Gratispresse Mit der Zuger Presse baut
NLZ-Herausgeberin LZ Medien ihre Gratiszeitungen deutlich aus. Damit
zielt sie auf die Vormachtstellung von Gratistitelkönig Rolf-Peter Zehnder.Seit Jahren ist das Luzerner
Medienunternehmen LZ Medien, Herausgeberin der Neuen Luzerner Zeitung
(NLZ), daran, sein Einzugsgebiet Zentralschweiz auf allen Ebenen zu
beackern. Am deutlichsten sichtbar ist dies bei den Wochenzeitungen:
Vier von über einem Dutzend Titeln im Raum Innerschweiz befinden sich
im Besitz des Unternehmens, oder dieses ist stark beteiligt, sechs
weitere werden bei der LZ gedruckt. Ähnlich ausbreiten will sich das
zur NZZ-Gruppe gehörende Medienunternehmen auch im Akzidenzdruck: Nach
der Gründung der eigenen Druckerei Multicolor Print setzte es in den
letzten zwei Jahren mit weiteren Beteiligungen bei Druckereien den
Konzentrationsprozess in diesem Bereich fort. Selbstredend baut das
Unternehmen auch bei den elektronischen Medien aus.
Der Grund für diese Expansionen: Die Neue Luzerner Zeitung, das
Flaggschiff des Konzerns, kann nur noch sehr begrenzt wachsen, die
Haushaltabdeckung beträgt bereits über 60 Prozent. Das Vorstossen in
andere Sphären bietet zudem Möglichkeiten für crossmediale Angebote,
zudem wird das Klumpenrisiko verkleinert.
Einen Bereich hat LZ Medien bisher aber noch kaum bearbeitet: jenen der
Gratiszeitungen. Im Dickicht der unzähligen Innerschweizer Gratistitel
besitzt der Luzerner Printgigant nur gerade den Zugerbieter, das
amtliche Publikationsorgan von Baar (10800 Exemplare). Dass sie es
dabei nicht bewenden lassen will, hat LZ Medien schon letztes Jahr
überdeutlich gemacht, indem sich das Unternehmen zu 30 Prozent am
Verlag Anzeiger Luzern beteiligte, der die wöchentlichen Gratisblätter
Anzeiger Luzern (113000 Exemplare) und Luzerner Woche (135000
Exemplare) herausgibt. LZ Medien bewarb sich zudem – allerdings
erfolglos – bei den SBB um exklusive Boxenstandorte für ein
mittlerweile sistiertes Gegenprojekt zum expandierenden Pendlerblatt 20
Minuten.
Vor diesem Hintergrund ist die kürzlich erfolgte Übernahme (90,4%) der
Zuger Presse und vor allem deren Umwandlung per 1. Januar 2006 in eine
mittwochs erscheinende Gratiszeitung zu verstehen. Die Zuger Presse ist
für LZ Medien jedoch mehr als nur ein weiterer Gratistitel. Sie bietet
handfeste und strategische Vorteile: Der bisher etwas verlorene
Zugerbieter lässt sich als Split in das neue Gratisblatt, das künftig
mit einer Auflage von gut 40000 Exemplaren erscheint, integrieren und
redaktionell verstärken. Vor allem aber kann LZ Medien als neuer Big
Player im Innerschweizer Gratiszeitungsmarkt endlich dem bisher
grössten Anbieter, dem Verleger Rolf-Peter Zehnder in Wil (St. Gallen),
Paroli bieten. Denn Zehnder, der in der Deutschschweiz mehr als 20
Gratistitel druckt und verlegt, nascht mit seinen drei Blättern Zuger
Woche, Luzerner Rundschau und Schwyzer Woche (Gesamtauflage 85500
Exemplare) schon seit rund zehn Jahren vom Inseratemarkt der
Zentralschweiz. Mit dem Anzeiger Luzern und Zuger Presse im Portfolio
hat LZ Medien im Kampf um Marktanteile in diesem Segment zweifellos
längere Spiesse als bisher.
Erwin Bachmann, VR-Delegierter LZ Medien, weist jedoch solche
strategischen Überlegungen von sich. «Zehnder ist nicht der Auslöser
für unseren Zukauf», betont er. Nicht LZ Medien sei auf die Zuger
Presse zugegangen, sondern sie sei ihr angetragen worden. Zudem hätte
sich das wöchentlich mehrmalige Erscheinen der Zuger Presse auch unter
dem LZ-Dach nie rechnen lassen, trotz gewisser Synergien. «Die
konsequente Umwandlung der bisher gratis verteilten Grossauflage in
eine Gratiszeitung ist somit das einzige vernünftige Konzept, um im
Marktraum Zug eine zweite Stimme zu erhalten», rechtfertigt Bachmann
den Entscheid.
Dennoch: Was liegt näher, als den Anzeiger Luzern und die Zuger Presse
per Inseratekombi (gegen Zehnder) zu verkuppeln. Lachend bestätigt
Bachmann entsprechende Gespräche: «Ein Entscheid steht unmittelbar
bevor.» Auch Kombis mit Gratistiteln einheimischer Verlage vorab in
Schwyz, aber auch in Uri oder Ob- und Nidwalden werden jetzt
wahrscheinlich. «Die neue Konstellation bietet die Möglichkeit, sich
darüber Gedanken zu machen», stimmt Bachmann zu. Bei der Frage nach
weiteren Gratistitel-Zukäufen weicht er jedoch aus. «Wir sind generell
an allem interessiert, was in der Zentralschweiz gedruckt, kommuniziert
und verbreitet wird», sagt er.
Wie aber sieht Verleger Rolf-Peter Zehnder in Wil die neue Situation in
der Zentralschweiz? «Wir begrüssen diese Übernahme sehr, denn nun wird
auf dem Platz Zug wohl wieder mit gleich langen Spiessen gekämpft»,
sagt Zehnder. Die Millionensubventionen ihres bisherigen Hauptaktionärs
Daniel Brunner hätten es der Zuger Presse ermöglicht, ständig die
Inseratepreise zu drücken. Zehnder: «Da konnte unsere Zuger Woche nicht
mithalten.» Nun hoffe er mit LZ Medien und Publicitas auf seriösere
Marktpartner. Doch auch er hat die neue Gefahr aus Luzern wahrgenommen
und deshalb nach urschweizerischer Tradition bereits ein paar Pfeile
aus dem Köcher gezogen: So lässt er durchblicken, dass er bei der Zuger
Woche die Verdoppelung der wöchentlichen Auflage von derzeit 25600
Exemplaren auf 54000 sowie eine Bruttozustellung an alle Haushalte im
Kanton plant – so wie das die Zuger Woche schon heute, aber nur einmal
pro Monat macht. Auch bei der Luzerner Rundschau fasst er eine
Auflagenerhöhung und die Verteilung in bisher nicht berücksichtigten
Stadtteilen ins Auge. «Wir stehen jedenfalls Gewehr bei Fuss», sagt
Zehnder.
Jugend im Blickfeld
Es gehört zur erklärten Strategie der LZ Medien, das Augenmerk
verstärkt auf die Jugend zu richten, erst recht, da man die eigene
Pendlerzeitung nicht lancieren konnte. Im ersten Quartal 2006 soll nun
aber ein erster konkreter Schritt hin zu den Jugendlichen in Form eines
wöchentlichen Tabloid-Magazins erfolgen, das der Neuen Luzerner Zeitung
beigelegt wird. Weitere Einzelheiten zu dieser neuen Beilage wollte
Erwin Bachmann noch nicht bekannt geben.
Kein Schiffbruch für Mikrozeitung
Die Zuger Presse gehörte zu jenen Zeitungen, die sich von Urs
Gossweiler, Verleger der Jungfrau Zeitung und Entwickler des so
genannten Mikrozeitungskonzeptes, beraten liessen. Bedeutet nun der
Schiffbruch der Zuger Presse gleichzeitig auch, dass Gossweilers
Konzept in Zug untauglich war? «Nein», sagt Gossweiler entschieden,
«das wäre ein Kurzschluss.» Getreu seinem Konzept habe er in Zug
empfohlen, die Erscheinungsweise auf zweimal wöchentlich zu reduzieren,
auf eine Grossauflage zu verzichten, Redaktion und Verlag zu
verschlanken, bei den Inseraten auf Module umzustellen, die
Ressorteinteilung im Blatt nach Themen statt nach Gemeinden oder
Regionen zu gliedern und bei der EDV auf ein und demselben System
Online- und Printmedien zu bearbeiten. «Für eine funktionierende
Mikrozeitung braucht es das Zusammenspiel aller dieser Elemente»,
betont Gossweiler. Die Zuger Presse habe jedoch nur gerade ihre
Erscheinungsweise reduziert – und auch dies nur vorübergehend.
Gossweiler: «Die Zuger Presse war nicht annähernd eine Mikrozeitung.
Nie!»
Markus Knöpfli