Spirituosen Advico, Young & Rubicam hat Cynar wieder entdeckt und präsentiert den Brand pur statt neumodisch gemixt.Werbung für Alkohol darf nicht aus dem
Vollen schöpfen. Die mediale Verführung zum Trinken muss vor der
Publikation zuerst der Eidgenössischen Kommission für Alkoholfragen
vorgelegt werden. Noch vor dem Anstossen wegspülen kann man Werbung,
die Alkohol in Verbindung mit schönen Emotionen oder elegantem
Lifestyle zum Wirken bringt. Nicht gestattet sind Abbildungen mit
trinkenden Menschen. Diese sind nur erlaubt, wenn sie bei der
Herstellung von Alkohol gezeigt werden. In diesem Fall dürfen sie aber
nicht besonders schön sein. Bleibt für die Werbung also nur noch:
Reinen Wein einschenken oder sonstwie völlig nüchtern werben.
Politisch korrekt werben
Keine leichte Aufgabe also für Advico, Young & Rubicam, nach dem
Feiern des Budgetgewinns von Cynar die Freude über diesen Drink auch
einer breiteren Öffentlichkeit politisch korrekt vermitteln zu können.
Die Lösung haben CD Urs Schrepfer und AD Christian Bobst zusammen mit
ihrem Team in einem raffinierten Destillat aus altbewährten Ideen
gefunden. Die neue Kampagne von Advico Young & Rubicam für Cynar
präsentiert nämlich eine echte Neuigkeit: Das Alte.
«Alles neu!» heisst meistens der neuste Schrei der Werbung. «Hier
schreien wir genau das Gegenteil zurück: den Anti-Neuigkeitswahn»,
meint Schrepfer. Das Layout und die Tonalität der Headlines für die
Cynar-Kampagne wirken deshalb wie eine Persiflage auf klassische
Neueinführungskampagnen. Denn Cynar ist nicht neu. Im Gegenteil, kaum
ein anderes Getränk hat sich in den letzten Jahrzehnten so wenig
verändert.
Genau das kommuniziert die neue Kampagne nun als grosse Stärke: «Jetzt
noch unveränderter. Bitter wie eh und je», lautet eine Headline und die
dazugehörige Baseline. Der Claim bringt die überraschende Botschaft auf
einen Nenner: «Cynar bleibt sich treu.» Für den Verbraucher ein
wohltuendes Versprechen, in einer Zeit, in der die meisten Produkte
ständig neu sein müssen.
Neu sollen bei Cynar also nur die Konsumentengruppen sein, die man
neugierig auf Cynar machen will. Dazu sollen treue Cynar-Trinker in
ihrem Trinkverhalten bestätigt werden.
Als passendes visuelles Stilmittel hat sich AY&R für eine leichte
Retro-Grafik entschieden, die aber trotzdem modern wirken soll. Da
Cynar kein teurer Drink ist, aber eine gewisse Wertigkeit hat, war es
auch wichtig, dass der Stern in dieser Grafik als Ironie erkannt wird.
«Der Stern darf auf keinen Fall für billige Aktionen
stehen», meint Schrepfer.
Da die Leute «das Gefühl haben, man sehe keine Cynar-Werbung mehr», wie
AY&R festgestellt hat, wollte man «keine leise Kampagne» machen.
Die erste verkaufsunterstützende Welle erscheint noch vor Weihnachten
mit Anzeigen in der SonntagsZeitung, in der NZZ am Sonntag, im Faces,
auf Plakatstellen sowie an POS in Bars und Restaurants. Hier finden
sich zum Beispiel «Bier»-Deckel, auf denen auf der Rückseite auch mit
einem ausführlicheren Text erklärt wird, wieso Cynar über all die Jahre
hinweg sein Rezept nicht verändert hat.
Cynar wird von der Campari-Gruppe auf den Markt gebracht. Diese hat
ihren Ursprung 1860 in Italien und beschäftigt heute 1500 Angestellte.
Ihre Produkte werden in 190 Ländern rund um die Welt verkauft, mit
Führung in Italien und Brasilien sowie einer starken Präsenz in den
USA, Deutschland und der Schweiz.
Bei AY&R herrscht Freude
Das Segment der Gruppe Campari umfasst drei Linien mit Spirituosen,
Wein und Soft Drinks. Die bekanntesten Marken im Portfolio sind neben
Campari inzwischen Cynar, Skyy Vodka, Aperol, Cinzano, Ouzo 12, Dreher,
Crodino und viele mehr.
Das Budget für Campari Schweiz ist seit neun Monaten bei AY&R. Der
Auftrag hat sich im Rahmen eines Agenturbesuchs des potenziellen Kunden
entwickelt.
Die Werber in Gockhausen freuen sich, dass Marketing Manager Peter
Schmid und Brand Manager Tamara Guldin bei Campari Schweiz «den mutigen
Ideen für die alt wirkende Kampagne sofort gefolgt sind». Um breit
abgestützt in den Werbefeldzug ziehen zu können, ist die Kampagne
vorgängig getestet worden. Ein gutes Gefühl sei es schliesslich
gewesen, dass auch der Abwart bei Advico in Gockhausen die Arbeit beim
zufälligen Entdecken der Sujets spontan als «gute Werbung» aufgenommen
hat.
Andreas Panzeri