Der Zahlensalat ist angerichtet

Statistik Weil die Wemf beim Umstellen der Inseratestatistik auf AIS schlampte, geriet alles durcheinander. Die Statistik ist eine Baustelle.

Statistik Weil die Wemf beim Umstellen der Inseratestatistik auf AIS schlampte, geriet alles durcheinander. Die Statistik ist eine Baustelle.
Anfang Jahr stellte die Wemf ihre Inseratestatistik für einige Zeitungskategorien auf Daten aus dem Advertising Index Switzerland (AIS) um, denn sie wollte zwei Statistiken auf dieselbe Basis stellen und erst noch präzisere Daten liefern. Stattdessen kam es zu überraschenden Abweichungen. Ende Mai schien die Wemf aber wieder Herrin der Lage zu sein. Direktor René Schmutz sagte damals (WW 22/05): «Die Fehler wurden identifiziert und behoben. Ich gehe davon aus, dass die Daten jetzt untereinander vergleichbar sind.»Kurz danach tauchten aber neue Unstimmigkeiten auf. So enthalten die Mai-Daten plötzlich den Vermerk, wonach die Volumina 2005 der Mittelland Zeitung und der Aargauer Zeitung nicht mit dem Vorjahr vergleichbar sind. Erklärungen gibt die Wemf nicht.
Immer wieder Differenzen
Auch andernorts stiess man auf Ungereimtheiten: So entdeckte etwa Jörg Salzmann, Verlagsmanager des Walliser Boten, dass die Wemf für sein Blatt im 2004 und 2005 monatlich 30 bis 50 Anzeigenseiten weniger ausweist, als gemeldet waren. Differenzen entdeckte man auch beim St. Galler Tagblatt, bei den Freiburger Nachrichten, beim Tages-Anzeiger, bei der Basler Zeitung und weiteren Titeln. Ein Verlagsleiter, der nicht genannt sein will, schimpft: «Da stimmt überhaupt nichts. Und folgert: «Deshalb drohten wir der Wemf, aus der Statistik auszusteigen.»
Rolf Blum, Statistikleiter bei der Wemf, will sich nicht auf Einzelfälle einlassen. Er bestätigt allerdings, dass bei ihm «einige Reklamationen» eingegangen und noch Ungereimtheiten vorhanden seien. Grund dafür sei der Wechsel zu AIS-basierten Daten.
Doch das allein erklärt solche Konfusionen nicht – nicht in der Printbranche, die mit Währungswechseln bestens umzugehen weiss. Fest steht hingegen, dass die Sta-tistikauftraggeber, der Verband Schweizer Presse und der Verband Schweizerischer Werbegesellschaften, sich beim Umstellungsentscheid über die Folgen nicht im Klaren waren. Noch am 2. Dezember 2004 sagte Wemf-Präsident Tobias Trevisan der Werbewoche, dass es «kaum zu einem Währungsbruch» kommen werde. Mittlerweile weiss es die Branche besser, und auch René Schmutz räumt ein: Der AIS führte bei der Inseratestatistik «zu einem Bruch wie damals, als wir die Mach Basic vom K1- auf den LpA-Wert umstellten».
Dennoch wissen viele Verlagsleute noch immer nicht, ab wann die neue Währung gilt – ab 2005 oder ab 2004? Beides ist möglich, hängt jedoch von der Statistik ab, die man konsultiert. Denn die Wemf brachte 2004 zwei Statistiken in Umlauf: Am 14. Januar 2005 publizierte sie die bis Dezember 2004 nachgeführte Version nach altem System, deren Volumina mit jenen von 2003 oder 2002 vergleichbar sind.
Der Währungsbruch fiel also auf den Jahreswechsel 2004/05. Damit wären aber schon ab den AIS-basierten Daten für Januar 2005 keine Vorjahresvergleiche mehr möglich gewesen. Um den Verlagen dennoch einen Vergleich mit dem Vorjahr zur Verfügung zu stellen, rechnete sie die Seitenvolumina 2004 auf Grund der ebenfalls vorhandenen AIS-Daten um, nahm im
Februar die zuerst veröffentlichten 2004er-Zahlen wieder von der Homepage und publizierte stattdessen die AIS-basierten Volumina, gleichzeitig mit jenen vom Januar 2005.
Mit dieser neuen Statistik war nun der Währungsbruch elegant auf den Jahreswechsel 2003/04 vorverlegt. Doch mit Parallelstatistiken war ein Zahlensalat geradezu vorprogrammiert. Ein Teil der eingangs erwähnten Konfusionen ist denn auch allein darauf zurückzuführen. Blum betont dagegen, er habe die Austauschaktion am 21. Dezember in einem Mail angekündigt. Stimmt, doch er tat dies derart beiläufig, dass die Tragweite kurz vor Weihnachten geradezu untergehen musste. Und auch in Pressecommuniqués der Wemf war bestenfalls von «Neuerungen», nie aber von unvergleichbaren Währungen die Rede.
Warnhinweis fehltKommt dazu, dass die Wemf auf den Beginn der «Neuerung» nur einmal, im Januar, hinwies, seither aber den Zeitpunkt des Währungsbruchs verwischt: Wer die 2004er-Volumina abruft, erhält automatisch die unvergleichbaren Daten von 2003 ohne Warnhinweise mitgeliefert. Immerhin: Diesen Automatismus will Blum ab den Juni-Daten beenden: Der Bruch soll sichtbar werden.
Auch in anderer Hinsicht entspricht die Inseratestatistik kaum dem State of the Art: Sechs Zeitungstitel, deren 2004er-Volumina die Wemf nicht nach AIS rekons-
truieren konnte, werden weiter nach altem System ausgewiesen. Auch im Jahr 2005. «Im Sinne einer Übergangslösung», beschwichtigt Blum. Doch damit mischt die Wemf systematisch Kraut und Rüben, ohne dies irgendwo zu vermerken.
Wer die vorbildliche Wemf-Kommunikation seinerzeit bei der Mach Basic erlebt hat, gewinnt den Eindruck, dass das Institut diesmal das Problem unterschätzte, dann die Fehler vertuschen und schliesslich den Verlagen den schwarzen Peter zuschieben wollte. Viele Titel hätten ihre Volumina nicht richtig deklariert, was die Umstellung auf AIS erst nötig gemacht habe, klagen Schmutz und Blum. Das stimmt zweifellos, macht ihr eigenes Vorgehen aber nicht besser.
Den Vertuschungsvorwurf weist Blum jedoch von sich: «Ich glaubte, dass wir via Mail ausreichend kommuniziert haben. Umso mehr, als das E-Mail in Sachen Inseratestatistik das einzige Kommunikationsmittel zwischen Wemf und Verlagen ist. Inzwischen merkten wir aber, dass wir nachfassen und nachkommunizieren müssen.»
So wird Blum nun die Statistik-Richtlinien «präzisieren» sowie jeden einzelnen Fall abklären. In einigen Verlagsbuchhaltungen sind auch Umprogrammierungen nötig. Ab Herbst will er dann nochmals auf jeden Titel zugehen, mit jedem eine Ausgabe auswerten und die
Resultate abgleichen.
Fazit: Die Inseratestatistik ist – entgegen den Wemf-Beschwichtigungen – noch lange nicht im Lot. Auf dieser Baustelle muss füglich noch viel geflickt und ausgebessert werden.
Markus Knöpfli

Preis und Wert der Medien

Verbände Der diesjährige Kongress des Verbands Schweizer Presse (vom 15. bis 17. September in Interlaken) steht unter dem Thema «Preis und Wert der Medien».

Verbände Der diesjährige Kongress des Verbands Schweizer Presse (vom 15. bis 17. September in Interlaken) steht unter dem Thema «Preis und Wert der Medien».Neben Bundesrat Hans Rudolf Merz figurieren zahlreiche namhafte Referenten. Die Chefredaktoren Res Strehle, Peter Rothenbühler und Norbert Neininger diskutieren mit dem Werber Dominique von Matt über die steigende Tendenz, den redaktionellen Teil den neuen Werbeformen dienstbar zu machen. Denner-CEO Philippe Gaydoul nimmt den bevorstehenden Markteintritt deutscher Discounter zum Anlass, über Billigkult und «Geiz-ist-geil»-Mentalität nachzudenken. Jean-Frey-Grossaktionär Tito Tettamanti beleuchtet das Spannungsfeld Medien und Politik aus der Sicht eines aktiven Medien-Investors. Michael Ringier äussert «Gedanken eines Verlegers ohne Gratiszeitung», und Verbandspräsident Hanspeter Lebrument hat eine Tour d’horizon unter dem Titel «Titanic Presse auf der Fahrt zum Eisberg» angekündigt.

Mini-Ferien für zwischendurch

Verkehr Jung von Matt/Limmat wünscht den Daheimgebliebenen einen kurzweiligen Sommer mit der SBB.

Verkehr Jung von Matt/Limmat wünscht den Daheimgebliebenen einen kurzweiligen Sommer mit der SBB.Die Schweizer sollen tendenziell Bewegungsmuffel sein. Das will Jung von Matt/Limmat in diesem Sommer ändern. In der neuen Kampagne für die SBB verbreiten kleine Figuren, wie man sie von Modelleisenbahnen her kennt, eine Menge Feriengefühl und fordern zu mehr Bewegung auf. Denn auf der Website www.tagesausfluege.ch sind in den Sommermonaten über 170 Tipps zu Ausflügen in der Schweiz zu finden. Die Themenschwerpunkte dabei sind Wandern, Velo und Wasser. Diese drei Erlebniswelten bilden auch die Sujets der Kampagne. «Wir wollten die Angebote möglichst einfach und intelligent romantisiert darstellen», erklärt CD Alexander Jaggy.Die Tipps auf www.tagesausfluege.ch inspirieren Daheimgebliebene, die schönsten Ecken der Schweiz zu erkunden und zu erleben. Gestaltet und konzipiert wurde die umfassende Website von der Agentur Maxomedia. Mit einer sehr übersichtlichen Navigation gelangt man schnell zu den ansprechenden Tipps und kann genauso gut in den Angeboten verweilen. Und für Quizfreudige gibt es einen Wettbewerb, der auf spielerische Art die Ausflugstipps noch einmal ins Spiel bringt. Die Kampagne ist auf Plakaten und Anzeigen in der Schweiz zu sehen. Dazu kommen Plakatformate an den Bahnhöfen, ein E-Board-Spot und ein Flyer.
Andreas Panzeri

US-Radios zittern vor den Digitalen

Unterhaltung In den USA laufen Satelliten-radios kommerziellen Sendern den Rang ab – und das ohne Werbung. Howard Stern ist das Enfant terrible des amerikanischen Radios.

Unterhaltung In den USA laufen Satelliten-radios kommerziellen Sendern den Rang ab – und das ohne Werbung. Howard Stern ist das Enfant terrible des amerikanischen Radios.Unterhaltung In den USA laufen Satelliten-radios kommerziellen Sendern den Rang ab – und das ohne Werbung. Howard Stern ist das Enfant terrible des amerikanischen Radios. Weil Stern wegen seiner deftigen Sprüche und drastischen Beschreibungen von Sex-Szenen auf Sendung von der Medienaufsichtsbehörde FCC immer wieder zu Höchststrafen verurteilt wurde und während der nächsten Jahre unter der Bush-Administration nichts zu lachen haben wird, hat der selbst ernannte «S-hock Jock» Zuflucht bei freundlicher gesinnten Kollegen gesucht: dem Satellitenradio Sirius, das sich derzeit auf rasantem Expansionskurs befindet und Zuwachsraten bei den Abonnenten wie auch bei den Einnahmen von über 300 Prozent jährlich verbucht.
Dass die medienüberfütterten Amerikaner noch einmal zusätzliche Dollars locker machen würden und für einen Radioservice zwölf Dollar monatlich hinlegen, haben bis vor kurzem wenige für möglich gehalten. Doch das landesweit ausgestrahlte digitale Radio hat etwas, was viele andere nicht mehr haben: werbefreie Sendeflächen. Von den 120 angebotenen digitalen Kanälen sind alle 65 Musikkanäle völlig werbefrei, während auf den 55 Talk- und Informationssendern Sponsoring und vereinzelt Werbeclips zu hören sind. Darüber hinaus ist der Empfang störungsfrei, auch wenn man sich mit seinem Satellitenempfänger im Auto über die Staatengrenzen hinaus bewegt. «Ich gehöre zu den Gläubigen, was den Erfolg von Abonnementsendern angeht», sagt Peter Fader, Marketingprofessor am Wharton College der Universität Pennsylvania und betont den Erfolg von Kabel- und Pay-TV: «Es gewinnt immer.»
Lance Armstrong auf SiriusDer Konkurrent von Sirius, XM Radio in Washington D.C., hat ein ähnliches Programmangebot. XM ging ein Jahr früher, Ende 2001, an den Start und hat eindeutig mehr Abonnenten: 3,5 Millionen für XM und seine 152 Kanäle, wogegen Sirius 1,5 Millionen verzeichnet. Sirius katapultierte sich jüngst wiederholt in die Schlagzeilen, indem es sich weitere prominente Namen ins Haus holte: Superstars wie Hip-Hop Celebrity Eminem und Radprofi Lance Armstrong moderieren einzelne Sendeflächen. Medienstar Martha Stewart bietet ab Herbst einen hörernahen Lifestyle-Kanal an, und der Autorennzirkus Nascar geht ein Jahr nach Howard Stern, Anfang 2007, an den Start. Mit diesem Schritt verschafft sich Sirius einen Vorsprung in den beiden wichtigsten Bereichen der Branche: «Es sind genau zwei Dinge, die den Erfolg eines Mediums ausmachen», sagt Jim Carnegy, Chefredakteur des Branchenmagazins Radio Business Report. «Content ist King und Präsentation ist Queen.»
XM konzentriert sich mehr auf innovative Marketingdeals, um die Marke bekannt zu machen und um Werbungtreibenden neue Sponsoringmöglichkeiten anzubieten. Die Kaffeehauskette Starbucks zum Beispiel launchte ihren eigenen Musiksender namens Starbucks Hear Music auf der XM-Plattform und wird in diesem Jahr ihren Radioservice in 4000 US-Filialen ausrollen. Auch das Logo des Betreibers XM wird auf Kaffeetassen und Broschüren zu finden sein. «Am Anfang sah es so aus, als würde der Trend es schwerer für die Werbungtreibenden machen», sagt Denise Garcia vom Forschungsinstitut Gartner G2. «Aber es könnte im Gegenteil eine interessante Möglichkeit für sie werden, Inhalte zu kreieren, die sie dann exklusiv sponsorn können». Beide Unternehmen haben Exklusiv-Deals mit Autohändlern zur Installation ihres Equipments in den Wägen abgeschlossen.
Darüber hinaus schloss XM Radio eine Zusammenarbeit mit AOL ab. Abonnenten des Internetdienstes können XM Radio künftig kostenlos per Internet hören. Wer AOL nicht nutzt, muss eine geringe Monatsgebühr zahlen. Eine grosse Stärke des Satellitenradios sei seine Vielfältigkeit, ist Marketingprofessor Fader überzeugt. «Sie haben sogar Kanäle für Minderheiten, wie etwa Homosexuelle», sagt er. «Es gibt viele Nischen, und die werden sie finden.»
Per Handy oder iPodDass Satellitenradio zu einem Erfolg werden könnte, wird durch die Bemühungen beider Anbieter verstärkt, weitere Plattformen zu erforschen: So sollen die digitalen Kanäle in absehbarer Zukunft auch per Handy oder tragbare digitale Audiogeräte, wie dem iPod, empfangbar sein. Selbst Videostreaming, das vor allem für die Rücksitze von Autos gedacht ist, soll eingeführt werden. Bereits 14 Prozent der Amerikaner, so heisst es in einer Studie der beiden Forschungsunternehmen Arbitron und Edison Media Research, besitzen einen iPod oder ein anderes tragbares digitales Audiogerät. Die Mehrzahl davon ist unter 35 Jahre alt. 36 Prozent der Amerikaner geben an, dass sie regelmässig im Internet Radio hören. Doch genau dieser Trend kann umgekehrt auch zu einem Problem für das Satellitenradio werden: «Internetradio wird immer populärer, und wenn man Radio kostenlos per iPod haben kann, dann kommt das Satellitenradio in ernsthafte Schwierigkeiten», meint Tom Taylor vom Branchendienst Inside Radio. «Es wird vom Content abhängen. Und wer weiss, was morgen erfunden wird.»
Gerti Schön

Marienhof-Lektionen

Editorial Oliver Classen über investigativen Medienjournalismus hüben und drüben.

Oliver Classen über investigativen Medienjournalismus hüben und drüben.Mit diesem Skandal hat das Erste Deutsche Fernsehen sein Watergate», urteilt selbst die sonst zurückhaltende FAZ und meint damit die hanebüchenen Schleichwerbungspraktiken der ARD-Produktionsfirma Bavaria. Aufgedeckt und angeprangert wurden diese Anfang Juni nach jahrelanger Recherche vom deutschen Branchendienst epd medien. Ein Scoop reinster Güte. Chapeau, liebe Kollegen!Südlich des Rheins geht es diesbezüglich ungleich gemütlicher zu. Zwar hat das Bakom wegen Verdachts auf denselben Tatbestand Mitte Mai eine Untersuchung des SF-DRS-Formats «Traumjob» lanciert. Doch dazu führte nicht redaktionelle Maulwurfsarbeit, sondern die simple Abfrage dessen, was während Wochen auf dem Bildschirm an mutmasslichen Kopplungsgeschäften zu sehen war. Stimmt also Michael Hallers These (siehe Interview S. 29), dass Schweizer Enthüllungsjournalismus «ein Widerspruch in sich» ist?
Es scheint so – zumindest aus deutscher Perspektive. Schliesslich klagte auch Ex-Spiegel-Mann Dieter Degler, der Tamedia vergangenes Jahr beim Relaunch von Facts beriet, über die Angst hiesiger Rechercheure, sich vielleicht mal unbeliebt oder gar die Hände dreckig zu machen. Das gilt naturgemäss besonders, wenn es sich um Medienthemen handelt. Denn wer will es sich schon mit seinem potenziellen nächsten Arbeitgeber verderben? Zumal wenn dieser mehr oder minder dezent auf dieses Abhängigkeitsverhältnis hinweist. Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung.
Und noch etwas lehrt uns das geplatzte Marienhof-Idyll: Dass eine wache, kritische Selbstbeobachtung der Medien im Zeitalter von Programming, Bartering und anderen so genannt «innovativen Werbeformen» mehr Not tut denn je. Deshalb ein Appell an die hiesigen Verleger: Professionalisieren Sie Ihre Medienberichterstattung – zur Watergate-Prophylaxe sozusagen. Und einer an die Kollegen: Zum Fangen fetter Fische brauchts ausser Chuzpe auch einen langen Atem. Nutzen wir die Sommerferien also zum Luft- holen!
> Oliver Classen, Redaktor

Wo einst eine Betonmauer war, bröckelt es

Standesregeln Der Druck des Anzeigenmarktes macht die Grenzen zwischen Verlag und Redaktion immer durchlässiger – auch für Werbung.

Standesregeln Der Druck des Anzeigenmarktes macht die Grenzen zwischen Verlag und Redaktion immer durchlässiger – auch für Werbung.Die NZZ kennt keine Medienpartnerschaften, der Chefredaktor des Wallstreet-Journal wirbt nie für sein Blatt. Auch bei der deutschen Qualitätspresse tut man sich mitunter schwer. Doch bei den meisten Medien ist es gang und gäbe: Wenns ums dicke Geschäft mit Grossinserenten geht, ist es fast normal, dass die Redaktionsleitung mit am Verhandlungstisch sitzt. Die Rede ist von der Kommerzialisierung der Redaktionen, wo Werbetreibende auf wenig Widerstand stossen, wenn sie ihre Botschaften im redaktionellen Umfeld platzieren wollen (siehe Seite 21). Vorbei sind die Zeiten, als sich Anzeigenverkäufer und Journalisten mit Skepsis begegneten, Erstere im Bewusstsein, dass ihr Job die Existenz des Blattes sichert, Letztere, weil journalistische Unabhängigkeit per se über schnöden wirtschaftlichen Zwängen steht. «Dieses Gärtchendenken geht heutzutage nicht mehr», sagt Rico Brazerol, Geschäftsleiter der Contract Media Publishing AG (CMP). Es seien Zeiten angebrochen, wo die Zusammenarbeit von Redaktion und Verlag institutionalisiert werden müsse. «Da macht man als Chefredaktor schon mal einen Kundenbesuch», meint Brazerol freimütig.
CMP war vom Landboten mit einer Analyse beauftragt worden, gemäss Brazerol drei Monate vor Bekanntwerden der um 10000 Exemplare gefälschten Auflage, um das Winterthurer Traditionsblatt aus Stagnation und (dem Vernehmen nach) interner Kommunikationslähmung zu befreien. Die Intervention mit der Handschrift von CMP-Verwaltungsratspräsident Sacha Wigdorovits, dem einstigen Blick-Chefredaktor, der unter anderem den Launch von 20 Minuten vorbereitet hatte, etabliert eine interne Schaltstelle, um den Landboten für Inserenten attraktiver zu machen.
Künftig werden Verlag und Redaktion an regelmässigen Sitzungen Beilagen, Medienpartnerschaften und gemeinsame Aktionen planen. «Redaktion und Verlag sollen sich gegenseitig unterstützen – bei der Gewinnung von neuen Lesern, aber auch von Inserenten», erklärte jüngst Denise Pernet, Verlagsleiterin des Landboten zum bevorstehenden Totalumbau des Blattes im kommenden September (WW 26/05). Bei wichtigen Geschäften mit Schlüsselkunden wird immer auch die Redaktionsleitung zugegen sein. «Ich bin mir der Problematik durchaus bewusst», wendet Pernet auf die Frage nach der Wahrung redaktioneller Unabhängigkeit ein. Diese will man intern in einer verbindlichen Charta noch festschreiben.
Plattform für SponsorenWas beim Landboten in einer regelmässigen Wochensitzung stattfindet, funktioniert andernorts längst ganz selbstverständlich. «Bei uns sind solche Sitzungen das Normalste der Welt», erklärt Peter Buri, Chefredaktor der Aargauer Zeitung. Allerdings tätige die Chefredaktion keine Kundenbesuche und sei bei Key Accounts wie Media Markt, Migros und auch Coop nicht in Verhandlungen involviert. Doch unter dem Druck schwindender Inserate musste sich auch die Aargauer Zeitung Neues einfallen lassen und dient sich seit dem 1. Juni mit dem multimedialen Projekt Alltag einer wachsenden Zahl von Sponsoren an (WW 22/05).
Absprachen zwischen Redaktion und Verlag räumt auch Peter Hartmeier, Chefredaktor des Tages-Anzeigers ein. «Mit wichtigen Kunden und Werbeagenturen finden laufend Gespräche statt», wobei allerdings nicht Rabatte das Thema seien. Die Kunden interessierten sich vielmehr für journalistische Inhalte oder etwa für die Strategie und Zukunft des Tages-Anzeigers. Hartmeier ist keinerlei Sorge um die publizistische Unabhängigkeit des Tamedia-Flaggschiffs anzumerken, die Kontaktpflege mit Kunden ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. «Wenn ich heute mit Autoimporteuren spreche, dann reden wir über den Verkehr»: Die Anspielung auf den 20-jährigen Inserateboykott von Autoimporteur Walter Frey gegen den ehedem als autofeindlich gebrandmarkten Tagi entbehrt nicht einer gewissen Selbstironie.
Doch es fragt sich, wie weit sollen solche informellen Kontakte gehen, wie weit sollen sich Verlag und Redaktion annähern um den Preis einer möglichen Verwässerung von Agenda-Setting und redaktioneller Autonomie?
Mehr Koordination erwünscht«Redaktion und Verlag sollten generell enger zusammenarbeiten und ihr Zielpublikum gemeinsam definieren», sagt dazu Pepe Wyss, Geschäftsleiter der NZZ-Tochter Freie Presse Holding, deren Mutterhaus die redaktionelle Unabhängigkeit über alles stellt und wo redaktionelle und verlegerische Kooperationen strikte auf Sonderseiten oder in Beilagen stattfinden. Doch für Wyss ist klar, dass bei den Printmedien die Redaktionen in verschiedene Abteilungen aufgesplittert sind und heute mehr Koordination brauchen. So werde zunächst einmal klar, wer welche Themen behandle. Wyss hält auch neue Formen wie das erwähnte Alltags-Projekt der Aargauer-Zeitung für prüfenswert. «Es ist für Printmedien völlig legitim, nach neuen Formen zu suchen, vorausgesetzt, es ist gegenüber den Lesern klar deklariert, was man will.» Ob dies auch tatsächlich der Fall ist, darf bezweifelt werden.
Für Josef Trappel, Leiter des Medieninstituts der Universität Zürich, ist die Kommerzialisierung der Redaktionen ein Problem, das vor allem durch die Verbindung mit den Online-Medien entstehe. «Im Internet ist die Trennung zwischen Verlag und Redaktion stark aufgeweicht, diese Kultur wirkt auf die Printprodukte zurück.»
Diesem Phänomen stehe man auf Redaktionen zu unkritisch gegenüber. Aber auch die Kommerzialisierung hat Grenzen. Laut Trappel befinden sich die Verleger auf einer Gratwanderung: Zu viel Kommerz untergräbt die Glaubwürdigkeit eines Mediums und zerstört damit das Vertrauen des Publikums, was letztlich zum Einbruch der Abonnemente führe. «Die Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut, wir müssen darauf achten, dass sie nicht verloren geht», stimmt AZ-Redaktionschef Peter Buri zu.
Inwieweit das Alltags-Projekt zur Stärkung der Glaubwürdigkeit der Redaktion beiträgt, sei dahingestellt. Werbung macht Buri mehr im Regionalbereich Kummer, bei der Platzierung von PR-Artikeln im Zusammenhang mit Ladenneueröffnungen, ein Problem, das er mit vielen seiner Kollegen der Tagespresse teilt. Und vielerorts ist es der Inseratewildwuchs auf den Zeitungsseiten, der eine Redaktion mehr beschäftigt als ihre Unabhängigkeit.
So hat Peter Hartmeier nicht gerade Freude an den bunten Anzeigen, welche die redaktionellen Inhalte des Tages-Anzeigers mitunter arg an die Seitenränder drängen. «Das ist unästhetisch», sagt er und benutzt zur Illustration ein Adjektiv, das er an dieser Stelle nicht gedruckt sehen möchte. «Sonst bekomm ichs wieder vom Verlag zu hören.»
René Worni

Bluegummy wirbt für Minerva

Die Basler Werbeagentur Bluegummy Marketing Communications hat das Budget der Minerva-Schulen Basel gewonnen. Sie setzte sich in einer Konkurrenzpräsentation gegen zwei Mitbewerber durch.

Die Basler Werbeagentur Bluegummy Marketing Communications hat das Budget der Minerva-Schulen Basel gewonnen. Sie setzte sich in einer Konkurrenzpräsentation gegen zwei Mitbewerber durch.Schulen Erste Arbeiten werden diesen Herbst zu sehen sein.

Kanton Thurgau legt ein Werbeverbot vor

Aussenwerbung Die Regierung des Kantons Thurgau hat ein Werbeverbot für Alkohol und Tabak in die Vernehmlassung geschickt.

Aussenwerbung Die Regierung des Kantons Thurgau hat ein Werbeverbot für Alkohol und Tabak in die Vernehmlassung geschickt.Damit setzt sie eine Motion um, die der Grosse Rat im Sommer 2003 für erheblich erklärt hat. Die Vorlage untersagt Plakatwerbung für Alkohol und Tabak auf öffentlichem Grund sowie auf privatem Grund, der von öffentlichem Grund einsehbar ist.

Tamedia, Radiotele und SRG für DAB

Das Zürcher Medienhaus Tamedia, der Vermarkter Radiotele und die SRG gründen ein Konsortium für die Förderung des Digital Audio Broadcasting (DAB) in der Deutschschweiz.

Das Zürcher Medienhaus Tamedia, der Vermarkter Radiotele und die SRG gründen ein Konsortium für die Förderung des Digital Audio Broadcasting (DAB) in der Deutschschweiz.Radio Sie haben eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnet. Die drei Partner beteiligen sich zu gleichen Teilen am Ausbau einer zweiten DAB-Palette. Die erste Etappe ist für 2006 in den Agglomerationen Zürich, Basel und Bern geplant. Die neun Sendeplätze sollen laut SRG-Radiokoordinator Marc Savary bevorzugt mit neuen Programmen gefüllt werden.

FCBLK für Carrefour

Detailhandel I Die Walliseller Agentur FCB Leutenegger Krüll (FCBLK) hat einen Projektauftrag von Carrefour gewonnen und wurde mit den Werbemassnahmen zur Eröffnung des neuen Grossmarktes in Losone beauftragt. Anfang Juli übernimmt Carrefour den M...

Detailhandel I Die Walliseller Agentur FCB Leutenegger Krüll (FCBLK) hat einen Projektauftrag von Carrefour gewonnen und wurde mit den Werbemassnahmen zur Eröffnung des neuen Grossmarktes in Losone beauftragt. Anfang Juli übernimmt Carrefour den Mercato Cattori, einen der bekanntesten Grossmärkte des Tessins, und baut ihn laut FCBLK zur modernsten Carrefour-Filiale um.

Call-in-Shows vorläufig wieder erlaubt

Sat 1 Schweiz und Viva Schweiz dürfen ihre umstrittenen Telefongewinnspiel-Sendungen vorderhand wieder ausstrahlen.

Sat 1 Schweiz und Viva Schweiz dürfen ihre umstrittenen Telefongewinnspiel-Sendungen vorderhand wieder ausstrahlen.TV Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) hatte die sofortige Einstellung angeordnet, da sie gegen das Lotteriegesetz verstossen würden. Die beiden Sender haben den Entscheid bei der Rekurskommission angefochten. Diese hat dem Rekurs nun aufschiebende Wirkung zuerkannt. Die Sendungen dürften demnach bis zu einem abschliessenden Entscheid in der Sache wieder gezeigt werden. Das Bakom will die aufschiebende Wirkung aber beim Bundesgericht anfechten.

Radios auf Standby

Vermarkter Gelingt es der Publicitas, ein Dutzend Radios unter ihre Fittiche zu bringen? Zweifel sind angebracht.

Vermarkter Gelingt es der Publicitas, ein Dutzend Radios unter ihre Fittiche zu bringen? Zweifel sind angebracht.
Wie letzte Woche gemeldet, wurde der One Pool fristgerecht und «vorsorglich» per Ende 2005 von drei Radios gekündigt. Bei den andern Pools blieb es ruhig. Doch der Schein trügt: Auch beim Pool 2000 sind zwei Radios auf dem Sprung, nur haben die Poolmitglieder dort mit einem Trick die Harmonie länger haltbar gemacht: Noch am 30. Juni beschlossen sie, die halbjährige Kündigungsfrist um ein paar Wochen zu verschieben. Und beim Swiss Radio Pool, der vertraglich bis Ende 2006 läuft, blieb es nur deshalb still, weil jede Kündigung per Ende 2005 – egal ob sie nun im Juni, Juli oder August erfolgt – ohnehin ausservertraglich wäre und somit keine Eile besteht.Allen austrittsbereiten Radios gemeinsam ist, dass sie zu Medienhäusern gehören, mit denen die Publicitas ein Pachtverhältnis hat. Konkret sind dies die Radios Basel 1, BE1, Grischa, 32, Argovia, offenbar auch Pilatus, Aktuell und Ri. Doch diese Radios allein ergeben noch keinen Pool, der der P genehm wäre. Dem Vernehmen nach strebt die P danach, die Zentren Basel, Bern und Zürich mit jeweils beiden Marktplayern abzudecken, weshalb sie versuchen wird, 24, Basilisk, Energy Zürich und ExtraBern ebenfalls einzubeziehen.
Labile Angelegenheit
Die Hauptfrage allerdings ist, weshalb all diese Radios – insbesondere jene von Tamedia, Goldbach Media und Espace Media – der P dazu Hand bieten sollten. Womit kann die P sie ködern? Crossmedia mit Print? Kaum. Interessanter wäre eine Kombination mit Kino – ein Projekt, das schon lange in den Schubladen der PubliGroupe-Tochter Cinecom steckt. Auskünfte gibt es dazu jedoch nicht.
Doch der Standby-Modus bei den Pool-Kündigungen zeigt, wie labil die Angelegenheit noch ist, nicht zuletzt wegen der vielen involvierten Streithähne unter den Radios. Zudem drängt die Zeit: Die bestehenden Pools wollen bis Mitte August wissen, woran sie sind, denn am Radioday vom 30. August wollen sie ihre Tarife präsentieren.
Gut möglich also, dass die P die Differenzen in der Radioszene unterschätzt hat.
Markus Knöpfli
get_footer();