Biografie Sein Name ist heute Allgemeingut.
Doch kaum jemand kennt den Ernst Litfass, der vor 150 Jahren die
Plakatwerbung neu erfand.Am Anfang war die Notdurft. Oder genauer,
die Schwierigkeiten mit der Entfernung von deren Resultaten. Mitte des
19. Jahrhunderts leiteten die Berliner ihr Ab(ort)wasser noch in die
Spree. Die Stadtoberen hatten zwar etwas dagegen, aber kein Geld für
eine Alternative. Wer kein Geld hat, braucht Ideen. Eine solche hatte
man auch: Ernst Litfass, der Brunnen mit Reklame bekleben wollte,
sollte für die Erlaubnis dazu 100 «Urinoirs» aufstellen. Die Verwaltung
hatte die Rechnung allerdings ohne den Drucker gemacht: Litfass stimmte
zu, doch im Vertrag, den der Polizeipräsident für die Stadt
unterzeichnete, stand zuletzt kein Wort mehr von Urinoirs.
Pakt mit der Polizei
Denn Litfass und sein Kumpan, der Polizeipräsident, hatten andere
Pläne. Sie störten sich an den wild plakatierten Anschlägen mit meist
aufwieglerischen Inhalten, die Berlin nach den Unruhen von 1848
jahrelang verschandelten. Und das, obwohl sich Litfass anfangs auch für
bürgerlich-republikanische Freiheiten stark gemacht hatte. Nicht auf
den Barrikaden, dafür am Setzkasten: Er druckte Flugblätter und gab das
satirische Revolutionsblatt «Berliner Krakehler» heraus. Weil er seine
demokratischen Hoffnungen bald begrub und zudem einen gesunden
Geschäftssinn hatte, bereitete ihm der Seitenwechsel keine Probleme.
Anders als seinem Kompagnon ging es Litfass nicht um Ruhe und Ordnung,
sondern um Geld und Einfluss. Mit dem genannten Vertrag hatte er sich
ein Monopol gesichert: Nur er durfte in Berlin so genannte
Annoncier-Säulen aufstellen, wie man sie in Paris und London schon
länger kannte. Am 1. Juli 1855 wurde die erste «Litfasssäule»
eingeweiht, mit einer eigens dafür komponierten Polka. 150 Jahre später
stehen allein in der neuen Bundeshauptstadt 4000 davon.
Zu Lebzeiten blieb Litfass jene Anerkennung verwehrt, die er so sehr
suchte. Obwohl er Bälle, Bankette und patriotische Jubelfeiern
inszenierte, obwohl er erfolgreicher und kreativer war: Er schaffte es
nie in die besseren Kreise Berlins. Litfass stand immer im Schatten der
Siemens, Halskes, Borsigs und Rathenaus. Vielleicht, weil er sich nie
einer Überzeugung hingab, weil er nur machte, was machbar war.
Vielleicht aber auch, weil er seine Nase zu oft nach dem Wind richtete,
ein gewiefter Marktschreier für sich selbst war.
Doppelleben eines Bohemian
Dass Ernst Litfass seiner Zeit voraus war, lässt sich auch daran
erkennen, dass er Reklame für seine Reklame machte. Das Plakat selbst
war für ihn bereits die Botschaft. Seine Litfasssäulen waren pure
Augenlust, huldigten wie «Totempfähle der Ware» – so Wilfried F.
Schoeller in seiner lesenswerten Biografie – und veränderten das
Stadtbild nicht nur in Berlin. Litfass war ein Grenzgänger zwischen
Kunst und Kommerz: Mit 34 Jahren gründete er das Theater Lätitia, und
unter dem Pseudonym Flodoardo trat der erfolgreiche Geschäftsmann als
Laiendarsteller und Freizeitpoet auf. Buchhändler, Drucker,
Schauspieler, Werbekolporteur, Erfinder, Poet, Impresario – Ernst
Litfass spielte viele Rollen gut. Am besten war er jedoch als
Selbstdarsteller. Nichts, was er tat, tat er ohne den Hintergedanken,
ob es ihm die Tür zu den höheren Kreisen aufstossen würde. Doch die
Standesbarrieren waren zu hoch. Erst nach seinem Tod verehrten ihn die
Berliner, wie er sich das immer ersehnt hatte. Heute liegt er in einem
Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin Mitte.
Roger Hausmann
Ernst Litfass, der Reklamekönig;
von Wilfried F. Schoeller. Schöffling & Co, Frankfurt a.M. 2005. 224 Seiten,
36 Franken.