Fernsehen Neue Crew, umgebautes Programm,
verändertes Logo – und zum ersten Mal eine Marketingstrategie. Die
Investoren geben dem TV-Sender U1 eine zweite Chance.Seit dem 1. März 2004 ist U1, einer der
wenigen sprachregionalen Schweizer Privat-TVs, auf Sendung. Doch um den
Sender aus Schlieren wurde es rasch still. Kein Wunder, kaum jemand
schaut das Programm. Das gibt Peter Kölbel, Projektleiter von U1,
unumwunden zu. «Unser Ziel war es, bis Ende 2004 einen
durchschnittlichen Marktanteil von einem Prozent zu erreichen. U1 kam
aber gemäss Telecontrol auf höchstens 0,7 Prozent», sagt er. Schlimmer
noch: Aus den Zahlen lässt sich keine Entwicklung ablesen.
Weitere Unbill kam hinzu: U1 muss seit dem Frühjahr auf Programmteile
verzichten, die es zuvor von seinen Partnersendern TV Berlin und TV
München bezog. Beide deutschen Sender meldeten Insolvenz an. Sie hatten
der Wiener Kanal 1 Fernsehbetriebsgesellschaft gehört (siehe
Interview unten), die zu 49 Prozent auch an U1 beteiligt ist. Doch
damit noch nicht genug: Wegen der übernommenen Programmteile haftet U1
das Etikett «deutsch» an, obwohl der Sender zu 51 Prozent in Schweizer
Händen ist.
Trotz Imageproblem, Programmlücken und verfehlten Zielen dachten die
Investoren aber nicht ans Aufgeben. Kölbel erklärt dies so: «Der
Vorteil von U1 ist die nationale Konzession. Die grösseren
Zuschauerpotenziale von TV Berlin und TV München nützen wenig, weil die
Grosskunden keine regionalen Werbebudgets haben.» Ein zweites Plus von
U1: In der Schweiz sind die Plätze auf den Kabelnetzen begrenzt, was
den Spielraum für neue Konkurrenten einengt. Darum wählten die
U1-Investoren erneut eine Vorwärtsstrategie, wechselten aber die
Mannschaft aus, selbst den Geschäftsführer Thomas Sadecky, laut Kölbel
eine «einvernehmliche Lösung». An seine Stelle traten Simon
Schmidli vom ehemaligen U1-Schwestersender Intro TV sowie die
Österreicherin Beatrix Schartl, die 10 Prozent an der Wiener Kanal 1
hält und dort Gesellschafterin ist. Insgesamt sind wieder 40 Personen
bei U1 beschäftigt, drei Stellen sind noch offen.
Parallel dazu wurden die Kosten gesenkt, Beteiligungen abgestossen, das
Programm umgekrempelt und auf die Schweiz ausgerichtet – auch
sprachlich (siehe Kasten auf Seite 17). «Wir müssen jetzt mit dem
halben Budget viermal so viel Programm machen wie vorher», sagt Kölbel.
Ein neues Logo und neue Sendedesigns unterstreichen den Willen zum
Neuanfang. «Die Umstellung soll bis zum 1. Dezember abgeschlossen sein,
doch für die neue Mannschaft war die Stunde null am 1. September», sagt
Kölbel. Von da an werden ihre Leistungen gemessen. Die Vorgaben sind
laut Kölbel «ehrgeizig»: Ende 2006 muss U1 einen durchschnittlichen
Marktanteil von 3 Prozent erreichen, Ende 2008 gar 5 Prozent.
Teil des Neuauftritts ist das angekündigte Gratisprogrammheft
(Arbeitstitel: TVTime), das von der U1-Schwesterfirma U1 Programm TV
herausgegeben wird und nach Kölbels neusten Angaben ab 24. Oktober in
149 Boxen an Zürcher Haltestellen aufliegen soll. U1 habe die
Tageszeitungen vergeblich um Aufnahme in die TV-Programme gebeten,
begründet Kölbel den Schritt.
Der Investition liege auch eine Marketingidee zu Grunde: «Ein
Programmheft, in dem U1 gleichberechtigt neben anderen frei
empfangbaren Programmen vorkommt und in dem auch mal auf U1-Sendungen
hingewiesen wird, ist für unseren Sender die nachhaltigere Promotion
als eine einmalige Plakatkampagne.» Zudem hoffe er auf Inserate:
«TVTime muss spätestens in einem Jahr selbsttragend sein.» Der
Gratwanderung ist sich Kölbel bewusst: «Sobald TVTime als Programmheft
von U1 wahrgenommen wird, ist es tot», sagt er.
Damit der Schwierigkeiten nicht genug: In vielen der 1,8 Millionen
Haushalte, die U1 technisch erreichen kann, fehlt der Sender auf der
Fernbedienung. Darum setzt er künftig auf thematische Wochen, in denen
jeweils eine Stadt, eine Touris-
tenecke oder eine Messe möglichst gefässübergreifend (vom Reisemagazin
via Talk bis hin zur Kochsendung) vorgestellt wird. Man verfolgt dabei
eine Doppelstrategie: Die Sendungsmacher wollen bewusst möglichst viele
Leute interviewen und sie so dazu animieren, den Sender zu Hause zu
programmieren. Ähnlich beim örtlichen Gewerbe: U1 bietet KMU die
Produktion einer einminütigen Präsentation und eines 20-Sekundenspots
mit 30 Ausstrahlungen für 1800 Franken an. Finanziellen Gewinn rechnet
sich Kölbel davon nicht aus. «Aber die regionalen Wochen helfen uns,
Zuschauer auf U1 zu locken», sagt er.
Haupteinnahmequelle bleibt auch bei U1 die kommerzielle Werbung – mit
einem Sekundenpreis von 4 bis 36 Franken. Künftig will Kölbel den
Sender aber nicht mehr selbst vermarkten, er klopfte deshalb bei
Cinecom, Radiotele und IP Multimedia an. Wer anbeisst, ist offen.
Weitere Einnahmen erhofft sich Kölbel aus interaktiven Sendungen und
Spielen: Televoting, SMS, Merchandising und Zubehör für Spiele.
Markus Knöpfli