Sportsponsoring (I) Die National
Association for Stock Car Auto Racing, Nascar, wird in den USA zur
immer beliebteren Werbeplattform. 2004 erzielte sie einen Umsatz von drei Milliarden Dollar – und einen noch höheren Werbewert. Amerikas grösste Filmstars scheinen einen
neuen Lieblingstreffpunkt gefunden zu haben: Es sind nicht mehr nur die
roten Teppiche der Oscar- und Emmy-Zeremonien, wo man Celebrities wie
John Travolta, Britney Spears oder Ben Afflek antrifft. Neuerdings
tummeln sie sich öfter auf dem schwarzen Teerbelag des Daytona
International Speedway in Florida, wo einige der Wettbewerbe des
Nascar-Rennzirkus stattfinden. Sie singen dort nicht nur die
Nationalhymne oder geben das berühmte Startkommando «Gentlemen, start
your engines». Sie kommen ausserdem, um ihre neuen Filme oder Alben zu
promoten und weil sie dort genauso viel Publicity bekommen wie auf der
Couch von Jay Lenos’ «Late Night Show». Nascar profitiert davon, dass
die berühmten Gesichter noch mehr Zuschauer vor den Fernseher holen als
die derzeit 5,5 Millionen TV-Haushalte in den USA, wenn die Rennen
übertragen werden. Allerdings fliesst bei den Cross-Promotion-Deals in
der Regel kein Geld. «Wir haben eine gute Beziehung zu Hollywood und
haben jetzt auch ein Büro in Los Angeles», sagt Andrew Giangola, der
Direktor für Businesskommunikation bei Nascar. «Das ermöglicht den
Unterhaltungskonzernen, durch Nascar Marketing zu betreiben.»
Und umgekehrt: Nascar war in diesem Sommer einer der Hauptsponsoren des
Films «Herbie: Fully Loaded» mit Teenstar Lindsay Lohan, in dem das
Filmmotiv von «Herbie», einem Oldtimermodell des VW Käfer, wiederbelebt
wurde. «Herbie» soll in dem Film bei einem Nascar-Rennen antreten, und
bei den Dreharbeiten in Daytona ergab es sich wie selbstverständlich,
dass Starrennfahrer wie Jeff Gordon und Tony Stewart Nebenrollen
bekamen. «Nascar wird so zum Bestandteil der Popkultur», sagt Giangola.
Der Nascar-Rennzirkus hat sich zu einer der populärsten und
imageträchtigsten Sportarten der USA entwickelt. So gilt Nascar nach
dem American Football als der Sport, der am häufigsten im Fernsehen
gesehen wird. Laut einer Umfrage der Sportbusiness-Agentur Turnkey
glauben 50 Prozent der befragten Topmanager in der Industrie, dass
Nascar ein «aufgehender Stern mit noch mehr Wachstumspotenzial» ist.
Die Zahlen sprechen für sich. Der Jahresumsatz wird auf drei Milliarden
Dollar geschätzt und setzt sich folgendermassen zusammen: 50 Prozent
aus Sponsorships (1,5 Mrd. US-Dollar), jeweils rund 15 Prozent aus den
Einnahmen für Übertragungsrechte (543 Mio. US-Dollar) und Tickets (429
Mio. US-Dollar) sowie Merchandising (322 Mio. US-Dollar) und Essen und
Trinken (184 Mio. US-Dollar). Allein der Wert der kostenlosen Werbung
für die Nextel-Cup-Serie hat sich zwischen 1995 und 2004 versiebenfacht
– von 0,6 auf 4,2 Milliarden Dollar.
Fans mit hoher Markenbindung
Nascar gilt als cool. Nicht nur bei den Besuchern und Zuschauern am
Fernsehschirm, sondern auch bei den Werbern und Autoherstellern, die
vor Ort vertreten sind. Die Events sorgen bei den Fans für «ein
Markenbewusstsein auf höchstem Level», sagt Terry Dolan, Nascar
Marketing Manager bei Chevrolet. Die Botschaft sei: «Wenn Sie ein Auto
herstellen können, das bei so hoher Geschwindigkeit eine solche
Leistung hervorbringt, dann muss es schon eine ziemlich gute Qualität
haben.» In seinen Anfangsjahren, also nach dem 2. Weltkrieg, bedeutete
dies strikt, dass alle Marken, die daran teilnahmen, in dieser Form
auch von der Öffentlichkeit auf der Strasse gefahren wurden. Über die
Jahre wurden gewisse Extras erlaubt, etwa bei Reifen, Federung und
Sicherheitsausstattung. Obwohl die Nascar-Rennwagen heute mit den
Modellen in den Schaufenstern der Markenhändler nur noch wenig gemein
haben, werden weiterhin Autos gut verkauft, die Rennen gewinnen. «Die
Fans assoziieren sich nun mal gern mit einem Sieger», meint Dolan. Auf
diese Weise kommt der alten Binsenweisheit aus den 50er-Jahren, «Fahr
Rennen am Sonntag, verkaufe Autos am Montag», noch immer eine gewisse
Gültigkeit zu: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nascar-Fan ein dort
teilnehmendes Auto kauft, ist nach Angaben des Chevrolet-Managers
fünfmal höher als bei anderen Marken. Die Kaufentscheidung wird den
Fans auch durch so genannte Mini-Autoshows erleichtert, die vor jedem
Rennen vor der Arena abgespult werden, um ihnen die stundenlange
Wartezeit bis zur Öffnung zu vertreiben.
Hoher Werbewert garantiert
Besonderen Wert für die Nascar-Marketer hat die Übertragung der Rennen
im Fernsehen, für die die beiden Networks NBC und Fox und deren
Kabelkanäle gemeinsam 400 Millionen Dollar jährlich über einen Zeitraum
von sechs Jahren zahlen. «So bekommen die Autos endlose Möglichkeiten,
ihre Logos zu zeigen», sagt Eric Wright von dem Forschungsinstitut
Joyce Julius & Associates, das die Effektivität von Markenwerbung
im Fernsehen berechnet. «Und weil die Moderatoren die Wagen gern
vergleichen, bekommen sie auch noch kostenlose Nennungen.» Chevrolet,
eine der am häufigsten gezeigten Marken, bekam dadurch im vergangenen
Jahr «kostenlose» TV-Werbung in der Höhe von 414 Millionen Dollar.
Ähnliche Nennwerte konnten auch Ford, Dodge und Pontiac verbuchen.
Doch nicht nur die Autohersteller profitieren von den Übertragungen.
Vor allem die Eventsponsoren profitieren von denselben Vorteilen. Ist
es doch gang und gäbe, dass die Rennen on Air mit ihren Sponsorennamen
wie «Nextel Cup» oder «Nascar Busch Series» genannt werden. Und die
Firmen werden für ihre Sponsorships massiv zur Kasse gebeten: Alleine
Nextel sicherte Nascar 2004 insgesamt 750 Millionen Dollar für ein zehn
Jahre dauerndes Engagement zu. Selbst Unternehmen, die mit der
Autoindustrie nicht direkt etwas zu tun haben, sind mit
Flächenbuchungen wie Bandenwerbung dabei. Über 100 der
Fortune-500-Firmen, wie Hewlett & Packard, Coca-Cola und UPS,
fahren im Sponsorentross der publikumswirksamen Nascar-Veranstaltungen
mit.
Eine einzigartige Community
Und damit nicht genug. Auch die Nascar-Fans, von denen es 75 Millionen
in den USA gibt – über ein Viertel der Gesamtbevölkerung –, gelten als
einzigartig. «Sie fühlen sich dazugehörig», schwärmt Giangola. Eine
Studie des Center for Sports Sponsorship an der
James-Madison-Universität in Virginia ergab, dass Nascar-Fans eher die
Marken der Nascar-Sponsoren kaufen als andere Bevölkerungsgruppen. «96
Prozent derjenigen, die sich ‹grosse› Fans nennen, wissen, dass
Budweiser der Sponsor des Nascar-Rennfahrers Dale Earnhardt Jr. ist»,
sagt Larry DeGaris, Direktor des Zentrums. «Ich habe ähnliche Umfragen
bei anderen Sportarten gemacht, und keine reicht auch nur annähernd an
diese Zahlen heran», sagt er. Ausserdem finden es die Fans gut, dass
Unternehmen Geld in ihren Sport stecken: 93 Prozent der Befragten gaben
an, Sponsoren seien «sehr wichtig». Angesichts dieser Zahlen wundert es
nicht, wenn DeGaris, ein erkärter Nichtfan, zusammenfasst: «Ein
Sponsorship bei Nascar ist das beste Investment im Marketingbereich.»
Gerti Schön