Online-Bezahlmodelle Die schlingernde New York Times ärgert ihre Leser mit Gebühren für die Webnutzung.Der konservative Kommentator Mickey Kaus
konnte sich auf der Website slate.com vor Schadenfreude kaum halten:
«Vor ein paar Tagen schlug ich vor, den neuen Internetservice
TimesSelect mit TimesDelete zu ersetzen, einem Dienst, der es Lesern
erlaubt, die nervigsten Times-Kolumnisten zu löschen. Aber das ist gar
nicht nötig. TimesSelect ist Time Delete!» Der einflussreiche Blogger
war damit nur eine der vielen Stimmen, die das neue Online-Bezahlmodell
der New York Times für eine schlechte Idee halten. «Die öffentliche
Debatte funktioniert besser, wenn Kommentar und Meinung ungehindert
erhältlich sind», argumentiert er. «Das Free-Content-Modell ist daher
besser für die Demokratie.»
Doch die New York Times, deren wirtschaftliche Bilanzen in den letzten
Jahren nicht so rosig aussahen (siehe Kasten), will sich aus der
Abhängigkeit von launischen Werbeeinnahmen lösen und hat daher das
heiss diskutierte Online-Bezahlmodell TimesSelect eingeführt. Der
Zugang zu den Artikeln seiner einflussreichsten Kolumnisten wurde damit
gebührenpflichtig. Fünfzig Dollar jährlich müssen die insgesamt 12,5
Millionen Unique Visitors der Onlineausgabe nun zahlen, um einige der
grössten Stars des amerikanischen Journalismus wie Thomas Friedman,
Paul Krugman und Maureen Dowd lesen zu können. Nicht mehr als der Preis
«einiger Gläser Martini», wie Online-Chef Martin Nisenholtz verlauten
liess.
Das Referenzblatt will seine Leserschaft mit Zusatzangeboten wie dem
unbeschränkten Zugang zu den Times-Archiven seit 1981 überzeugen.
Darüber hinaus sollen die populären Kolumnisten mehr als nur die
üblichen Meinungsbeiträge liefern. Thomas Friedman etwa, dessen neues
Buch «The World is Flat» ihn zum Liebling der Business-Elite gemacht
hat, liefert ein Webfeature namens «Talking World Politics with Thomas
Friedman», über das auch Leser mit ihm diskutieren können. John Tierney
hat einen Online-Buchclub aufgebaut, und Globetrotter Nicolas Kristof
bietet künftig einem Collegestudenten an, sich mit ihm auf eine
Recherchereise zu begeben. Business-Kolumnistin Gretchen Morgenson
führt ein interaktives Feature über Löhne in der Geschäftswelt, und
Sportreporter bieten öffentliche Diskussionsrunden an.
Blogger tun sich schwer
Die Bloggerwelt, in der die Diskussion der Times-Kolumnen zum täglichen
Brot gehört, tut sich am schwersten mit TimesSelect. Manche hatten
angekündigt, sie könnten sich die Gebühr nicht leisten, andere
versuchten eine Zeit lang, TimesSelect zu umgehen. Der Blogger John
Tabin nutzte in den ersten Wochen den Umstand, dass die Times ihre
Kolumnisten über ein Syndikationsmodell in regionalen Zeitungen
verbreitet, die die Kolumnen auf ihre Webseiten stellten. Unter der
Schlagzeile «Who Needs TimesSelect» listete er täglich alle verfügbaren
Links zu den Regionalzeitungen. Doch auch damit wird nun Schluss sein:
Die Times hat ihre Kooperationspartner aufgefordert, die Kolumnen
ebenfalls zu verschlüsseln.
Auch «The Unofficial Paul Krugman Archive», die Website eines
Krugman-Fans, löste eine mahnende E-Mail des Star-Ökonomen selbst aus,
in der er schreibt: «Leider, leider – die Times hat sich beschwert. Sie
haben mich gebeten, diese Notiz zu schreiben und darum zu bitten, die
Kolumne nicht mehr kostenlos zur Verfügung zu stellen. Schade.»
Doch viele Medienmacher halten das Modell für sinnvoll. «Die Times hat
damit etwas Einzigartiges angefangen», sagte etwa Melinda Gipson,
Direktorin für elektronische Medien bei der Newspaper Association of
America (NAA). «Es zeigt, dass das Internet nicht mehr nur ein grosses
Experiment ist, sondern ein Mittel für die Zeitungen, neue
Leserschichten zu erschliessen.»
Gerti Schön
Für und wider Gratiscontent
Die New York Times hadert seit 2002, ihrem letzten grossen Erfolgsjahr,
mit sinkenden Einnahmen, instabilen Werbeumsätzen und sinkenden
Aktienpreisen. Die Auflage stagniert bei rund 1,1 Millionen trotz
grosser Anstrengungen, die Zeitung weiterhin verstärkt auf nationaler
Ebene zu bewerben. Daher will die Geschäftsleitung jetzt 500 Stellen
der NYT Company innert eines Jahres abbauen. Obwohl die grössten
Einschnitte bei der NYT (Zeitung) mit 1200 Beschäftigten
geschäftsseitig zu erwarten sind, gehen doch 45 Redaktionsstellen
verloren.
Die New York Times kämpft mit dem gleichen Problem wie viele ihrer
Konkurrentinnen: Die meisten Einnahmen des Titels kommen nach wie vor
durch das traditionelle Zeitungsgeschäft herein, doch das Medium der
Zukunft ist zweifellos das Internet. Zum Vergleich: Der Onlinebereich,
zu dem neben der New York Times Digital und boston.com auch der
Informationsdienst about.com gehört, verzeichnet ein stabiles Wachstum
von jährlich 30 bis 40 Prozent und einen Umsatz von 100 Millionen
Dollar.
Die Geister streiten sich darüber, ob es Sinn macht, für Onlinecontent
Gebühren zu verlangen. Lediglich 39 der rund 1500 Zeitungs-Websites in
den USA verlangen derzeit laut der NAA Gebühren, häufig für
spezialisierte Services wie Sportnachrichten oder lokale Informationen.
Die Gegner der Bezahlpraxis verweisen auf frühere Versuche etwa der Los
Angeles Times. Das Blatt hat die Gebühren für einen Entertainmentdienst
inzwischen wieder eingestellt. Die Befürworter dagegen argumentieren
mit dem Wall Street Journal und seinen 750000 Abonnenten. (gs)