Online Die Kosten für Internetforschung
bereiten der Schweizer Onlinebranche Kopfzerbrechen. Doch mangelndes
Geld ist nicht der einzigeGrund für die erneute Verzögerung.
Wie viel darf die Neue Internet- forschung
Schweiz (NIS) denn kosten? Ein erster Vorschlag wäre auf 5,1 Millionen
Franken jährlich zu stehen gekommen, er wurde aber schon im letzten
Herbst verworfen. Dann stand eine zweite Version für 4,5 Millionen zur
Debatte, doch das ist der Internet-Community ebenfalls viel zu teuer.
Die NIS-Partner SRG und Wemf sind nicht zu beneiden. Offenbar besteht
kein Budgetrahmen. Andererseits sind SRG und Wemf auch nicht in der
Lage, zu sagen, wie viel die erneut geplanten Kostensenkungen ausmachen
werden. Es gilt deshalb zu befürchten, die NIS-Baustelle könnte bis
weit über den März hinaus bestehen bleiben.
Am Grundsätzlichen wird nicht gerüttelt: Um eine aussagekräftige
Onlinereichweite zu erhalten, stützt man weiter auf das AGOF-Modell
(AGOF = Arbeitsgemeinschaft Onlineforschung) aus Deutschland, das auf
drei Säulen beruht: Eine Messung der Zugriffe auf Websites
(site-centric), analog dem Net Audit der Wemf, bildet die erste Säule,
eine Onsite-Befragung mittels Onlinefragebogen (user-centric) stellt
die zweite und eine bevölkerungsrepräsentative Telefonbefragung die
dritte Säule dar.
Der Nachteil des AGOF-Ansatzes: Für eine Internetnutzungsforschung, die
auch Aussagen über das Streaming und andere künftige Entwicklungen
punkto Medienkonvergenz machen kann, taugt er nicht. Dazu ist ein
Panel, das die Internetnutzung sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz
misst, unabdingbar. Und weil die Wirtschaft, vorab die SRG, aber auch
Banken und Detailhandel, solcher Daten bedürfen, ist auch ein Panel
Pflicht. Idealerweise eines, das sich technisch mit der
site-zentrischen Messung (in der Schweiz: Net Audit) koppeln lässt, so
dass per Datenfusion ein Gesamtbild der Internetnutzung möglich würde.
Keine Abstriche beim Net Audit
Doch aus Sicht des Werbemarktes ist ein Panel nur Nice to have, darum
wollen es die Sitebetreiber nicht mitfinanzieren. Als mögliche
Geldgeber verbleiben die Wirtschaft und wie bisher die SRG. Darum
werden Einsparungen vor allem im Panelbereich ins Auge gefasst. Die
konkreten Möglichkeiten erläutert Markus Jufer, Leiter
Internetforschung bei der SRG, wie folgt: Statt wie vorgesehen zwei
Panels zu betreiben, ein kleines für die reine Heimnutzung und eines
für die Home- und Work-Nutzung, könnte man sich auf ein kombiniertes
Panel beschränken und dieses zudem punkto Teilnehmerzahl verkleinern.
Keine Abstriche sind dagegen beim Net Audit geplant. Es wären gar noch
Verbesserungen nötig, ergänzt Wemf-Forschungsleiter Harald Amschler:
Künftig müsse beispielsweise unterschieden werden können, ob vom In-
oder vom Ausland her auf die Websites zugegriffen werde (was heute
nicht feststellbar ist). Hingegen liesse sich der Publikationsrhythmus
dieser Daten von vier- auf zweimal jährlich reduzieren. Wahrscheinlich
ganz zurückgestellt wird zudem die Datenfusion, sie ist bei Bedarf aber
später noch möglich. All dies muss bis März neu offeriert, nochmals
durchgerechnet und wiederum der Internetbranche vorgelegt werden. Ende
März, so hofft man, steht fest, ob der NIS-Karren ins Rollen kommt.
Die SRG gehört ins Boot
Doch die Kosten sind nur eines von mehreren denkbaren Hindernissen.
Nielsens Parallelaktivitäten komplizieren die Sache ebenfalls (siehe
Bericht auf der Frontseite). Denn noch ist offen, ob die SRG genügend
Kunden für das neue Panel findet. In der Branche ist man zwar
zuversichtlich. Wer Internetforschung betreiben wolle, müsse die SRG
mit im Boot haben, heisst es. Doch auch die Websitebetreiber selbst
könnten noch das Anrollen des NIS-Karrens behindern, denn sie sind kaum
organisiert. Deshalb appellieren Wemf und SRG an sie, endlich einen
Verband zu gründen – damit klare Ansprechpartner definiert werden und
damit die Szene in die Verantwortung eingebunden werden kann. Auch
finanziell. So ist vorgesehen, dass sich der zu gründende Verband – so
er denn zu Stande kommt – neben SRG und Wemf als dritter Partner an der
NIS-Firma beteiligt.
Markus Knöpfli
Wem gehört das MMXI-Panel?
Fünf Jahre lang hat das MMXI-Panel Monat für Monat
Internetnutzungsdaten geliefert, doch damit ist seit dem 31. Dezember
2005 offiziell Schluss. NielsenNetratings erwägt die Weiterführung des
Panels (siehe Bericht auf der Frontseite), doch gehört es Nielsen? «So
gefragt kann ich das bejahen», sagt Stefan Raum, Managing Director bei
MMXI Switzerland. «Das ist offen und wurde noch nicht verhandelt», sagt
dagegen Peter Hofer, Geschäftsführer beim Forschungsinstitut IHA-GfK,
das bis vor kurzem Eigentümerin der Firma MMXI Switzerland war (siehe
Kasten). «Es ist momentan unklar, wer die Rechte an den Daten hat und
ob Nielsen berechtigt ist, welche zu verkaufen», sagt Markus Jufer von
der SRG.
Das Panel besteht im Wesentlichen aus drei Dingen, auf die je
Besitzansprüche geltend gemacht werden könnten. Da sind zum einen die
schriftlichen Verträge mit den Panelteilnehmern, dann die auf den
Privat-PCs installierte Messsoftware samt Auswertungstechnik und
schliesslich die erhobenen Daten. Unbestritten ist einzig, dass Nielsen
die ganze Technik stellt.
Fakt ist: Das Panel liefert derzeit weiterhin Daten, längerfristig
müssten aber neue Panelisten rekrutiert werden, und das ist teuer.
Zudem verfügt das Panel über keine Daten für die Grundgesamtheit der
Internetnutzer mehr, diese bezog MMXI Switzerland von der SRG. Ersatz
ist zwar möglich, aber teurer als bisher. Drittens stünde schon Mitte
Februar die Veröffentlichung der Januar-Daten an. Nielsen muss sich
also bald entscheiden. «Die Zeit drängt», bestätigt auch Raum. (mk)
Handänderung bei MMXI Switzerland
Das zur deutschen GfK-Gruppe gehörende Forschungsinstitut IHA-GfK in
Hergiswil hat die Firma MMXI Switzerland GmbH per Ende 2005 an
NielsenNetratings verkauft.
Die IHA-GfK besass die Firma zu 100 Prozent, faktisch aber lag die
operative Führung in den letzten drei Jahren beim Panelproduzenten
NielsenNetratings, der nicht nur die gesamte Technologie stellte,
sondern auch das Panelmanagement von Grossbritannien aus betrieb.
Mit dem Auslaufen
des Produktionsauftrages war somit für die IHA-GfK
der Zeitpunkt zum Ausstieg gekommen, sagt IHA-Geschäftsführer Peter
Hofer. (mk)