Heinrich Reinacher hat mit Markenfilm
Schweiz einen Ableger des grossen deutschen Spotproduzenten gegründet
und will damit von hier aus in der internationalen Liga mitfilmen.Der erste Auftrag ist per SMS gekommen.
Stilgerecht – bei einem Spot für M-Budget mobile. Eine alte Kollegin
aus Agenturzeiten hat die frohe Anfrage übermittelt, als Heinrich
Reinacher gerade am Zusammen-
schrauben der Billig-Pulte war und noch gar
nicht für Kundengespräche eingerichtet. Inzwischen sind in einem
grossen Loft im Zürcher Steinfelsareal die Arbeitsplätze für drei feste
Mitarbeiter sowie ein Tisch für Freie einsatzbereit und bereits zwei
weitere Spots von Publicis für den Zürcher Verkehrs Verbund dazu
gekommen. «Man braucht für eine Filmproduktion heute Know-how,
Leidenschaft, und eine schnelle Internet-Verbindung. Den Rest sucht man
sich auf dem Markt zusammen», erklärt Reinacher sein Konzept einer
«Komprimierung von Markenfilm».
Auf die Idee für einen solchen Schweizer Ableger der mit Gründungsjahr
1957 ältesten und heute auch weltweit zu den Grössten zählenden
Werbefilmproduktionen in Deutschland ist Reinacher gekommen, als er die
letzten fünf Jahre als Head of TV bei Publicis in Zürich wirkte. In
dieser Funktion hat er zusammen mit Markenfilm Deutschland drei Spots
für Swisscom mobile «Go far, come close» gedreht, die «technisch sehr
aufwändigen» ZVV-Spots mit dem Tram als Schiff und dem Schiff als Bus
realisiert sowie zuletzt eine Serie von Top-Level-Spots für UBS
«Alinghi». Doch zuerst mal eine Rückblende.
Weil seine Frau Yvonne Amstutz einen länger dauernden Job als
Aufnahmeleiterin bei der Schweizer Serie «Die Direktorin» angeboten
bekam, wollte auch Heinrich Reinacher nicht mehr allein in Deutschland
bleiben. Er war als Absolvent der Dimitri-Schule dorthin ausgewandert
für eine Regieassistenz am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, später
Schauspielhaus Bremen und dann am Nationaltheater in Mannheim, bevor er
als Assistent der Regieklasse an die Filmakademie in Ludwigsburg
wechselte. In der Schweiz konnte die Vega Film ihm nur einen Job als
Fahrer bei der «Direktorin» anbieten. Der inzwischen vom Film völlig
infiszierte Reinacher sagte trotz dem hierarchischen Abstieg aber
sofort zu und realisierte erst nach dem Aufhängen des Telefons, dass er
eigentlich gar keinen Fahrausweis besass.
Da der zweite Fahrer auf dem Set in Bergün bereits zweimal Paris-Dakar
absolviert hatte, musste Reinacher ziemlich schnell lernen, damit die
Schauspieler schliesslich auch von ihm durch die sommerliche Landschaft
des Albulatals chauffiert werden wollten. Gelernt hat er bei diesem Job
aber nicht nur das Kurvenfahren. «Die Arbeit als Fahrer ist die beste
Grundausbildung für einen Produzenten», ist der Markenfilm-Chef heute
überzeugt. «Bei den diversen Botengängen lernt man viel über das
Timing hinter den Kulissen einer Produktion: Wo gibt es Stress und
wieso?»
Seine Erfahrungen konnte er später als Produktionsassistent für Ruth
Waldburger, Regieassistent bei Bruno Molls Spielfilm «Mekong» sowie als
Aufnahmeleiter bei Daniel Schmids «Beresina» und Fredi Murers
«Vollmond» einbringen. Zwischen diesen Grossproduktionen drehte
Reinacher auch seine ersten Werbespots beim Filmhaus, liess sich später
bei Turnus anstellen und suchte 1999 schliesslich seinen Einstieg in
die Welt der international konkurrenzfähigen Spots als Executive
Producer bei Publicis.
In dieser Funktion ist nun Markenfilm Deutschland mit einem Vorschlag
zum Joint-Venture in der Schweiz an ihn heran getreten. «Wir haben eine
lange gemeinsame Geschichte und wissen gegenseitig, auf was wir uns
einlassen. Ich habe mich nicht einfach in ein erfolgreiches Netzwerk
eingekauft.»
Mit den weltweiten Connections von Markenfilm im Rücken will Reinacher
«Hohe Kreativität mit einem Top Handling verbinden» und seinen
Auftraggebern Sicherheit bieten. «Heute sind Kunden extrem nervös, wenn
es um Werbespots geht. Man will kein Risiko eingehen und kennt die
besten Spots auf dem Markt. Da will niemand Geld in den Sand setzen.»
Zur Zeit dreht Reinacher in Island einen Spot für das
Sportbekleidungslabel Odlo. Diesen Film will er in Zürich mit einem
spezialisierten Cutter aus Prag offline schneiden, in London folgt die
Postproduction für das Bild, in Island wird im Umkreis des Regisseurs
das Sounddesign gemacht und in Zürich schliesslich gemischt. Für
Reinacher, der nach wie vor mindestens zwei Abende pro Woche damit
verbringt, die Showreels von internationalen Produktionen zu studieren,
ist das der Stil, «wie man heute Werbespots dreht».
Andreas Panzeri