Die Schweizer ADC-Würfel sind gefallen
Awards Bei seiner 30. Jurierung hat sich der Art Directors Club Schweiz über noch zahlreichere Arbeiten gebeugt. Und noch härter geurteilt.
der Art Directors Club Schweiz über noch zahlreichere Arbeiten gebeugt.
Und noch härter geurteilt. Ist Geiz doch geil?Mit seiner öffentlichen Kritik verfolgt
der ADC als Vereinigung führender Kreativer seit 1976 das Ziel, die
Qualität und damit die Effizienz der Werbung zu steigern. Nach der
neusten Jurierung stellt sich die Frage: Ist seine Arbeit nötiger oder
sein Urteil strenger denn je? Jean-Remy von Matt stuft die Arbeit der
Jury als «hart, aber gerecht» ein. Und: «Das Jurysystem ist eines der
fairsten, die ich weltweit bisher erlebt habe.»
Der Stellenwert des ADC steigt
Fest steht, dass es von den 1123 Einsendungen – nur 1995 waren es mehr
– nur gerade eine zu Goldstatus brachte; noch nie waren es weniger. Mit
235 Auszeichnungen (10 Silber, 46 Bronze und 178 Shortlist) wurde die
Auszeichnungsquote bei den nationalen Kreativmeisterschaften bei weitem
nicht ausgeschöpft. Pius Walker von der gleichnamigen Agentur nennt
Gründe: «Ein sparsamer Umgang mit Edelmetall zeigt die Achtung der Jury
vor den eingesandten Arbeiten. Zudem ist der Schweizer ADC-Würfel als
Währung härter geworden, und das ist gut so. Wir bewegen uns
damit in Richtung Euro und vielleicht bald sogar in Richtung Pfund.»
Nur in der Kategorie Film entsprach der Würfelregen den
Hausregelquoten. In allen anderen Kategorien zeigten sich die Jurys von
der sparsamen bis geizigen Seite. «Von der Anzahl Einsendungen her
betrachtet, hätte man denken können, dass 2005 ein Boom-Jahr war. In
Sachen Qualität aber fehlten die absoluten Highlights, Arbeiten, die
auch in Cannes Chancen haben», kommentierte Martin Spillmann von SFLB.
Von Matt sieht es ähnlich und präzisiert: «Es gab kaum Angriffslust bei
den Auftraggebern. Hier liegt der Kern für das aktuelle Niveau. Und
genau hier müsste sich etwas ändern.» Markus Ruf, Werber des Jahres und
Mitinhaber der am häufigsten ausgezeichneten Agentur Ruf Lanz, macht
Veränderungen vor allem bei den Juroren aus: «Nicht die Arbeiten sind
schlechter geworden, sondern die Jurierung härter. Seit der Einführung
des Seven-Plus-Modells von Michael Conrad juriert der ADC nach
internationalen Kriterien. Und die wurden dieses Jahr noch radikaler
angewendet als in den Vorjahren.»
Il nous faut les Welsches
Ebenso überraschend, weil Crossmedia in aller Werber Munde ist, war das
kümmerliche Ergebnis in der Kategorie Gesamtkampagnen, die heuer – bis
auf ein paar Shortlists – gänzlich leer ausging. Sauer stiess das nicht
nur Jean Etienne Aebi auf, der sich auch für populäre Kreativkampagnen
stark machte. Markus Ruf schlägt vor, dass die Gesamtkampagnen von
einer eigenen Jurygruppe beurteilt werden sollten, die daneben nicht
auch noch Illustration, Fotografie und Design bewertet. «Das finde ich
unseriös, weil so Leute in der Jury sitzen, die sich eher für Illus und
Fotos interessieren als für Kampagnen. Ich halte es für ein krasses
Fehlurteil, dass es dieses Jahr keine Gesamtkampagne über die Shortlist
hinaus geschafft hat. Da waren tolle, vielschichtige Kampagnen
darunter, die nun weniger zählen als eine lustige
Junior-Texter-Bewerbung in der Gemischtwaren-Kategorie
Verkaufsförderung. Das verzerrt den Wettbewerb und gibt ein falsches
Signal.» Auch Pius Walker sieht die Gefahr darin, dass eine einzelne
Gruppe mit der Beurteilung von Gesamtkampagnen schnell überfordert ist.
Zu diskutieren gaben auch dieses Jahr die Niveauunterschiede
zwischen den ausgezeichneten Arbeiten in den verschiedenen Kategorien.
Damit zeigte sich, dass selbst standardisierte Bewertungskriterien –
immerhin zehn – nicht leicht handzuhaben sind. Da die Messlatte – auch
für Aussenstehende ersichtlich – bedeutend höher liegt, verläuft die
Kritik von aussen wie von innen immer öfter im Sand oder ist ziemlich
verhalten. Zufrieden gibt man sich offiziell bereits mit einer
Shortlist-Kür.
Doppelten Grund zur Freude hatten diesmal die Kreativen der Genfer
Agentur Rive Gauche vom TBWA-Netzwerk. Mit ihrer TV-Spot-Serie für die
Loterie Romande haben sie den einzigen Goldwürfel des ADC-Jahres
einstimmig und erst noch in der Königskategorie gewonnen. Angesichts
des mageren Jahrgangs scherzte Peter Brönnimann anerkennend und
selbstironisch über das Werbemekka Zürich: «Das Erschreckende daran
ist, dass die Spots aus dem Welschland kommen.» Die Lotto-Kampagne
durchbricht das immer wieder verwendete Versprechen, jeder könne
Millionär werden, und rollt das Thema aus der Sicht der
personifizierten Lottokugeln überraschend und erfrischend auf. Damit
erhalten die computer- animierten Spots gemäss Bewertungsskala das
Attribut Weltklasse. Gespannt darf man auf die Bewertung in Cannes
warten. Mit einem Glanzresultat darf man aber rechnen, schliesslich
segneten internationale Spot-Grössen wie Hansjörg Zürcher, Jean-Remy
von Matt, Jean Etienne Aebi, Martin Fueter, Frank Bodin oder Martin
Spillmann den Entscheid ab. Dass ausgerechnet sie, als grosszügigste
von allen Jurys, dem ADC-Vorstandsvorsitzenden Andreas Prokesch die
schärfste Munition für die allgemein strengere Jurierung lieferten,
entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Wer sind die Cannes-Anwärter?
Andreas Prokeschs Schlussfolgerung: Da die Schweizer Werbung
internationaler werde, müsse sie entsprechend juriert werden. Reini
Weber doppelt nach: «Wenn beim ADC of Europe zuweilen ADC-Gold aus der
Schweiz neben Bronze vom ADC Deutschland lag, war das öfter ziemlich
peinlich.» Er gibt aber zu bedenken, dass die eine oder andere Jury
dies ein bisschen zu wörtlich genommen habe. Und so habe er nebst der
Smirnoff-Kampagne die sehr guten Arbeiten für Printprodukte wie
Annabelle oder Kinder-Kochen im Medaillenspiegel vermisst. «Ein
bisschen mehr Metall für Zeitungskampagnen hätte ja auch den
Nebeneffekt gehabt, die anderen Verlage damit etwas anzustacheln.» Von
denen sehe man zurzeit ja entweder ziemlich Belangloses oder aber gar
nichts. Jahrelang haben Tages-Anzeiger oder Blick den Medaillenspiegel
dominiert, jetzt tauchen die nicht mal mehr in der Shortlist auf.
Welche Arbeiten haben denn jetzt das Zeug zum internationalen Exploit?
Aus deutscher Sicht hat Jean-Remy von Matt einen klaren Favoriten: «Der
TV-Spot von Suva und bfu mit dem Fahrradhelm hat aus meiner Sicht
grosse Chancen auf internationale Awards. Ich wette mit Ihnen um 5
Franken auf einen Cannes-Löwen!» Markus Ruf verteilt seine Wetteinsätze
etwas breiter und sagt pragmatisch: «International haben nur jene
Arbeiten eine Chance, die keine lokalen Kenntnisse voraussetzen.» Oft
seien es jene, die einen Produktnutzen mit einem verblüffenden
visuellen Einfall dramatisieren, den auch der Juror aus Finnland in
drei Sekunden verstehe. «Solche Kandidaten sind für mich zum Beispiel
die herangezoomte Freiheitsstatue für Panasonic, die Werbe-Schadenfälle
der National-Versicherung oder aus der eigenen Küche die
Velohelm-Kampagne und die Dolder-Teetassen-Spielereien.» Zudem
rehabilitiert er einige Arbeiten, die es beim ADC Schweiz «nur» auf die
Shortlist geschafft haben: «Auch Cynar, das rahmensprengende
Renault-Cabrio-Plakat und andere könnten durchaus punkten.»
Luca Aloisi
