Frank Bodin, CEO von Euro RSCG, über Identitätsbildung und die noch härter werdende Gangart in der Werbebranche. Ein Rück- und Ausblick.ww:Lange hat die Werbebranche auf eine Erholung gewartet. Obschon sie nunda ist, kommt keine Feierlaune auf. Sitzen die Probleme doch tiefer?
Frank Bodin: Generell beschäftigen sich die Agenturen weiterhin mit
vier Problemkreisen. Erstens: Die Werbung ist und wird zu einem noch
härteren Verdrängungsmarkt. Und das bei einem immer kleiner werdenden
Kuchen. Einige wenige, immer stärkere Agenturen werden überproportional
profitieren, während die Mehrzahl der Agenturen immer schwächer aus
diesem Wettkampf hervorgehen wird.
Mit welchen konkreten Folgen?
Man wird sich auf einen mehr oder weniger stagnierenden Werbemarkt
einstellen müssen, in dem der Gesamtumsatz durch mehr Disziplinen
generiert wird.
Mit welchen weiteren Problemen müssen sich die Agenturmanager sonst noch befassen?
Mit den globalisierten Marken, die ihre Kommunikationsetats zentral
steuern. Und dass sie ihre Kampagnen immer seltener für unseren
bescheidenen Markt entwickeln lassen, sondern für den gesamten deutsch-
oder französischsprachigen Raum, sprich: im Ausland. Als dritter
Problembereich sehe ich die Spezialisierung in der Werbebranche.
Eigentlich ist Werbung per se tot. Es genügt längst nicht mehr, nur in
klassischen Mustern zu denken. Man denke nur an Crossmedia, um ein
Modewort zu nennen. Die Konsequenz davon und zugleich mein vierter
Punkt ist das immer schwieriger zu lösende Profitabilitätsproblem in
der Hochpreisinsel Schweiz.
Darunter leiden andere Branchen auch.
Anders als in diesen waren Wissensdienstleistungen wie die
Kommunikation sehr lange von heimischen Anbietern bestimmt. Doch auch
hier findet über den Kostendruck eine Liberalisierung statt. Der Markt
öffnet sich auch den Fachleuten aus dem Ausland, die häufig günstiger
sind.
Auf all diese Fragen hat die Branche demnach noch keine Antworten?
Die meisten Probleme sind im Wesentlichen seit fünf Jahren unverändert bekannt. Sie werden jetzt aber noch schärfer.
Wie erklären Sie sich dieses Hinauszögern?
Gewisse Agenturen lebten von ihren Reserven, die nun aber aufgebraucht
sein dürften. Man muss sich doch wundern, dass es in der Schweizer
Werbebranche fast keine Flurbereinigung gegeben hat.
Sie rechnen mit einem weiteren Schrumpfungsprozess?
Man muss unterscheiden zwischen Sein und Schein. Es gibt immer noch
Agenturen, die sich so geben, als wären sie unglaublich wichtig und
gross. In Tat und Wahrheit sind es bescheidene KMU.
Im Unterschied zu denwirtschaftlichen und marketingtechnischen Dimensionen sprechen Sie hieraber von einer zweifelhaften Identitätsbildung in der Agenturbranche.
Die Diskussion über Selbstdarstellung und Selbstverständnis wurde in
den Krisenjahren tatsächlich nahezu vergessen. Wir müssten uns wieder
vermehrt damit befassen, welches Produkt wir denn eigentlich
herstellen. Die Output-Auseinandersetzung hat sich immer mehr zur
Strategie-Briefing-Kommunikationsgelder-Diskussion verlagert. Gut zu
beobachten ist dieses Phänomen bei der Diskussion um die
Tabakwerbeverbote, bei der alle die auf dem Spiel stehenden
Werbeinvestitionen mit Lobbying und anderen Mitteln zu retten
versuchen. Das ist meines Erachtens falsch.
Wieder der bekannte «Aussenseiter-Frank-Bodin».
Richtiger wahrscheinlich der «Versuchen-wir-anders-zu-denken-Bodin».
Tatsache ist doch, dass vielfach die Werbung, die wir machen, als
störend empfunden wird. Drei von vier Befragten finden TV-Spots
belästigend. Da müssen wir uns doch fragen: Welcher Politiker wird uns
helfen, welche Politikerin will Werbung für einen wichtigen
Industriezweig? Würde hingegen unsere Arbeit von der Bevölkerung
geschätzt, gäbe es keine Diskussion um Werbeverbote.
Und welche Schlüsse muss die Branche aus dieser These ziehen?
Die Kunden, die Medien und die Kommunikationsbranche müssen sich
gemeinsam überlegen, was sie den Leuten bieten wollen. Wenn sich die
Werbebranche nämlich als Teil der Unterhaltungsindustrie begreifen
würde und ihre Inhalte über die verschiedenen Kanäle in unterhaltsamer
oder zumindest ansprechender Art herstellt und verbreitet, dann könnte
sie ein neues Verständnis des Werbeberufes entwickeln. Dann kämen wir
weg vom isolierten 30-Sekunden-TV-Spot-Denken und hin zu neuen Formen
der kommerziellen Kommunikation, hin zu einer Branche, die wieder
Sexappeal hat.
Sie plädieren für mehr Selbstreflexion, damit sich die Branche nicht mehr sich selbst im Weg steht?
Ich sage nicht, dass sich jeder mit sich selbst beschäftigen muss,
sondern, dass der einzige Weg ein Miteinander sein kann. Ein Beispiel:
Nur wenn es den wichtigsten Agenturen gelingt, sich gemeinsam für den
multikulturellen, mehrsprachigen und in vielen Belangen wegweisenden
Kreativstandort Schweiz einzusetzen, lassen sich Global Player
anlocken. Ihre Suche nach sehr hohem Standard sollte nicht in London,
New York oder Paris enden, sondern auch mal in Zürich oder Genf oder
Bern. Wenn eine Agentur für sich alleine versuchen will, sich oder den
Standort Schweiz international attraktiv zu machen, dann wird sie nicht
nachhaltig reüssieren. Das ist denn auch eine der Aufgaben und
Ausrichtung eines Branchenverbandes wie der BSW, in dem ich im Vorstand
bin.
Sie sprechen unsere Heritage wieSwiss Graphic Design, GGK und den immer aktuellen kreativenExportschlager Architektur an. Im Gegensatz zu Letzterer muss man aberakzeptieren, dass die Kommunikation zu flüchtig und schnelllebiggeworden ist, um sich überhaupt mit Tradition und Know-howinternational erfolgreich zu positionieren.
Das stimmt. Andererseits ist es unsere Aufgabe, dem Kunden aufzuzeigen,
dass unser eigentlicher Kunde die Marke ist. Und eine Marke kann man
nur dann nachhaltig und erfolgreich aufbauen, wenn eine gewisse
Kontinuität vorhanden ist. Und genau diese Kompetenz können wir nur
bedingt vorweisen. Das lässt sich aber nicht erreichen, wenn jede
Agentur rückwärtsgewandt in ihrem Reduit «büschelet und bäschelet». Wir
müssen doch ein Programm aufstellen wie zum Beispiel «How to win two
Grand Prix in Cannes». Und hier knüpfe ich wieder dort an, dass das
Problem nur mit den Auftraggebern, den Medien und den Hochschulen
gemeinsam angepackt werden kann. Erlauben Sie mir hier noch eine kurze
Paranthese: Wir leben in einer unmenschlichen Zeit, in der Kultur, Stil
und eine gewisse Menschlichkeit immer weniger zählen. Auch in der
Werbung werden wir nicht selten wie die letzten Dienstleister
behandelt. Dass hier aber Menschen arbeiten, die viel Herzblut in ihre
Arbeit stecken, wird oft übersehen. Auch hier müsste man auf
Kundenseite mehr Sensibilität schaffen.
An dieser Entwicklung war ja dieWerbebranche nicht ganz unbeteiligt. Aber zurück zu Ihrem Plan.Entspricht diese Stärkung des Branchenverbandes nicht einer neuenkartellistischen Absprache gegenüber der internationalen Konkurrenz?
Ganz im Gegenteil. Was das neue Logo des BSW (ein stilisierter Globus,
Anmerkung d. Red.) zum Ausdruck bringen will, ist, dass wir uns genau
von diesem Denken und vom Klischee vom 17,65-Honorarprozent-Verband
verabschieden wollen. Der BSW Leading Swiss Agencies tritt stattdessen
für Qualität, Transparenz, Fairness bei der Vergütung der Arbeit ebenso
wie für einen Gedankenaustausch für mehr Werbeinvestitionssicherheit
auf nationaler und internationaler Ebene ein. Letztlich stärken diese
Bestrebungen unseren Werbestandort, und davon haben alle etwas. Heute
muss sich unsere Branche wie ein Unternehmen organisieren und den
Qualitätslabel «Swiss Made» anpeilen.
Das klingt ehrenhaft. Trotzdem erholt sich die Schweizer Werbebranche eher langsam.
Es geht darum, dass man die Probleme erkennen und sich dafür etwas
einfallen lassen muss. Es braucht eben nicht nur in der Werbung eine
aussergewöhnliche Idee. Zudem darf man nicht verallgemeinern. Es gibt
durchaus Agenturen, die 2005 ein ganz gutes Betriebsergebnis realisiert
haben. Es ist bei weitem nicht so katastrophal wie die Situation in
Deutschland oder bei genauerer Betrachtung auch in Frankreich. Es ist
halt einfach nicht mehr so, dass sich die Werbebranche zwangsläufig
erholt, wenn es der Wirtschaft wieder besser geht.
Was heisst das für die Umsatzentwicklung im nächsten Jahr?
Meine Prognosen für die Agenturbranche gehen von stagnierenden Werbe-
und steigenden Pro-Kopf-Umsätzen aus. Das wird wieder mit Personalabbau
und Auslagerung der Risiken erzielt. Weniger Leute werden mehr und
Besseres bewerkstelligen müssen.
Sie haben die Transparenzangesprochen. In der Agenturbranche, die von Berufs wegenVersprechungen macht, ist sie nach wie vor schwer zu schaffen, siehefehlendes BSW-Ranking.
Das sind die Konsequenzen des Sarbane-Oxley-Act, von denen die meisten
grossen Netzwerkagenturen betroffen sind. Es ist nun leider so, dass
dieses Gesetz von einigen grösseren Agenturen missbraucht wird, um
nicht transparent sein zu müssen. Obwohl Werbung sehr komplex ist und
nicht wie Kugelstossen gemessen werden kann, hat der BSW eine
Ranking-Alternative vorgestellt, bei der mit
Bruttobetriebsertrag-Kategorien wieder ein Abbild der Branche möglich
werden sollte. Isoliert betrachtet geben aber solche Rankings nur
bedingt Aufschluss über die Arbeitsqualität der einzelnen Agentur. Wie
lässt sich schon Kreativität oder Kundenzufriedenheit quantifizieren?
Ich jedenfalls habe den Antrag beim BSW gestellt, dass man das neue
BBE-Ranking so schnell wie möglich anpackt.
Präzise Zahlen werden aber darin nicht mehr deklariert. Worüber kann es Auskunft geben?
Im Jahresvergleich darüber, wie erfolgreich eine Agentur gearbeitet
hat, also Aufsteiger und Absteiger. Unter den Top-Ten-Agenturen der
Jahrtausendwende haben aus heutiger Perspektive durchaus Verschiebungen
stattgefunden.
Das dürfte momentan bestimmt in Ihrem Interesse sein.
(lacht) Wir können tatsächlich ein kontinuierliches Wachstum ausweisen
– 2004 über 20 Prozent, dieses Jahr dürften es rund sieben bis zehn
Prozent sein. Umgekehrt stehen wir auch dazu, dass wir letztes Jahr
weniger im kreativen Showbiz mitgemischt haben und daher nicht mehr im
Kreativ-Ranking vertreten sind. Das werden wir aber nächstes Jahr mit
unserem tollen Team bestimmt wieder ändern.
Welchen Platz wollen Sie erobern?
Die Top-Five dürfte es durchaus werden.
Interview: Luca Aloisi