«Die Werbeetats werden kaum wachsen»
Daniel Staib, Verfasser der Studie und Senior Researcher am GDI, über die Auswirkungen für die Werbung und die Discount-Kommunikation.
Senior Researcher am GDI, über die Auswirkungen für die Werbung und die
Discount-Kommunikation.WW: David Bosshart sagte einleitend, dass wir in einer immer
vernetzteren und instabileren Welt nicht sagen können, was morgen sein
wird. Entsprechend gelassen bis lau haben die CEOs der beteiligten
Handelsunternehmen reagiert. Wie interpretieren Sie die Reaktion?
Daniel Staib: Wir haben die
Ergebnisse natürlich stark weitergesponnen. Darüber hinaus haben wir
auch versucht, Widersprüche zu erzeugen. Die Reaktion war tatsächlich
die, dass viele verharmlosten und sagten, dass sich die Lage nicht so
schnell verändert. Diese Art der gespielten Gelassenheit haben wir auch
erwartet. Man muss aber sagen, dass wir die vier Szenarien nicht in
Zusammenarbeit mit den CEOs erarbeitet haben, sondern mit den direkt
unterliegenden Stufen der Geschäftsleitung. Insofern widerspiegeln die
Resultate deren Wahrnehmung.
WW: Und die zeigt, dass, obwohl der Markt nicht mehr stark wächst, die Verkaufsfläche in grossen Schritten zunimmt.
Daniel Staib: Genau.
Und da fragt man sich natürlich: Wo sind die Verlierer? Und das können
schlichtweg nicht nur die Kleinen sein.
WW: In der Studie kommen Sie unter
anderem zum Schluss, dass es die Einkaufszentren sind, die stark unter
den Veränderungen leiden werden. Trotzdem sind mehrere grosse
Erlebnis-Shopping-Centers in der Schweiz geplant. Werden diese auf Sand
gebaut?Daniel Staib:
Man kann nicht verallgemeinernd sagen, dass die Einkaufszentren
verlieren werden. Gute Mall-Konzepte haben durchaus ihre Berechtigung
wie auch der Erlebnis-einkauf. Gerade in Szenarien, die von
Unsicherheiten und Terror geprägt sind, ist die geschützte
Einkaufsatmosphäre in Einkaufszentren ein positiver Faktor. Mein
Einwand ist eher dahingehend, dass alle CEOs heute schon sagen, dass
wir mit mehr Verkaufsfläche ausgestattet sind als alle anderen Länder
ausser den USA. Da stutze ich schon und frage mich nach der
Rentabilität und wie die Investitionen amortisiert werden. Andererseits
hat ein neues Einkaufszentrum eine höhere Attraktivität und gerade,
wenn die neuen Erlebniskonzepte gut umgesetzt werden, erkenne ich darin
durchaus ein grosses Potenzial. Irgendjemand wird aber trotzdem
verlieren. Im Raum Zürich beispielsweise war dies das Shoppiland, das
zwischen 1995 und 2004 knapp 25 Prozent Umsatzrückgang hinnehmen musste.
WW: Unabhängig
von den Szenarien, zwei Key-Trends haben sie alle gemeinsam: 1. Der
Sonderfall Schweiz hat ausgedient und 2. die Zeiten des überschaubaren
Preiswettbewerbs sind vorbei. Welche Folgen werden die Umwälzungen in
der Handelsbranche für den Kommunikationssektor haben?
Daniel Staib: Im
internationalen Vergleich war der Schweizer Markt stärker von einem
Qualitätswettbewerb geprägt, gerade im Food-Bereich. Die Frage ist
jetzt: Wie verhalten sich die Händler, wenn bald Aldi in den Markt
eintritt? Man kann davon ausgehen, dass der intensivere Preiswettbewerb
anfangs auch die Werbebranche daran teilhaben lässt. Auf diese Phase
der Bekanntmachung, in der mehr und
intensiver kommuniziert wird, folgt aber bald schon eine
Konsolidierungsphase. Man muss sehen, dass gerade Discountketten wie
Aldi sehr wenig über die klassischen Werbekanäle kommunizieren. Und
sollten mittelfristig die Umsätze der Händler nicht steigen, werden die
Werbebudgets kaum wachsen. Falls Aldi auf Kosten der Grossverteiler
einen substanziellen Teil des Marktes übernehmen sollte, dann können
bei den beiden Grossen Umsatzeinbussen, erwartet werden, und das wird
sich dann auch früher oder später auf deren Werbeetats durchschlagen.
WW: Wenden
wir uns von den Visionen wieder zur Aktualität. Hier erhält man eher
den Eindruck, dass wir in den nächsten zehn Jahren beim Sonderfall
Schweiz bleiben werden: Lidl verzögert den Markteintritt, Aldi wird die
deutsche Preispolitik für die Schweiz nicht durchziehen können, während
die Zuwachsquoten in seinem Herkunftsland merklich zurückgegangen sind,
und die Geizphilosophie scheint ziemlich ausgereizt.
Daniel Staib: Der
Retail ist ja eigentlich ein lokales Business, insofern wird der
Sonderfall sicher nicht ganz verschwinden. Trotzdem bin ich fest davon
überzeugt, dass sich in den nächsten Jahren in der Handelsbranche
vieles stark ändern wird. Es ist so, dass Aldi in der Schweiz nicht
gleich billig sein kann wie in Deutschland. Aber man muss davon
ausgehen, dass Aldi alles daran setzen wird, um auch bei uns ein sehr
gutes Preisimage zu erhalten.
WW: Aber unsere Kunden sind anspruchsvoller als die Nachbarn im Norden.
Daniel Staib: In
England konnte sich Aldi offenbar wegen ähnlich hohen Ansprüchen nicht
im grösseren Umfang durchsetzen. Jetzt versuchen sie ihre Läden zu
verschönern und die Marke zu «upgraden».
WW: Upgrading
scheint angesagt zu sein: Walmart verbessert sein Kleidersortiment,
Denner tritt neu mit Image-Spots auf. Darauf reagieren die grossen
Detailhändler mit Billig- und Premium-Linien. Verwässert man damit
nicht eine klare Markenpositionierung?
Daniel Staib: Das
hängt davon ab, wie gut man das tut. Wenn man Migros’ Ausbaustrategie
mit M-Budget- bis Premium-Angeboten beobachtet, dann entspricht dies
dem, was Tesco in Grossbritannien mit sehr grossem Erfolg bereits
vollzogen hat. Wenn ein so gut in der Bevölkerung verankertes
Unternehmen wie die Migros, neben dem Standard-, ein Billig- und
Premiumsortiment einführt und diese auch noch gut kommuniziert, dann
kann das funktionieren. In ihrer Pionierzeit war die Migros eigentlich
der Harddiscounter per se und machte dann einen grossen
Umwandlungsprozess durch.
Interview: Luca Aloisi
