Screen-up & congress Christian Gartmann, Mitorganisator und Geschäftsführer
Schweiz der ProSieben-Sat1-Gruppe, äussert sich zum jährlichen
Branchenanlass der Meinungsmacher für TV-Werbung und Fernsehmarketing.WW: Warum braucht es eine Veranstaltung wie Screen-up?Christian Gartmann: Die Branche will den Überblick an einer einzigen
Veranstaltung gewinnen. Cinecom, IP Multimedia, RTLGroup und wir
organisieren nun an einem einzigen Tag ein prominentes Lineup von
Fachleuten aus Werbewirtschaft und Senderlandschaft der Schweiz,
Deutschland und Frankreich. Das schafft kein Anlass sonst, einen
vergleichbaren Event gibt es selbst in Deutschland nicht.
WW:
Der Anlass wurde diesmal um einen Kongressteil mit Diskussionspodium erweitert. Was versprechen Sie sich davon?Christian Gartmann:
Wir haben von Anfang an an eine Erweiterung gedacht. In diesem Jahr
wollen wir neben den Neuheiten der Sender mehr Know-how
vermitteln. Das hat sich zum Kongressnachmittag entwickelt, der mit dem
IGEM-Talk beginnt und mit sieben Veranstaltungen bis abends um 19 Uhr
dauert.
WW:
Der Anlass ist mit «Visionen zum TV-Markt von morgen» überschrieben. Was ist zu erwarten?Christian Gartmann:
Wir werden nicht über das Fernsehen der kommenden 25 Jahre
philosophieren. Mediaagenturen und Kunden wollen vielmehr eine
Orientierung, wie sich die Digitalisierung aktuell entwickeln wird,
über neue Verbreitungswege, über die wachsende Anzahl digitaler
Recorder und die Folgen. Sie wollen wissen, wie Fachleute die
Entwicklung innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre in der Schweiz
und im Ausland einschätzen.
WW:
Welches sind die grössten Herausforderungen, die in den nächsten fünf Jahren auf das Fernsehen zukommen?Christian Gartmann:
Die strategischen Herausforderungen ergeben sich aus der
Digitalisierung. Der Markt wird sich fragmentieren. Man geht in Europa
davon aus, dass es vermehrt kleine Sender geben wird. Damit sind die
Grossen weiterhin gefordert, ihre Marke zu stärken. Fernsehen soll auch
mit digitalen Inhalten ergänzt werden, weg vom heutigen FreeTV. Die
Digitalisierung wird aber auch zu Hause beim Publikum stattfinden, wo
ein Medienserver die bisherigen Einzelgeräte ablösen wird.
WW:
Hat das Fernsehen der Zukunft auch einen Bildungsanspruch? Oder überlässt man das den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten?Christian Gartmann:
Keineswegs. In Deutschland ist zu beobachten, dass beim
Bildungsfernsehen nicht das ZDF, sondern ProSieben die Nummer eins ist.
Auch andere Privatsender haben damit Erfolg.
WW:
In Frankreich generiert Télé M6 über 40 Prozent seiner Einnahmen mit
Nebengeschäften. Welche Bedeutung haben solche in der Schweiz?Christian Gartmann:
Für die Privaten werden Nebengeschäfte zu einem wichtigen Faktor
werden. RTL ist in dieser Hinsicht schon ziemlich weit und auch bei
unserer Gruppe steht die Diversifikation weit oben.
WW:
Was sind Ihre Wünsche an ein revidiertes Radio- und Fernsehgesetz (RTVG)?Christian Gartmann:
Dass eine Liberalisierung – so war die Revision anfänglich
überschrieben – auch durchgeführt wird. Heute muss ich das Gegenteil
befürchten. Gegenwärtig, also vor der Herbstsession der Räte, wäre
Unterbrecherwerbung verboten, Alkoholwerbung nur regionalen Sendern
erlaubt und Filme ausstrahlende Privatsender müssten vier Prozent ihrer
Einnahmen für Filmförderung abgeben. Solches stellt die Schweizer
Programmtätigkeit von ausländischen Fenstern, aber auch neue Projekte
wie Elevator TV völlig in Frage. Zudem will eine starke Minderheit die
Werbung für Kinder unter 18 Jahren verbieten. Das wäre das Ende für
Viva Schweiz, für Radio 105, und das geplante Jugendradio für Zürich
würde nie senden. Es wird im neuen Gesetz viel zu viel reguliert. Man
sollte einfach die europäischen Richtlinien annehmen und jene, die
Fernsehen ohne Gebühren und Verbreitungszwänge machen wollen, endlich
frei arbeiten lassen. Nur ein freier Markt kann auch wachsen. Noch habe
ich Hoffnung, dass die Liberalisierung im neuen Gesetz zumindest
teilweise sichtbar wird.
Interview: René Worni