren Konsolidierungsschritt im deutschen Aussenwerbemarkt kommt: Die Deutsche Bahn will ihre Werbetochter DERG abstossen (WW 8/05). Mehrere Unternehmen, darunter JCDecaux, Viacom, Ströer/DSM, Wall und Affichage, haben Offerten angekündigt. (mk)
JCDecaux in Zahlen (in Mio. Euro)
Veränd. 2003 2004 in %
Umsatz 1543.4 1631.4 + 5.7
Betriebs-
ergebnis 230.1 271.6 + 18
(EBITA)
Konzern- 40.9 78.1 + 91.0
ergebnis
Cashflow 330.5 360.1 + 9.0
Portfolio weltweit: 658000 Werbeflächen in 45 Ländern, 155 Flughäfen, 3500 Stadtverträge (über 10000 Einwohner), 150
Verträge im Bereich Verkehrsmittelwerbung und anderes mehr.
Interview: Markus Knöpfli