Egon Zum zweiten Mal ist Markus Ruf zum Werber des Jahres gewählt worden. Ein Nachruf zu Lebzeiten.Markus Ruf, 42, gehörte zur letzten
Fachklasse an der Zürcher Kunstgewerbeschule, die noch das Handwerk des
Bleisetzers erlernte. Nach der Lehre war er arbeitslos, weil es seinen
Beruf nicht mehr gab. Das störte Ruf jedoch wenig, weil es ihn sowieso
in die Werbung drängte.
So weckte er schon während des letzten Lehrjahres mit selbst
ausgeheckten Kampagnen das Interesse von Werbeagenturen. Und konnte
1985 prompt als Junior Texter bei der damaligen Kreativagentur Grendene
+ Lanz anfangen. Danach folgten Grossagenturen wie Advico, GGK und
Publicis. Und Auszeichnung um Auszeichnung: Bereits 1989 gewann Ruf den
Sonderpreis Text des Art Directors Club für eine internationale
Swatch-Kampagne, für die rotzfreche Blick-Kampagne gabs 1992 das erste
Mal von mittlerweile 14 ADC-Gold.
1993 nutzte er seinen guten Ruf, um sich als Creative Consultant
selbstständig zu machen. Preisgekrönte Kampagnen für die Migros, das
Tagi-Magi, die Aargauer Zeitung, das Einkaufszentrum Glatt, RTL oder
SSR-Reisen trugen in dieser Zeit seine Handschrift. 2000 wurde er dafür
als erster Freischaffender zum Werber des Jahres gewählt.
Im Juli 2001 gründete Ruf mit Danielle Lanz, der Werberin des Jahres
1999, Ruf Lanz. Die Agentur stellt Qualität konsequent vor Quantität
und begeistert Publikum und Werbejurys seit Jahren mit Kampagnen für
Kunden wie Suva, VBZ, NZZ Folio, McKinsey, Bank Coop, Hotel Dolder
Waldhaus, Blindenwohnheim Mühlehalde und viele andere. Aktuelle
Kundenneuzugänge sind die Schweizer Bibliothek des Magazins und der
Musiksender Energy Zurich.
Ruf Lanz legt auch auf internationalem Parkett immer wieder Ehre für
die Schweizer Werbung ein. So gewann die Agentur 2005 drei Löwen an der
Werbe-WM in Cannes, drei Trophäen beim Eurobest, Gold bei den New York
Filmfestivals und den einzigen London-Award für die Schweiz. Das
spiegelt sich auch im Kreativranking 2005, welches Ruf Lanz mit grossem
Vorsprung anführt.
Dieser Erfolg ist umso beeindruckender, als Ruf Lanz nur gerade aus
zehn Leuten besteht. «Wir fühlen uns als David unter den Goliaths sehr
wohl. Wenn man ein so motiviertes Team hat wie wir und die
Agenturinhaber nicht golfen, kann man mit dieser Grösse viel bewegen»,
so Ruf.
Die Schweizer Illustrierte hatte übrigens einen guten Riecher und
wählte Markus Ruf und Danielle Lanz bereits im Sommer in ihre
Sonderausgabe «Die 100 wichtigsten Schweizer». Eine Ehre, die sonst
Tennis-Assen, TV-Moderatoren oder Wissenschaftlern vorbehalten
bleibt.
Andreas Panzeri
Was Sie schon immer über Markus Ruf wissen wollten, aber nie zu fragen wagten
WW: Liebesleben?
Markus Ruf: Bisher vier
wichtige Liebesbeziehungen, die alle im sechsten Jahr in die Brüche
gingen. Die letzte im vergangenen Oktober. Beziehungen mit mir sind
nicht einfach: Ich bin ja schon mit dem Job verheiratet. (Lacht:) Aber
ich werde versuchen, ihn mit der nächsten Partnerin etwas öfter zu
betrügen.
Erfolg?
Der Handleser Vung Tau hat mir im Januar in Vietnam prophezeit: «2006
very good year for you. You lucky man and very much success.» Zumindest
für den Januar hat der Mann voll ins Schwarze getroffen.
Lieblingskreativer?
Danielle Lanz, weil ihr weibliches Hirn auf Ideen kommt, auf die ich
selber nicht kommen würde. Und weil sie meine traditionell schlechte
Montagmorgenlaune seit bald fünf Jahren aushält.
Lieblingskreativwerbepreis?
Cannes-Löwen, weil eine rare Spezies in der Schweiz.
Was ist das Peinlichste, das Ihnen als Werber bisher passiert ist?
Das war 1998 die Anzeige für SSR-Reisen, auf der ein Gebetsbuch
abgebildet war, dazu die Schlagzeile: Empfohlene Reiselektüre für alle,
die noch billiger reisen wollen als mit SSR. Die Anzeige erschien im
Tagi-Magi, das einen langen Produktionsvorlauf hat. Während das Heft
bereits gedruckt war, stürzte eine Maschine der Swissair bei Halifax
ab, wodurch die Anzeige plötzlich sehr geschmacklos wurde. Man
überlegte sich sogar, das Magazin einzustampfen, beliess es dann aber
bei einer redaktionellen Erklärung auf der Tagi-Titelseite. Ich hab
schon die Blick-Schlagzeile vor mir gesehen: «Skandal: Topwerber
verhöhnen Absturzopfer!» Muss den Medien aber ein Kompliment machen:
Sie haben uns nicht in der Luft zerrissen, sondern sachlich über das
unglückliche Timing berichtet.
Was können Sie in der Werbung nicht ausstehen?
Blender, Neider und oberlehrerhafte Jungkreative, die bei jeder guten
Kampagne rummäkeln: «Das hats aber 1973 schon in Zimbabwe gegeben!»
Was ist das Schönste, das Ihnen in der Werbung je passiert ist?
Dass wir dem Publikum die Augen für die finanziellen Probleme des
Blindenwohnheims Mühlehalde öffnen konnten, das Spendenvolumen massiv
steigerten – und dafür nebenbei auch noch mit Preisen überhäuft wurden.
Welches ist der schönste Preis, den Sie in der Werbung je bekommen haben?
Der Sonderpreis Text, den ich 1989 vom ADC für eine Swatch-Kampagne erhalten habe. Einfach weils der allererste Preis war.
Schönste Reise?
«Auf den Spuren der Maharajas» durch Udaipur, Indien. Auch wenn die
Inder einen ziemlich nerven können, wenn sie einem zum 100. Mal einen
Pashmina verkaufen wollen.
An was denken Sie beim Wort Egon?
Im Moment natürlich an die «Werber des Jahres»-Trophäe. Lustigerweise
stammt der Name Egon ja von mir. Der geschätzte Ruedi Wyler, für den
ich damals als Freelancer regelmässig arbeitete, hatte das
Werbewoche-Budget, als die Trophäe eingeführt wurde. Wir kriegten den
Auftrag, dem Ding einen Namen zu geben. Ich habe den Namen Egon
vorgeschlagen, weil er zu drei Vierteln aus Ego besteht. Und das ist
bei Werbern mitunter ja ziemlich ausgeprägt.
Was nervt Sie an Ihrer Geschäftspartnerin?
Die Duftkerzen.
Welche Ideen rauben Ihnen den Schlaf?
Jene, die einfach nicht kommen wollen.
Welches Talent möchten Sie gerne noch haben?
Gitarre spielen können wie Eric Clapton. Ich kanns nicht mal wie Reini Weber.
Welches ist Ihre aktuelle Bettlektüre?
Jakob Arjouni, «Idioten». Ein wunderbar lakonischer Erzähler.
Welches Buch steht nicht auf Ihrem Nachttisch?
Corinne Hofmann, «Die weisse Massai».
Welchen Titel würde Ihre Autobiografie tragen?
Unterhalb von Menschen vom Kaliber eines Nelson Mandela sollte niemand Autobiografien schreiben.
Letzter Kinobesuch und warum?
«King Kong» mit vietnamesischem Ton. Weil an Silvester, den ich in
Saigon verbracht habe, ein deutscher Reisekollege diese hirnverbrannte
Idee hatte. Wir haben wohl zu viel «drunken shrimps» gegessen:
Garnelen, mit Litschischnaps flambiert.
Welche drei Eigenschaften charakterisieren einen guten Werber?
Dieselben wie einen guten Boxer: Talent, Ausdauer und die Fähigkeit, nach Niederschlägen schnell wieder aufzustehen.
Was halten Sie von Joggen am frühen Morgen?
Ich bin überzeugt, dass Joggen am Morgen die Stimmung hebt und man besser gelaunt ins Geschäft kommt. Ich jogge am Abend.
Wie viel verdienen Sie?
Ein Werber, der in meinen Augen ziemlich schlechte Werbung macht, hat
vor Jahren mal zu mir gesagt: «Du hast mehr Auszeichnungen, ich hab
mehr Ferrari.» Das stimmt auch heute noch.
Wie beurteilen Sie den Ruf der Werbung?
Bei der Bevölkerung hat Werbung mit Sicherheit keinen sonderlich guten
Ruf. Es gibt ja diese Umfragen über die beliebtesten Berufe. Da
finden wir Werber uns regelmässig irgendwo zwischen Politesse, Offizier
und Politiker wieder. Das liegt auch daran, dass die smartesten und
unterhaltsamsten Kampagnen oft für kleine Kunden gemacht werden, welche
die Bevölkerung mangels Mediapower wenig wahrnimmt. Während die
grossen, sichtbaren Kampagnen oft in gruppendynamischen
Entscheidungsprozessen bis zur Unkenntlichkeit nivelliert werden. Ich
freue mich darum besonders über gute Werbung für grosse Kunden. Sie
sind nebenbei auch die beste Werbung für das Ansehen der Werbung. Ich
möchte hier keine eigenen Kampagnen nennen: Die pointierte
National-Versicherungs-Kampagne von SFLB ist ein wunderbares Beispiel
oder die geistreiche Bank-Bär-Kampagne von Jung von Matt/Limmat. Das
Hanflädeli um die Ecke kann man nebenbei ja immer noch pflegen.
Was bringen Sie zu einem guten Brainstorming mit?
Ich muss Sie enttäuschen: Ruf Lanz macht praktisch keine
Brainstormings. Das wirkt zwar trendig in ARD-Vorabendserien, wenn die
Arbeit in einer Werbeagentur dargestellt werden soll. In Realität
jedoch stammen die allermeisten guten Ideen aus dem Hirn einer einzigen
Person, allein erschwitzt in der stillen Klause. Zusammen sitzen wir
erst, wenn jeder bereits einige gute Ideen ausgebrütet hat, um die
besten davon zu perfektionieren.
Wie wird man Werber des Jahres?
Das hab ich mir noch nie überlegt. Man will ja nicht Werber des Jahres
werden. Es ist einfach die Folge leidenschaftlicher Arbeit und zeigt,
dass man nicht der Einzige ist, der diese gut findet. Da bin ich schon
eitel genug, um mich darüber zu freuen.
In welcher Epoche könnten Sie sich auch ein Leben vorstellen?
In jener sagenumwobenen Zeit der 17,65 Prozent.
Wen möchten Sie gerne kennen lernen?
Bei Misswahlen wird auf diese Frage ja immer noch Mutter Teresa
genannt. Ich bevorzuge lebende Personen: Quentin Tarantino oder Michel
Houellebecq. Oder halblebende wie Keith Richards.
Welche Chance haben Sie verpasst?
Hoffentlich noch nichts, was ich nicht noch nachholen könnte, wenn es mir wirklich wichtig wäre.
Womit wollten Sie schon immer ein Interview abschliessen?
Mit der Beschreibung einer Illustration des famosen Zeichners Bernd
Pfarr. Ein Mann sitzt allein an einem Tisch und gestikuliert wild mit
den Händen. Dazu steht sinngemäss: «Fünf Minuten nachdem der
Interviewer gegangen war, fielen ihm die prägnantesten Antworten ein.»
Interview: Andreas Panzeri