«Einen klaren Trend sehen wir nicht»
Kino Gemäss Mach Basic 2005 gehen deutlich weniger Junge ins Kino. Matthias Luchsinger, Geschäftsführer des Vermarkters Cinecom, sieht die Branche gefordert, glaubt aber, dass sie die Abwanderung stoppen kann.
weniger Junge ins Kino. Matthias Luchsinger, Geschäftsführer des
Vermarkters Cinecom, sieht die Branche gefordert, glaubt aber, dass sie
die Abwanderung stoppen kann. WW Die
Mach Basic 05 weist gesamtschweizerisch keinen signifikanten, aber doch
deutlichen Rückgang bei den Kinobesuchern aus – vor allem in der
Westschweiz. Wie interpretieren Sie diese Zahlen?
Matthias Luchsinger Zunächst
gilt es festzuhalten, dass die Mach-Basic-Daten für das Medium Kino nur
die Vergangenheit bis zum April 2005 abbilden. Aktuellere Trends
erhalten wir aus den Ticketverkaufszahlen von Procinema, dem Verband
der Kinobesitzer und Filmverleiher. Allerdings weist auch Procinema in
den ersten acht Monaten 2005 einen Rückgang von 12 bis 13 Prozent aus.
Doch jetzt, im September, zog es wieder an, unter anderem wegen des
Films «Mein Name ist Eugen». Demnächst kommen zudem Harry Potter und
King Kong ins Kino, sodass wir dieses Jahr insgesamt keinen grossen
Besucherrückgang haben werden.
WW Welche Rolle spielt das Wetter?
Matthias Luchsinger Das
Wetter ist sicher ein Faktor, aber nicht der entscheidende. Letztes
Jahr hatten wir einen schönen Sommer, dieses Jahr war er verregnet.
Dennoch hatten wir im 2004 mehr Besucher, weil eindeutig mehr
attraktive Filme liefen.
WW Die
Mach-Zahlen zeigen etwas, was bei den Procinema-Zahlen nicht
ersichtlich ist: Die 14- bis 34-Jährigen kehren dem Kino den Rücken,
dafür nimmt die Zahl älterer Besucher zu.
Matthias Luchsinger Tatsächlich
zieht die verbesserte Komfortqualität in den Kinos Personen ab 34
vermehrt an, das Kino erschliesst also neue Zielgruppen, was positiv
ist. Aber einen klaren Trend, wonach die Jungen nicht mehr ins Kino
gehen, sehen wir nicht. Das ist eine Momentaufnahme und auch wieder vom
Filmangebot abhängig. Letzten Herbst beispielsweise lief der Film
«Der Untergang», der eher ältere Leute ins Kino zog, welche die
Nazizeit noch erlebt haben. Etwas Weiteres kommt hinzu: Die Wemf weist
nur die Besucher ab 14 Jahren aus, hingegen die jüngeren, die auch
häufig ins Kino gehen, werden nicht befragt. Es wäre deshalb falsch zu
sagen, das Medium Kino verliere das junge Publikum.
WW Gemäss
Mach Basic verhalten sich die Jungen zudem nach Regionen sehr
verschieden: In Zürich sind die Zahlen stabil, in Basel, Bern und
Lugano nahmen die jungen Besucher um 25 bis 60 Prozent zu, während die
Luzerner, St. Galler und Westschweizer Kinos trotz neuer Multiplexkinos
15 bis 30 Prozent weniger Junge haben.
Matthias Luchsinger Diese
regionalen Unterschiede kommen mir komisch vor, weil ja das Filmangebot
überall etwa dasselbe war. Auch auf Grund der Ticketverkäufe kann ich
sie nicht nachvollziehen. Ich will zwar die statistische Genauigkeit
der Wemf nicht in Frage stellen. Aber ich muss doch ein Fragezeichen
betreffend die Zahl der Stichproben in den Regionen in der jungen
Zielgruppe setzen.
WW Vielleicht
haben aber doch die steigenden DVD-Verkäufe und die seit Frühling 2004
erlaubten DVD-Parallelimporte bei den Jungen einen Einfluss?
Matthias Luchsinger Dazu
eine einfache Antwort: In den Neunzigerjahren hatten wir
durchschnittlich 15,5 Millionen Kinobesucher pro Jahr. In den Jahren
2000 bis 2004 kommen wir auf einen Schnitt von 16,5 Millionen. Die
Kinoeintritte haben also klar zugenommen. Natürlich steigt der Druck
durch die Parallelimporte und durch die immer kürzere Zeit zwischen
Film- und DVD-Release. Doch dies spornte umgekehrt die Kinobesitzer
auch an, das Kinoerlebnis noch exklusiver zu machen, ihre Kinos noch
attraktiver zu bauen und mit neuen Kinozentren neue Regionen zu
erschliessen.
WW Aber
beim jungen Kinopublikum gehts doch über den Preis – und da ist eine
DVD-Ausleihe wesentlich günstiger als ein Kinoeintritt.
Matthias Luchsinger Zur Preispolitik der Filmindustrie kann und will ich nichts sagen. Wichtig ist, dass das Erlebnis Kino einzigartig ist.
WW Ein anderes Thema: Wie lief die Digitalisierung der Kinos an?
Matthias Luchsinger Das
digitale Kino ist seit 1. Juli Tatsache. Auf die Sommerpause hin haben
wir natürlich keinen Verkaufssturm erwartet. Im vierten Quartal ist
aber ein erster Effekt spürbar – und besonders wichtig: Die
Verkaufsgespräche für 2006 laufen sehr gut. Zudem ist die Tendenz
sichtbar, dass extrem viele TV-Kunden dank der Digitaltechnik nun auch
Kino buchen wollen, weil sie ihren TV-Spot nicht mehr neu fürs Kino
produzieren müssen. Darum kann ich schon jetzt sagen, dass wir im 2006
ein Umsatzplus verzeichnen werden.
WW Ist
die neue digitale Brücke zwischen Kino und TV der Grund, weshalb die
Cinecom kürzlich die Vermarktung des deutschen Privatsenders Kabel 1
von IP Multimedia übernehmen konnte?
Matthias Luchsinger Die
digitale Brücke hilft sicher, unser Gewicht im audiovisuellen Bereich
zu stärken. Wechselt hingegen ein Sender den Vermarkter, verspricht er
sich, so nehme ich an, meistens mehr Umsatz.
Interview: Markus Knöpfli
