Weblogs Nächste Woche kommen Jugendliche
aus der Pariser Satellitenstadt Bondy nach Lausanne, um beim
News-Magazin L’Hebdo Grundlagen des Bloggens zu lernen. Ab Märzsollen sie den «Bondy Blog» weiterführen.
«Bondy Blog», was hat es damit auf sich?
Bondy ist einer jener «schwierigen» Vororte von Paris, in denen letzten
Herbst Autos, Schulen und Quartierzentren in Flammen aufgingen. Auf
Initiative von Serge Michel, dem verantwortlichen Auslandredaktor des
Ringier-Magazins, stellte L’Hebdo ein aussergewöhnliches Projekt auf
die Beine. Seit dem 11. November weilen Hebdo-Journalisten der Reihe
nach in Bondy. Sie schreiben Reportagen für das Magazin und verfassen
ein journalistisches Tagebuch auf dem Web, den «Bondy Blog» ().
«Noch nie habe ich so viel Hoffnungslosigkeit angetroffen wie in
Bondy», sagt Auslandredaktor Michel Beuret, der als Reporter schon in
unzähligen Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs war. Doch im Gegensatz
zur traditionellen Reportage aus einem Krisengebiet teilen die
Hebdo-Redaktoren nun schon seit Monaten das Leben der Bewohner des
Pariser Vororts Bondy mit seinem Kranz von «cités» (Siedlungen). Was zu
Beginn als Zusatzaktivität gedacht war, nämlich das Verfassen eines
Online-Berichtes in Tagebuchform, entwickelte sich zur Hauptsache. «Wir
haben kleine Berichte über den Alltag der Menschen in Bondy
geschrieben, haben ihnen das Wort erteilt und sind auf diese Weise zum
Spiegel ihres sozialen Unbehagens geworden.» Innert kürzester Zeit
richtete sich der «Bondy Blog» nicht mehr an die fernen Schweizer Leser, sondern wurde zur Lokalzeitung, die sich für
und mit den Leuten von Bondy entwickelte. Als Journalist Titus Plattner
Ende Januar an der Reihe war, nach Bondy zu reisen, zählte der «Bondy
Blog» 542 ausgedruckte A4-Seiten, 1317605 Zeichen, zwei Kilo Papier,
239 Nachrichten und 877 Kommentare.
Der Blick von aussen
Wieso dieser Erfolg? Michel Beuret ist sicher, dass der Blick von
aussen als Katalysator gewirkt hat. «Gewisse Probleme sind für die
einheimischen Medien einfach kein Thema, während wir als Aussenstehende
vielleicht ebenso sensibel auf Missstände reagierten wie die
Betroffenen.» Als Beispiel erwähnt Beuret die endlose Schlange vor dem
Regierungsgebäude: «Menschen, die seit Jahrzehnten in Frankreich wohnen
und arbeiten, müssen stundenlang in der Kälte warten, um ihre
Aufenthaltsbewilligung zu erneuern.» Die Hebdo-Journalisten liessen die
Betroffenen zu Wort kommen, sprachen sie auf die immer wiederkehrende
Erniedrigung an, und die Reaktion liess nicht auf sich warten:
«‹Endlich spricht jemand über uns und unsere Probleme›, hat man mir
wieder und wieder gesagt.»
Gerade weil der Blog nicht denselben Zwängen unterworfen ist wie ein
abgesicherter und ausgewogener Zeitungsartikel, sind sehr persönliche,
emotional gefärbte Mikroberichte entstanden. Etwa die Geschichte von
Dolly aus dem Kongo, die mit ihren zwei Kindern von Betreibungsbeamten
aus der Wohnung vertrieben wird und nur gerade zwei Plastiksäcke mit
dem Nötigsten mitnehmen kann.
Oder die Geschichte von Ahmed aus Algerien, der einen französischen und
einen arabischen Namen hat: Ein mit seinem arabischen Namen
unterzeichnetes Bewerbungsschreiben wurde abgelehnt, als Ahmed mit dem
französischen Namen unterschrieb, erhielt er die Stelle. So wurde der
«Bondy Blog» zum faszinierenden Kaleidoskop eines ungewöhnlichen journalistischen
Experiments – aber auch zu einer neuen Form von «engagiertem»
Journalismus: «Ohne das Einverständnis der Bewohner von Bondy, die
rebellierenden Jugendlichen inbegriffen, hätten wir nicht bleiben
können», zieht Beuret Bilanz; insgesamt dreimal wurde ein Reporter
tätlich angegriffen, Zwischenfälle, die das Experiment nicht in Frage
stellten. «Zu Beginn wurden wir oft gefragt, was bringt uns das, wenn
ihr über uns schreibt?» Die Jugendlichen hätten Bruch gemacht, um auf
sich aufmerksam zu machen: «Nach und nach haben einige von ihnen
gemerkt, dass man sich auch anders ausdrücken und bemerkbar machen
kann.»
Ende Februar geht das Experiment für die Hebdo-Redaktion zu Ende.
Zumindest in der jetzigen Form. Denn der «Bondy Blog» soll weitergehen.
Ein halbes Dutzend der am meisten interessierten Jugendlichen weilen ab
dem 13. Februar für ein paar Tage in Lausanne, wo sie einen Crashkurs
zu den technischen und journalistischen Grundlagen – Hilfe zur
Selbsthilfe – erhalten. Anfangs März dann werden ihnen die Schlüssel
des Blogs an der Rue Blanqui übergeben. Das Viertel, wo sich die
Miniredaktion in einer Einzimmerwohnung eingerichtet hat, ist
sinnigerweise nach Auguste Blanqui benannt, dem französischen
Revolutionär, der den Aufstand der «Commune» von 1870 anführte.
Helen Brügger